Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 388 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit* 2 DIE STIMME Nr. J88 — 28. September IQ&f. Besuchet Emlnsers Gaststätten am Pratersternl Ullllll!linllll!l!!llllll!!ll!ll!lllllll|||l!ll|l!inill||l!n!l|||||!llll!l!!!il|||||||||llli;illllimHIIIIII!IIIIIIIIIIIIIUIIIIIIII!IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIM An das mit großer Zustimmung des ge- Siiiut'Mi Vorstandes aufgonommene Referat; des Präsidenten Pr. Friedmann knüpfte sieh eine längere Debatte, die bisweilen auch einen lebhaften Verlauf nahm. ALs erster sprach Oberbaurat Stricker, der auf die Zurücksetzung jüdischer Kinder und jüdischer Eltern hinweist, die dieser Schulerlaß mit sich bringt, die einmütige Ablehnung erfordert. Darüber hinaus aber müsse positiv zu dem Problem Stellung genommen werden. Wenn man von einer national-religiösen Erziehung der nichtjüdisohen Jugend in diesem Lande spricht, so müsse ddee auch für die jüdische Jugend Geltung haben, da in Österreich das Prinzip der Gleichberechtigung gilt, welches der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit und das Recht gibt, die Erziehung der jüdischen Jugend im national-religiösen Sinne z« fordern. Der jetzige Zustand gebe hieflir keine Möglichkeit; durch den vorliegenden Erlaß kann das Gegenteil erreicht werden. Redner weist darauf hin, daß die heute bestehenden Spannungen durch den Erlaß nicht gemildert, sondern eher verschärft werden. Die Absonderung erfolge nicht aus sachlichen Gründen. Es müsse die jüdische Schule, der Ausbau des jüdischen Schulwesens mit allem Nachdruck gefordert werden, wobei dieses Schulwesen in den Rahmen des allgemeinen eingefügt werden müßte. Das jüdische Schulwerk sei nicht als Angelegenheit ausschließlich der Juden, sondern als die des Staates zu betrachten, der die Verpflichtung hat, materiell und moralisch dieses jüdische Schulwesen zu fördern. GASTSTÄTTE FOR JEDERMANN I., Kärtnersfrafje Nr. 61 Besitzer Ollo Kaserer WIENER RATHAUSKELLER volkstümliche Preise in allen Lokalitäten Wien vor 400 Jahren Allabendlich Original Wiener Musik und Gesang Inhaber Offo Kaserer Der Sprecher der „Union“, Dr. 0 r n- 6 t e i n, erklärt namens seiner Gruppe die vollste Übereinstimmung mit den Ausführungen de3 Präsidenten Dr. Friedmann. In der Folge polemisierte Dr. Ornstein gegen die jüdische Schule und den Aufbau eines jüdischen Schulwesens. Wir leben — sagte Dr. Ornstein — in einer haßerfüllten Zeit und dürfen unseren Blick in eine freiere Zukunft durch die Ereignisse des Tages nicht trüben lassen. Was heute als drückend empfunden wird, könne schon morgen der Vergangenheit angehören, und daher fordert Dr. Ornstein, der in düsteren Strichen an die Zeit des Konkordats der Sechzigerjahre erinnerte, daß von jüdischer Seite nichts in dem gegenwärtigen Augenblick geschehen dürfe, was eine schärfere Trennung und Absonderung jüdischer und nichtjüdischer Schüler nach eich ziehen könnte. Die ausschließlich jüdische Schule eei aber überflüssig und schädlich und nichts anderes, als diese absolute Absonderung. Es genüge wohl, wenn in den religiösen Fächern der Unterricht für die jüdischen Kinder entsprechend erweitert und ausgebaut wird. Keinesfalls aber müssen in den profanen Fächern Juden als Lehrer fungieren. Hiezu wäre zu sagen: Es ist die Tragik unserer unionistischen Mitbürger, daß sie den Geist der Zeit nicht verstehen, daß sie für all das, was in unserer Umwelt vor sich geht, keine Ohren und keine Augen haben. Nur so ist die Stellungnahme des Sprecher der „Union“ gegen die Forderung nach der jüdischen Sohulo zu begreifen. Es kt der todgeweihte Geist des Liberalismus, aus ENGLISH SCHOOL IX., Kollngasse l, Tel. A18-4-92. Anfänger, Vorgeschrittene, Ausbildung. Konversa» tionsabenle (englische Muttersprache). Chaluzira besondere Ermäßigung heraus der Vertreter der „Union“ spricht. Kein Zionist, so sehr er die positive jüdische Schule fordert, spricht den jüdischen Eltern das Recht ab, ihre Kinder in die Simultansclmic zu schicken, Dr. Jakob Ehrlich führte im wesentlichen aus: „Ich muß zunächst meinem Befremden darüber Ausdruck geben, daß in dieser wichtigen Angelegenheit eine Verfügung getroffen wurde, ohne daß man früher das Einvernehmen mit der Kultusgemeinde gepflogen hat. Dies wäre um so notwendiger, gewesen, als das Präsidium der Kulfcusgemeinde bei der maßgebendsten Stelle Ende Juni vorgesprochen und sein Interesse für diese Angelegenheit kundgegeben hat. Wir stellen dies deshalb mit Nachdruck fest, weil wir wünschen, daß in Hinkunft solche Unterlassungen vermieden werden. Es ist von einem Vorredner behauptet worden, daß wir einen gewissen Widerspruch begehen, wenn wir die Absonderung jüdischer Schüler bekämpfen und anderseits den Ausbau des jüdischen Schulwerkes verlangen. Dies ist irrig. Wenn sich iJuden in Freiheit zusammenschließen, um jüdische Zwecke zu fördern, dann wird eine solche Gemeinschaft, die sich freiwillig zusammengefunden hat, um achtenswerte Ziele zu fördern, sich selbst respektieren können und wird auch den Respekt der nichtjüclischen Welt finden. Wenn aber gegen unseren Willen eine Absonderung vorgenommen wird, die möglicherweise einem fremden Interesse dient, gewiß aber nicht dem unseren, dann wird die Erinnerung an die Judenghetti vergangener Zeiten wachgerufen. Wir haben in Wien eine öffentliche jüdische Volks- und Hauptschule (Thalmud-Thora-Schule) und wir haben auch ein jüdisches Gymnasium mit öffentlichkeitsrecht. Die Eltern, welche ihre Kinder in die jüdische Volksschule oder das jüdische Gymnasium schicken, haben nie das Gefühl gehabt, ihre Kinder in ein Ghetto zu schicken. Sie waren von dem Bestreben geleitet, ihre Kinder in Schulen unterrichten zu lassen, wo sie mit den Satzungen unserer Religion und der Geschichte und Sprache unseres Volkes und überhaupt mit den jüdischen Kulturwerten in einem größeren Ausmaß bekanntgemacht werden, als dies in anderen Schulen möglich ist. Mit der Einrichtung von Parallelklassen war auf katholischer Seite offenbar das Bestreben verbunden, die religiöse Erziehung der katholischen Kinder zu fördern. Es ist ein gutes Recht d er Katholiken, ihre Kinder so zu erziehen, wie sie es auf Grund ihrer Weltanschauung für gut finden, und es liegt den Juden fern, sich in katholische Erziehungsfragen einzumengen. Den jüdischen Kindern hat die Einführung von Parallelklassen aber nichts gebracht als eine mechanische Absonderung, welche die jüdische Bevölkerung mit Recht erregen und in den Kindern das Gefühl der Zurücksetzung hervorrufen muß, wenn ich auch ohne weiters zugebe, daß eine solche Zurücksetzung nicht beabsichtigt war. Wenn aber der Staat den Katholiken die Möglichkeit gibt, ihre Kinder in ihrem Sinne zu erziehen, haben auch jene jüdischen Eltern, die es für wünschenswert halten, ihre Kinder in dem oben erwähnten Sinne erziehen zu lassen, Anspruch darauf, daß auch sie in ihren Bestrebungen von Staats wegen unterstützt werden. Die Kultusgemeinde hat das jüdische Schulwerk bisher nach Kräften gefördert. Es kann darüber kein Streit mehr sein, daß dieses Schulwerk auszubauen ist. Wir haben Anspruch auf Unterstützung aus staatlichen Mitteln, in diesem Sinne waren auch die Ausführungen des Überbaurats Stricker gehalten, und es war eine argo Übertreibung, wenn behauptet wird, daß er die Simultansohulo angegriffen habe. Es sind auch Umschulungen von Kindern vorgonommon worden, denen zufolge eine oder mehrere Schulen in der Leopoldstadt ausschließlich von jüdischen Schülern besucht sein sollen. Vereinigt man ausschließlich