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Die Stimme · 1934-09-07 · Heft 385 (7.9.1934) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 385 (7.9.1934)
Date
1934-09-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. SflS «• 7. 9©p1amS»r 1M4 DII IT1MM8 e§it* 9 Schmarja Lewin: Rosch Haschanah im Städtchen. Uns wurrle von den Freuden des Sommers wenig zuteil. Während draußen Sonne schien und Wälder und Folder blühten, saßen wir vom Morgon bis zum späten Abend in dem finsteren, engen Cheder oingesperrt. Wir bekamen die herrliche Welt nur selten zu schauen, und in unseren jungen Köpfen entstand der Gedanke und nahm von Woche zu Woche festere Gestalt an, daß Gott die Stadt und die Häuser, die Läden und den Cheder für uns und die Felder und die Wälder für die Christen geschaffen hätte. Als daher um den Monat EluI das Ende des Schulhalbjahres herankam, fiel unsere Freiheit wie später Tau .auf uns und erweckte unsere unterdrückte Sehnsucht nach der Natur zu vollem Leben. Die Ernte war freilich schon eingeheimst, sie stand in Schobern auf den entblößten Feldern oder war in die Scheunen eingefahren. Einiges vom Spätsommer konnten wir aber noch mitnehmen. Kartoffeln, Kohl und rote Rti ben wuchsen noch, und die Kürbisse lagen auf den Feldern und wärmten ihre dicken Bäuche, in der Sonne. So oft sich Gelegen heit bot, ordnete ich meine Spielkameraden in Reih und Glied und ließ sie in die Felder oder in die Wälder abmarschieren. Dann und wann stießen wir auf einen bekannten Bauer, der uns Nüsse oder gebackene rote Rüben schenkte. Unsere Unterhaltung mit ihm war begrenzt, denn wir Kinder ver standen nur wenige Worte russisch. Aber wir hatten keine Angst vor ihm, und ich weniger als irgend jemand, da fast alle Nichtjuden in der Stadt von Zeit zu Zeit von meinem Vater beschäftigt wurden. Sie kannten mich recht gut und behandelten mich mit Achtung. - Ohne zu verstehen, warum das so war, verdroß es mich als Kind, daß nichts von der Erde den Juden gehörte, daß .Gott die Wälder den Adeligen und die Felder den Bauern geschenkt hatte. Ich sprach darüber häufig mit meiner Mutter, aber sie hatte die ewige Antwort: „Warte aJb, mein Kind, der Messias wird kommen, und dann werden wir Wälder und auch Felder haben.“ Meine Mutter gab sich besondere Mühe, mir die Sehnsucht nach dem Messias ins Herz zu pflanzen... Sie glaubte feßt an sein Kommen und sprach häufig von ihm. Ihr tiefer Glaube hatte sich mit dor Zeit auf uns übertragen, und wir Kinder halfen ihr glauben und ersehnen; ersehnen und glauben. Unser Glaube an den Messias entsprang unserem Glauben an unsere Mutter. In deT Woche vor Neujahr sagte man uns, wir sollten nicht erschrecken, wenn jemand nachts ans Fenster klopfen würde: das wäre der Synagogendiener, der die Frommen in dieser Woche zum Nachtgottesdienst weckte. Diese Nachtgebete waren nur für die Erwachsenen bestimmt; wir Kinder konnten ruhig schlafen, wenn wir nicht gerade danach verlangten, mitzugehen. Ich sagte natürlich, daß ich mitgehen wollte; ich hatte noch nie einem Gottesdienst zu so früher Morgenstunde, ehe es hell wurde, beigewohnt. In jener Nacht konnte ich kaum die Augen zutun, so sehr fürchtete ich, das Weckzeichen zu überhören. Als es dann klopfte, sprang Ich rasch ln meine Kleider und ging ins Wohnzimmer. Auf dem Tische stand bereits der Samowar, und Vater, Mutter, mein älterer Bruder und ich tranken vor dem Fortgohen noch ein Glas Tee. Die Nacht war kühl und klar, und am tiefblauen Himmel leuchteten die hellen Sterne in endloser Zahl. In meinem Herzen wie in dem jedes jüdischen Kindes, das gleich mir erzogen wurde, tauchte nicht der leiseste Zweifel auf, daß da droben hinter den