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Die Stimme · 1934-09-14 · Heft 386 (14.9.1934) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 386 (14.9.1934)
Date
1934-09-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. T « T4. SöpfemÖÄr 1934 ftft« f DfC STIMME rrarn JOM KIPPUR 5695 mnn Jom Kippur bei den Erzvätern Eine palästinensische Legende Einem alten Jüdischen Brauch zufolge ist 'das sagenhafte Grab Bahels während der „furchtbaren Tage“, die schon im Monat Ellul beginnen und erst nach Jom Kippur zu Ende gehen, der heilige Sammelpunkt, an dem, tausende palästinensischer Juden aus allen Teilen des Landes zusammenströmen und inbrünstige Gebete verrichten Unmittelbar vor Jom Kippur aber setzt überdies eine wahre Massenwanderung aller frommen Juden des Landes nach Hebron ein, in die alte biblische Stadt, wo sich die Höhle Machpelah, die Grabstätte unserer Erzväter, befindet. Nach einer Überlieferung des Talmud Jeruschalmi gedachte der Hohepriester am Jom Kippur im Aller heiligsten des Tempels der „Entschlafenen in Hebron", der Erzväter, und an dieser Überlieferung hat das palästinensische Judentum durch nahezu zwei Jahrtausende festgehalten. Bis nun war es den Juden gestattet, nur die ersten sieben Stufen, die in den Vorhof der Höhle Machpelah führen, zu betreten, Seit jüngster Zeit ist diese Beschränkung aufgehoben und die Betenden dürfen sich nunmehr auch in der Höhle auf halten. Eine alte jüdische Legende erzählt: Seit 'der Zerstörung des Tempels verging kein Jahr, an dem nicht ein Minjan, eine Betgemeinde von mindestens zehn Männern, die traditionellen Jom-Kippur-Gebete an der Grabstätte der Erzväter in Hebron verrichtet hätte. Einmal aber geschah es, daß ein allgemeines Judenvertreibungsgesetz erlassen wurde und daß nur noch die letzten neun 'jüdischen Männer in der Stadt blieben. Sie konnten keinen Minjan bilden und waren darüber sehr betrübt. Als aber der Kol- Nklre-Abend anbrach, trat plötzlich aus dem Dunkel der Höhle Machpelah ein unbekannter stattlicher Greis, in einen wallenden Tallis und weißen Gebetkittel gehüllt und schloß sich den in Betrübnis harrenden neun Männern an. Der unbekannte führte die nun komplette Betgemeinde in die an der Grabstätte der Erzväter befindliche „alte Schule“ laut es wurden am Abend und am darauffolgenden Tage die traditionellen Jom- Kippur-Gebete mit großer Weihe und festlichen Tisch laden uiollte, war 'der geheimnisvolle Fremde plötzlich verschwunden. ln der Nacht aber erschien er dem Gemeindeältesten im Traume und eröffnete ihm, daß er Erzvater Abraham sei, und daß er herabgestiegen sei, um den Minjan zu ermöglichen, da er den Kummer der verein samten Gemeinde nicht mitansehen konnte David Frischmann: Ein Schmaus Eine Geschichte will ich euch erzählen: von drei Leuten, die am Versöhnungstag einen Schmaus veranstaltet haben. Nicht etwa in einem geheimen Winkel versteckt, nein, öffentlich, in der großen Synagoge, vor den Augen der ganzen Gemeinde. Nicht einfache Leute waren es, die niemand kennt, vielmehr die vornehmsten frömmsten Männer der Stadt, der Rabbiner und seine beiden Dajanim, und auch nach dieser. Tat blieben sie, was sie gewesen, und die ganze Gemeinde schaute zu ihnen empor, wie zu Heiligen... Ich war damals ein kleines Kind vnd verstand den Vorgang nicht recht. Aber