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Die Stimme · 1934-09-28 · Heft 388 (28.9.1934) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 388 (28.9.1934)
Date
1934-09-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ttfr. 368 — 38. September 1934. MI STIMME S«he 7 r 1» " "" ~ ' lii~ ‘ mT * imc ora A. EZWAN*JERUSALEM, »Gelobt sei Gott: es regnet« Am Eoschmujh-Rabah wird zu. Beginn des Mussaf dm Geschem-Gebet (Bitte um Regen) gebetet. . . Es kommt jemand , zu mir ins Zimmer in einem vor Nässe glänzenden Regenmantel, mit einer Mütze auf dem Kopf voll Feuchtigkeit wie ein Schwamm, mit Händen, die blau sind vor Kälte. In Europa würde der Bejammernswerte in die Worte ausbrechen: „Dieses Sauwetterl“ Hier sagt er mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen, wäh rend eT die klammen Hände möglichst nahe an meinen kleinen Petroleumofen bringt: „Baruch baschem: Ges ehern! — Gott sei Dank, es regnet!“ Und während meine Knochen vor Kälte klappern, antworte ich fröhlich: ,,Baruch baschem! — Danken wir Gott dafür!“ Und während ich es sage, steigt ein Bild aus der Kindheit vor mir auf. Ich war Zögling des „Deutsch-Israelitischen Waisenhauses“ auf dem Papendamm in Hamburg, und eine Zeitlang dem alten und gebrechlichen Schammes als Adlatus. zugeteilt. Unter seinem Kommando mußte ich all diejenigen Verrichtungen erledigen, zu denen er selbst schon zu hinfällig war, besonders jene, die eine gewisse Akrobatik erforderten, wie das Ansteoken des großen Gas-Kronleuchters, das Wechseln der Vorhänge vor dem Aron Hakodesch und das Hineinechieben der „Amzeigeschilder“ in die dafür bestimmten Gestelle. Am Erewschemiiniazereth mußte für die „Winterzeit“ das Schild ausgehängt werden: „Masohiw haruach umorid hagesehern“ — ,,der den Wind wehen und den Regen hemdederfallen läßt“, damit die Gemeinde nicht vergesse, diese Worte in der Sohmoneh eßreh einzufügen. Nun braucht man in Hamburg um diese Jahreszeit weiß Gott nicht um Wind und Regen zu bitten, und ich fragte den Schammes, ob der liebe Gott nicht halb Hamburg ersäufen würde, wenn man ihn haben. Wir haben gelebt, nun also, wie die Schweine! Es gab köin Wasser. Man konnte noch so heftig den Pumpenschwengel schwingen: die Zisterne gab nichts mehr her. Alle drei, vier Tage ließ die Regierung etwas aus den Teichen Salomos hinein tröpfeln, jedesmal weniger. Vielköpfige Farailen mußten aufhören, zwei Tassen Tee zum Frühstück zu trinken. Die gastfreiesten Seelen sagten ihren Besuchern: „Schlafen können Sie natürlich hier — aber... waschen müssen Sie sich wo anders!“ Ich habe einen Freund, der lud mich am vergangenen Freitag zu einem... heißen Bad ein: am Schabbath sprach das ganze Viertel davon. Ich kenne verschwiegene Gemächer in Jerusalemer Wohnungen, in denen die bewußten Ketten mit Emailgriff an gewissen Behältern entfernt worden sind. Die Kästen tragen die stolze Bezeichnung: „Niagara“ — made in England — aber es ist den Niagaras verwehrt gewesen, zu rauschen. Denn zum Rauschen und zur Hygiene braucht man Wasser, und Wasser gab’s | keine! ( Wie aber sah es erst in der Altstadt aus, wo es keine Niagaras, keine Wasserleitungen und keine Badezimmer gibt. Dort tobt dreimal am Tage die. Schlacht um das „Pach“ Wasser. Pach