Sternen Gott wohnte — natürlich unser Gott, denn einen anderen gab es nicht — und daß er von oben durch die Sterne blickte und auf die Juden achtgab, die so früh aufgestanden waren, um zu den Nachtgebeten zu gehen. Und ich fühlte mich glücklich, daß och unter den Erwachsenen war, die an ihm vorüberdefilierten. Dio Selichot, die Gebete um Verzeihung, machten auf mich einen noch tieferen Eindruck als dio Klagen des neunten Ab. Um die Klagen war es gar zu einfach bestellt gewesen. Dor Tempel war in Flammen auf* i'jgangeii, da. mußte es selbst mir ganz kbu gejammert hatte. Darin lag nichts Mysti-1 an. Es war nicht leicht, sie alle unterzusches. Hier aber sah ich eine in tiefer Nacht I bringen. Manchmal mußten sie zu clritt in mit den Juden der Stadt vollgepfropfte | den Stühlen an der Ostwand sitzen, aber sie Synagoge, in der die Gebete für die Vor-j empfanden doch, daß sic geehrt wurden. Woche des Neujahres, die Gebete um Ver-; Auch wir Kinder benahmen uns gegen diese zeibung gesprochen wurden — find kein Nebukadnezar, kein Titus, der Bösewicht, kam darin vor. Gott allein thronte über den Sternen, und empor zu ihm strömten unsere Gebete. Und alles, was mystisch in mir war, wurde durch diese Nachtgebete zum Schwingen gebracht. Zu Rosch Haschanah, dem Neujahrsfest, kamen die Jischuwniks in die Stadt. Es gibt im Deutschen kein Wort für Jischuwnik, da der Typus der Sprache unbekannt ist. Die Jischuwniks sind Juden, die einsam und verlassen in einem Dorfe oder Weiler als Fremdlinge in einer fremden Welt leben. Monate können vergehen, ohne daß sie einen anderen Juden zu Gesicht bekommen. Nur an den höchsten Feiertagen lassen sie ihre Beschäftigungen und begeben sich nach dem nächsten jüdischen Zentrum. Bei solchen Gelegenheiten wurde der Jischuwnik, der zu seiner Familie oder zu Freunden zurückkehrte, aus deren Mitte ihn die Sorge um das tägliche Brot gerissen hatte, mit echter Gastfreundlichkeit in unserer Stadt aufgenommen. Unter diesen aus fernen Dörfern gekommenen Gästen gab es vertraute Gesichter, viele aber waren uns neu. Wir taten, was wir kqnnfcen, damit sie sich heimisch fühlten, überließen ihnen unsere besten Zimmer und wiesen ihnen in der Synagoge die Ehrenplätze an der Ostwand Hinterwäldlerjungcn aufs freundlichste. Einige von ihnen waren wilde Geschöpfe, sie sahen verängstigt auf die gewaltigen Menschenansammlungen und konnten kein Wort hervorbringen. Aber die Erwachsenen bemühten sich gerade um sie ganz besonders. Mein Vater nahm sie öfter auf den Schoß, streichelte sie und redete ihnen zu, sich nicht zu fürchten. Und wir machten sie mit unseren Spielen bekannt... Und so hätte das Neujahrsfest ein heiterer Feiertag sein können, wenn man uns nichts von dem Tage des Gerichtes erzählt hätte. Das war der Tag des Gerichtes, Gott saß auf seinem Thron inmitten seiner Heerscharen, der Engel und die furchtbaren Kontobücher mit ihren Soll- und Habenkolonnen der bösen und guten Taten wurden ihm eines nach dem anderen vorgelegt. Jeder Jude hatte sein besonderes Konto, nach dessen Durchsicht und Prüfung die Bilanz gezogen und das Urteil gefällt wurde. Mit den offenen Kontobüchern vor sich, bestimmte Gott, wer das nächste Jahr bis zu Ende leben und wer sterben sollte, wer von den Lebenden krank werden und wer gesund bleiben sollte; und die Gebete drangen in solche Einzelheiten ein, daß mir das Herz bebte. So jung wir waren, hatten uns unsere Erwachsenen doch schon die Furcht vor dem Tode eingeimpft und den reinen Frieden unserer Seelen zerstört. Wir waren in einem Alter seelisch belastet, das völlig sorglos hätte sein müssen. Und die Tage der frommen Einkehr wurden für uns zu Tagen des Schreckens. Unsere