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Die Stimme · 1934-09-28 · Heft 388 (28.9.1934) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 388 (28.9.1934)
Date
1934-09-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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för. 388 — 28. September 1034. DIE STIMME Seite t ..I HE RUNDSCHAU Ein in Vergessenheit geratener Kongreßbeschluß? Von Dr. Henryk Loewenherz (Danzig-Olivk) Wir setzen mit diesem Artikel die Diskussion über Organlsations fragen fort. Zahlreiche Zuschriften aus dem Innen Auslände beweisen das große Interesse unserer Leser an den von uns aufgeworfenen Problemen. (Die Red.) Der Schekel ging in seiner Entwicklung eigene, man kann sogar sagen, eigentümliche Wege, und es beweist nur, wie tief diese Einriclitung mit unserer Bewegung verwachsen ist, da Auswüchse, die immer Mutiger in Erscheinung treten und auf den Kongressen Anlaß zu berechtigten Kritiken bieten, bisher zu keiner Gefahr für unsere Kongreßinstitution ausarteten. Eine G ef a h r für die 0 r g a n i s a t i o n besteht jedoch immer, wenn innerlich mit der Bewegung nicht verbundene Menschen durch Erweich von Schekalim das Recht erkaufen, an den Kongreßwahlen teilzimelim.cn. So ist es ja in Wirklichkeit, daß der Besitz von einem Schekel-Schein und nicht die feste Mitgliedschaft in den zionistischen Verbänden über das Wahlrecht entscheiden. Dieser Umstand drückt das Verantwortungsgefühl der Wühler wesentlich herab und beeinflußt — sagen wir es offen heraus — die Zusammensetzung des Kongresses in einer geradezu nicht erfreulichen Richtung. Es ist demnach kein Wunder, daß gerade am XVIII. Kongreß der Ruf nach einer Änderung des ,W a h 1 s t a t u t e s von vielen Seiten sich vernehmbar machte, und daß der Kongreß in seiner Gesamtheit an den vorgebrachten Begründungen nicht Vorbeigehen konnte ... Das Verhältnis der Schekel-Zahler in Ivongreßloßen Jahren zu denjenigen der Kongreßjahre bezeichnete im Namen des Kongreßgerichtes sein stellvertretender Vorsitzender Dr. Ringel als grotesk. Aus seinem Berichte geht hervor, daß es „ein Land gab, wo im kongreßlosen Jahre k e i n e i n z ig e r Schekel verkauft wurde und im Kongreßjahre 1500 (!!). In einem anderen Lande wurden dm kongreßlösen Jahre weniger als 300, im Kongreßjahre mehr als 22.000 Schekalim abgesetzt.“ Es ist kein Zufall, daß in der Generaldebatte der miisrachistische Rabbiner B r o d die Einschaltung machte, ' daß in einem Lande, in dem etwa 400.000 Sehekaliin verkauft werden (Polen), im Wahlkampfe — den er mitanzusehen Gelegenheit hatte — kein einziges großes Wort-, kein Kampf um Ideen, wie man es einst im Zionismus gewohnt war, zu merken war. Dr. Mayer-Ebner, der ehemalige Abgeordnete des rumänischen Parlaments, der schon am ersten Zionistenkongreß t-eilgenommen hat, mußte — ohne in der Debatte Widerspruch zu finden — die Feststellung machen, daß ,,noch kein Kongreß ein richtiges Bild der wirklichen Stärke der zionistischen Parteien gegeben hat. Die Schuld trägt das veraltete Sehekel-Sy stein, welches die Grundlage unseres Wahlsystems bildet“. In diesem Zusammenhänge soLl nicht außer acht gelassen werden, daß wir die demokratischesten Wahlordnungen aller Länder und Völker überholen haben, indem wir ja schon Achtzehnjährigen das Wahlrecht einräumten. Auch der radikale Delegierte Rose nbeck aus Polen bezeichnet es als unhaltbar, daß lediglich die Entrichtung eines Schekels das Recht einräumen soll, „zur höchsten Instanz im Zionismus zu wählen“. „Machen Sic ein E'n d e m i t de r Schande des S c h e k e 1 - W a h 1 