heißt'Blech, in diesem Fall ein Petroleumkanister. Hunderte dieser i Kanister stehen an den wenigen Stellen aufgereiht, an denen Beamte der Wasser' werke aus einem dünnen Schlauch jedem sein kärgliches Maß zuteilen. Schon wenn reichlich Wasser vorhanden ist, ist dieses Reihestehen eine Geduldprobe. Bei Wassernot aber wird es zu einem wilden Kampf Denn jeden Augenblick kann der dünne Strahl aus dem dünnen Schlauch völlig versiegen, und wer dann noch nichts hat, muß mit leerem Pach heimkehren. Not aber macht nicht nur erfinderisch, sondern auch rücksichtslos, und starke Männer stoßen immer wieder die Frauen und Kinder zur Seite, wenn sie ihre Bleohkanister unter den Wasserstrahl halten wollen. Und was in den freien, weitgebauten Außenvierteln vielleicht nicht mehr ist als eine ärgerliche Kalamität, wird hier leicht zu einer wirklichen Gefahr, Die Altstadt von Jerusalem ist eine altehrwürdige, steinerne Sardinenbüchse, und wenn weder die Körper noch die Kleider in ihr gewaschen werden können, lauert stets die Gefahr einer Seuche. Die Schwestern der Säuglingsheime, der Schulküchen, der Polikliniken für Mütter und Kinder gehen mit sorgenvollen Gesichtern umher. So erfinderisch sie auch sind, wie sollen .sie die. Gefahr des erzwungenen Mangels an Sauberkeit bekämpfen, wenn es nicht bald regnet?... I „Wenn es nacht bald regnet!.. beginnen auch alle Gespräche mit den Leuten, die aus den Kolonien herednkommen. Die Felder verdursten, die Orangen können nicht geerntet werden, die Aussaat wird verzögert. „Wenn es nicht bald regnet...** die Juden sagen es, die Araber, die Mönohö der verschiedensten christlichen Ronfesi sionen, sogar die persischen PriesteT, die auf der halben Höhe des Kännels den zauberhaftesten Garten in ganz Palästina angelegt haben... Und dann beginnt man, sich nicht mehr auf das Wetter und das „tal benschen“ in Europa zu verlassen, sondern man betet selbst um Regen, in den Synagogen, in den griechischen und römischen Klöstern, wahrscheinlich auch bei den Arabern... Und nun regnet es wirklich!! Es pladdert vom Himmel herunter, und immer mehr finstere Wolkengebirge ziehen heran und lagern sich über dem Lande und seiner heiligen Stadt Jerusalem. Alles ist grau in grau; wo gestern ein Weg war, ist heute ein Gießbach, und die jungen Damen, die sonst ohne Strümpfe gehen, tragen jetzt sogar „Botten“, die riesigen Gummistiefel englischen Ursprungs. Alle Baumgipfel sind vom neunmonatlichen Staub gesäubert, und in der Altstadt reißen Wildbäche den ganzen angesammelten Dreck die1 steilen Straßen hinunter in irgend ein Wadi. Und wir sitzen frierend und zähneklappernd da, aber wir lächeln, und statt des üblichen kurzen „Sohalom“ sagen w!t ein» arider mit Inbrunst: ,,Baruch haschem: Gesefacm!“ Ita&fraUst uud seinl/en fackele £e& Heee& liiu&ec ausdrücklich um noch mehr Regen ersuchte. „Dummkopf“, schnaubte der alte Mann, „das ist nicht für Hamburg gebetet Aber wenn wir hier nicht ,tal benschen* (um Regen bitten), dann, regnet es ein ganzes Jahr nicht in Jerusoholajim!