Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-09-21 · Heft 387 (21.9.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 387 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3054140-3054142--4502-3060128
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2 — 21. September 1034 DIE STIMME Seite 3 Eine Einladung an die Juden Unter dom Titel ..Besserer Antisemitismus!*4 meint da« Organ der Ostmärkischen Sturm scharen. der ..Sturm über Österreich“, Stellung 7,u den .‘udijüdisohen Parolen. Da« Blatt ersetzt, den Ausdruck ..Antisemitismus“ durch ..Abkehr vom Ungeist der jüdischen (teldsackherrschaft“ und will eineu Trennungsstrich ziehen zwischen dem volks- und religioncgehunderien Judentum und den Assimilationsjuden. Das Blatt erklärt die kapitalistische Entwicklung des Judentums aus den im Mittelalter erlassenen Verboten, Handwerk zu betreiben und Grundbesitz zu erwerben, sowie aus der zügellosen Pogromhetze dieser Zeit. Eine Lösung der Judenfrage, die eine internationale Frage sei, könne nur unter Mitwirkung des volksbewußten Teiles der Judenschaft erfolgen. Sie könne gefördert werden durch kluge und einvernehmlich erarbeitete Staatsgesetze, welche auf den Zusammenschluß der Judenschaft als nationale Minderheit hitizielen. Vor allem müsse natürlich dom jüdischen Volk eine in rechtlicher und praktischer Beziehung entsprechende staatliche Heimat gefunden werden. Der nationalsozialistische Blut- und Mordantisemitismus ist scharf abziilehnen. Es muß ausgeschlos- PALAST XVI'1 sen eein, das religiöse und nationale Judentum als Gegner zu betrachten. Dies der kurze Inhalt des Artikels, an <3em vor allem die bei uns für solche Betrachtungen ungewohnte Sachlichkeit auffällt. Die Beweisführung ist ziemlich mangelhaft. Der Artikel zieht die gegenwärtig in New York durch geführte Untersuchung der Rüstungsskandale als Beweis für die Skrupellosigkeit des Mordkapitalismus heran und spricht im Zusammenhang damit vom ^jüdischen Geist“. Aber gerade mit diesen entsetzlichen Treibereien, an denen sich, wie heute feststeht, auch Deutschland stark beteiligt hat, haben die Juden überhaupt nichts zu tun. Was wir aber besonders vermissen, ist jede Angabe darüber, "worauf sich die von dem Blatte angeregten Staatsgesetze eigentlich beziehen sollen. Eine Andeutung kann •vielleicht darin erblickt werden, daß „das Gastvolk den Produktionsfaktor Kapital nahezu ausschließlich in alleinige Verwaltung übernommen hat.“. Soll etwa gesetzlich statuiert werden, daß Juden kein Kapital besitzen dürfen? Das kann nicht gemeint sein. Aber was? Vielleicht die weiters vorgeschlagene „Regelung durch Verteilung der 17 Millionen Juden“? Wenn eine einvcrnehmlicho Zusammenarbeit mit der jüdischen Minderheit verlangt wird — was wir jederzeit begrüßen — so muß doch der Gegenstand der Besprechungen genau und unmißverständlich bezeichnet werden. Es muß aber auch jeder einseitige, rein auf Grund der Macht erlassene Akt unterbleiben. Eine Diskussion über unsere staatsbürgerliche Gleichberechtigung bleibt wohl ausgeschlossen. Kl WOPROCRAMME PER WOCHE KREUZ-KINO avÄ"I.!S Uraufführung s mit Robert Montgomery, Madge Evans Vorstellungens 4, s/«6« ‘a8, 7*10 Uhr LeopoIdstOdter Volkskino Telophoa8Rr40^-23 Vom 21. bis 27. September: ElnMädelausWlen mit Magda Schneider Wochentags 7j6, VA y«V> Bhty Sonn« und feiertags Vit Uhr Sie essen von 30Groschen aufwärts vorzüglich im GRABEN-KELLER Garantien hat Ba r t li n u. wirman erfährt, auch anderen Staaten gegenüber betont, und es ist hiebei auch ein Staat