Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 386 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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B*lto 8 Dil tTIMMI Nu T « JR, S«pt«mb«r 19« Ein Neujaßrsgruß des Kibbuz der Wiener Allgemeinen Zionisten Wir erhielten —’leider erst nach Drucklegung unserer Rosch Haschanah-Nummer — folgende Gratulation des Kibbuz Winaith des Jugendbundes G’dud Z’irim im Emek Sebulon. Wir senden unseren Eltern und Anverwandten, wie auch all’ unseren Chawerim die herzlichsten Grüße aus Erez-Israel und wünschen ihnen ein Glückliches Neues Jahr: m unart lriinb nnsarni rrbs tmw im^on ppnpa mnn rt"a natt psia rv«n rrana Mifraz Haifa Kwuzaf) Winaitß Des G'dud Z'irim dw mbp in *rn ti'jdpk mirr ■nn^MK cruB pn naits bin onaa p’bj njj'bs “ibrair mn pnb pna j'BDtb nnat piana axt taunn n'a" b’p ■ox ratpab ’aa 5'täU JTT.T Wir freuen uns aufrichtig über die Anhänglichkeit unserer Chaluzim und wünschen Ihnen ebenfalls ein herzliches 3» ItM seinem eigenem Fleische, zwischen ihm und seinem täglichen Leben.. Noch immer steht er da und spricht: Von der Reinlichkeit, die das Leben erhält, und vom Schmutze, der das Leben dahinrafft. Er spricht von Hunger und Durst und davon, daß Hunger und Durst böse Engel sind, die dem Menschen das Leben rauben, sobald eine Pest kommt, zu töten und zu vernichten, zu vernichten und zu töten... Und dann: „Es steht geschrieben: ,W’chaj bohem, w’lo schejomuss bohem. Das bedeutet, leben soll man, durch sie, durch die Gebote, aber nicht sterben durch sie. Und weiter sagen die heiligen Weisen: Ess laassoss l’Adonoi hephero torussechu: Zuweilen gibt es eine Zeit, wo es angebracht ist, ein Gebot der Lehre. zu übertreten. Zuweilen ist es geboten, daß man die Gesetze verletzen soll, um dadurch Welt und Leben zu erhalten!“ ... Plötzlich höre ich ihn aufschluchzen, und mir wird es warm und weich in der Seele. Und wie ich im Winkel dastehe, bebend und zitternd, beginne ich mitzuweinen und Träne um Träne fließt aus meinen Augen. Noch heute sehe ich ihn oben stehen, wie er die Hand ausstreckt, die Dajanim herbeiwinkt und sehe, wie die beiden zu ihm auf den Almemor hinaufsteigen. Alle drei stehen auf dem Almemor, der Rabbi, der Höchste, in der Mitte, die beiden Dajanim niedriger als er, der eine zur Rechten, der andere zur Linken. Was flüstert ihnen der Rabbi ins Ohr? Warum ist er kreidebleich geworden? Darauf höre ich ihn und die beiden Dajanim gar sonderbare Worte sagen. Klar und deutlich ist ihre Rede und doch kann ich den Sinn nicht erfassen. Wie aus einem Munde kommen die rätselhaften Worte hervor: „Im Namen Gottes und im Namen der Gemeinde gestatten wir heute zu essen und zu trinken.“ Eine schreckliche Stille, eine Todesstille herrscht in der ganzen Synagoge. Plötzlich verstehe ich unheimlich deutlich, was der Rabbiner von uns verlangt. Er verlangt, daß Juden am Versöhnungstage nicht fasten, sondern essen sollen, wegen der Pest, wegen der Pest, wegen der Pest! Ich beginne laut zu schluchzen. Nicht ich allein schluchze, viele schluchzen mit mär, auch die drei dort auf dem Almemor. Am lautesten schluchzt der Höchste unter ihnen, er schluchzt wie ein kleines Kind. Wie ein kleines Kind, so fleht er. Seine Worte sind so weich und milde. Zuweilen kommen, die Tränen und ersticken ihm die Worte in der Kehle: „Essen, gehet essen, es ist so eine Zeit: Es gibt Zeiten, wo es geradezu Gebot ist, die Thora zu verletzen. Lehen soll man durch sie, durch die Gebote, nicht sterben soll man durch sic.