ich ahnte, daß etwas Großes sich ereigne. Es waren dazumal grausige finstere Tage. Ein Unglück kam vom Himmel. Zum erstenmal. Man nannte es Cholera... Aus fernen Ländern, aus Asien, kam das Gespenst zu uns und schlich sieh in unser kleines Städtchen. Es wütete unbarmherzig in den Straßen und würgte in den Häusern ohne Einhalt. Es raste wild durch die Nächte und ungesehen an den hellen lichten Tagen. Wer kann die Toten zählen, die ihm zum Opfer gefallen, wer die Namen nennen? Wer kennt die Zahl der frischen Grabhügel? Am grausamsten wütete die Pest in der jüdischen Gasse. Jung und alt, klein und groß wurden dahingerafft. Kein Haus, in dem es nicht mehrere Tote gab. Oben im Dachstübchen, über der Wohnung meiner Eltern fielen an einem Tage neun Söhne, unter uns, in der Kellerwohnung, starb eine Mutter mit vier Kindern. Im Hause gegenüber hörten wir die ganze Nacht schweres Stöhnen, und morgens wußten wir, daß kein Mensch am Leben geblieben war. Die Leicbewwärter und Totengräber stellten ihre Tätigkeit ein, sie konnten die Leichen nicht mehr bestatten. Die Toten lagen auf der Erde, eine Leiche dicht neben der Inbrunst verrichtet. Am Ausgang des Fastandern, und niemand kümmerte eich um und Bußetäges, als der Älteste der kleinen sie. Gemeinde den unbekannten Greis an seinen j So verging der Sommer, und dann kamen die heiligen Tage und dann der heiligste aller Tage, der Versöhnungstag. Das Kol-Nidre-Gebet: Vor dem Betpult bei der heiligen Lade steht diesmal nicht der Vorbeter mit zwei angesehenen Bürgern, wie es von altersher Brauch ist, son dern der Rabbiner mit seinen beiden Dajanim. Ringsumher brennen die Kerzen, und ihre Flammen knistern leise und unheimlich. Die Betenden drängen eich an die Wände heran, gehüllt in ihre Betmänte! und in den weißen Kitteln und weißen Mützen. An den Wänden schwimmen die Schatten hin und her und bewegen eich unablässig. Sind es die Schatten der Toten, die heute, die gestern, die vorgestern gestorben? Sind sie es, die an den Wänden spuken? Können sie keine Ruhe finden in ihrem Grab und sind hergekommen? Die Stimme des Rabbiners ertönt und dann die der Dajanim. Ein Seufzer durchfährt den ganzen Saal. Dem Seufzer folgen Worte. Man spracht die Einleitung zum Gebet: „Im Namen Gottes und im Namen der Gemeinde, im Namen des himmlischem und im Namen des irdischen Gerichtes gestatten wir, daß man mit den Sündern zusammen das Gebet verrichte.“ Ich lausche. Wozu sagt es der Rabbiner? Wo gibt es denn heute Sünder, warum erwähnt erv dieses Wort? Scheut er sieh nicht, den Satan -zu erinnern, "jetzt in einer so grausigen Zeit?... Eine herzbeklemmende' Angst überfällt mich, und ich spüre, daß die gleiche Angst alle, die da in der Synagoge versammelt sind, alt und jung, umfängt. Da sehe ich, wie der Rabbiner den Almemor besteigt. Wird er heute eine Predigt hensagen, will er eine Strafrede halten oder will er trösten und Mut einflößen? Allein, was ich* höre, ist etwas ganz Neues. Ein neuer Brauch, den ich bisher nicht gekannt. Er spricht eine Seelenandaeht für die Toten, die in der letzten Zeit gestorben und nennt sie alle bei ihren Namen. Ach, wie lange ist die Reihe, wie groß die Zahl der c4m Ende der Tage... (Lied zu Mussaf am Versöhnungstage.j Und alles strömt herbei und will Dir dienen Und schaun den Abglanz Deiner