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Die Stimme · 1934-10-05 · Heft 389 (5.10.1934) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 389 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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NV. 389 — 5. Oktober 1934 DIE STIMME Sette % Herzl und der Dreyfus-Prozeft MllimillMMIilllllllllMIIBIlIMM Von Dr. Alexander Bein/ lernsnlem Am 9. Oktober begeht Oberst Alfred Dreyfus, der tragische Held der Dreyfus-Affäre, seinen 75. Geburtstag. Mit Genehmigung des Autors bringen wir aus der demnächst erscheinenden Herzl-Monographie das folgende Kapitel: Es ist allgemein bekannt, daß der Dreyfus- Prozeß auf Ilerzl einen großen Eindruck gemacht hat. Man zitiert gern HerzLs spätere Äußerung, dieser Prozeß habe ihn zum Zionisten gemacht, und läßt danach in mehr oder weniger dramatischer Weise diesen Prozeß wie einen Blitzstrahl in ihn erfahren: dem bisher der Judenfrage ahnungslos Gegenüberstehenden habo dieses Ereignis einen Schleier von den Augen gerissen und wie in einer Vision die Lösung der Judenfrage vor die Sinne gestellt. Wer Herzls Entwicklung genauer kennt, die Äußerungen des Zweiundzwanzigjährigen im Jugendtagebuch von 1882, seinen Zusammenstoß mit der antisemitischen Burschenschaft ein Jahr später, seine gelegentlichen Äußerungen in heute vergessenen schriftstellerischen Erzeugnissen und vor allem die Berichte aus der Zeit, in der er als Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ in Paris weilte, der weiß, daß dieses Bild mindestens zu schematisch ist. Seit je, und besonders in jenen Pariser Jahren von 1891 bis 1895, in denen er als Journalist Staat und Gesellschaft Frankreichs während der Panamawirren beobachtete und in denen er sich vom Erfolg suchenden Theatensohiriffcsteller und Feuilletonisten zu einem sich selbst suchenden und findenden Menschen und Staatsdenker entwickelte, hat die Judenfrage in ihm gearbeitet, er hat immer neue Lösungen dafür gesucht und sie immer wieder als eicht genügend bedseitegeschoben. Im Henbst 1894 schrieb er das Schauspiel „Das neue Ghetto“, der erste Versuch, die Judenfrage aus der Behandlung in internen Kreisen und Konventiikein herauszunehmen und durch das Theater öffentlich zur Diskussion tu stellen. Mit diesem seinem besten Stück hatte er bereits seine offene Rückkehr zum Judentum vollzogen — und nur weil es die Theater wegen seines für damalige Verhältnisse aufrührerischen Charakters nicht aufzufUhren wagten, hat die Welt damals von dieser Heimkehr Herzls nichts gemerkt. Noch während er versuchte, mit diesem Stück sich den Druck von der Seele zu schreiben, noch während er dabei war, zur Besinnung auf sich selbst und zur Duldung des Andersartigen, anders Gewordenen Biographen und Dichter, Dramatiker und Komödiensohreibcr haben sich bereits des Stoffes der von Legenden und Sagen umrankten Lebenshistorie der Familie Rothschild bemächtigt. Stücke, die vom grandiosen Aufstieg dieser Gelddynastio berichteten, haben stets den Erfolg für sich gehabt. Es war naheliegend, daß auch der Film nach diesem so dankbaren Sujet griff. Das amerikanische Bühnenstück von Georg Hembert Westley diente dem Regisseur Alfred Werkers als Vorlage zu einem in vielen Belangen höchst bemerkenswerten Filmkunstwerk. Nicht der historische Ballast, nicht die historischen Einzelheiten, die auf ihre geschichtlichen Wahrheiten hier gar nicht geprüft werden sollen, sind das Besondere, das hier vermittelt wird, sondern vielmehr der feine Sinn des Regisseurs für historische Zusammenhänge, der ihn aus der Vielfalt jener Zeitepoche Wesentlichstes und Charakteristisches heraussehälen läßt. Vor uns entsteht ein unerhört lebendiges Werk, dessen unmittelbares Geschehen in packendster, eindringlichster Weise transparent gemacht wird. Man hat nicht das Gefühl, bloß den — wenn auch einzigartigen und drama-* tischen — Ablauf eines Schicksals oder einor Epocho abrollen zu sehen, alles in diesem Film, Gestalten