Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 386 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Hr. T *-* 1 '4. September 1954 Dil STIMM! Salto 5 Ranziger Polizeipräsident demissioniert, weil seine Frau Jüdin ist Warschau, 9. September. Die offizielle polnißohe Telegraphen- Ägentur „Pat“ meldet a/ue Danzig, daß der dortige Polizeipräsident seine Demission eingereicht hat, weil es ihm zum Vorwurf gemacht wurde, daß seine Frau Jüdin ist. n«o o^dtt zu haben bei Rabb. Salomon Friedmann. Direkt von Palästina importiert, in sehr schöner Auswahl, auch prachtvolle Ennaitt Provinzaufträge mit Preisbestimmung werden gegen Anzahlung und Nachnahme gewissenhaft ausgeführt. Verkaufslokal: Hotel Baron, Wien, II., Große Sohiffgasse 19. Telephon A 43-1-48 Danziger Regierungsorgan hetzt zu Pogromen Danzig, 6. September. Während die Danziger Regierung in Erklärungen immer wieder ihren Willen betont, daß die jüdische Bevölkerung in Danzig keinem Boykott und keinen Beschimpfungen ausgesetzt werden soll, leistet sich das Organ derselben Regierung, der „D a nziger Vorposten“, fast täglich Angriffe gegen die jüdische B e v ö 1k e r u n g, die als Aufforderungen zu Pogromen aufzufassen sind. . So erklärt das Danziger Regierungsorgan („Danziger Vorposten“) vom 4. September), daß „Gott sei Dank auch heute noch oft in Danziger Straßen das nationalsozialißtisohe Kampflied erklingt: ,Hängt den Juden, stellt die Bonzen an die Wand!‘ Gleichzeitig sieht sich das Organ der Regierung veranlaßt, zu erklären, daß die Danziger Bevölkerung wohl selbst in der Lage sei, ysich gegen die Verteidigungsmethoden der Juden zu verteidigen, die diese in Danzig noch manchmal anwenden zu können glauben.*“ In jüdischen Kreisen hat diese Auslassung des Regierungsorgans außerordentliches Aufsehen erregt. 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Hieraus ergibt eich im Sinne gesamtjüdischer Entscheidung die Verpflichtung zur Arbeit für das deutsche Judentum und für Palästina. „Frei von Steinen und Juden** Berlin, 6. September. Das deutsche Ostseebad Henkenhagen führt seine Werbung unter folgendem Motto durch: „Feinster Sandstrand, frei von Steinen und Juden!“ Furchtbare Not unter den Juden Thraziens und der Dardanellen Saloniki, 9. September. Aus dem Dardanollengebiet und aus Türkisch-Thrazien eintreffende Reisende schildern die furchtbare Not der dortigen Juden. Fast alle noch in G a 11 ipoli, Tschana-Kaleh, Adrian op e 1 und anderen Städten des Dardanellengebietes und Türkisch-Thraziens lebenden jüdischen Familien besitzen nicht einmal mehr den notdürftigsten Hausrat. Ganze Familien ßind gezwungen, ohne Betten, ja oft ohne Decken zu schlafen. Die Kaufleute haben weder Waren noch Mittel, solche nachzuschaffen. Die Anmut ist furchtbar, die Lage im Hinblick auf den bevorstehenden Winter äußerst kritisch. Hundert griechisch-jüdische Familien aus der Türkei vertrieben Saloniki, 7. September. Eine jüdische Abordnung besuchte den griechischen Innenminister Kyrkos und ersuchte ihn, sich der mehr als hundert grieohifich-jüdißchen Familien anzunehmen, die infolge der neuen türkischen Gesetze, wonach Gewerbe und Handwerk von Ausländem nicht ausgettbt werden dürfen, aus der Türkei vertrieben wurden. Innenminister Kyrkos erwiderte, die griechische Regierung werde zugunsten der vertriebenen Juden die gleichen Maßnahmen wie zugunsten der aus den gleichen Gründen aus der Türkei weggezogenen Griechen ergreifen; die Regierung mache keinen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Türkei-Flüchtlingen, eie behandle alle jüdischen Bürger gleich. Der Minister versprach, dafür zu sorgen, daß die jüdischen Flüchtlinge ein Obdaoh erhalten. Paul Hartmann Gust. Gründgens Marianne Hoppe in dem großen Aussiatiungs- und Abenteuerfilm der Terra DER SPION