Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 385 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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I«ft« fl DII STIMM! Nr. 335 — 7. September 19S4 BMHMIMMMMMMWMBBHIilWMgB IWUMMMBK» J. E. Poritzky: Sabbatfas* Abschied Draußen in der Vorstadt, In irgend einem verborgenen Winkel, steht das kleine, müde Häuschen, das sie jetzt schon nahezu fünfundzwanzig Jahre bewohnen. Es sind Juden und obwohl sie deshalb von ihrer rohen Nachbarschaft viel auszustehen haben, geht es ihnen dennoch ganz leidlich. Ihre Kinder, die ihnen in demselben Häuschen geschenkt wurden, gehen anständig gekleidet und die 22jährige Lea hat sogar für ihre Kinder allein einen Schrank nötig. Lea hat aber noch drei Geschwister: Rafael, Temma und Bernhard. Der Letzte, Jüngste, wird sicher einmal etwas Bedeutendes werden, denn er obliegt nur mathematischen und geometrischen Studien: Gedichte kann er nicht ausstehen und .Romane sind „Schwindeleien“; das einzig Wahre ist die Natur. Alle«, was an dem Häuschen au sehen ist, scheint mit ihm innig verwachsen... jeder Nagel... jeder Stein. Im Hof spazieren ein paar schwarzgefiederte Hühner herum, die ein weißer, welscher Hahn unter seinem Regiment hat, und an der Hofmauer ziehen sich mehrere Gänseställe entlang, deren Insassen den Tag über ein ohrenbetäubendes Geschnatter führen. Der Mann, den unendliche Sorgen niedergedrückt und mutlos gemacht haben, träumt im Hause umher..» Er hat das Gefühl, daß ihm nichts mehr gelingen wird auf dieser Welt; er empfindet, daß er fast überflüssig ist. Darum hat er auch nicht den Mut, etwas zu beginnen, das seiner würdiger wäre als diese schmachvolle Bettelei. Nachts nimmt er seinen schweren Hausierkasten und geht damit von Wirtschaft zu Wirtschaft... von Tisch zu Tisch... drei... vier... fünf Stunden lang. Bis nachts ein Uhr. Manchmal bringt er bloß .zehn Pfennig nach Hause; immer aber eine reich verwundete Seele. „Na, Jakob! Wie schmecken die frischen Schweinewürstchen?“ ulkt ihn ein Student an. „Gut“, murrt er lachend, „sehr gut“. „Jakob, scher’ dich weiter“, sagt ein Angeheiterter zu dem fast 60jährigen Juden und stößt dessen Kasten brutal vom Tisch herunter, daß alle Waren herumfliegen. Er bückt sich eine halbe Stunde lang und sucht die Waren zusammen, denn sie kosten ihm teures, erborgtes Geld. Jakob, deT Hausierer, muß aber schweigen, sonst wirft ihn der Wirt noch zum Lokal hinaus. „Jakob, du bist ja steinreich; wozu plagst du dich so herum?“ sagt ein mildtätiger Stammtischkommis. „Mein Reichtum sei Ihnen beschert“, wünscht er ihm voll des glühendsten Hasses. Ach, wenn er einmal so einem verfluchten Kerl die Gurgel umdrehen dürfte! denkt er im stillen. Den Tag über sitzt der Hausierer auf dem Sofa über den Psalmen Davids und schöpft Trost daraus. Wenn er nicht seine Frau hätte und gerade diese Frau, dann wäre er längst untergegangen. Denn eie ist es, die durch eine qualvolle, unmenschliche Arbeit dem Haushalt ein so angenehmes Aussehen verleiht. Auf der Frau ruht alle Arbeit. Oh, und wie arbeitet sie! Was die Kinder auf dem Leibe haben, danken sie dhr. Jedes Stück Möbel ist mit tausend Sorgen erkauft und jeder Bissen mit heißem, heißem Mühen dem Leben aibgejagt und abgerungen .. o Und dennoch, trotz all dieser Werktagslasten kommen am Sabbath drei oder gar vier Gerichte auf den Tisch; so hat sie es bei ihren Eltern gesehen und bo müssen es ihre Kinder wieder sehen, bis — nach hundertzwanzig Jahren — der Schöpfer sie zu sich rufen wird. Wie das Geld dazu aufgetrieben wird, weiß sie selber nicht recht; aber wenn der Sabbath da ist, dann sind auch die Speisen da — wie durch ein Wunder. Und sie schmecken ihrem Manne ausgezeichnet. Der Sabbath mit seinen mannigfaltigen Gerichten ist