jüdische Kinder in e i n c r Schule, dann wird dies nur dann nicht als eine kränkende Absonderung empfundon werden, wenn gleich-- zeitig M dfe finastag dsj &iadür in solchen Schulen Vorsorge getroffen wird.1 Es wird sich aber zeigen, daß nicht einmal genügend Oberlehrer für solche Schulen vorhanden sein werden, geschweige denn, daß eine genügende Anzahl von jüdischen Lehrorn für diese Schulen besteht. Nach meinen Informationen gibt es in Wien unter den ungefähr 5000 Lehrern derzeit nicht viel mehr als zolin jüdische Lehrkräfte. Beim Stadtschulrat sollen, wie mir berichtet wurde, Ansuchon von Juden um Aufnahme in den Schuldienst anhängig sein. Es wäre zu wünschen, daß der Stadtschulrat nunmehr auf diese Ansuchen zurückgreift und dem erwähnten Mangel abhilft. Wir werden selbstverständlich für die Resolution stimmen, sind insbesondere einverstanden damit, daß unser Präsidium ersucht wird, sich um die Rückgängigmachung der Vorfügung zu bemühen und können diesen Bemühungen nur besten Erfolg wünschen. PALÄSTINA im WELT-PANORAMA I./ Stubenring 12 vom 1.—14. Oktober Entree 50 Groschen Dr. Plaschkes führte unter anderem aus: Die Ausschulungen bedeuten nichts anderes als die Schaffung von Judenk 1 a s e e n. Dies aber bedeute nichts anderes als den Zusammenbruch gerade jener liberalen Tendenzen der paritätischen Schule, für die Dr. Ornstein eine Lanze zu brechen für richtig fand. Das Ergebnis dieser liberalen Tendenzen ist heute, nichts anderes als Haß und Verachtung. Die jüdische Bevölkerung betrachtet den Erlaß des Unterrichtsministeriums als eine starke Demütigung. Dr. Plaschkes hebt mit Nachdruck die Notwendigkeit der Ausgestaltung des j üdischen Lehrplanes hervor und erinnert an das segensreiche Wirken des Oberrabbiners Dr. Ohajes, der schon vor Jahren die jüdische Schule als eine Lebensfrage des Judentums bezeichnete. Es ist ein Unterschied zwischen der Forderung nach der positiven jüdischen Schule, die wir als freie Gemeinschaft betrachten und dem demütigen Zwang, den man uns durch den Schulerlaß auferlegt. Dr. Plaschkes erinnert an das Beispiel in Deutschland, wo noch vor Installierung des gegenwärtigen Regimes eine beträchtliche Anzahl von jüdischen Schulen und Lehranstalten bestand, die von den Gesinnungsgenossen der Wiener „Union“ gefördert wurden. Es sei notwendig, den Ereignissen positive Forderung entgegenzustellen. Die weltanschaulichen Unterschiede zwischen der „Union“ und den Zionisten müssen nicht verschwinden. Aber er appelliert an die „Union“, die Zionisten in ihrem Kampf um die positive jüdische Schule im gegenwärtigen Augenblick nicht im Stiche zu lassen. Die Zeit werde durch die Härle der Ereignisse die „Union“ von der Richtigkeit der zionistischen Auffassung überzeugen. Der Vertreter des Misrachi, Dr. Rosenberg, führte folgendes aus: Wir religiösen Juden erwarteten von einer Regierung und Schöpfer einer Verfassung, die mit den Worten „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht“ eingeleitet wird, die Unmöglichmachung einer Verfügung, die auch nur im entferntesten geeignet ist, dio Gegensätze zu unterstreichen. Der gegenständliche Judenerlaß ist für uns eine schwere Enttäuschung, er bedeutet eine Zurücksetzung der jüdischen Kinder, dio Züchtung eines Minderwertigkeitsgefühles, eine Verstärkung der Entfremdung und oino Vorschubleistung für Haß. Als Volk des Rechtes können wir nichts dagegen cinwenden, wenn der Staat auf dio Eigenart seines Volkes Bedacht nimmt, in diesem Falle die Absieht hat, konfessionelle Schulen zu schaffen. Wir verlangen bloß von diesem Staate auch, daß er auf 11 n s 0 r e Eigonart Bedacht nimmt. Durch die Errichtung der jüdischen Schulen wird eine Vereinigung erzielt werden, aber nicht dadurch, wenn ein christlicher Lehrer dem Judenklndo