“ Aber es rührt sich niemand von seiner Stelle. Und flehentlich fährt er fort, daß er auf sich die große Sünde nehme, sie aber werden rein vor Gott sein, rein, ohne Sünde, ohne Fehl. Aber es rührt sich niemand von seiner Stelle. Und plötzlich verändert sich seine Stimme, er bittet nicht mehr, er befiehlt: „Ich gestatte, ich, ich, ich!“ Wie Pfeile fahren seine Worte einher, wie Blitze treffen sie. Niemand aber rührt sich von seiner Stelle. Und wieder wird seine Stimme weich und flehentlich: „Warum habt ihr euch alle gegen mich verbunden, warum wollt ihr mich zum Äußersten bringen? Ist es euch denn nicht genug, was ich heute vom frühen Morgen bis jetzt gelitten habe?“ Auch die Dajanim helfen ihm und reden auf die Gemeinde bittend ein — vergebens. Und das Gesicht des göttlichen Mannes wurde noch bleicher als früher. Tief sinkt sein Kopf auf seine Brust hinab und ein Seufzer, ein tiefer, herzzerreißender Seufzer, durchdringt die Synagoge von einem Ende bis zum andern, und hierauf läßt sich ein Flüstern vernehmen: „Es ist Gottes Wille“, sagt er mit trockener Stimme, als ob er zu sich selbst reden würde. „Zweiundachtzig Jahre bin ich alt geworden und noch nie habe ich bewußt ein göttliches Gebot verletzt. Aber das ist ja auch ein Gebot, eine Lehre, ein Gesetz. Es scheint Gottes Wille zu sein, daß ich nicht eher sterbe, bis ich nicht auch dieses Gebot halten werde.“ Und Stille herrscht eine Minute lang, Stille, wie in einem Totenhaus. Wieder ertönt die Stimme des Rabbiners. Er ruft den Schammes herbei. Der Sohammes steigt zu ihm hinauf und er flüstert ihm MITLEID Eine chassidische Legende Von Dr. Samuel Rappaport hatte Angst zu erfahren, wie es bei ihm zu Hause aussieht. Am Nachmittag des Versöhnungstages. Auf dem Almemor in der Synagoge steht der Rabbiner hoch aufgerichteten Hauptes. ...Im Winkel steht ein Kind — ich bin es ja selbst — und seine Augen können sich von diesem Anblicke nicht losreißen. Der Rabbi ist alt, ein Greis, wohl achtzig Jahre und darüber. Und doch ist seine Gestalt kerzengerade und hoch, daß er alle überragt. Weiß ist sein Bart, weißer noch sein lichtes Kopfhaar, weiß wie frischer Schnee, auch sein Antlitz ist weiß, so daß man es kaum vom weißen Mantel unterscheiden kann. Weiß waren damals seine Lippen. Nur die Augen, die großen, brennenden Augen, sind schwarz, samtschwarz, und sie leuchten in einem ungebrochenen jugendlichen Ölanze. Von meiner Kindheit an war ich daran gewöhnt, diesen Mann zu verehren. Schon als Kind wußte ich, daß er ein göttlicher Mann ist, auf dessen Wort alles lauscht, dessen Weisungen die ganze jüdische Welt gehorcht. Ich wußte auch, daß er von jether geneigt war, den strengen Gesetzesvorschriften einen leichteren Sinn abzuringen, und daß alle Rabbiner sich seinem Urteil beugten, wie dem Urteil der Thora. ... Schweigend steht die Gemeinde da und harrt darauf, was der göttliche Mann reden wird. Niemand wagt auch nur hörbar zu atmen. Und der Rabbe spricht: Seine schwache, leise Stimme wird von Augenblick zu Augenblick stärker, so laut, daß sie den ganzen Saal beherrscht. Er spricht von der Heiligkeit des Feiertages, von der Absicht, die der Stifter der Thora damit verbunden hat. Er spricht vom Leben und Sterben, von den Lebenden und den Toten. Er spricht von der Pest, die wie ein reißender Strom hereingebrochen ist, plötzlich, schrecklich, tückisch, die alles dahdnrafft, frißt und nicht satt wird, trinkt und ihren Durst nicht stillt. Wie lange, wie lange noch? Seine bleichen Wangen und seine Lippen färben sich allmählich rot und plötzlich höre kh ihn laut sagen: „Und sieht der Mensch, daß Leiden über ihn kommen, so ist es seine Pflicht, sich und seine Taten zu