Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 387 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 2 — 21. September IfKjf Besuchet Eminsers Gaststätten am Praterstern! moderne. Die .Juden sind eine Minderheit nach nationalem oder, wie manchmal behauptet wird, nach konfessionellem Gesichtspunkt. >Sie sind es aber nicht als Angehörige des Staates, als Einwohner, die zu dem Haushalt des Staates genau so beizutragen haben wie alle anderen Minderheiten oder Mehrheiten. Die Juden entziehen sich keiner Pflicht, die aus ihrem Leben in dem Staat fließt, sie sind flir die Monarchie gestorben und sie arbeiten gerne an dem Gedeihen des Bundesstaates mit. Sie sind Patrioten in einer höheren Auffassung dieses so oft mißbrauchten Wortes, weil sie wissen, daß das Gemeinwohl die Grundlage für das Wohl des einzelnen iet. Aber sie wollen nicht- Bürger zweiter Ordnung sein: sie wollen, daß Staat und Gesellschaft ihr Hecht als Bürger anerkennen, nicht nur in der Verfassung, sondern im praktischen Leben. Es ist kein Geheimnis, daß hier gehetzt mul geschürt wird, daß jeder neue jüdische Arzt, jeder neue jüdische Laden eine Flut von elenden Verdächtigungen und Drohungen entfesselt: und es ist kein Geheimnis, daß die Sorge wegen dieser Symptome über die Grenzen Österreichs hinausgedrungen ist. Herr Dr. Schuschnigg hat beruhigt: aber es gibt in Österreich an sehr -wichtigen Stellen Personen, die diesen Intentionen des Kanzlers zuwiderhandeln und das Religions¬ oder Raseemomerit, den Einfluß der bloßen Zahl, für wichtiger halten als die politische Notwendigkeit der ruhigen, befriedeten Fortentwicklung, die der Bundeskanzler unter den Schutz des .Völkerbundes gestellt hat. Der polnische Ninderheifenanfras OK GASTSTÄTTE FÖR JEDERMANN U Kärlnerslrafje Nr. 61 Besitzer Otto Kaserer WIENER RÄTHAUSKELLER volkstümliche Preise In allen Lokalitäten Wien vor 400 Jahren Allabendlich Original Wiener Musik und Gesang Inhaber Ollo Kaserer Vertretung der Jewish Agency in Gent f London, 14. September. (2. T. A.) Der politische Sekretär der Exekutive der Jewish Agency in London, Arthur L o u r i e, weilte im Aufträge der Exekutive drei Tage in Genf, um dort im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Völkerbundtagung die Interessen der Jewish Agency bei der Behandlung der den Aufbau des jüdischen Nationalheims betreffenden Fragen wahrzunehmen — Funktionen, die bisher der verstorbene Dr. Victor Jacobson innehatte. Der Tschechische Nationalrat und die Juden .,När. Politika“ schreibt: „Die Nachricht, daß der Tschechoslowakische Nationalrat beabsichtige, rdch an die Juden in der Tschechoslowakei zu wenden, sie mögen die Verdeutschung tschechischer Städte nicht weiter fördern, wurde hauptsächlich in Mähren überaus herzlich begrüßt, wo das Deutschtum in seiner heutigen Kraft größtenteils von den Juden erhalten wird. So gelingt beispielsweise in Brünn nur mit Hilfe der Juden, daß die Deutschen ihre bisherige Position erhalten, und auch nur mit jüdischer Hilfe wurde den Deutschen die Zweisprachigkeit der Stadt Brünn erhalten. Ebenso werden die deutschen Schulen in Brünn ständig von jüdischen Kindern alimentiert und gefüllt. Wie die Brünner Juden andauernd bestrebt sind, den deutschen Charakter der inneren Stadt Brünns zu erhalten, dafür habe© wir gelegentlich eine Reihe von Beispielen gesammelt. Ähnlich wie in Brünn verhält es sich rnit den Juden in Mährisch-Ostrau, 0 1 m ü t z und anderen mährisch-schlesischen Städten. Wenn auch von der