mit einer Litwinow in Genf stärkeren jüdischen Minderheit in Diskussion gezogen worden. Die französische Regierung hat erklärt, daß eine Minderung des Minoritiit.enschut.zes keinen Augenblick in Frage kommen kann, weil sich der Völkerbund, wenn er derartiges duldet, selbst aufgehen Rußland ist im Völkerbund. Es ist ein großes Ereignis in der Weltpolitik, das sich da vollzogen hat. Die drei europäischen Großmächte England, Frankreich und Italien haben gemeinsam die Aktion eingeleitet und gegen harten Widerstand zum erfolgreichen Abschluß geführt, die drei Mächte, die jede für sich scharfe Kämpfe gegen den Moskauer Offensivgeist haben durchstehen müssen. Man muß an die Sturmtage Italiens sich erinnern, in denen gegen den Kommunismus Mussolini den Faschismus auf den Plan rief; an den großen englischen Bergarbeiterstreik, der von kommunistischen Agenten angezettelt wurde, an die Arcoo-Affäre und den Sturz des ersten Kabinetts Macdonald, hervorgerufen durch den Sinowjew-Brief, dessen Echtheit oder Unechtheit bis heute nicht aufgeklärt ist; an die schweren Februarexzesse in Paris, die zwei Regierungen — nebst einem Dutzend Erschossener — kosteten. Kein Land in Europa und dem amerikanischen Kontinent, das sich nicht des Sowjet- Kommunismus hätte erwehren müssen. Die Sorge um die zukünftige Gestaltung ist denn auch im Völkerbund zum Ausdruck gebracht worden. Der Vertreter der Schweiz, Bundesrat M o 11 a analysierte die bolschewistischen Theorien über Religion, Moral, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft und hob die Zweideutigkeit der ganzen Frage hervor. Verzichte der Bolschewismus auf die Weltrevolution, so verleugne er sich selbst; bleibe er ihr treu, dann sei er der Feind aller. Noch schärfer sprach de V a 1 e r a, der irische Ministerpräsident, der für 300 Millionen Katholiken das Wort zu führen erklärte. Als Vertreter einer Nation, die keinerlei Konfliktstoffe mit Rußland habe, wolle er die Sowjetregierung nochmals beschwören, in dem Augenblick des Eintrittes in den Völkerbund die Garantien, welche sie den amerikanischen Bürgern für die Ausübung ihrer Religion in Rußland gewährt habe, sofort auf alle Einwohn er Sowjetrußlands auszudehnen. Der französische Außenminister hat in einer sehr energischen Pro-Rede auf seine Mirabeau-Biographie zurückgegriffen und dessen Wort zitiert, daß jakobinische Minister nicht immer als Minister Jakobiner sind. Durch die Vorverhandlungen seien die nötigen Garantien geschaffen worden. Von jetzt ab werde man Rußland in Genf haben lind mit ihm alle wesentlichen Fragen besprechen können. Es gelte jetzt, nachdem Rußland sich dem Völkerbund unterworfen hat, die Verantwortung zu übernehmen, auch wenn Frankreich sich den damit verbundenen Gefahren bewußt sei. Die Großmächte, einschließlich Polens, seien zu der Übernahme dieser Verantwortung bereit. Es ist inzwischen bekannt geworden, daß sich die Vorverhandlungen auf die Lage der Konfessionen und der nationalen Minderheiten bezogen haben. Daß »die Großmächte die Verantwortung übernommen haben, ist wohl nicht mehr als eine diplomatische Redensart. Der Himmel ist hoch und Stalin ist weit; aber es ist doch eine Stätte geschaffen worden, an der Kritik und Beschwerde geübt werden kann und dies ist insbesondere für das Judentum von Bedeutung. Es kann für die Juden Rußlands eingegriffen werden und es besteht eine aussichtsvolle Möglichkeit, von außen her an die Beherrscher Rußlands heranzukommen. Die jüdische Religion wird verfolgt, die hebräische Sprache unterdrückt, und