untersuchen. Nicht nur die Handlungen zwischen ihm und Gott, zwischen ihm und seiner eigenen Seele, sondern auch die Handlungen zwischen ihm und seinem eigenen Fleische, zwischen ihm und Groß war die Menge der Frommen, die das große Rathaus in Kozenice füllte. Aus allen Gegenden Polens waren sie, wie alljährlich, gekommen, um an diesem weihevollen Tage des Jom Kippur, dem Tage der Versöhnung und Verzeihung, in der Nähe des Zaddik. des heiligen Rabbi Isarel, des „Kozenicer Maggid“*) zu sein, auf daß mit dessen Gebete vereint auch ihre Gebete von guten Engeln getragen zum Himmel emporsteigen mögen. Schon 3ind die Bitten und Soharstellen, die das Kol Nidrei einleiten, unter Schluchzen und Weinen gesagt. Im Kittel und Tallit gehüllt harren die Frommen des Zeichens des Zaddik. die Andacht zu beginnen. Doch das Zeichen des Zaddik kommt trotz vorgerückter Stunde nicht. Lautlose Stille herrscht im Betraum. Man hört das leise Knistern der vielen Wachskerzen und von Zeit zu Zeit einen in das Herz schneidenden Wehruf des Zaddik, der in Tränen gebadet, den Kopf im TalHt verhüllt, im Winkel neben der heiligen Lade steht und von der harrenden Menge keine Kenntnis zu nehmen scheint. Ein Zittern ergreift die Menge der Frommen. Wie ein Alpdruck lastet es auf ihrem Herzen. Sonst war die Stimmung an diesem Abend von einem weihevollen Ernst getragen. Heute ist ßie überdies noch sehr gedrückt. Sie ahnen es. Etwas Verhängnisvolles schwebt über dem jüdischen Volke, nur dem Zaddik bekannt, dem Zaddik. dev die Last und das Weh von ganz Israel auf seinen Schultern trägt. Schon *) Berühmter Zaddik, Schüler des R. Lewi Jirschak aus Berdvczew und R. EUraelech aus Lezav-k. Bekannt und geehrt, durch seine Wa ..l'.ruu n von Juden, po'iii.-clteni Ade! uud Bauen). Starb 1815. am Rosch Haschanah hatte man es am betrübten Gesicht des Zaddik bemerkt, daß schwere Sorge sein Inneres erfüllt. Als gar der Schofar, der 3onst in früheren Jahren leicht und wie siegesbewußt seine Stimme hinauszuschmettern pflegte, den Satan verwirrend und zum Schweigen bringend, an diesem Rosch Haschanah fast zu verzagen schien und nur mit Mühe gedämpfte und unvollkommene Töne hervorbrachte, da konnte man ee sehen, wie sich eine tiefe Furche ins Antlitz des Zaddik grub und ein stilles, tief ins Herz dringendes Stöhnen sich seinem Innern entrang. Die Zeit rückt unaufhaltsam vor. Die Abondschatten sinken nieder. Schon bricht die Nacht heran. Kol Nidrei hätte nach dem vorgeschriebenen Ritus längst gesagt werden sollen. Aller Augen sind gespannt auf den Zaddik gerichtet, der noch immer weinend in seinem Tallit tief verhüllt dasteht. Doch siehe da! Plötzlich enthüllt der Zaddik sein Gesicht, wischt sich die Tränen au« den Augen und zur Gemeinde gewendet ruft er mit lauter, fast heiterer Stimme: „Ist hier jemand aus Piliw?“ (Pulawy an der Weichsel.) Keine Antwort. Nun ruft er zum zweiten Male: „Wenn jemand aus Piliw hier ist, soll er sogleich zu mir herkommen.“ Da nähert sich ihm aus den letzten Reihen ein Jude, dessen Gewänder Armut verraten, zitternd vor Angst, der Zaddik könne ihm seine Sünden Vorhalten, und sprach: „Heiliger Zaddik! Ich bin aus Piliw.“ — „Du bist aus Piliw?“ sagte der Zaddik. „Und was geschieht dort mit dom Hund?“ — Mit welchem Hund?“ fragte der Mann. — „Nun“, rief der Zaddik, „mit Borysch. dem Hund des j Fürsten, der zu euch kam?“ — „Ach so!“ meinte der Gefragte. „Der Hund lebt jetzt in unserem Städtchen und wir lassen ihn nicht hungern.“ Kaum hat der Mann diese Worte zu Ende gesprochen, als der Zaddik seinen Kopf naoh oben richtete und mit lauter Stimme rief, daß alle vier Wände widerhallten: „Hörst Michuel? (Michael).