Aktion des Tschechoslowakischen Nationalstes ein durchdringender Erfolg nicht erwartet werden kann, wird sic doch bei der tschechischen .Olfi&tUchksit iöäerhal! Der polnische Minderheitenantrag, dessen wir bereits des öfteren Erwähnung getan haben, ist die Sensation der gegenwärtigen Tagung des Völkerbundes geworden. Polen fordert bekanntlich, (laß die im Völkerbundpakt enthaltenen Sehutzbestimmungen auch von den Staaten registriert werden die dies bisher nicht getan haben. Der Vertreter Polens, der Außenminister Oberst B e e k, hat die Vorlage des Antrages mit der Erklärung begleitet, daß Polen, insolange der Vertrag nicht angenommen ist. jede Zusammenwirkung mit dem Völker bund in Minderheitenfragen ablehne. Dies kommt praktisch einer Aufhebung der Bestimmungen seitens Polens gleich. Dies hat im Völkerbund zu einer sehr scharfen Stellungnahme der Signatar Staaten geführt. Der englische Außenminister Sir John Simon erklärte, er stimme mit Minister Dr. Benes überein, daß bei der heutigen ernsten Lage das wichtigste der Völkerbund und dessen Arbeit sei: er könne darum zu der Kundgebung des polnischen Außenministers nicht schweigen. England habe den Versailler Frie den mit unterzeichnet, dem gemäß Polen die vom Völkerbund garantierten Minderheitenverpflichtungen angenommen habe; Polen könne sich von Verpflichtungen dieser Art keineswegs durch eine einseitige Tat lösen. Der französische Außenminister Bar thou sagte, Frankreich glaube nicht, daß irgend eine Macht das Recht habe, einseitig Änderungen vorzunehmen. Würde Polen wirklich den Völkerbund vor ein fait accompli stellen, so würde ein solches Beispiel nicht nur die Autorität der Verträge in Gefahr stürzen, sondern das Mandat 8 e 1 b s t, mit dem der Völkerbund betraut ist. Der italienische Vertreter Baron Aloisi erklärte, Polen werfe durch seinen Sohritt die Frage der Revision der Verträge überhaupt auf; aber auch in diesem Falle müssen gültige Verpflichtungen bis zu dem Augenblick respektiert werden, wo sie durch andere ersetzt werden. Das Genfer Sekretariat des Ständigen Rates der Kleinen Entente gab ein Communique aus, dem gemäß die Kleine Entente an ihrem bekannten Standpunkt in der Angelegenheit der Minderheitenverträge festhält. Der augenblickliche Stand der Angelegenheit ist der, daß der polnische Antrag der sechsten Kommission des Völkerbundes zugeleitet worden ist. Es sind Verhandlungen im Gang, um die ultimative Erklärung Polens zu beseitigen. Zweifellos handelt es sich darum, daß Polen die Situation, die durch den Austritt Deutschlands geschaffen worden ist, dazu zu benützen, seine Großmachtansprüche schärfer zu betonen. Der Jubel, mit dem die deutsche Presse den Vorstoß aufnimmt, zeigt, daß man dort gerne jede Gelegenheit begrüßt, die Autorität des Völkerbundes herabzusetzen; anderseits übersieht man in CAFt NATIONAL WIEN, II., TABORSTRASjE NR. 18 Morsen, Samstag, 22. September 1934 TANZTRUPPE MAXIMOFF KONZERT ABEND 7*9 Uhr abends. Normale Preise Deutschland, daß durch daß Vorgehen Polens vor allem die deutsche Minderheit gefährdet wird, die mehr als jede andere von den Schutzbestimmungen und dem Beschwerderecht beim Völkerbund Gebrauch gemacht hat. Für die jüdischen Minderheiten bedeutet das Schicksal der polnischen Erklärung einen neuen Gegenstand der Sorge. Die englische Presse erklärt, daß die d r e ieinhalb Millionen Juden PolenB nach der Erklärung BeckB nicht mehr unter dem Schutz des Völkerbundes stehen, sondern ausschließlich von dem guten