wirklich eine Erholung für ihn wie für die anderen. Ein Jauchzen und Julbeln durohströmt das Häuschen, wenn der Sabbath naht... dann ist allemal Frühling und über alle kommt ein Singen und Erwachen... Und eine ungemein zarte Poesie webt durch Räume, die Jakob, der Hausierer, mit seiner Familie bewohnt, wenn der Sabbath wieder verschwindet.., stille Trauer und leises Frieren geht durch jedes Herz... dann ist allemal Herbst und über alle kommt dumpfes Weh und heiße Sehnsucht ... Daß ist die Stunde zwischen dem Abend- und Nachtgebet; die schönste Stunde, die stillste, die innigste, die der fromme Jude kennt. Da öffnet sich das ewig gequälte, erngekerkerte Herz in seiner tiefen Zauberschöne und es strömt aus ihm hervor ein reicher Quell flammenden Sehnens, und der immer erstickte Schmerz lebt sich aus in heiligen, teuren Stimmungen. a Ein grauer Winterabend senkt eich früh hernieder wie ein sohwemasser Fittich und (ie dämmerige warme Stube, in der sie alle fast schlafend beisammen sitzen, gleicht einem goldenen Käfig... aber einem Käfig... Es ist still... Ganz still... Draußen fällt der Schnee immer dichter; sanft wie Blumenblüten legt er sich auf die Erde und schläft. In der Stube schwitzen drei Scheiben unaufhörlich und an der einen steht Lea und schreibt den Namen ihres Liebsten wohl zum hundertsten Male auf da« beeohlagene Fenster; aber niemand sieht es... Die Kuckucksuhr, die das einzige Geräusch macht, meldet oben die vierte Nachtnittagsstunde und weckt mit ihrem Ruf den schlummernden, wohlgesättigten Hausierer aus seinen Träumen von der künftigen Welt. Das schwarzseldene Käppchen, das ihm fast auf das linke Ohr gerutscht ist, fällt durch eine jähe Kopfbowegung herab und seinen schlaffen Händen entfällt vor Schreck die heilige Bibel mit den abgestumpften Messingkanten. Mit beiden Händen hebt er eilig und dennoch sanft das Buch vom Boden auf und küßt innig den Einband, den die Zeit schon lange zernagt hat. Dann setzt er sich das Käppchen auf und summt und murmelt in den überkommenen Melodien den Wochenafaschnitt. Das Summen wird immer leiser und eintöniger... Die Töne haben etwas Einschläferndes und es dauert auch nicht lange, bis er schläft... aber er wacht wieder auf und summt wieder... und schläft wieder ein. Die Uhr hat aber auch seine Frau geweckt, dieses kleine Mütterchen mit den scharfgemeißelfcen Zügen. Die Wochenarbeit hatte sie übermannt, und ihren Kopf auf die plüschene Lehne des grünen Sessels stützend, war sie eingeschlummert. Aber jetzt fällt ihr Blictk auf Lea. „Großer Gott!“ ruft sie, „mein Kind, was tust du? Am heiligen Sabbath schreibst du! Weh mir, weh mir! Wehe meinen alten Tagen!“ Lea läßt die Hände sinken und es wird ihr aiuf einmal so weh... Tränen rinnen ihr über die Wangen; aber sie fühlt es nicht. Sie starrt hinaus auf die Straße, wo kleine blaugefrorene Mädchen sich mit Schnee bewerfen und lustig lachen... Und das Feuer scheint der Kuckuck auch aufgemuntert zu haben, denn es prasselt und. knistert jetzt, als ob Salz auf die verglimmenden Kohlen geraten sei. Temma liegt noch auf dem Sofa und kämpft mit sich, ob sie die Augen aufsohlagen soll oder nicht... Bernhard, der im Hinterstübchen liest, beginnt wieder seine mathematischen Formeln zu studieren... Kurzum alles, wie eines bösen Zauberbannes entfesselt, wacht. Aber dennoch ist alles still in der Stube. Tonlos schwatzt die Wanduhr fort, gemütlich die Stunden zerhackend. Schnurrend putzt sich die Katze, wohl die Gäste meldend. Der Lehnstuhl mit den alten Schnitzereien Geweihte Stunden Sie sind wie Engel, die auf leisen Schwingen Aus gnadenreicher Höhe niedergleiten, Und jene Weihe in die Seele bringen, Die sic emporträgt über Niedrigkeiten. ln ihnen klingt Musik aus andern Sphären, Aus ihnen weht der Glanz der