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Die Stimme · 1934-09-28 · Heft 388 (28.9.1934) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 388 (28.9.1934)
Date
1934-09-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Ml STIMME Nr. 388 — 28. September 1984. vorgeseliriebene Gebetformcl, geht zurück zum Tisch und spricht mit bebenden Lippen das Gebet über den Bissen Brot. Und er ergreift mit. zitternden Händen die Schüssel und der warme Dampf verdeckt sein ausgemergeltes Gesicht. Dann setzt er die Schüssel wieder auf den Tisch, nimmt mit der Rechten den Löffel und wärmt die Linke am Rande der Schüssel. Dabei zerkaut er mit seinem zahnlosen Munde langsam den Bissen Brot, über den er das Gebet gesprochen hat. Als Gesicht und Hände warm geworden fcind, legt er seine Stirn in Falten, spitzt die ■dünne blauen Lippen und beginnt zu blasen. Der Schüler starrt ihn unverwandt an. Doch als die zitternden Lippen des Greises dom ersten Löffel Grütze entgegeneilen, packt ihn etwas am Herzen: er bedeckt sein Geeicht mit den Händen und schrumpft gleichsam ein. Nach einer Weile kam ein anderer Bursche, ebenfalls mit einer Schüssel Grütze und einem Stück Brot und sagte: ..Reb Jojssef schickt dem Schüler sein Frühstück!'1 Doch der Schüler zog die Hand vom Gesicht nicht fort. Der Rosch-Jeechiwe legte seinen Löffel weg und ging an den Schüler heran. Einige Zeit betrachtete er ihn mit Stolz und Liebe, dann berührte er seine Schulter: „Man hat dir Essen gebracht!” weckte er ihn mit freundlicher Stimme. Der Schüler nahm seine Hände langsam und unwillig weg. Das Gesicht war noch blässer geworden, und die Augen brannten noch unheimlicher. ..Ich weiß, Rebbe!“ antwortete er. ,,Doch ich werde heute nicht essen.“ „Den vierten Tag fasten?“ fragte der Rossch-Jeschiwe erstaunt. „Und ohne mich?“ fügte er etwas beleidigt hinzu. „Es ist mein eigener Fasttag“, antwortete Ser Schüler. „Ich faste heute zur Buße.. ..Was redest du? Wie kommet du zur Buße?“ „Gewiß, Rebbe! Ich muß büßen..., weil ich vor einem Augenblick, als Ihr zu essen begannt, gegen das Gebot ,Laß dich nicht gelüsten!1 sündigte.“ * Der Ethros in der österreichischen Geschichte Die Londoner Zeitung „The J ewish C h r o n icl e“ erinnert daran, daß die Juden im Mittelalter große Schwierigkeiten zu überwinden hatten, um die für Sukkoth notwendigen Ethrogim und Lulawim zu importieren. Es gab jüdische Kaufleute, die sich speziell mit diesen Importen befaßten und den Beinamen „E sr og e r“ führten. Gegen Ende des Mittelalters wurden, rdb binischen Quellen zufolge, die Ethrogim aus Süditalien nach Deutschland importiert. Die Transporte gingen über Marburg nach Wiener-Neustadt, das als Verteilungsstelle für ganz Deutschland und das heutige Österreich diente. Aus dem Jahre 1380 ist ein Gclcitbrief Albrecht Hl. von Österreich für einen Juden namens Eiiah erhalten, der zum Zwecke des Ankaufes und Importes von Ethrogim nach Italien reiste. Verschiedene österreichische Orts- und Landesobrigkeiten benützten schon damals den Ethrogimimport als Steuerquelle, indem sie Importtaxen für Ethrogim einhoben. Im Jahre 1744 legte Kaiserin Maria Theresia den Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien, die schon ohnehin eine ■III Menge Judensteuern zu bezahlen hatten eine Steuer von 40.000 Gulden f ü den Import von Ethrogim und L ul a io im auf. Auf diese Idee war die Kaiserin dadurch gekommen, daß einige reiche jüdische Kauflcute beantragt hatten ihnen gegen Bezahlung einer großen Summe ein Import mono pol für Ethrogim zu erteilen Auch im Jahre 1707 boten einige Juden aus Galizien der kaiserlichen Regierung die Zahlung einer hohen Pachtsumme für