r e c ht e s ruft in den Saal der Vorsitzende der österreichischen Landesorganisation, Dr. Oskar Grünbaum, und das amtliche Protokoll bezeichnet an dieser Stelle Beifall. Und es waren starke Worte in seiner Aufforderung, „lassen Sie es nicht zu, daß man mit zwei Schilling das Entreebillett zur Wahl löst wie eine Kinokarte. Wenn Sie schon nicht die Wahlberechtigung nur dem einräumen, der einem Landesverband oder einer Landesgruppe eines Sonderverbandes angehört, dann führen Sie wenigstens den zweijährigen Schekel ein“. Der patriarchalisch anmutende, weißbärtige Joachim Neiger hat nicht unrecht mit seiner Feststellung, daß nur die veralteten Formen unserer O rganisatiou daran schuld sind, wenn die immer mehr auffallende Verdrängung I der allgemeinen Zionisten von Kongreß zu 1 Kongreß ein falsches Bild der wirklichen K r äf t e v e rh äl t n iss e erg ib t. Diese scheinbar so oppositionell anmutenden Ausführungen in der Generaldebatte standen aber in Wirklichkeit in keinem Widerspruch zu den Ausführungen des Berichterstatters, des Mitglieds der Exekutive, Berl Locker. Trotz der freudigen Feststellung über ein gewaltiges Anwachsen der Schekel-Zahler, wie auch ein Anwachsen der Zahl der aktiven Wähler zum Zionistenkongreß, konnte auch Locker die Sorge nicht unterdrücken, daß die zionistische Weltorganisation in kongreßlosen Jahren gegenüber den Kongreßjahren nur einen Bruchteil der Anhänger vorweist. Er bezeichnet mit Recht als eine „weitere Abnormität den Abstand zwischen der Zahl der Schekel-Zahler und der Zahl fest organisierter Mitglieder in den zionistischen Verbänden einzelner Länder“. In der schwülen Stimmung des XVIII. Kongresses konnte seine Mahnung an die Organisationskommission, sich mit diesen Problemen ernst zu beschäftigen, zu keinen praktischen Ergebnissen führen. Es wurde bloß in Fragen der legislativen Reform beschlossen: „Die Exekutive wird ermächtigt, eine Statutenkommissio» einzusetzen und unter Beratung mit ihr, sowie mit dem Vorsitzenden des Kongreßgerichtes und dem Kongreßanwah eine Revision des Organisations- Statutes, des Wahlreglements, der Bestimmungen über die Weltwahlliste... vorzunehmen. Die von der Exekutive' ausgearbeiteten Entwürfe sind dem A. (J. zur Genehmigung vorzulegen. Der Kongreß erteilt dem A. C. die Vollmacht, diese Entwürfe nach erteilter Genehmigung bis zur definitiven Beschlußfassung durch den nächsten Kongreß provisorisch in Kraft treten zu lassen. Für eine Änderung des Organisationsstatutes ist eine Mehrheit von zwei Drittel der anwesenden Mitglieder des A. C. erforderlich. Sämtliche der Kommission auf diesem Gebiete vorgelegten Anträge werden, der Exekutive als Material überwiesen.“ Dieser Vorschlag der Kommission mit dem Zusatzantrag des Misraehisten Aron B 1 u m, daß an Stelle des Wortes ,,Organ-isationsstat-ut“ das Wort „Wahlreglement“ zu stellen ißt, wurde vom Kongreß angenommen. Es erschien mir — mit Rücksicht auf die Tatsache, daß die vorgebrachten Anregungen als Material für die Neubearbeitung des Wahlreg.leinents der Exekutive überwiesen wurden — als zweckmäßig, die markantesten Ausführungen zu diesem Problem, die am Kongreß zum Ausdruck gelangten, in diesem Artikel zu wiederholen. Es erscheint mir dies um so angebrachter, weil dieser Beschluß über die Notwendigkeit einer Wahlreform überhaupt in Vergessenheit g e-1 raten zu sein schein t. Seit einem• Jahre haben wir aue den Verlaufcbarungent der Exekutive herzlich wenig über Vorbereitungsarbeiten in dieser Frage gehört. . Es ißt demnach zu begrüßen, daß die; Weltkonferenz der Allgemeinen Zionisten in