“ Sie scheinen in diesem Jahr drüben in Europa nicht besonders eifrig um Regen für Jerusckolajim gebetet zu haben. Wind ja, Wind gab’s genug, mehr ajs genug. Es stürmte in den Nächten wie beim, wildesten Föhn, kein Schiff konnte’ auf dem aufgewühlten Meer vor Jaffa seine Passagiere an Land setzen, alle mußten sie in den schützenden Hafen von Haifa eilen; in den Pardessim prasselten die Orangen zu Tausenden von den Bäumen und sind nun nicht nur sauer — denn erst der Regen läßt ihren Saft süß werden—, sondern auch stoßfleckig. Es war zu viel Wind. Zwischen ihm und dem Regen besteht hier ein bestimmtes Verhältnis: solange es keinen Wind gibt, kommen keine Wolken, und solange der Wind weht, kann es aus den Wolken nicht regnen. Zn viel Wind, zu wenig Regen. Das sollten die in Europa bedenken, um beim „tal benschen“ die richtige Betonung zu treffen. Ihr macht euch keine Vorstellung, was es heißt, wenn hier der Regen vierzehn Tage zu spät einsetzt! Ich will mich nicht als landwirtschaftlicher Sachverständiger aufspiolon und mit „Regenmenge pro Quadratzentimeter“ ausrechnen, welchen Schaden es für die palästinensischen Felder, Qrangengärten und Gemüsebeete bedeutet, für die jüdischen Kühe, die nach Grünfubtcr schreien, und die arabischen Kamele, die es sich selbst zusammensuchen. Alles wird euch klar werden, wenn ich euch sage, wie wir non sohoQ £6& Wpcta & «ferueatam gelebt In schlechten Zeiten sinkt sogar die beste Ware — die göttliche Wissenschaft — im Werte. Und so ist von der Laschtschower Jeschiwe schließlich nichts übrig geblieben als der Rosch-Jeschiwe Reb Jekel und ein einziger Schüler. Der Rosch-Jeschiwe ist ein alter, hagerer Mann mit langem, zerzaustem Bart und erloschenen Augen. Lemech, sein einziger Schüler, ist ein langer, schmächtiger Jüngling mit blassem Geeicht, schwarzen Schläfenlocken, schwarzen, meistens; gesenkten lugen, trockenen Lippen und einer spitz hervortretenden, zitternden Gurgel. Beide tragen geflickte Röcke, die vorn offen stehen und den nackten Leib — denn sie haben keine Hemden an — sehen lassen. Der Rosoh-Jeschiwe schleppt mit großer Mühe ein Paar schwere Bauernstiefel; dem Schüler fallen seine viel zu großen Sfcadtsohuhe von den bloßen Füßen; denn er hat keine Socken. Da6 ist alles, was von der einst so berühmten Jeschiwe übrig geblieben ist! Die verarmten Einwohner des Städtchens schickten immer weniger Essen und luden die Schüler immer seltener zu Mahlzeiten ein. Darum verzogen sich die armen Schüler nach anderen Städten. Reb Jekel will aber hier sterben, und sein Schüler will ihm die Scherben auf die Augen legen. Sie beide müssen viel hungern. Und wenn man wenig ißt, schläft man auch wenig. Und nach schlaflosen Nächten und vielen Hungertagen bekommt man Lust zur Kabbala! Wenn man schon ganze Nächte durchwacht und tagelang hungert, so will man davon wenigstens einen Nutzen haben: durch Fasten und Kasteiungen kann man ja erreichen, daß sich alle Tore der Welt öffnen und alle Geheimnisse. Engel und Geister offenbar werden! So beschäftigen sich die beiden seit längerer Zeit mit der Kabbala. Sie sitzen an einem langen Tisch in der leeren Stube. Bei den anderen Juden ist es schon nach dem Essen, doch bei den beiden noch vor dem Frühstück. Sie sind es aber gewohnt. Der Rosch-Jeschiwe hat seine Augen halb geschlossen und redet; der Schüler hält den Kopf in beide Hände gestützt und lauscht. „Es gibt darin“, sagt der Rosch-Jeschiwe, „vielerlei Stufen der Vervollkommnung: einer kennt ein Stückchen, ein anderer — die Hälfte, und ein Dritter — die ganze Melodie. Der Rebbe, seligen Angedenkens, kannte zum Beispiel die ganze Melodie, sogar mit einem Nachspiel. — Und ich“, fügt er traurig hinzu, bin nur der Gnade teilhaftig geworden, ein ganz kleines Stückchen zu kennen — kaum so groß!