Willen der polnischen Regierung abhängig sein würden; dies würde, fügt die Presso hinzu, dis Jüdeöhfiifc in der. ganzen Welt auf den Plan rufen. „Ü a i l y H e r a l d“ erklärt im Leitartikel. Polen konnte diesen Sehritt nur darum wagen, weil der Völkerbund sieh gegenüber der deutschen Barbarei gegen die Juden bisher passiv verhalten hat. Polnische Diplomaten erklärten, die Erklärung des polnischen Außenministers bewirke keine Änderung in der H a n d h a b u n g d er M i n d e r heit e nrechte im polnischen, w i e i in deutschen Teil Obersclilesiens; diese Rechte seien auf Grund des deutschpolnischen Abkommens geregelt. Minister Beck Uber die jüdischen Rechte Genf, 17? September. In einer Unterredung mit dem Korrespondenten der Jüdischen Telegraphen-Agentur erklärte der polnische Außenminister B ec k. daß die jetzige Regierung in Polen sieh mit aller Energie der gewisse Teile der Welt überflutenden Welle des Rassenhasses entgegenstemmt und keinerlei B e o i nt r ä c h t i g u n g der Rechte irgendeines Teiles der polnischen Staatsbürger, welcher Rasse, Sprache oder Religion dieser auch angehören mag, jemals dulden wird. Die Rechte der Minderheiten, wie sie in den Minderheitenverträgen fcstgelegt wurden, seien als integrierender Bestandteil in die polnische Konstitution e i n verleibt. Der wirkliche Inhalt, der Minderheitenverträgo bleibt daher unangetastet und deren Durchführung auch in Zukunft gesichert. Polen kann jedoch nicht weiter eine Situation ertragen, die es gegenüber anderen großen europäischen Staaten unter A u snahme r e c ht' ßtellt; dies sei. d e r e inzfg e 6 r u n d für die von ihm am Donnerstag abgegebene Erklärung. Die Gegenerklärungen der Minister Simon, Barthou und Aloisi können Polen nicht zu einer Änderung seiner Stellungnahme bewegen. Polen wird in der sechsten Kommission die Frage der Generalisierung der Minderheitenverträge gemäß dem von der polnischen Regierung der Völkerbundversammlung unterbreiteten Vorschlag diskutieren. Goldmatm und Laski bei Minister Beck Die Herren Dr. Nahiun G o 1 d m a n n und Neville Laski hatten eine längere Unterredung mit dem polnischen Außenminister Jan Beck. In dieser Unterredung gab der polnische Außenminister den beiden Vertretern des Judentums Aufklärungen über die Tragweite des von ihm beim Völkerbund unternommenen Schrittes. Goldmann und Laski legten ihrerseits dem polnischen Außenminister die Stellung der Juden zu dem Problem der Verallgemeinerung der Minderheitenverträge und au der Aufrechterhaltung der bestehenden Schutzbestimmungen dar. Erklärung des Abg. Dr. Thon Abg. Dr. Osias Tlio n, der Vorsitzende des jüdischen Parlamentsklubs in Polen, gab die folgende Erklärung ab: „Für uns bedeutet dieser Schritt insofern keine Benachteiligung, als wir auch bisher von den in den Minderheitenverträgen vorgesehenen Möglichkeiten keinen Gebrauch gemacht haben. Deswegen bedeutet das Vorgehen des Außenministers in Genf keine wesentliche Erschwerung u ne r e r Stellung. Obwohl die Bestimmungen der Minderheitenverträge uns gegenüber nicht erfüllt wurden, haben wir niemals Schutz auf Grund des Völkerbundabkommens gesucht und niemals einen Beschwerdeschritt auf Grund der Mindorheitonverträge in Erwägung gezogen. Dennoch halte ich den Schritt dos Außenministers Beck für einen F o li 1 e r, da er die unangreifbaren internationalen Verträge verletzt; besonders unangebracht erscheint er hn gegenwärtigen Augenblfck, und er könnte zu unerwarteten Folgen führen. Vom polnischen Standpunkt aus* 6 ehe. ich in .diesem Schritt weder für jetzt, noch für die Weitere Zukunft einen Vorteil.