profanes Wissen boibringt, durch Mittel, die nichtjüdisch sind. Es ist eine Vernioh- ,6ung de* jüdtachsa Eigenart* Dieser Erlaß bedeutet ein großes Uhh recht, gegen den wir protestieren müssen, weil er das Ansehen des österreichischen Staates, dem wir mit Liebe zugetan sincl, schädigt. Ich schließe mich dom Proteste an: Gebet den Nioht.judon, was ihnen gehört, gebet auch uns, was uns gehört. Es sprachen noch die Kultusvorsteher Dr. Maier, Baurat Kompner, Dr. Stieglitz (Union). Nach einem Schlußwort des Präsidenten Dr. Friedmann wurde e i nm ü t i g die Resolution a ngcnomino n, die wir an der Spitze unseres Blattes veröffentlichen. ¥ Eine „zuständige Stelle" über den Erlaß Das „Neue Wiener Tagblatt“ veröffentlicht am 16. d. Aufklärungen von zuständiger Stelle über die Einrichtung der „Judenklassen“ an den Mittelschulen. ES wird dort behauptet, daß durch die Verfügung des Unterrichtsministeriums ein Zustand hergestellt, wird, der bis zum Jahre 1919/20 bestand und keinen Anlaß zu Klagen geboten hat. Die Maßregel sei zur Vereinfachung und Erleichterung des Religionsunterrichtes erfolgt. Weiters heißt es: Itf .den konfessionell gemischten Parallelklassen werden keinesfalls etwa nur Schüler jüdischen Glaubens zusammengesetzt. Diesen Klassen gehören vielmehr auch die evangelischen und jene katholischen Schüler an, die in der rein katholischen Klasse aus sehulbechniechen Gründen nicht mehr Unterkommen können. Das ist eine Verwechslung der Begriffe. Es handelt eich nicht um die. konfessionell gemischten Parallelklassen, sondern um die neueingeführten nicht gemischten Judeinklassen, denen man übrigens, auch noch die konfessionslosen Schüler zugewiesen hat. Die zuständige Stelle bezieht sich auch’ auf die Feststellung der „Stimme“,' daß der Unterricht .in deii Judenklassen genau derselbe ist wie in den anderen Klassen; damit sei ungewollt zugegeben, daß es sich nicht um eine Benachteiligung öder Zurücksetzung niohitkatholiseher Schüler handelt* Aber dio Eltern und Schüler sehen gerade, darin, daß der Unterricht derselbe bleibt, eine Zurücksetzung. Es ist eben die Absonderung der jüdischen. Schüler geplant und durohgeführt. Sie können Mathematik und Latein so lernen wie die anderen, aber nicht im selben Zimmer mit ihnen... Das ist es. Restaurant Rillet Bestrenommierte Küche Reichhaltige Menüs iS 1-90 u. 2-60 Schwerster Brä II., Hammerpurgstallgasse 3 (nächst Salztorbrücke Telephon A 41-0-25 „Hier hausen Löwen!" Die „Reichspost“ befaßt sich in einem Leitartikel unter den Titel „Viel Lärm um nichts“ mit der in der jüdischen Bevölkerung wegen des Schulerlasses entstandenen Protestbewegung. Das Blatt erklärt, daß es sich nicht um eine grundsätzliche konfessionelle Gliederung, sondern um eine Erleichterung des Schulbetriebes handlo. Es ist nur merkwürdig, daß man in keinem anderen Staate darauf verfallen ist, Erleichterungen unter konfessionellen Gesichtspunkten vorzunehmen. Die Londoner „Times“ verweist denn auch auf dio in den jüdischen Kreison Wiens hervorgerufono Erregung. Dio „Reichspost“ nimmt aber die Gelegenheit wahr, das politische Roß zu roiten. Sie beschuldigt das Genfer jüdische Komiteo marxistischer Tendenzen. Für eine solche Anschauung gibt es keino Grundlage. Das Genfer Komitee, das der Bundeskanzler persönlich kennengelernt hat, stellt jeder Partei fern und wenn os in der „Ausschlachtung“, wie sich dio „Reichspost“ auszudrlicken beliebt, Assistenz gofundon haben soll — wir wissen nichts darüber — so ist das nicht Sache dor Juden. Dio Assistenz, dio uns bekannt goworclen ist, liogt auf nationalsozialistischer Seite und die Autoren des Erlasses hätten sich diese Wirkung wohl selbst vorher ausmalon können. Die „Reichspost“ schließt ihren Artikel mit den W.orten „Hier, hausen Löwen!“ und Die Debatte dem