Ewigkeit. Als Boten, die dem Himmlischen gehören, Sind sie erhaben über Raum und Zeit. Ein Erdgelöstes ruht auf solchen Stunden! Sie wollen unsern Blick zur Gottheit lenken, Und in des Lebens Dunkelheit und Wunden Den Strahl des Friedens und der Hoffnung senken. E. Kornblum,. auf dem Haupte ächzt unter der sich zur Seite neigenden Last des alten Hausierers. Der Samowar steht auf dem Tisch und singt mit seiner feinsten Kopfstimme eine süße Melodie... Die ganze Stube duftet nach den starken Teeblüten... Die Fenster sind schon dicht beschneit und die Sünde Leas ist kaum zu erspähen; nur mit Mühe erkennt man noch die verblaßten Buchstaben. Tritte erschallen im Korridor... man hört, wie jemand den Schnee von sich, abschüttelt und mit den Füßen stampft. Pelzvermummt tritt Rafael ein. Er sieht, daß alles schlummert und tritt leise auf, wirft ebenso vorsichtig den Pelz ab und rückt mit seinem Stuhl an den Ofen. Er haucht in die Hände und schaut in die Feuersglut, seinen Gedanken nachhängend... Im Hofe kräht eben der Hahn und stolziert ins Hühnerhaus, wo die Hennen ihres schönen, stolzen Beschützers harren... Der Hausierer schlägt verwundert seine schafsüchtigen Augen auf und sinnt und sinnt... durch seine Seee zieht ein Lied... und leise, leise beginnt er tiefbewegt dio Melodien des heiligen Versöhnungstages mit feiner Kopfstimme zu singen. Rafael begleitet ihn unwillkürlich im tiefsten Bariton, Lea im Mezzosopran und Bernhard im warnenden Baß. Temma spielt die kritische und das Mütterchen die mitempfindende Zuhörerin ... Und das Lied schwillt an und wächst... die Herzen weiten sich, und wuchtigen Wogen gleich, strömt der Ton hinaus... er wird zur Klage, zum Schmerzensschrei... zum Hilferuf. Und immer dunkler wird es in der Stuibe, und in einem düsteren Winkel lauscht das Märchen im Gewände des Ghetto. In wehevolles Klagen verwandelt sich das Singen, in schmerzensreiche Klagen... GHETTO-MÄRCHEN ..... Von Dr. Leopold Kompert Der Segen ist gekommen Wenn man den „Segen“ in seinem Hause bemerkt, so spreche man lieber nichts davon! Hinter jedem Segen lauert ein böser Sched (Geist), der im Augenblick de3 Ausspreohens seinen giftigen Hauch darüberbläst. Das hat sich Jossel Kozanda, der ein Dorfgeher war, sehr wohl gemerkt. Denn als er eines Freitags von der Wochenwanderung durch die Dörfer zurüekkehrte, war seine Seele traurig und gramvoll, weil er nicht einmal so viel ,gelöst“ hatte, um sich damit den Sabbath zu machen. Wenn er zum Wirtshaus in der großen Allee kam, wußte er, stand sein gutes Weib Perl und begehrte Geld von ihm für eben diesen Sabbath. Und mit Verzweiflung dachte er daran, wie er den letzten silbernen Löffel, den er noch von seinen Hochzeitsgeschenken her hatte, werde nehmen und zu Kalme, dem Goldschmied, werde hintragen müssen. „Was soll man tun“, meinte er still in sich, „der Sohabbes muß gehalten werden.“ Fast in dem nämlichen Augenblick stand ein Bauer vor ihm, der zu kaufen begehrte. Jossel öffnete den Pack, der Bauer „handelte“ nicht und belud »ich mit der Ware, worauf er ihm das bare Geld in die Hand zählte. Damit ging Jossel Kozanrla fröhlichj i ad Gott preisend weiter; nur wunderte er, sich, (laß, als er sich nach dem Bauer um-j blickte, nichts von ihm zu sehen war* Die Straße machte doch keine Krümmung. Bei dem Wirtehaus fand er sein Weib; er gab ihr Geld auf „Sohabbes“, Räume. Auf dem Tische lagen schon die herrlich gebräunten weißen Brote, und Perl schuppte soeben einen großen Fisch ab. „Warst du vielleicht bei Kalme, dem Goldschmied?“ fragte er sie verwundert. „Was fällt dir ein?“ entgegnete sie. „Und wie hast du Sohabbes gemacht?“ „Ich hab’ noch Geld von vergangener Woche.