und strömen aufzurufen, tauchten diie ersten Meldungen Uber die Verhaftung des jüdischen Hauptmanns Dreyfus auf, den man des Verrats militärischer Geheimnisse an die deutsche Botschaft beschuldigte. Die weitere Entwicklung des Dreyfus-Prozesses, über den Herzl seitdem ständig berichtete, traf also auf eine bereits vorbereitete Stimmung bei ihm. Es war schon nicht mehr der Wiener Feuilletonist, der ihn beobachtete, es war bereits der zu sich und zum Judentum erwachte Jude, der diese Vorgänge in sich aufnahm und wiedengab. * Merkwürdig ist, daß Herzl über die Bedeutung, die der Dreyfus-Prozeß für seine eigene Entwicklung hatte, sich erst verhältnismäßig spät ausgelassen hat: ein so geschlossenes Erlebnis, das ihn mit einem Male zum Zionisten machte, kann es also wohl nicht gewesen sein. Aus den Berichten, die er an die „Neue Freie Presse“ sandte — erst über die Gerüchte und Meinungen in der Öffentlichkeit, dann über die Gerichtsverhandlung, soweit sie öffentlich war, schließlich über die Degradierung am 5. Jänner 1895 —, geht hervor, daß er mehr und mehr an der Schuld des Angeklagten zweifelte, die man damals fast allgemein als erwiesen ansah. Mehrfach betont er gelegentlich der Vorführung des Hauptmanns Dreyfus in den Gerichtssaal die sichere Haltung des Angeklagten. Er verzeichnet wiederholt Äußerungen, die für seine Unschuld sprechen. Den Bericht über die schauerliche Degradation des Offiziers schließt er mit den Worten: „In eigentümlicher Erregung entfernten sich die Zeugen der Degradation. Die sonderbar feste Haltung des Entehrten hatte auf manche einen tiefen Eindruck gemacht.“ Und noch am gleichen Tag sandte er ein ergänzendes Telegramm an seine Zeitung: „Zu Dreyfus’ Degradation ist noch nachzutragen, daß er auf dem Rundgang wiederholt den Soldaten, unter welchen sich viele junge Rekruten befanden, zunief: ,Ioh bin unschuldig!1 Bei einer Gruppe von Journalisten angelangt, blieb er stehen und sagte: ,S.ie werden ganz Frankreich mittedlen, daß ich unschuldig bin!1 Einige antworteten mit Beschimpfungen. Die Menge draußen, die über das Gittertor einzelnes vom Degradationsakte sah, stieß wiederholt die Rufe aus: ,Zu Tode mit dem Verräter!1...“ Mehr hat Herzl zunächst nicht über den Eindruck geschrieben, den dieser Prozeß auf ihn machte. Vier Monate dauerte es noch, bis sich seine Erregung in die Tat umsetzte und er mit jenem kurzen ersten Leben, stark pulsierendes Sein aus, dessen Eindringlichkeit man sich auch heute — heute vielleicht mehr denn je — nicht entziehen kann. Dichtung und Wahrheit treffen hier zusammen und haben ein Ganzes geschaffen, dessen reine Tendenz, ein heute fast anachronistisch klingender Begriff, Humanität, ist. Mit atemloser Spannung, in die sich die große Bewunderung für Menschentum und Menschemadel mischt, folgen wir dem Abrollen der hauptsächlichsten Phasen in der Entwicklung dieser Familie, deren Name bis in die entlegendstea jüdischen Siedlungen mit magischem Zauber drang. Frankfurt 1770. Noch liegt tiefes Dunkel über den Mauern des Frankfurter Judenghettos. Durch die eugen Gäßchen eilen mit furchtsamem Blick, mit krummem Rücken, jüdische Gestalten. Strafe ist für den ausgesetzt, der das Ghetto nach G Uhr abends verläßt oder um die Zeit noch außerhalb des Ghettos erwischt wird. Mit schweren Ketten werden die Ghettomauern um diese Stunde abgeschlossen und in Stille versinkt das Judenghetto. Hier lebt um diese Zeit Amsehel Meier Rothschild, der gütige und weise Stammvater der Familie Rothschild. Der Film Johnsons, der auch diese Figur liebeyollst schaut, weiß leider nur von dem un- Brief an den Baron Hirsch seine judenpolifcißohe Aktion einleitete. Damals, kurz nach der historischen Unterredung mit dem Philantropen am Pfiingstsonntag des Jahres 1895, begann er auch jenes Tagebuch der „Judensache“, in das er in der Folge und besonders in den ersten Jahren, alles ihm wesentlich Erscheinende cintrug. Er begann es mit einem Überblick über