DES KAISERS Ab heule: Tuohlauben-Kino, I. / Stafa-Klno, VII. Palast-Kino, VIII. / Kalvarienberg- Kino, XVII. / Royal-Klno, XVII. / Währlnger Tonfilm-Theater, XVIII. Fast 70.000 Juden in Jugoslawien Zagreb (Agram), 12. September. Anläßlich des jüdischen Neujahrsfestes veröffentlicht die Agramer jüdische Wochenschrift „Zidov“ (Der Jude) eine Statistik über die Juden in Jugoslawien. Danach befinden sich derzeit in 120 jüdischen Kultuegemeinden insgesamt 68.487 Juden, hievon 34.500 männliche und 33.900 weibliche. Die überwiegende Zahl der Juden ist in den größeren Städten angesiedelt und befaßt sich hauptsächlich mit Handel. ALLEN VORAN! DAUERBRANDOFEN FÜR INLAND- UND STEINKOHLE, KOKS UND ANTHRAZIT BEIM HOLZ-DAUERBRANDOFEN | PRIMAT | 307. BUNDESZUSCHUSS IV., PRESSGASSE 28. TEL: B 20-2-38. - I., PARKRING 12. TEL. R 20-3-57. Isaak Deutsch - ein jüdisches Künstler-Schicksal Zum Tode des großen jiddischen Schauspielers Das ln Wien vor kurzem verbreitete Gerücht vom Tode des hier •<ehr bekannten jiddischen Schauspielers Isaak Deutsch in S ao Paolo hat sich leider bewahrheitet. Die. bei Blattschluß uns erreichenden dortigen Blätter enthalten die Parte vom Tode des beliebten Schauspielers. Isaak Deutsch ißt nicht mehr. Verklungen für immer der innige Wohllaut seiner Stimme, verklungen das unvergeßliche Lied der Sludskaer Kindheit. Mit Isaak Deutsch scheidet aus dem Leben eine überaus markante Gestalt des modernen jiddischen Theaters. Das jiddische Theater in Wien, insbesondere nach dem Weltkriege, war mit Isaak Deutsch identisch. Er war die Seele des jiddischen Theaters. Er begann im alten Hotel Stephanie, in der ehemaligen „Jüdischen Bühne“, dem ersten jiddischen Theater in Wien überhaupt, und verstand es, trotz der damals überaus seichten und oft niveaulosen Operettenspiele die Aufmerksamkeit auch des ernsten Theaterkritikers auf sich zu lenken. Seine Kunst, die er aus profundem jüdischem Empfinden und Wissen schöpfte, hatte stets Profil und Charakter. Er verfügte über eine wunderschöne Tenorstimme, die ihn, wenn es eine jüdische Oper gegeben hätte, zu einem glänzenden Opernsänger prädestiniert hätte. Wiewohl er als Schauspieler oft unsympathische und derbe Rollen bevorzugte, und gerade in solchen besonders reüssierte, war er in seinem Liedvortrage Vermittler und Sender einer feinst nuancierten jüdischen Gefühlswelt, war sein Gesang von unendlicher Weichheit und Gemtttstiefe erfüllt. Mit Isaak Deutsch sinkt ein Stück Wiener jüdischer Theatergeschichte ins Grab. Isaak Deutsch’ große Zeit als Schauspieler, Regisseur; und JßkeätfirteR«: in den ernten Nachkriegsjahren an, als er mit einer Schar junger, talentierter jiddischer Schauspieler unter den schwierigsten Bedingungen daranging, die „Freie Jüdische Volksbühne“ zu schaffen und damit den Kern zur Entwicklung eines modernen jüdischen Kunsttheaters in Wien zu bilden. Die „Freie Jüdische Volksbühne“ war Isaak Deutsch’ eigenstes Werk. Isaak Deutsch verließ die Operette, die ihm sicherlich nie zugesagt hatte, gemeinsam mit dem unvergeßlichen Nestor der jüdischen Schauspielkunst, Jonah Reißmann, und zog in ein kleines Kellerlokal in der Unteren Augartenstraße, wo er den neuen jiddischen Kunststempel aufsclilug. Es war im Winter 1920/21. Isaak Deutsch darbte und hungerte, um aus den kärglichen Einnahmen die Regiekosten, Heizmaterial und Beleuchtung, decken zu können. Bald stand das kleine Theaterchen in der Augartenstraße im sensationellen Mittelpunkt des Wiener Theaterlebens. Man horchte auf. Auch die nichtjüdische Theaterwelt dieser Stadt. Hier im Souterrainlokal des alten Wiener Ghettos trat zum ersten Male der große „Unbekannte“ des jiddischen Theaters unter dem Pseudonym Ben Z w i auf. Bald lüftete sich das Geheimnis, daß sich unter diesem hebräischen Pseudonym kein