das Bekenntnis zum Zionismus ist unter strenge Strafgesetze gestellt. Die Juden, die im russischen Kommunismus an führender Stelle stehen — es sind sehr wenige — sind auch dort päpstlicher als der Papst. Die Juden im internationalen Sozialismus wollen alles, nur nicht Juden sein, und die indirekte Schuld der Bauer und Adler an der Ausbreitung des Antisemitismus ist sehr groß. Auch die jüdischen Bolschewiken sind von diesem Schlag. Aber die Politik des starren Nein, des absoluten Negierens gegenüber allen jüdischen Lebensfragen kann nicht mehr so uneingeschränkt sich ausleben2 twgna Rußlasä im Völkerbund sitzt. Zudem wird es durch seine neue Stellung auch mit der Mandatskommission, respektive mit der Angelegenheit Palästinas in direkte Verbindung kommen. Man kennt die Aspirationen Rußlands im ganzen Orient und es besteht für die zionistische Politik aller Grund, die neue Situation mit gespanntester Aufmerksamkeit zu beobachten. Rußland als große Orientmacht hat auch für die Araber von nun ab stärkere Anziehungskraft und hieraus ergeben sich günstige Aspekten für die Beziehungen der zionistischen Führung zur englischen Regierung. Es kommt nur darauf an, daß die zionistische Führung Mut und Initiative zur Führung einer jüdischen Politik hat. Der Völkerbund, dessen einzige ehrliche Anhänger die Juden sind, gewinnt durch den Eintritt Rußlands jedenfalls an Prestige. Seine Entscheidungen haben mehr Gewicht und der Austritt Deutschlands und Japans ist wettgemaclit. Damit tritt auch das Recht der Minderheiten außer Gefahr. L i t w i n o w I hat in seiner Antrittsrede ausdrücklich den! Charakter Rußlands als vielnationalcn Staat■ betont und damit auf die von Barthou er-1 wähnten Garantien verwiesen. Diese ‘ würde. Ls ist dankenswert, daß diese Erklärungen durch die Arbeit des Komitee d e r j ii fl i s c h e n D e 1 e g a t, i o n e n herbeigofiihrt worden sind, aber es entsteht mehr als je die Notwendigkeit, diese Körperschaft durch einen Kongreß zur wahren Vertretfing der jüdischen Nation auszubauen. Diese vom Willen des jüdischen Volkes eingesetzte Repräsentanz wird für das Beeilt der jüdischen Minderheiten mit vollster Autorität in Rußland und überall sonst eingreifen können. Schulbücher für alle Lehranstalten in den vorgesebriebenen Auflagen, auch antiquarisch« zu wirklich billigsten Preisen liefert die Jüdische Buchhandlung Hermann Tuclmer, Oien II., ECKE Taborstraße Nr. 52 Verzeichnisse umsonst. Spesenfreie Zustellung überallhin Für Auskünfte Telephon R 41-4-20. Antijüdische Hetzereien Venizelos* Gegenüber antisemitischen Äußerungen, die dem früheren Ministerpräsidenten und jeteigen Oppositionsführer Venizelos in einem in einer Londoner jüdischen Zeitung erschienenen Interview zugeschrieben werden, veröffentlicht der jetzige Ministerpräsident Tsaldaris eine Erklärung, in der er die angeblichen Behauptungen Venizelos’ widerlegt und den entschlossenen Willen der Regierung zum Ausdruck bringt, jedweder antisemitischen Hetze in Griechenland energisch entgegenzutreten. „Ich kann mir nicht vorstellen“, erklärt Tsaldaris, „daß die Äußerungen Herrn Venizelos’ dem, was er sagen wollte, genau entsprechen, denn ich kann nicht verstehen, wie ein Politiker, der unser Land wiederholt regierte, sich in solcher Weise über einen so wertvollen und fleißigen Teil der griechischen Nation äußern konnte, nur weil dieser Bevölkerungsteil keine Sympathie für seine Partei hegt. Was Venizelos von dem vaterländischen Bewußtsein der Juden hält, braucht nicht ernst genommen zu