seine wechselnde Stellung zur Judenfrage. Er erwähnte dabei seine mancherlei Ansichten und Pläne seit der ersten Erschütterung durch Dührings Buch über „Die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kulturfrage“ (im Jahre 1882), berührte aber mit keinem Wort den Dreyfus-Prozeß. Auch als er zweieinhalb Jahre später, ein halbes Jahr nach dem ersten Baseler Kongreß, die kurze, heute allgemein bekannte Selbstbiographie für den „Jewish Chronicle“ schrieb (14. Jänner 1898), gedachte er dieses Prozesses mit keinem Wort, und das, obwohl er kurz vorher (24. Dezember 1897) erst in der „Welt“ einen Aufsatz über die Dreyfus- Affäre veröffentlicht hatte. Es war die Zeit, als der Fall Dreyfus in der Öffentlichkeit wieder auflebte, ja, eigentlich erst zu der „Affäre“ wurde, als die er in der französischen Geschichte weiterlebt. Bis Mitte 1897 hatten tatsächlich die meisten geglaubt, Dreyfus sei schuldig. Durch den Obersten im Nachrichtendienst Picquart, der schon seit August 1896 stutzig geworden war, wurde der wirkliche Täter, Esterhazy, entdeckt. Mutige Männer, wie der Senator Scheurer- Kestner, traten in der Öffentlichkeit für die Unschuld des Kapitäns Dreyfus ein. Esterhazy wurde zur Disposition gestellt. Des Hauptmanns Dreyfus Bruder Mathieu erhob Anklage gegen Esterhazy. Aber alle Versuche, die Wiederaufnahme des Prozesses Dreyfus herbeizufüh-ren, scheiterten am Widerstand von Militär und Regierung. Noch bevor Esterhazy freigesprochen wurde und Zola sein „J’accuse“ in die Welt rief, nahm Herzl ausführlich in dem erwähnten Aufsatz „Französische Zustände“ dazu Stellung. „Einige treue und mutige Männer haben es versucht, den schweren Stein der Gruft aufzuheben, in der er liegt. Aber eine große Rotte warf sich auf die Befreier und überwand sie. Der Stein .ist wieder auf dem alten Platz und der Lebendige da unten bleibt weiter begraben. Das Volk von Frankreich, das großmütige, in die Gerechtigkeit verliebte, das Volk der Menschenrechte, das alle Prozesse revidiert, nie eine Sache für endgültig abgeurteilt halten mag glaubwürdigen Akt zu berichten, daß der sterbende Amsehel auf seinem Totenbette seinen fünf Kindern den geschäftlich weisen Rat erteilt, in den fünf Hauptstädten Europas Banken zu errichten, denn „Geld ist Macht“. Es werden Zeiten kommen, Zeiten des Krieges und Zeiten des Friedens, in denen man das Gold der Rothschilds von allen Seiten her verlangen wird. In diesen ersten Szenen aber zeigt sich auch schon der gewaltig hohe und ethische Ernst der Schöpfer dieses Films: den ausgezeichneten Dialog, der oft durch köstlichen Humor gewürzt, leiten die bedeutungsvollen Worte Amsehel Meiers ein: „Doch weder Macht noch Geld werden das Heil bringen, wenn ihr nicht stets an das Wohlergehen und an den Stolz unseres Volkes denkt.“ Grundsatz des Lebens der in die Geschichte eingegangenen 5 Frankfurter soll es sein: „In Ehren durch das Leben gehen.“ Und so geschah es. In Neapel und in Wien, in Paris und in London und nicht zuletzt in Frankfurt selbst haben die Rothschilds ihre Bankpaläste aufgesclikigem. Der Übergang ist hier ein wenig plötzlich. Der Film vermittelt uns Streifen der Weltgeschichte. Wir blicken hinter die Kulissen der europäischen Schlachtfelder in der Zeit der Napoleonischen Kriege. In Wien verlangt die österreichische Staatsräson das Auflegen einer Anleihe, die der Vernichtung des großen Korsen dienen soll. Rothschild soll der Hauptträger dieser Anleihe sein. In Paris und in Neapel verlangen die französischen Regierungskreise dasselbe von den Rothschilds, nur mit entgegengesetz.tem — es will nicht, daß man die Schuld des jüdischen Hauptmanns überhaupt noch in Frage stelle. Stürmische Kundgebungen auf der Straße, patriotische Deklamationen in, der Kammer, Pöibelhaffcigkeiten in den Blät* tem, alles wirkt zusammen, alles hat nur den einen Zweck: den Juden dort drüben auf der Teufelßinsel fesbzuhalten. Sie schlagen ihn noch immer tot, obwohl er schon so gut begraben ist...