“ Darauf wandte er sich zur Gemeinde und sagte: „Nun können wir mit der Andacht beginnen und an diesem Tage der Versöhnung den Schöpfer um Vergebung unserer Sünden bitten.“ Verwundert standen alle da. Niemand begriff daa Vorgefallene. Doch erfüllte alle Herzen, ohne zu wissen warum, ein Gefühl der Beruhigung und Erleichterung. Man empfand, daß ein schwerer Bann gelöst und ein unheilvolles Verhängnis abgewendet war und an diesem Jom Kippur die Sünden verziehen und vergeben und ein günstiges Urteil besiegelt werden würde. Als der Fasttag zu Ende war, der Neumond gesegnet und jeder sich durch Speise und Trank genügend gestärkt hatte, versammelten sich die Frommen im Hause des Zaddik, um sich, wie sonst immer an diesem Abend, in heiterer Gemütlichkeit bei Trank, Tanz und Gesang zu erfreuen, wie auch um bei den ersten Arbeiten zur Herriohtung der Sukkah des Zaddik mitzuhelfen. Aber noch einbesonderer Umstand trieb sie diesmal in die Nähe des Zaddik. Alle wollten erfahren, warum der Zaddik seit Rosch Haschanah so traurig, bald nach dom rätselhaftem Zwiegespräch vor Kol Nidrei mit dem Mann aus Piliw aber seino sonstige Ruhe wiedorgewonnen hatte. Ja, man konnte sogar in seinen Augen eine hehre Heiterkeit und frohe Erleuchtung lesen. Welche eigentümliche Bewandtnis hatte es mit dem Hunde des Fürsten? Doch wagte niemand, den Zaddik darüber zu fragen; bis sich einer, der dom Zaddik besonders nahestand, über eindringliche Bitten und Verlangen aller endlich entschloß, ihn unter vielmaliger Entschuldigung um Erklärung des rätselhaften Geschehen« und Zusammenhanges zu bitten. Unter atemloser Spannung aller Anwesenden begann nun der Zaddik au eis zählen: „In Piliw lebte ein würdiger und gottesfürchtiger, aber armer Mann mit seiner Frau und einer im heiratsfähigen Alter stehenden Tochter. Er konnte die Tochter nicht verheiraten, Veil es ihm an den dazu nötigen Mitteln fehlte. Als ein würdiger Bürger sich um das Mädchen als Frau für seinen Sohn bewarb, wollte unser Mann, trotz des sehnlichsten Wunsches, die Tochter zur Ohuppah zu führen, ihn abweisen, weil er sich außerstande wußte, Mitgift und Ausstattung zu leisten. Da drängte seine Frau in ihn, doch alles Notwendige, wie Mitgift und Ausstattung und Geschenke dem Bräutigam zu versprechen und die Tochter zu verloben. Wie könne er so etwas tun? erwiderte der Mann unter Tränen, da er doch über keine Mittel verfüge? Gott wird uns schon helfon und unsere Brüder werden uns nicht verlassen, rief in gläubiger Zuversichtlichkeit das Weib; „du wirst einige Städte besuchen und mit Gottes Hilfe die nötige Summe zusammenbringen“. Der Mann vermochte keinen Widerstand zu leisten. Der Schadchen wurde gorufen, eine Mitgift von zweihundert Gulden wie eine angemessene Ausstattung wurde versprochen und die Verlobung glücklich gefeiert. Die Hochzeit sollte nach einem Jahre, an einem Schon im Verlobungsakt bestimmten Termin stattfinden. Bald nach der Verlobung schnürte der Mann sein Bündel und machte sich auf den Weg-. Leicht fiel ihm das nicht. Er hatte sein Lebtag von niemand Geld genommen, ohne daß er es redlich verdient hätte. Doch was tut nicht ein jüdischer Vater für sein Kind, um so mehr wenn es darum geht, eine erwachsene Tochter unter die Chuppah zu bringen? Er ging von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf. Zwar ging er nirgends leer aus und nirgends versagten ihm die jüdischen Brüder ihre Stütze. Doch die Beträge, die er zusammonbrachto. gingen zu meist unterwegs auf für Wegzehrung und sonstige auf der langen Wanderung nötigen