Herrlichkeitt Und ferne Inseln künden Deine Werke Und fremde Völker fragen Deinen Weg. Am letzten Erdenrand singt man Dir Lieder. Und immer tönt es: Groß ist Gott der Herr! Dann werden ihre Götter sie zertrümmern* Dann flammt nur Dir allein des Opfers Gluti Vor Dir allein sinkt jedes Knie zum Staube, Dam wird Dein Äntlitz schauen, wer Dich suchet, Erkennen wird er Deines Waltens Kraft, Dann werden Toren Weisheitskunde lernen Und Lieder singen Deiner Hochgewalt, Als Haupt der ganzen Welt wird man Dich ahnen Im Sternenglanze Deiner Wunderkraft: Und alles wird in Demut zu Dir beten. Und von den Bergen tönen JubeUieder, Eilande jauchzen Deiner Majestät. Und tragen willig Deines Reiches Joch: Denn alles Volk erkennet Deine Macht, Die Fernsten hören*s an — und drängen näher Und bringen Dir die Krone Deiner Welt, (Aus dem Hebräischen übertragen von Bertha Badt-Strauß.) Namen, die er nennt. Minute um Minute! schwindet und noch ist der Rabbiner nicht zu Ende. Er hätte wahrlich besser getan, die Lebemiden aufzmzählem. In jener Nacht hat niemand die Synagoge! verlassen. Nach dem Beten sprach man den Schir hajichud, hierauf ging man zu den' Psalmen über, dann griff man zu Mischnajoth und hierauf zu anderen heiligen Büchern. Morgens aber fehlten wieder einige Beter. Sie waren plötzlich niedergestürzt und standen nicht mehr auf. Gehüllt in den; Betmänteln und in den Kitteln trug man sie; hinaus. So fehlte ihnen nichts mehr zur iIberfahrt vom Leben in den Tod... Aus der Judengasse drangen weitere! Schreckensnachrichten in die Synagoge. Aber es achtete niemand darauf, niemand fragte und niemand wollte hören. Jeder WoQer stammt die Kol Nidrei-Melodie? Idelsoßns Forschungen Professor A. Z. I d e 1 s o h n, Dozent für jüdische Musik an dem Hebrew Union Colleg in Cincinnati, veröffentlichte in dem Annauil (Jahrbuch) dieser Anstalt eine umfangreiche Abhandlungüber die Entstehung der Kol nidre-Melodie. Diese Abhandlung liegt nun in einer Sonderausgabe vor. Prof. Dr. ldeleolui, der in seinem epochemachenden zehnbündigen Werk „H e b r ä i s c h - Orientalischer M e 1 o d i e n s c h a t z“ das ganze Material der jüdischen traditionellen Musik wissenschaftlich erhellte, nachdem er sie in jahrzehntelanger Arbeit erforscht hatte und in ihren Ursprüngen aufdeckte, beleuchtete in dieser Schrift das Kol nidre-Gebot und seine Vertonung und kommt dabei zu staunenswerten Ergebnissen. Zunächst werden uns die verschiedenen textlichen Versionen des Gebotes vor Augen geführt, von seiner ersten Erwähnung durch Nafcronaj Gaon (um 860) über die ersten Veröffentlichungen durch Amvam Gaon, Saadja Gaon, die Revisionen durch Rabbenu l'am und durch Meir Rothenburg bis zu den im 19. Jahrhundert erfolgten Revisionen, an ihren Ende die, Jextgeetaltuug des Inn Jahre 1929 erschienenen ,,Einheitsgebetbuch für die liberalen Gemeinden Deutschlands“ stellt. Die erste musikalische Anleitung bringt das Machsor Vitry im 11. Jahrhundert. Doch weder dieses noch Maharil (um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert) weiß von einer feststehenden Melodie zu berichten, sie geben vielmehr nur Vortragshinweiße. Erst um das Jahr 1600 erfahren wir von einer fixierten Melodie, und zwar durch Mordechaj Jaffe aus Prag, der über die Inkongruenz der feststehenden Melodie mit dem damals üblichen