Krakau ihre Leitung beauftragt hat, von sich aue ein Pr o j e k fc der organisatorischen Reform des Kongresses vorzubereiten. Dieses Projekt soll rechtzeitig der Exekutive der Weltorganisation unterbreitet werden. Eine sachliche Diskussion in dieser Frage zu eröffnen, erscheint, mir ein zweckmäßiger Auftakt für diesen wichtigen Arbeitsabschnitt der Zionisten und für die; Vorbereitung des nächsten Kongresses. y Nachbemerkungen der Redaktion Auf Grund des von Herrn Dr. Löwenhera zitierten Kongreßboschlusses wurde eine! Kommission eingesetzt. Die Einsetzung vonä Kommissionen bedeutet oft ein Begräbnis erster Klasse. Es wird abzuwarten sein, obs die Kommission mit tauglichen Vorschlägen! rechtzeitig vor die Offen fclichk eil treten wird. j Was die spezielle Frage der Schekel* reform anlangt, so beschäftigt dieselbe zahl-* reiche Leser, die sich im allgemeinen mit den von Dr. Grünbaum und F. Bernstein; aufgestellten Vorschlägen einverstanden er-* klären. n Finanz rat Dr. Hugo Benedikl (Wien) schlägt ein Kurienwahlrecht vor, das in vier Kurien ausgeübt werden soll« Die erste Kurie besteht aus Virilisteni (Mitglieder des A. C., Präsidenten der Landesverbände. zionistische Kultusvorsteher! usw.); jeder Virilist ist WahLmann. Die! zweite Kurie besteht aus jenen Zionisten, die mindest zwei Pfund jährlich au Fondsbeiträgen entrichten. Je 100 wählen, einen Wahlmann. Die dritte Kurie besteht aus den mindestens seit zwei Jahren, organisierten Zionisten, die ihren Beitragsverpflichtungen nachgekommen sind. Je 200 wählen einen Wahlmann. Die vierte. Kurie besteht aus den Schekelzahlern, das sind nicht-organisierte Zionisten, die den Schekel entrichten. Hier wählen je 500 Schekelzahler einen Wahlmiann. Die Wahlmänner wählen die Delegierten. Den Wahl männern der ersten drei Kurien steht das aktive Wahlrecht in allen vier: Kurien zu, den Nur-Schelcelzahlern, beziehungsweise deren Wahlmännera nur in der vierten Kurie. Ein anderes Projekt legt uns Herr Jaqueß Friedm ann, P 1 o v cl i v (Bub Fünfzig Jahre Zionismus, 1884 -1934 ■■■■■.illlllllllllllllllllllllllll.. Unter diesem Titel hat die Zionistische Organisation in Tarnow ein fast hundert Seiten umfasendes Jubiläunisbucli herausgebracht, weiches verdient, ausführlich besprochen zu werden, denn es gibt Zeugnis und Kunde über den ersten Anschluß der polnischen Judenheit an den Weltzionismus und weckt schöne Erinnerungen an die Sturm- und Drangperiode der jüdischen -lugend in Polen vor einem halben Jahrhundert. Die Provinzstadt Tarnow verdient eine besondere Erwähnung in der Geschichte des Zionismus, denn fast fünfzehn Jahre (1884 bis 1890) lang liabon dio Zionisten dieser Stadt eine hervorragende Rolle im Vorherzlschen Zionismus und in den ersten Jahren des Kongreßzion-ismus gespielt, und es Vorständen, den organisatorischen Zusammenschluß der einzelnen zionistischen Zellen, die sich spontan in anderen Städte« gebildet und entwickelt hatten, zu einer Ei nhcit zusa-tntuenzufassen. Von den drei führenden Männern, Doktor Abraham S a 1 z, Siegmund Bromberg- Bytkowski und Eduard Schwager, war es nur dem verstorbenen Siegmuud Bvomberg-Bytkowski beschiedon, einige Jahre in Palästina, als Leiter der von dieser Gruppe gegründeten Kolonie M a e h n a i m2 zu verbringen. Dr. Salz und Eduard Schwager konnten ihre wertvollen Erinnerungen aus der Vergangenheit nach fünfzig Jahren der großen Heerschar des zionistischen Lagers persönlich übermitteln. Es genügt, einige Namen der jüngeren Generation der Zionisten aus Tarnow zu nennen, um fest-zustellen, welche herrliche Ernte den ersten