“ Die Mandatsfrage ..Sunday Times“ befassen sieh am 18. d. M. mit dem Antrag Polens in der Völkerbundversammlung. die Jurisdiktion des Minderheitenschutzes zu revidieren, und führen aus, es sei nun an der Zeit, a u e li das Problem der Mandate einer Revision zu unterziehe n. Polens Schritt gehe darauf hinaus, daß die vom Völkerbund ausgeübte Vormundschaft aufgegebon werde; dies beziehe sich nicht allein auf die .Minderheitenklauseln, sondern n u c h a u f die M a n d a t e. Tn beiden Fällen habe die in Genf geschaffene Jurisdiktion durch ihr bloßes Vorhandensein einige gute Wirkungen gehabt. Aber die tatsächliche Ausübung der Jurisdiktion schaffe Spielraum für viel parteiische Propaganda. Jetzt, nach löjähriger Gültigkeit, sei es an der Zeit, diese Jurisdiktion zu revidieren. Was die Minderheitenfrage betrifft, ßo glauben „Sunday Times“, daß im Ergebnis des polnischen Schrittes entweder ein neuer Kodex für die Minderheiten — viel schwächer, aber universeller als der bisherige — geschaffen oder daß ein solcher Kodex überhaupt fallen gelassen wird. Kongreß der europäischen Mohanf medaner am ZS» September in Genf Das Organisationskomitee des Kongresses der europäischen Mohammedaner hat beschlossen, die Vertreter der muselmanischen Gemeinden und Kolonien Europas für den 25. September nach Genf einzuberufen. Der Kongreß wird sich auch mit den Problemen der Moslems und.der Juden in Palästina befassen. Wie ein Ritualnacrd- Märchen entstellt Die kleine slowakische Gemeinde M iava war dieser Tage Schauplatz einer gefährlichen Zusammenrottung der christlichen gegen die jüdische Bevölkerung, als bekannt wurde, daß die in Miava gebürtige 22jährige Amme Anna Marton in Begleitung ihrer Mutter bei der Gendarmerie die Anzeige erstattet habe, ihr Preßburger Dienßtgeber, der jüdische Drogist Wilhelm D., habe ihr Blut abzapfen lassen. Durch rasche Aufklärung seitens der Polizei wurde der Angriff verhindert. Die Angelegenheit verhielt sich folgendermaßen: Bei dem Preßburger Drogisten Wilhelm D. in Maierhofen wurde die 22jährige Anna Marton als Amme in Dienst genommen. Sie war früher in Prag bei der Sängerin Jarmi 1 a Novotna angestellt. Der Marton wurde, da ihr Dienstgeber sich Gewißheit verschaffen wollte, daß sie gesund sei, in der Preßburger Klinik eine Blutprobe genommen. Einige Tage später erwachte sie aus dem Schlaf und erzählte einem anderen Dienstboten, man habe eie bet ä u b t, und ihr vom Fuß und anderen Körperstellen. Blut genomm en. Dieses Dienstmädchen erzählte die Sache dem Drogisten, der die Marton sofort zur Polizei brachte und sie dort untersuchen ließ. Der Polizeiarzt erklärte, keine Verletzungen und keine Spuren einer Narkose linden zu können. Die Marton reiste dann nach Miava, erschien dort mit der Mutter bei der Gendarmerie und wiederholte die A nz e i g o. Am 17. d. M. wurde dio Preßburger Polizei aus Miava verständigt, daß dort große Aufregung herrscho. Es hätten Zusammenrottungen bereits stattgofunden und es drohe ein Pogrom. Hierauf wurde vom Landeisamt verfügt, daß in Miava ausgetrommelt wurde, daß au der Marton keino Verletzungen gefunden wurden und die ganze Geschichte oine Ausgeburt i h r e r kr a n k h a f fc e n Phantasie soi. Französischer Unterricht Konversation. Schulnachhilfe, Prüfungen, Handelskorrespondenz, auch außer Haus Sprechstunden von 1 bis 4 Uhr XVIII., Schulgasse Nr. 79, Tür 4