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Die Stimme · 1934-09-07 · Heft 385 (7.9.1934) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 385 (7.9.1934)
Date
1934-09-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 385 — 7. Septemßar 1934 Dli STIMM! Satt« 1f Dr. Jakob Rosenthal; Louis Marshall, der Führer des amerikanischen Judentums Zur fünften Wiederkehr seines Todestages am 17. September Noch mnrauschte uns der helle Jubel, der Sr. jenen Augußttagen des Jahres 1929 aus der Züricher Tonhalle strömte, wo sich eben, im Angesicht der besten, größten und bedeutendsten Geister des zeitgenössischen Judentums, die Einigung eines seit zweitausend Jahren uneinigen Volkes vollzogen hatte, als wir durch die Hiobsbotschaft von Massakers in Palästina jäh aufgeschreckt wurden und sich auf unsere kurz zuvor ßo hoffnungsvoll gestimmte Seele ein schwerer Alpdruck lagerte. Noch hörten wir ganz lebensnah die mächtige Stimme, mit der Louis Marshall, der große Repräsentant dee amerikanischen Judentums, sein „Patefit ine will bo rebuitt“ in die Versammlung hineindonnerto, noch war feucht seine mit goldener Feder unter den Pakt der Jewish Agency gesetzte Unterschrift, als uns aue dem Züricher Kantonspital sein Tod gemeldet wurde. Vor fünf Jahren, am 11. September 1929, starb Louis Marshall, um 3 Uhr nachmittags. Um dieselbe Stunde, in der einen Monat zuvor jene historisch bedeutsame Tagung deß von ihm mdteiniberufenen Councils eröffnet wunde, schloß er für immer seine Augen. Das echt jüdische Schicksal fügte es, daß gleich nach der Gründung der Jewish Agency zwei tragische Ereignisse die jüdische Welt erschütterten und in tiefe Trauer versetzten. Indes, dieser sein Tod, so viel Tragik er für das jüdische Volk gerade in jenen bangen, gedrückten Tagen in sich barg, war doch nichts anderes als der dramatischerhabene adäquate Abschluß eines starken, ganz großen Daseins; er bildete den klassischen Schlußstein eines Lebens, das die höchsten Gipfel menschlichen Wirkens erklomm. Seine letzte Tat, die Konstituierung der Jewish Agency in Zürich, war zugleich die Krönung seines Lebenswerkee. 74jährig verläßt Louis Manshall sein Heimats- und Geburtsland Amerika., um mit bewunderungswerter Jugendlichkeit und ungebrochener Kraft den Weg für die Rückkehr in die Urheimat Erez Isreal zu bahnen. Louis Marshall ist nach Amerika nicht mehr zurückigekehrt. Er starb unterwegs — doch nicht auf halbem Wege. Erreicht war, wofür er ein Leben lang auf den verschiedensten Posten gekämpft: Die Einigkeit des jüdischen Volkes. Sein letzter Blick war nach Erez Isreal gerichtet, ihm galt sein letztes Sinnen und Trachten; sein letzter Gedanke, seii\ letzter Atemzug gehörte noch den von Horden überfallenen Brüdern in Erez Isreal. Das erste Beben der herannahenden Stürme erreichte noch sein Ohr, die ersten Schatten der kommenden, schweren Ereignisse zogen noch an seinem bereite todgeweihten Auge vorüber. Doch das ganze, dunkle Geschehen jener schicksalsschweren Tage blieb ihm, dem großen Kämpfer für Recht, erspart. Er war vorher heimgekehrt zu seinen Vätern, er, der so vielen Vater, Führer und Bruder war. * Und groß wie der Abschluß seines Lebens war auch sein Leben selbst. Seit der Zeit, da Louis Marshall auf der Bildfläche cles öffentlichen Wirkens erschien, gab es in diesem reichen Leben keinen Augenblick, in dem er nicht für die Ehre und Würde seines Volkes tatkräftig eingetreten wäre, keinen Augenblick, in dem er nicht für das Judentum gefoohten, keinen Augenblick, in dem «r nicht mit unbeugsamem Rechtegefühl für die Gerechtigkeit in der vordersten Reihe erfolgreich gekämpft hätte. Recht und Gerechtigkeit, das waren die Leitmotive, die Eckpfeiler seines Tun und Handelns, waren der Schlüssel zu seiner großen Persönlichkeit. Dieser starke Gerechtigkeitssinn, dieses unbeugsame Rechtsgefühl waren es, die ihn nicht nur zum Führer des amerikanischen Judentums, sondern auch zum hilfebringenden Anwalt aller unterdrückten und verfolgten Judenmassen, insbesondere der osteuropäischen, machten. Das gigantische, zwei Erdteile umspannende Werk des „Joint Distribution Commitee“, dessen segensreiche Tätigkeit für die jüdischen Opfer des Weltkrieges unvergessen bleibt, schuf Louis Manshall gemeinsam mit Felix M. Warburg. Unvergessen bleibt sein erfolgreich geführter Kampf für die Einwanderungsmöglichkeit der vom Zarismus verfolgten russischen Juden nach Amerika, den er als