die Erteilung eines derartigen Monopols an Kaiser F r an z 11. lehnte aber diesen Vorschlag ab. Heute ist natürlich der Import von Ethrogim nur an die Zahlung des Zolls ge bunden. Bis zum Kriegsende kamen die meisten Ethrogim aus Korfu. Aber bereits im Jahre 1891, nach den a?itijüdische?i Unruhen in Korfu, wurde eine Boykottbewegung gegen Ethrogim aus Korfu durch Rabbi El c ha n an, der auch Citron genannt wurde, cingeleitct. Heute ivird der Ethrogimimport bereits zu einem sehr großen Teile aus dem jüdischen Palästina gedeckt In der folgenden Nacht weckte der Schüler den Lehrer. Die beiden schliefen einander gegenüber auf Bänken in der Lehrstube. „Rebbe! Rebbe!“ rief der" Schüler mit schwacher Stimme. ©» „Was ist?“ Der Rosch-Jesohiwe erwachte und erschrack. „Ich war soeben auf dem höchsten Gipfel.. „Wieso?“ fragt der Rosch-Jeschiwe, noch etwas verschlafen. „Es hat in mir gesungen!” „Wieso? Wieso?“ „Das weiß ich selbst nicht, Rebbe“, antwortete der Schüler kaum hörbar. „Ich konnte nicht einschlafen und vertiefte mich in Eurem Vortrag... Ich wollte um jeden Preis jene Melodie kennenlernen... Und vor großem Kummer, daß ich es nicht konnte, fing ich zu weinen an ... Alles weinte in mir, alle meine Glieder weinten vor dem Schöpfer der Welt! Und dabei machte ich die Gebetübungen, die Ihr mich gelehrt habt, doch seltsam: nicht mit dem Munde, sondern tief im Innern! Und plötzlich wurde es so hell. Ich hielt die Augen geschlossen und doch war -es um mich hell, sehr hell, blendend hell...!“ „Recht so!“ sagte der Alte, sich vorbeugend. so leicht... Es war mir, als ob ich keine Schwere mehr hätte, als ob mein Leib jedes Gewicht verloren hätte und fliegen könnte...“ „Recht so!“ „Dann wurde es mir so lustig, so lebendig zumute... Mein Gesicht blieb unbeweglich, meine Lippen rührten sich nicht und doch lachte ich... Lachte so gut, so herzlich, so fröhlich...!“ „So, so! Ganz recht: in höchster Freude...“ „Dann summte etwas in mir, wie der Anfang einer Melodie ...“ Der Rosch-Jeschiwe sprang von seiner Bank auf und war mit einem Satz beim Schüler. „Und weiter?“ „Und weiter fühlte ich, wrie es in mir zu singen anfing ...“ „Was hast du dabei gefühlt? Was? Was? Sag’...“ „Ich fühlte, daß alle meine Sinne geschlossen und verstopft sind und in mir inwendig etwas singt... Ganz wie es sich ge- „Wie? Wie?“ „Nein, ich kaum es nicht... Früher konnte! ich es noch... Dann wurde aus dem Sin-« gen...“ „Was wurde aus dem Singen? Was?“ „Eine Art Musik... Gleich als ob ich in mir eine Geige hätte oder als ob in meinem Innersten der Spielmann Jöjne säße und eines der Stücke spielte, die er beim Robben an der Tafel spielt! Es klang aber noch viel besser, edler, trauriger! Und alles ohne Töne, ganz ohne Töne, reim geistig.. „Wohl dir! Wohl dir! Wohl dir!“ „Und nun ist alles weg!“ sagt der Schüler sehr traurig. '„Meine Sinne sind wieder erwacht und ich bin so müde, so furchtbar müde, daß ich .. „Rebbe!“ schreit er plötzlich auf, sich an die Brust greifend. „Robbe, sprecht mir das Sterbegebet vor! Man ist mich holen gekommen! Sie brauchen dort oben einen neuen Ghorjungen! Ein Engel mit weißen Flügeln ... Rebbe! Rebbe! Schma J&roel! Schma.. Das ganze Städtchen wünschte sich einen solchen Tod. Doch dem Rosch-Jeschiwe war es zu wenig. „Noch einige Fasttage“, seufzte er, und er wäre noch ganz anders gestorben: durch einen Kuß von Gottes Mund!“ „Und vor dieser Helle wurde,mir so gut,1 hört: ohne Worte und ohne Töne, so...