werden, denn er läßt, die Opfer, die die Juden für das Vaterland gebracht haben, und ihre Leistungen im sozialen und politischen Leben des Landes außeracht. Dem Vaterland wird ein schlechter Dienst damit erwiesen, daß durch den Mund eines früheren Ministerpräsidenten für die nächste Zeit ein Z usammenstoß zwischen zwei brüderlich zusammenlebenden und friedlich zusammenarbeitenden Teilen der Bevölkerung a n g ekündigt wird. Eine solche Äußerung kommt der Aufreizung phantasievoller Elemente zum Mord gleich. Scheinbar ist Venizelos enttäuscht darüber, daß die Kämpfe auf politischem Gebiet ihrem Ende entgegengehen, und deshalb möchte er sie auf das konfessionelle Gebiet übertragen. Doch wird die traditionelle ’ Toleranz Griechenlands im Verein mit dem entschlossenen Willen der Regierung, erbarmungslos alle Versuche, das religiöse Empfinden des Volkes zu unlauteren Zwecken zu mißbrauchen, zu Boden zu schlagen, ausreichen, um die Bemühungen Herrn Venizelos’ zunichte zu machen. Diese Versuche aber werden kennzeichnend bleiben für die Verstiegenheit Venizelos’, der in einem Augenblicke, da Griechenland vor so vielen schwierigen Problemen steht, nichts Besseres zu tun weiß, als diesen Schwierigkeiten dadurch neue hinzuzufügen, daß er in der Weise, wie er es tat, von einem so friedlichen und nützlichen Bevölkerungselement wie den Juden sprach. Die jüdische Bevölkerung von S al o n i k i ist mit dem griechischen Volke durch unzerreißbare Bande verknüpft und hat die Sympathie und Wertschätzung aller gewonnen. Ich bin vollkommen überzeugt, daß in den Beziehungen zwischen Christen' und Juden k e i ii e Ä n d e r u n g ein treten wird, und daß die Erklärungen Herrn V en i z e. 1 o s’, wenn sie richtig sein sollten, keinen Einfluß auf die im Bewußtsein des griechischen Volkes tief verwurzelten Ideen und Gefühle haben werden.“ Die Erklärung des Ministerpräsidenten hat in der gesamten Öffentlichkeit außerordentlichen Eindruck gemacht. Der Generalgouverneur von Saloniki, R h a 11 i s, hat schärfste Maßnahmen gegen die venizelistischen Zeitungen angedroht, die im Zusammenhang mit dem angeblichen Venizelos-Interview eine wüste Judenhetze betreiben. Man wird abwarten müssen, ob die Äußerungen Tsaldaris’ ihre beruhigende Wirkung tun werden. Venizelos dementiert Eleutheros Venizelos erklärte einer Abordnung jüdischer Mitglieder der venizelistischen Partei, die Londoner Zeitung habe das, was er gesagt habe, durchaus nicht s o rgf ä 11 i g wiedergeg eb e n. Im übrigen bedauere er es, daß er sich über jüdische Fragen zu dieser Zeitung statt zu seinen jüdischen Freunden in Paris und London geäußert hat. Er habe niemals behauptet, daß die Juden Salonikis den Türken näher stünden als den Griechen. Ebensowenig habe er erklärt, daß sie Kommuniste n seien. Er bedauere die von den venizelistischen Zeitungen in Saloniki entfachte judenfeindliche Propaganda und werde diesen Zeitungen dringend n a h e 1 e g e n, ihren Kampf gegen die Juden einzustellen. Die besondere jüdische Wahlkurie in Saloniki werde er selbst wieder errichten, sobald er zur Macht kommen werde. Er werde eine Zählung der Saloniker Juden durchführen, um festzu- RESTAUR ANT U. BAR I., WEIHBURGGASSE 4, TEL. R 20-0-81 ZU DEN DREI HUSAREN UNTER VOLLSTÄNDIG NEUER LEITUNG SAMSTAG, DEN 22. SEPTEMBER, 6 UHR ABENDS, ERÖFFNET! ES KOCHT UND SERVIERT EHEM. HOTEL SACHER-PERSONAL UNSERE PREISE WERDEN SIE TROTZDEM ANGENEHM OBER- RASCHEN. FRANZÖSISCHE, UNGARISCHE U.W.ENER KÖCHE

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.