Mitglied der vom Staate New York ernannten Einwanderungskommisision führte. Wie groß und mächtig sein Einfluß im politischen Leben Amerikas war, erhellt die heute fast unglaublich anmutende Tatsache, daß der vor einigen Jahren verstorbene seinerzeitige Präsident der Vereinigten Staaten, Taft, den zwischen Amerika und Rußland seit 66 Jahren bestehenden Handelsvertrag auf Drängen der von Marshall geführten amerikanischen Judenheit als Protest gegen die Judenverfolgungen und -pogrome in Rußland auflöste. Dieser Sieg, den Marshall als Präsident des im Jahre 1906 gegründeten „American Jewish Committee“ errungen, war einer seiner größten politischen Erfolge. Hier sei aber auch an seine Wirksamkeit und die zielbewußte Energie erinnert, die er als einer der Führer des „Comitö des Delegations Juives“ an der Versailler Friedenskonferenz gemeinsam mit den bereits verstorbenen jüdischen Repräsentanten Leo M o t z k i n und Dr. Leon Reich entfaltete, als es galt, die nationalen und kulturellen Rechte der jüdischen Minderheiten in den osteuropäischen Ländern zu schützen. Nicht unerwähnt soll hier ein weiterer bedeutender Erfolg Marshalls bleiben, der in die jüngste Vergangenheit fällt: sein Sieg über Henry Ford, ein in der Geschichte der Bekämpfung des Antisemitismus wohl einzig dastehender Fall. * Für Judentum und für Juden kämpfte Louis Marshall sein Leben lang. Sein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl, die große Sohicksalsverbundenheit mit dem Volke, dem er entstammte, waren es, die ihn zum führenden Kämpfer fürs Judentum prädestinierten. Sein echt jüdischer Gerechtigkeitssinn, sein ausgeprägtes soziales Empfinden ließen ihn für die Einzelnen eintreten. In diesem Zusammenhänge verdient erwähnt zu werden, daß sein warmfühlendes Herz und sein scharfdenkender Geist nicht nur den eigenen Volksgenossen, sondern auch allen anderen Schwachen und Unterdrückten Beistand leisteten. Bekannt ist, daß Louis Marshall in Amerika oft als Anwalt und Fürsprecher der Farbigen auftrat. Doch nie war sein Helfen ausschließliches Endziel. Nie blieb seine Hilfe bloße Philantropie. Dies ist es, was ihn aus der nicht unbeträchtlichen Zahl jener reichen amerikanischen Juden, die an jüdischen Hilfsaktionen hervorragenden Anteil genommen und nehmen, hinaußhoib. Louis Marshalls Hilfe war ganz anderer Art. Immer lag seinen Aktionen außer dem Wunsche, Leiden zu lindem, Schmerzen zu stillen, Unglück zi verhüten, eine stark bewußte, volkserhaltende Tendenz zugrunde. Und wo diese Tendenz durch augenblickliche Tageenotwenddgkeiten nicht deutlich genug zu erkennen war, aus der Art seines Kampfes, seiner aufrechten Haltung und Stellungnahme als Wahrer jüdischer Intressen, traten ihre Konturen immer scharf und eindeutig hervor. Mochte es sich um kulturelle oder materielle Interessen handeln, ihm galt es nicht nur, seinem Volke die augenblickliche Hilfe zu bringen, sondern darüber hinaus, die Anerkennung, den Stolz und die Würde des Volkes zu wahren und zu vertreten. Denn Louis Marshall war V o 11 j u d e. * Louis Marshall war die stärkste Persönlichkeit des niohtzionistischen Teiles der Jewish Agency. Aber wenn man Marshall reden hörte, verschwanden auf einmal Begriffe von „Zionisten“ und „Nichtzionißten“. Marshall selbst kannte sie ja im Grunde überhaupt nicht. Es ist absolut keine Phrase, aber für ihn waren sie alle, über alles Trennende hinweg, Juden, Glieder eines Volkes, Kinder eines Gottes, Anhänger einer einzigen Lehre. Am klarsten hat er es selber, knapp vor seinem Ableben, ausgesprochen: „Wohl gibt es zahlreiche und verschiedene Standpunkte und viele Traditionen in bezug auf das Judentum, aber in seinem Wesentlichen ist das Judentum eine Sache. Es ist eine große Einheit. Unsere Aufgabe ist es, wie ein Mann zu stehen für die große Idee: ein Gott, ein Volk und ein Judentu m.,( Eo ipso war Marshall „Zionist“, mußte er es sein. Denn für ihn bedeutete Zionismus gleich der jüdischen Religion „die Schöpfung eines gesunden ethischen Ausblicks und die Fortdauer der Prinzipien des Judentums“. „Der Zionismussagte Marshall, „hat in den letzten 25 Jahren Wunder vollbracht, indem er den jüdischen Gedanken unter unserer Jugend in der ganzen Welt geweckt hat. Er hat eine Renaissance des jüdischen Lernens und der jüdischen Gelehrsamkeit hervor gebracht und das Hebräische wieder zu einer lebendigen Sprache gemacht. Er hat Tausenden von uns, die unserer Geschichte früher gleichgültig gegenüber standen, ein Ideal gegeben, für das es sich lohnte, zu leben und zu sterben.