“ Sie eahen sich darauf einander an; es war ein Gedanke in ihrer Seele, aber sie sprachen ihn nicht aus. Am folgenden Freitag wartete Perl wieder nicht, und Jossel fand wieder Sohabbes gemacht, leuchtender und duftender als je zuvor. Das ging so durch viele Jahre; nicht nur für den Sabbath, für die ganze Woche war immer Geld da. Es blühte und grünte in dem Hause des. Dorfgehers, sichtbar rauschten die Fittiche dee Segens darüber. Er, der arme, verachtete Mann, der nicht einmal das Wochengeld für den Rabbi aufbringen konnte, schickte ihm nun jeden Freitag mehr als jeder andere, und Perl, die in einem versteckten Winkel der „Weiberscbule“ gestanden, wo sie von dem, was in der „Männerschule“ vorging, nichts erfuhr, hatte ihren „-Ständer“ jetzt oben, den dritten von der Vorsteherin. Am Totenbette Jossel Kozandas stand dio' ganze Gesellschaft der Kabbronitm (Bruderschaft der Totengräber) und Bagte mit ihm die letzten Gebete. Er aber hieß sie sämtlich hinausgehen, bis auf sein treues Weib Perl, die ihm nähertr-eten mußte. „Ich geh’ jetzt aus der Welt“, sagte er, „soll ich nichts reden?“ „Schweig lieber“, entgegnete sie, Nun traf es sich, daß am nächsten Freitag sein Weib seiner nicht wartete, nämlich dort beim Wirtshaus; ja, als er in seine Stube trat, dünkte es ihn noch sonderbarer. Denn da leuchtete und duftete der Sabbath durch alle „bis du drüben bet Gott bist, da kannst du dich bedanken.“ Also schwieg er; aber ein Lächeln konnte er sich nicht versagen, und sie lächelte auch. Konnte es sich da glänzender offenbaren, daß' der Segen über sie gekommen war? Nicht sterben können In stiller Nacht war es einmal dem Schulklopfer, als hörte er den Hammer, womit er frühmorgens und abends dio Leute zur Synagoge rief, in leisen Schwingungen auf und nieder gleiten. „Der Hammer läßt mich nicht schlafen“, sagte er zu seiner Tochter, die, ebenfalls wach, den unheimlich leisen Schlägen lauschte. „Einer wird sterben wollen in der Gasse“, sagte Bie schaudernd, aber gleich darauf schrie sie in ungeheurer Angst: „Lebendiger Gottl der Rabbi wird es sein.“ In demselben Augenblick hörten die Schwingungen des Hammers auf; draußen aber pochte jemand ans Fenster, und eine hastige Stimme rief: „Steht auf und geht in Schul klopfon. die Leute sollen Thillim sagen. Der Rabbi liegt im I Sterben.“ In stiller Nacht ertönten nun die drei bekannten Zeichen des Hammers an jeder Tür. Aufschauernd in den innersten Fasern ihrer Seele, hörte die Tochter, wie ihr Vater von Haus zu Haus schritt, und als nun der letzte Schlag an der letzten Tür der Gasse verschollen war, meinte sie, jetzt müsse der Rabbi seinen letzten Atemzug getan haben. Da mußte sie bitter weinen. Aber das Thillimsagen der Leute hielt seine scheidende Seele noch zurück, noch wichen die Schatten des Todes nicht vom Rabbi. Frühmorgens war er ein Sterbender, und seine Bachurim wehklagten laut. Man nahm nun Wachs und Docht, man maß die ganze Körperlänge des kranken Rabbi und formte danach ein riesiges Licht. Dem zog man einen Sterbekittel an und trug es dann hinaus auf den „guten Ort“, wo man es zu den Toten begrub. Dennoch mußte man bald daran denken, die Körperlänge dos Rabbi — für die sechs Bretter Beines Sarges zu brauchen. „Gott, starker Gott!“ schrien dio Bachurim, „wie sollen wir es denn anfangen, daß der Rabbi leben bleibt?“ „Kommt Jahre für ihn sammeln“,’ sprach darauf einer, „vielleioh hört uns Gott.“ Ein Bocher ging nun von Haus zu Haus, ein Papior in der Hand, dahin ein jeder schrieb, wieviel Jahre, Wochen oder Tage seines oigenen Lebens er für den storbendon Rabbi gab. Des Schulklopfors Tochter stand vor der Haustür, als der Bocher mit dem Papier gerade vorbeiging. „Und du gibst nichts für den Rabbi her?“ rief er ihr zu. „Mein Leben. mein ganzes Leben geb’ ich für ihn hin“, sprach sie schluchzend. „Soll ich das einschrciben?“ „Schreibt, schreibt!“ So