Eltern scheinen ängstlich darauf bedacht gewesen zu sein, uns das Gefühl der Furcht so früh wie möglich einzuflößen. Wir waren aber zu jung für solche Gemütserregungen; ich' war kaum mehr als ein Baby, als ich in der Neujahrsnacht wach lag und Gott um Gnade für Vater und Mutter anflehte. Meine erste Beteiligung an der Taschlich- Zeremonie, bei der der Jude an einem fließenden Wasser seine Sünden in die Fluten warft, steht mir deutlich in Erinnerung. Wir wählten dazu die Stelle hinter dem Schloßhügel, wo die Swisla in die Beresina mündet. Es war in meinen Augen eine geniale Idee, daß man seine Sünden ins Wasser abschütteln und ihrer für immer los und ledig sein konnte. Das übliche .Verfahren war, die Rockschösse über dem Wasser auszuschütteln. Aber manche unter uns kehrten im Überschwang der Frömmigkeit auch ihre Taschen aus und schwenkten sie gleichfalls über dem Wasser. Ich weiß nicht, welche und wieviel Sünden ich damals hatte, aber ich schüttelte die Schösse meiner Jacke und meine Taschen mächtig, und als ich mit meinem Vater das Flußufer verließ, fühlte ich mich wesentlich leichter. Ich war von einer schweren Last befreit... (Aus „Kinder im Exil“, I. Band.) Aus dem Cyldus: „Eine verschwindende // CHER Von Rosa Melzer Emanuel Mesusa, einer der jüngsten Beamten des Credit Viennois, betrat an einem Freitagmorgen zeitlicher denn sonst die Versatzabteilung seines Instituts. Donnerstag und Freitag sind die zwei großen Geschäftstage in diesem gar nicht unbedeutenden Nebenzweigo des mannigftaltigen Geschäftsgebarens im Credit Viennois. Und zwar die richtigen Armentage. Die versetzenden „Reichen“ senden an den vier anderen Tagen den „Expreß“. Donnerstag und Freitaggibt es fast ausnahmslos jüdische Klientel. In den Vormittagsstunden des ersten Tages kann man das armseligste Ghetto beobachten: ältere und jüngere Männer und Frauen, hie und da ein Greis mit Zügen, denen dio drei Gebrechen: Armut, Krankheit und Galuth, aufgedrückt sind. Oft auch Kinder mit altklugem, unheimlich unkindlichem Blick. Jeder zieht, sobald die Reihe an ihn kommt, ein Bündel, ein Päckchen, zuweilen — aber selten ~ einen einzelnen Gegenstand aus der Umhüllung hervor, legt das Mitgebrachte schüchtern auf den Galerievorsprung vor dem Schalter des Beamten und flüstert, leise bittend, einige Worte. In neun von zehn Fällen ist der Wunsch in seinem vollen Umfange unerfüllbar. Die Betreffenden nehmen seufzend den kleinen Betrag entgegen und schleichen hinaus, um draußen im Lichthof noch einmal zu zählen. Besonders die Frauen machon dabei ein tief trauriges Gesicht, oft sehen sie geradezu ratlos drein. „Wie soll man damit den Sabbath bostreiten, und wären es auch nur die Sabbathbrote, die kleinsten, kaum einen Finger langen Fische und jo ein halbes Pfund Fleisch für die beiden ,gebotenen1 Mahlzeiten am Freitagabend und Sabbath zu Mittag?“ Für den Sablmthl Denn nur für ihn, das einzige freundliche Sternlein an dem wolkenschweren Ghettohimmel, wird an Donnerstagen der traurige Weg nach dom Versatzamt gemacht. „Jeder Jud arbeitet für den Donnerstag“ lautet oin altes Sprichwort im Ghetto. Das soll aber in oiner Umschreibung jüdische Hausfrau, um zu dem wöchentlichen Festtag zu rüsten und die bescheidenen oder reichlichen Einkäufe zu besorgen. Dagegen sieht das Freitag-Publikum des Versatzamtes in der Regel viel tröstlicher aus. Oft findet man geradezu vergnügte Gesichter mit einem dankerfüllten Blick. Das ist das „Einlöse-Publikum“, Und so wie die einen am Donnerstag ein Kleidungsstück, ein Paar messingener Leuchter, eine Kupferpfanne, ein altes Armband oder eine Brosche Familienerbstücke — oder sonst einen Gegenstand von gewissem Wert im „Haus der Barmherzigkeit“ deponieren, so erscheinen andere am Freitag morgens, um — ebenfalls dem Sabbath zu Ehren — ein Stück einzulösen, das entweder eine rituelle Bestimmung hat oder sonst irgendwie für die Familie oder eines ihrer Glieder Bedeutung besitzt. Es war also an einem Freitag. Im Monat Dezember. Emanuel Mosusa — dieser den Polen durchaus romanisch klingende Name hatte ihm wesentlich zu dem Posten verholten — betrat, wie gesagt, zeitlich morgens sein Büro und fand es zu seinem Verdruß noch kälter, feuchter und düsterer als sonst. Dies milderte keineswegs seine Versatzbeamtenstimmung. „Gott Israels“, brummte er zwischen den Zähnen. (Das war sein Leib- Sprüchlein.) Das übrige dachte er wortlos: dieses große Bankgeschäft in der vornehmsten Geschäftsstraße der Hauptstadt nennt sich zwar „ein christliches Credit-Institut“, in Wirklichkeit aber hat es fast ausschließlich jüdische Aktionäre, operiert also vorwiegend mit jüdischem Golde, hat „aus technischen Grüudon“ jüdische Beamte — mit Ausnahme einiger weniger „Parade« goiin“ an dor Spitze, in der Mitte und an der Queue des Beamten- und Bedienstetenkörpers, welche den „christlichen“ Schein aufrechterhalten und entsprechende Paradegehälter beziehen. Sein Versatzamt bringt ihm schönes, fast durchweg jüdisches Geld oin. Dennoch sind für diese Kundschaft die Büros im Hintertrakt des stolzen Gobäudes, „für. den Sabbath.“ Donnerstag in Feuchtigkeit, owigem Schatten und Kälte Zähnen klappern und noch’ bleicher, verhärmter aussehen als sonst. „Gott Israels“, wollte Emanuel eben brummen und rieb sich die Hände. Da trat schon der erste „Kunde“ ein. Richtig, mit einem freundlichen Lächeln. Es war ein Paar altmodischer Ohrgehänge, die der zweite Beamte einige Minuten später in seine Hand gelegt hatte und die der Mann freudig entgegennahm. Heute abends wird er sie an seiner Frau prangen sehen, dachte Emanuel Mesuse und freute Bich still mit. Der Freitag war ihm überhaupt ein lieber Tag, ein Stück Entschädigung für den Sabbath, den er ja in seiner Stellung entweihen mußte und also nicht mehr genoß, während ihn der Sonntag nie schadlos zu halten vermochte. Er verglich ihn mit geborgten Schuhen, in denen der Mensch zwar nicht barfuß ist, sich aber höchst ungemütlich fühlt, weil sie nicht nach seinem Maß sind. Mit heimlichem Neid sah er auf seine Eltern, die einzigen im Hause, die einen wirklichen allwöchentlichen Feiertag hatten, der freilich für die alten, müden Leute vornehmlich ein Ruhetag war. Jammervollstes Geschlecht, dachte Emanuel, sieht und fühlt den Sabbath noch im Hause und feiert ihn doch nicht mehr mit; ist wie ein Hund, der keine eigenen Feste mehr hat, lediglich die Feiertage seines Herrn sozusagen mitfeiern, das heißt auf dem Spaziergang hinter ihm herlaufen und zuschauen darf, wie jener sich amüsiort... Es traten mehrere Personen gleichzeitig ins Büro. Die meisten, wie gewöhnlich an diesen Tagen, lösten ein. Emanuel fertigte sie flink ab und bückte auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Sie zeigte die zehnte Stunde. Weshalb hatte er hingeschen? So zeitlich tat er es sonst nie. Er konnte sich dieses ungewohnte Interesse an dem Lauf der früheu Amtsstunden nicht erklären. Es stand kein Gedanke dahinter, bloß eine unklare Empfindung. Eine junge Jüdin erschien an dem Schalter. Aus einem übernächtigen Gesicht starrten rotgeweinte, tränenvorschleierto Augen. Sie verpfändete ein Paar kleiner, silberner Leuchter. Dem soin, daß nach einem solchen Brande jeder i nachmittags ist dor letzte Termin für die gelogoo, wo. Beamte und Parteien mit den 1 jüdischen Beamten gab. einen kleinen

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