Geringerer verberge, als der berühmte Moskauer Schauspieler Dr. Paul Baratoff, der als Arzt und Emigrant damals in Wien lebte. Isaak ßeutecfc war es, der Baratoff zur jiddischen Bühne brachte, der ihn Jiddisch lehrte. Deutsch' Verdienst war es, aus dem ehemaligen kaiserlich russischen Schauspieler Baratoff den jiddischen Schauspieler Ben Zwi gemacht zu haben. Die schweren Tage und Abende im Kellerlokal sollten bald der Vergessenheit angehören. Die großen Wiener Theater, allen voran der geniale Theaterkopf Jarno mit seinem Josefstädtertheater und Stadttheater, öffneten gastfreundlich ihre Tore den jiddischen Schauspielern. Es begann die große triumphvolle Zeit des jiddischen Theaters in Wien und damit im Leben und Wirken Isaak Deutsch’. Die nichtjüdische Presse vvidmete in jenen Tagen dem jiddischen Theater spaltenlange Berichte und Artikel, sogar antisemitische Zeitungen wetteiferten in Elogen über jiddische Theaterkunst. Nach einem erfolg- und arbeitsreichen Theaterjahr faßte Isaak Deutsch mit seiner Truppe endlich im alten Wiener Lustspieltheater im Prater festen Fuß. Hier spielte die begeistertejunge Theaterschar unter der Leitung Isaak Deutsch’ einen Winter lang ausgezeichnetes jiddisches Kunsttheater. Die „Freie Jüdische Volksbühne“ war im jüdischen Kulturleben Wiens ein bedeutender Faktor geworden. Wer erinnert sich nicht an die eindrucksreichen, von hohem Niveau getragenen Aufführungen unter Isaak Deutsch* Regie. Es war kein expressionistisches Theater im Sinne der „Habimah“. Es war nicht der Impressionismus der „Wilnaer“. Es war nicht das Filmisch-Exzentrische des Granovskysohen Moskauer Künstlertheaters. Und doch war diese „Jüdische Volksbühne“ unter Isaak Deutsch ein ganz blendendes jüdisches Theater. Aufführungen wie Gordine „Über dem Ozean“, „Der Unbekannte“, „Der Fremde“, Pinskys „Eisik Scheftel“ und Einakter „Vom Glück vergessen“ (eine der feinsten und unvergeßlichsten Rollen Isaak Deutsch’), ferner^ „Jedermanns Gott“, „Der Landsmann“, »Dia kluge Frau“ und nickt zuletzt Kobrins „Der Dorfsjing“ u. v. a. zählten zu den besten moderner jüdischer Theaterkunst. Das große Judenzentnun Wiens mit seinen 210.000 jüdischen Bürgern hat es nicht vermocht, diesen Kern eines guten jüdischen Kunsttheaters in Wien auszubilden, und die widrigen Zeitumstände der folgenden Jahre fegten, wie vieles andere, auch die Institution eines ständigen jüdischen Theaters in Wien weg. Isaak Deutsch machte noch krampfhafte Versuche, ging mit seiner Truppe nach Rumänien, verlor dort auf tragische Weise seinen Freund und Mitarbeiter Strieower durch Selbstmord und kehrte dann resigniert nach Wien zurück. Was seither jiddisches Theater sich nannte, war nur ein Torso von früher und lebte nur im Schatten früherer glanzvoller Tage. Nun ist Isaak Deutsch fern von seiner Wahlheimat Wien — Isaak Deutsch stammt wie die meisten jiddischen Schauspieler aus Irgendwo in Rußland —- in Sao Paolo wohin er echon vor Jahren zu Gastspielzwecken gefahren war, gestorben. Echtes jüdisches Künstlerschicksal! Ab und zu kehrte Deutsch uoch nach Wien zurück. Das letzteraal vor etwa drei Jahren spielte er hier mit der sympathischen Partnerin Ester Perlmann. Es sollte sein letztes Gastspiel sein. Isaak Deutsch kommt nicht mehr wieder. In Isaak Deutsch verliert nicht nur das jiddische Theater einen seiner prächtigsten und verdienstvollsten Leiter, um Isaak Deutsch trauert nicht nur die ganze jiddische Theaterkollegenschaft in Wien, der er ein stets hilfsbereiter und vorbildlicher Kollege war, um ihn trauert die ganze große jüdische Theatergemeinde, der er unvergeßliche Stunden durch seine hohe Kirnet geschenkt hat. Dafür sei ihm, diesem treusten Diener und Träger der Idee des jüdischen Theaters, gedankt und seinem Andenken Ehre bewahrt. Jakob Rosenthal.