“ Warum, so fragt er, wagte man nicht die Wiederaufnahme des Verfahrens, während immer weitere Kreise von der Unschuld des Hauptmanns überzeugt sind? Wahrscheinlich aus Staatsräson. Das Volk hätte sich in diesem Falle für betrogen gehalten. „Es hätte geglaubt, daß man ihm eine Gerichts- und Freispreohungskomödiie Vorspiele, und daß in Wahrheit der Einfluß jüdischer Financiers gewirkt habe.“ Man fürchtete den Ausbruch der Volkiswut. Denn dieses Volk — so erzählt er jetzt genauer als in seinen Telegrammen vom Jänner 1895 — hat sich von vornherein seltsam verhalten. Kurz vor dem Dreyfus-Prozeß gab es einige andere Spionagefälle in der französischen Armee; damals hörte man nichts davon, „daß diese Missetäter mit solchem Kannibalengehul zum Grabe ihrer Ehre geleitet worden wären. Alber auf ihn warf man sich mit einer wollüstigen Wut... Warum? Das war nicht mehr die Rache für einen Verrat militärischer Geheimnisse, der, wie die anderen Fälle beweisen, in Friedenszeiten keinen tollen Grimm erregt. Oh, das war ein ganz anderer Zornesausbruch, viel verwandter mit den Exzessen eines Aufruhrpöbe.Ls. Und sie waren auch gleich fertig mit der allgemeinen Anklage. Nicht ,Nieder mit Dreyfus!1 johlten sie, sondern ,Nieder mit den Juden!1. Das war’« vom ersten Augenblick an und das ist es geblieben ...“ Man sieht, hier ist die Dreyfus-Affäre bereits über einen Justizmord hinausgehoben, Dreyfus ist der Vertreter des Judentums, besonders des jüdischen Kapitals, das man in ihm verurteilt. Wir hören bereits grell die judenfeindliohen Rufe der Menge, die in der Meldung der „Neuen Freien Presse“ nicht wiedergegeben waren — wenn auch vielleicht nur, weil die Redaktion Herzls Bericht nach ihrer Ängstlichkeit redigierte. Aber trotz dieses Wiederauflebens seiner Erinnerung an die Degradation des jüdischen Hauptmanns ist, wie erwähnt, in der drei Wochen später geschriebenen Autobiographie von diesem Prozeß nicht die Rede. Mit der weiteren Entwicklung des Falles wird Herzl von der Unschuld des Verurteilten immer mehr überzeugt. Im Oktober 1898 kommt gelegentlich der Audienz beim deutschen Kaiser in Konstantinopel das Gespräch auch auf die Dreyfus-Affäre. „Der Kaiser sprach“, notierte Herzl darüber ins Tagebuch, „frank und frei von der Affäre. Ich avancierte keinerlei Meinung; aber bald Ziel und Zweck. Und in London fordert es gebieterisch die englische Regierung, daß Rothschild den Kampf des englischen Imperiums gegen den Emporkömmling Napoleon unterstütze. Wellingtons Sieg wird Rothschilds Sieg. Der Dank ist zunächst hier wie dort ein schlechter. Schicksal eines Volkes. Bei der ersten Gelegenheit wird Barring dem jüdischen Bankier vorgezogen. Wir sehen aber auch Rothschilds Triumph, wir sehen, wiie er bereit ist, diesen Triumph für die Würde und Gleichberechtigung seiner Stammesbrüder zu opfern. Jahre waren vergangen. Im alten Frankfurter Ghetto, in dessen Mauern die alte Stammutter, Gndula Rothschild, lebt, hat Ledrantz für seinen Mißerfolg gegenüber Rothschild sein Mütchen durch Pogrome kühlen lassen. Ein ungeheurer Tumult beherrscht die Gäßchen des Ghettos, als Nathan Rothschild in seine alte Heimatstadt kommt. Es folgt eine der stärksten und gleichzeitig sinnvollsten Szenen. Der Familienrat der 5 Frankfurter in der alten Stube des Stammvaters. Es ist die Frage zu entscheiden, wem die Rothschilds ihre Hilfe geben sollen. Divergierende Interessen der einzelnen Brüder, die in verschiedenen, gegeneinander kriegführenden Ländern leben? Nein. Gemeinsam ist ihnen allen der Grundsatz ihres Stammvaters: für den Frieden der Welt und für die Würde ihres Volkes ihre Macht in die Waagschale zu werfen. Wäo eine Bombe platzt die Nachricht von der Flucht des großen Korsen aus Elba. Nathan Rothschild war bereit, alles herzugeben, um den Judenhetzer zu beschwichtigen und Dr. Jakob Rosenthal: Die ReilisJitUU 10514936448603018070868403605013277

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