“ Louis Marshall, seine ganze Persönlichkeit, war die Verkörperung des Jewish- Agency-Grundgedankens. Er war auch der Grundpfeiler des Jewish-Agency-Gebäudes. Der Zweck der Schöpfung der Agency war nicht, etwa aus allen Juden Zionisten im Sinne der Parteizugehörigkeit zur zionistischen Weltorganisation zu machen. So etwas läßt sich nur durch evolutionäre Methoden, gepaart mit revolutionärer Kraft erreichen und bedarf Generationen. Dae ist ein Weg, der der erzieherischen Propagandatätigkeit der zionistischen Weltorganisation auch weiter offen blieb und bleibt, und mit sicherlich bedeutend günstigeren Perspektiven. Denn man kann wohl den Weg zu dem auf gleichem Plateau stehenden Partner finden; schwer ist es jedoch, eine Brücke zu den Abeeitsstehenden zu schlagen, zum fernen Gegner. Die Schaffung der Jewish Agency war, über das Tagespolitfcche hinaus, in der Idee, wie sie den Schöpfern der Agency, Weizmann und Marshall, vorschwebte, Herzlscher Zionismus. Sie war nichts anderes, als die faktische * Anerkennung des „Baseler Program* nies“ von der ganzen Judenheit. HeijÄ selbst hätte kaum je an eine solche. Einheitlichkeit des gesamten Weltjuidentums im Zeichen Palästinas, in der Akzeptierung seines Grundgedankens, der Bildung des Juden* Staates, geglaubt. Marshall und Weizmann Louis Marshall war es, der als erster Professor Chaim Weizmann, dessen eigentliches Werk und historisches Verdienst die Agency ist und der mit ihrer Gründung nach der Balf our-Deklaration und San Remo innerjüdisch den politisch-staatsmännisch größten, sicherlich nicht immer richtig gewürdigten Triumph der zionistischen Idee erzielte, die Hand und die Möglichkeit bot, das so schwierige Terrain zu bearbeiten und zu einem fruchtbaren Ende zu bringen. Marshall war es, der das gesamte amerikanische Judentum, ohne dessen tatkräftige materielle Hilfe eine Kolonisation Palästinas in den ersten Nachkriegsjahren fast ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, für Palästina zu bestimmen wußte. Sein politisch-menschlicher Sinn eagte es ihm, daß ein Palästina mit Balfour-Deklaration und Völkerbundmandat nicht bloß ein Produkt romantischer Träumer, nicht nur eine Domäne eines Teiles der Juden, der Zionisten, sein könne, und daß man anderseits vor sich, dem Weltjudentum, aber auch der ganzen übrigen nicht jüdischen Kultunveit gegenüber die Verpflichtung hätte, dieser Heldenschar von Menschen, die sich eben anschickten, eine jüdische Welt neu aufzubauen, ein zerstreutes Volk wieder zu sammeln und es in das Land seiner Väter zurückzuführen, beizuspringen und sie ja nicht im entscheidenden Moment im Stiche zu lassen. Dem Weltjudentum und der übrigen Menschheit gegenüber! Man merkt bereits hier die geistige Konzeption, die Louis Marshall von der Schaffung der jüdischen Heimstätte in Palästina hatte, von ihrer Bedeutung nicht nur für die Zionisten allein, sondern für das ganze jüdische Volk. Nur so verstehen wir heute, nach fünf Jahren, die große Hingabe und Begeisterung, mit der Louis Marshall in jenen Augusttagen des Jahres 1929, bereits als Todgeweihter, in Zürich die noch Zaudernden und Schwankenden zur Mitarbeit am Palästina-Aufbau mitzureissen wußte. Auf die Gewinnung d i e s e e einen Mannes konzentrierte sich daher mit Recht Weizmann mit der ganzen ihm innewohnenden Überzeugungskraft. Weizmann hatte es sofort erfaßt, daß er mit Marshall die gesamte amerikanische Judenheit für den Palästina-Gedanken heranziehen konnte. Es gab genügend Schwierigkeiten, die für Marshall nicht leichter zu überwinden waren als für Weizmann selbst. Aber diese einmal überwunden, stand man nahe, ganz nahe dem Erfolg. Fünf lange Jahre, von 1923 bis 1928, währte das Ringen dieser beiden großen Führer. Und als die Idee siegte und sie sich ansehickten, den schweren Weg zum gemeinsamen Ziele nunmehr gemeinsam zu gehen, wurde Louis Marshall von dieser Erde abberufen. Wir waren um einen ganz Großen ärmer geworden. Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich Donnerstag, den 13. September, präzise 7,9 Uhr abends, VI., Loquaiplatz Nr. 11 Dr. Oskar Grünbaum, Präsident des Zionistischen Landeskomitees: „Die Weltkonferenz der Allsemeinen Zionisten in Krakau und ihre Bedeutung für die Gestaltung der zionistischen Bewegung"

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