“ Dr• Oskar Neumann 40 Jahre alt Der bekannte Dichter Dr. Oskar N c u m a n n (Bratislava) feiert a/m 3. Oktober dieses Jahres seinen 40. Geburtstag. Dr. Oskar Reumann* von dem bisher das dramatische Spiel „Rutil“* die Gedichtbände „Zwischen zwei Dunkeln“* ,Flucht aus der Zeit“, „Rot© Perlon“ sowie die Prosabücher „Aue dem Buche Ewigkeit“ und „Fahrt nach Osten“ erschienen sind, und von welchem wir aus Anlaß des 40. Geburten tages das große, zeitdramatisohe Bekenntnis« buch“ „Genosse Namenlos“ vorbereiten, ge« hört zu jenen Dichtern, hei denen sich dichte« risches Bekenntnis mit praktischer Tat harmo» nisch vereinen. Als Judo steht Oskar Neu« mann seit 25 Jahren aktiv in den Reihen den zionistischen Bewegung. Oskar Neumanns Dichtungen zeichnen sicä durch eine gewählte Schönheit der Sprache* durch|sittlichen Ernst und Gedankentiefe aus< Juliusz Wolfsohn: Arnold Sdiönberg Zu seinem 6o. Geburtstag Kein einziger der lebenden schaffenden Musiker hat soviel Widerspruch, soviel Diskussionen, Kämpfe, ja sogar Krawalle hervorgerufen und anderseits so einen Einfluß auf die zeitgenössische Musik gehabt als der derzeit als Lehrer der Komposition an dem berühmten Curt’s Konservatorium in Philadelphia wirkende Wiener Jude Arnold Schönberg. In bester Erinnerung sind mir einige „klangvolle“ Auf führungen seiner Werke geblieben; so vor allem jene seines Streichquartette mit Gesang: das verzweifelte Roee-Quartett musizierte im damaligen Bösendorfer-Saal mutig in den Lärm hinein, Rufe, wie etwa: „Aufhören!“, „Den Saal lüften!“ usw. wurden mehr wie laut. Und erst beim Konzert im Großen Musikvereinssaal ein paar Jahre später! Die Anhänger und Gegner lagen sich förmlich in den Haaren; es knallten Ohrfeigen und die schöne Akustik dieses Saales trug in alle Ecken und Winkel die wüstesten Sohimpfworte. Als Nachklang kam ein Prozeß, wo Oscar Straus auf die Frage des Richters, ob er Ohrfeigen knallen gehört hat, in seiner witzigen Art antwortete: „0 ja, das war das klangvollste vom ganzen Abend! 1“ Nun sind die Akten über das Werk Schönbergö eigentlich geschlossen; ee gibt ja auch Brahms- oder Bruckner-Gegner; jeder ernst denkende Musiker aber weiß, daß dieser kühne Kämpfer, dieser unruhige Geist, dieser ewige Sucher und Neugeßbalter — eine starke Persönlichkeit ist, die auf die spätere Generation einen gewaltigen Nach dem tri.stanisierenden Sextett „Ver klärte Nacht“ und mahlerisierenden ,,Gurreliedern“ fand Schönberg seinen eigenen Weg. Er löste sämtliche harmonische Gesetze auf und schaffte eich eigene Regeln. Seine Schülerschar, an deren Spitze Männer wie Alban Berg, Egon. Wellesz, Felix Petiorek u. v. a. standen, folgten ihm willig und begeistert. In der Bekämpfung Schönbergs fehlte es auch nicht an antisemitischen Mitteln; man fand in seiner Musik „das zersetzende Element des Judentums!“ und er wurde mitsamt Gustav Mahler von einem Teil der Musiker, mit Hans Pfitzner an der Spitze, verdammt. Er wurde aber auch anderseits gerade wegen dieser angeblichen „Zersetzung“ angehimmelt. So erschien vor einigen Jahren ein äußerst interessantes Buch von einem christlichen Musikschriftsteller, Heinrich Berl, betitelt „Das Judentum in der Musik“, worin er Mahler und Schönberg als dio Befreier von den Ketten der Harmonie feiert und als „Wegweiser zur Renaissance der im Verflachen begriffenen abendländischen Musik“ preist. Knapp vor dem Umsturz in Deutschland wendete Schönberg sein ganzes Interesse dem Judentum und der Antike zu und schrieb ein Oratorium „Moses und Aaro n“. Die letzten Ereignisse in Deutschland, seine Entlassung aus der Berliner Hochschule riefen in seiner Seele eine große Umwandlung hervor: er erglühte in seiner Liebe zum Judentum, zu dem er reuig, aber auch mit Begeisterung zurüekkehrte. Für den gigantischen Aufbau Palästinas fand er in Gesprächen dio flammendißteu Worte. Ob man mit der Richtung