Propagandisten der Zionsidee beschiedon. war. Der bedeutende Historiker Dr. S. Schippe r, der heute eine führende Rolle im polnischen Zionismus einnimmt, befindet, sich auf den Abbildungen des ersten zionistischen Lokalkomitees von Tarnow. Von hier aus haben auch Doktor W a s c 1) i t. z, der in Palästina wirkt, ebenso wie Dr. Schwarzbart-, der Führer der Allgemeinen Zionisten, Dr. Berckc 1h a m m e r, der langjährige Redakteur des „Nowy Dzienuik“ in Krakau, Dr. Szymon F o 1 d b l u m, daselbst, ihro ersten Schritte im Zionismus unternommen. Von den auch in Wien bekannten Gesinnungsgenossen sind dio Mitglieder des Hoehsch ul Vereins „Theodor Herzl“, Dr. Eljahu Tisch und Ing. Josef Las e, h k o witz, zu nonnon, da auch sie während ihrer Gymnasialleit in den Jugeaid-zirkoln dieser Stadt sich zionistisch entwickelt haben. Dio Zionisten, in .Tarnow haben, bn Geiste ihrer Führer die ersten praktischen kolonisatorischen Unternehmungen in Palästina gegründet und gefördert und deswegen auch einen theoretischen Streit mit den Kündern des reinen politischen Zionismus ausfeohten müssen. Wenn auch die ersten Versuche in Machnaim mißglückt sind, so muß gesagt werden, daß Dr. Salz und seine Genossen, die tapfer und mutig in schwerster Zeit clae Führerlast auf sich trugen, ä la lonige Recht behalten haben. Als Herzls Judenstaat erschienen - war, haben dio Zionisten in Tarnow mit Freude und Enthusiasmus sich der von Herzl gepredigten jüdischen Staatsidee angeschlossen. Alsbald wurde im Oktober 1896 eine Versammlung aller galizischen Zionisten in Lemberg abgehalten und eine Kundgebung für Herzl beschlossen. Wio sehr diese Manifestation erwünscht war, beweist das folgende, vom 28. Oktober 1896 datierte, an Dr. Salz gerichtete Handschreiben von Herzl: „Hochgeehrter Herr Doktor! Für dio mir freundliohst übermittelte Kundgebung der galizischen Zionisten sage ich herzlich Dank, Gerade jetzt war mir diese Aufmunterung nötig und willkommen, weil dio aus den Zionistenkreisen stamm-emdo persiflierende Notiz, die vom ,Dziennik Polski4 aus die Rundreise durch alle Blätter macht, mich sehr verletzt hat. Mit Zionsgruß Ihr gaaia ergefoßaec Th« Äeral»“ J * ..... x Von der Bedeutung der zionistischen; Organisation in Tarnow zeugen viele Stellen; in Herzls Tagebüchern aus den ersten Monaten des Jahres 1897. Dr. Salz wurde iti dieser Zeit vielfach von Herzl empfangen’ und diente als Berater und Helfer beim großen Werke des ersten Zion-istenkongresses, zu dessen Vizepräsidenten er auf Herzls Wunsch gewählt wurde. Dr. Salz wird von Herzl zu den „interessantesten Leuten“ gezählt-, die zu ihm kamen. Als Dr. Salz darüber berichtete, daß er den vor wenigen Monaten verblichenen Wunderrabbi F r i e d m a n n aus Czortkow für die zionistische Idee gewonnen hat und daß derselbe zusammen mit seinem Sohno dem Tarnower Verein „A h a w a h Z i o n“ beigetreten ist, sagte Herzl mit Anerkennung: „Sie haben es gut gemacht.“ Es würde hier zu weit führen, die interessante Korrespondenz zwischen Theodor Herzl lind Dr. Salz wiederzugeben. Der Historiker dos Zionismus kann und darf diese wichtigen Zeitdokuinento nicht stillschweigend übergehen. Zusammenfassend muß gesagt werden, die Herausgeber der Jubiläumsschrift haben zu ihren sonstigen Verdiensten für den Zionismus durch die Sammlung der überaus interessanten und wehmutsvollen Erinnerungen aus der schier in Vergessenheit geratenen Jugendzeit des modernen Zionimus ein Ruhmesblatt zur Geschichte und Geographie des Zionismus beigesteuert. Dr« Arnold Friedman n.

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