“ Er mißt auf seinem dürren Finger ein winziges Endchen ab und fährt fort: „Es gibt Melodien, die Worte haben müssen ... Das ist die niedrigste Stufe. Und es gilbt eine höhere Stufe: die Melodie braucht keine Worte; sie wird ohne Worte gesungen, als reine Melodie... Aber auch diese Melodie bedarf einer Stimme und braucht Lippen, durch die sie dringt! Und Lippen sind, du verstehst mich doch? — etwas Körperliches. Daher ist auch die Stimme, wenn auch eine edle Form des Körperlichen, aber immerhin etwas Körperliches! Nehmen wir an, daß die Stimme auf der Grenze zwischen Geistigem und Körperlichem steht! Doch in jedem Fallo ist die Melodie, die der Stimme bedarf und von den Lippen abbängt nicht ganz rein, nicht ganz geistig! Die richtige, höchste Melodie wird aber ganz ohne Stimme gesungen... Sie tönt im Innern des Menschen, in seinem Herzen, in allen Gliedern, So sind die Worte des Königs David m yeietehen: „Alle meine Gebeine lobpreisen Gott!*4 Im Marke der Knochen muß es tönen, und das ist da£ schönste Loblied auf den Herrn, gesegnet sei sein Name! Denn eine solche Melodie äst nicht von einem Wesen aus- Fleisch und Blut erfunden. Sie ist ein Teil jener Melodie, mit der Gott die Welt erschaffen hat, ein Teil der Seele, die er ihr eingegeben hat... So singen die himmlischen Heerscharen!...4*: Der Vortrag wurde unterbrochen durch das Erscheinen eines zerlumpten Burschen mit einem Strick um die Lenden. Er trat in die Stube, stellte auf den Tisch vor den Rosch-Jeschiwe eine Schüssel Grütze, legte ein Stück Brot dazu und sagte mit roher Stimme: „Reb Tewel schickt dem Rosch-Jeschiwe sein Essen!“ Und bei der Tür wandte er sich noch einmal um und fügte hinzu: „Ich komme später die Schüssel holen!“ Durch die Stimme des Burschen aus den himmlischen Harmonien gerissen, stand der Rosch-Jeschiiwe mühselig auf und schleppte sich in seinen schweren Stiefeln zum Wassergefäß bei der Tür, um sich die Hände zu waschen. Im Gehen sprach er weiter, doch mit weniger Inbrunst als vorhin und der Schüler verfolgte ihn von seinem Platze aus mit leuchtenden Augen und lauschenden Ohren. ,,Ich bin aber nicht einmal für würdig bei funden“, sagt traurig der Rosch-Jeschiwe, „zu wissen, auf welcher Stufe dieses erreicht werden kann, bei welchem Tor des Himmels... Weißt du“, gibt er lächelnd zu, „die nötigen Kasteiungen und Betübungeu kenne ich wohl und ich werde sie dir, vielleicht noch heute, mitteilen!“ Dem Schüler springen schier die Augen heraus, er sitzt mit offenem Munde da und fängt jedes Wort des Meisters mit Gier auf. Doch der Meister bricht ab... .Er wäscht sich die Hände, trocknet siet ab, spricht die 71378359550471871235 09252 23535353235353234853534848232323234823482323 24 5199999999999999999999999999999999999999999351 27 23234853235323535348482348482353482353324823485323232348534848022323482323535353234848234823234848532323

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