Texte klagt. Durch diese Angaben ist die Entstehungszeit der Melodie festgestellt: sie stammt aus der Zeit zwischen 1450 und 1550. Über den Entstehungsort war man bisher geteilter Meinung. Manche glaubten, besonders im Anfangßinotiv, Spuren von Zigeunermusik zu finden, andere hielten die Abstammung von byzantinischer Kirchenmusik für wahrscheinlich; vorwiegend aber war, durch den Textsinn veranlaßt, die Annahme, die Entstehung im Kreise der Marannen zu finden. Prof, Idelsohp räumt durch scharfe analytische Untersuchung mit all diesen Irrtümern auf. Vor allem hält er die Tatsache für bezeichnend, daß die Melodie allen Sepliardim gänzlich unbekannt und ausschließlich bei den aschkenasischen Juden in Ge brauch ist, und zwar im Osten wie im Westen, bei Mitthag Polen wie bei Minhag Asch kenas. Die Entstehung bei den Marannen müßte bei den Nachkommen der spanischen Juden doch unbedingt wenigstens eine Spur dieser Melodie aufweisen; aber die Rezitationsweisen des Kol nicke bei sämtlichen Zweigen der orientalischen Juden zeigen nicht die, geringste Ähnlichkeit mit der uns so lieb und teuer gewordenen Melodie. Diese selbst beweist durch ihre Elemente, durch ihren Stil, daß sie ein Kind der aschkenasisehen Synagoge ist, geschaffen im deutschen Süden. Sie gehört zu der Gruppe der sogenannten. Missinai-Gesänge, die alle denselben Stil und, bis zu einem gewissen Grade, dieselben Elemente besitzen: die lose Form, die Vorherrschaft der Motive und die Anwendung der gleichen Motive in verschiedenen Melodien. Dies alles sind aber auch Eigentümlichkeiten des deutschen Mannegesangs (11. bis 15. Jahrhundert). Und nicht nur in der Form, sondern auch im motivischen Inhalt zeigen die Missinai-Geßänge Anlehnung an den Minnegosang. Das Schlußmotiv des Kol nidre zum Beispiel, das als solches auch in Olenu und Owoß (an den hohen Feiertagen' verwendet wird, findet sich häufig, ebenfalls als Schlußmotiv, im Minnegesang. Immerhin bezieht Bich diese Anlehnung nur auf den kleineren Teil der Motive; die Hauptquelle. für die meisten ist die Singweise der Haphtarah, wie sie bei den südwestdeutschen Juden gebräuchlich ist, für eine kleine Gruppe außerdem in der Rezitationsart der Estherrolle. Dadurch ist erwiesen: Der Komponist der Kol nidre-Melodie lebte wahrscheinlich in Mitteleuropa und scheint in der südwestdeutschen Tradition erzogen zu »ein. Die Broschüre bringt dann die ältesten bekannten Notationen durch Ahron Beer (Berlin 1765—1821), L. Sänger (München), kopiert 1840 von Naunbourg, Lewandowski und Abr. Beer. In all diesen Versionen ist nur das Anfangsmotiv gemeinsam, während die übrigen Elemente in freier Form zitsammengefügt sind. Diese „freie Form“ (modal form) ist allen Missinai-Gesängen eigentümlich. Dennoch wurde, wie die Bemerkungdes Mordechaj Jaffe in Prag’ beweist, in manchen Orten eine bestimmte Reihenfolge und Ordnungder Motive festgelegt. Die Melodie will nicht die buchstäbliche Bedeutung des Textes nachmalen, vielmehr seiner Intention Ausdruck geben, dem, was das jüdische Gemüt bewegt, wenn es am heiligsten Tage des Jahres sich seinem Gotte nähert. Sie singt von Zerknirschung, von Flehen und Vergebung, von Hoffnung auf Gnade und endlich von starker Zuversicht auf Gottes Erbarmen. Leon Körnitz er.

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