Sohönbergs einverstanden ist oder ihn bekämpft, ob man ihn verdammt, oder verhimniolt, jedenfalls ist sich filierte Individualität, eine starke Schaffens kraft, ein bewußter Pionier neuer Richtung am Werke ist. Zwei Neuerscheinungen jüdischer Musik Die vor kurzer Zeit von einigen mutigen Musikern Zagrebs gegründete Gesellschaft zur Förderung jüdischer Musik entwickelt eine rührige und fruchtbare Tätigkeit. Sie veranstaltet Konzerte und Vorträge und — was noch erfreulicher und bewundernswert ist sie gründet einen Verlag find hat boroits einige wertvolle Werke jüdischer Musik herausge bracht. Neulich auch zwei Kompositionen für gemischten Chor. Die erste ist das Werk eines hochbegabten Musikers Aron M. Rothmül- 1 e r, der gemeinsam mit dem bekannten Bearbeiter jüdischor Volkslieder und erfolgreichen Komponisten Ziga H i r s c h 1 e r den oben erwähnten Verein „Omanut“ gegründet hat. Rothmüller studierte in Wien beim berühmten Schönberg-Schüler Alban Berg und war eine Zeit/lang als Dirigent des Jüdischen Gesangvereines in Wion tätig. In seinem neuersohiemenen Werk, betitelt „Vier sephardische religiöse Volkslieder“ weiß Rothmüller die einfachen ergreifenden Lieder klangvoll und mit Beherrschung der technischen Mittel der Kompositionstechnik zu gestalten; die Lieder haben Farbo, Kolorit und sind doch nicht allzu schwer. Die zweite Komposition ist das „K o 1 N i d r e“ für Solo und gemischten Chor von Johuda K i n o r. Ets ist sehr erfreulich, daß einmal endlich eine Fassung dieser wundorvollen Melodie in ihrer ursprünglichen Form gesetzt wurde. Dio Wirkung wird sich bestimmt auch einstellen. Diese beiden Werke sind zweifellos eine Bereicherung der leider bis jotzt mageren Chorliteratur jüdischer Musik, und sie dürften in kurzer Zeit überall von jüdischen Chorvoreinigungen aufgeführt werden, was dem rührigen Verein „Omanut“ aufrichtig zu wünschen Jul, yt o 11 s o h n, KUNSTCHRONIK Konzertpianist Prof. Juliusz W o 1 f s o h a hat seine Lehrtätigkeit wieder aufgenommen. Beginn des Unterrichts in seiner Musiklehr« anstalt für Klavier am 1. Oktober. Ausbildung bis zur Konzertreifo, Kammermusik, Staats« prüfungekurso, Kurse für Anfänger. Anmeldun« gen und Auskünfte, Wien, III., Pfarrhofgasso Nr. 16, Tel. U 16-1-32. Prospekte gratis. Bei dem internationalen Wettbewerb für Klavier 1933 erhielten Betty Fischer Diplom und engere Wahl, Sara Stuckart Diplom und Evi Wächter Diplom und Mitwirkung beim Festkonzert der Prämiierten. In der letzten Saison erzielten besondere Erfolge dio linkshändige Pianiltin Anny Rosthal und diö elfjährige Evi Wächter. Der Jüdische Schauspielerverein, der am 5. Oktober 1934 in eigener Regie die Jüdische Bühne eröffnet, hat den bekannten Schauspieler und Regisseur der Wilnaer Truppe, Herrn Alex Stein, au einem längeren Gastspiel verpflicht tet. Mit ihm sind eine Reihe prominentester Künstler engagiert. Die Saison beginnt mit dem bekannten historischen Drama „Der Go i« 1 e m“ von L e w i k. österreichische Schauspieler aus Deutschland „Die F ü n f e r - T r u p p e“ veranstaltet im Klubheim der „Hakoah“, Wien, I., Wiesingerstraße 11, Samstag, den 29. September 1934 um 1<9 [Jihr abends, einen Bunten Abend. Es wirken mit: Karl Forest, Gerta Landers, OLly Treu, Rend Worth, Ilse Winter, Baus Magnus, Rudolf Weiß. Am Flügel: Jary Kostka. Leitung: Walter Grün. Simchath-Thora-Abend Dienstag, den 2. Oktober 1934, findet im Ho« tel Continental, II., Taborstraße 2, ein lustiger Siinchath-Tora-Abond untor Mitwirkung der beliebten Künstlerin Hilda Dulitzkaja, Oilly Bell, Adolf Bel] und anderer Künstler statt. Beginn 8 Diu: abends,

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