Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 385 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE STIMME Solid 7, Wr. 385 — 7. September 1934 Grabstein-Stellung am jüdischen Heldentriedlhof Seit fast 20 Jahren muhen am jüdischen S^ntraWrifidihof mehr als 200 jüdische Soldaten (und Offiziere, die im Weltkrieg gefallen sind, ohne daß ein Grabstein oder eine Gedenktafel die Namen dieser für da« Vaterland lind für diie EhTe der Judenheit gefallenen Helden kündet.. Es handelt sich meist um Männer, welche keine Angehörigen hatten oder deren Angehörige nicht die Mittel besitzen, um auf da« Grab des Gefallenen einen Gedenkstein zu stellen. Der Bund Jüdischer Frontsoldaten Österreichs erachtot als seine heiligste Aufgabe, diesen jüdischen Helden, die für die Freiheit der Heimat und für die Ehre des Judentums gefallen sind, schlichte Grabsteine m setzen, um ihre Namen und ihre Tat der Nacht ewigen Vorgessons zu entreißen und dadurch eine Ehrenschuld der Judombeit Österreichs zu tilgen, und u,m gleichzeitig der nicht jüdischen Welt vor Augen zu führen, daß auch die Juden ihre Pflicht dem Vaterlande gegenüber bis zur letzten Konsequenz in gleicher Weise erfüllt haben wie die nichtjikliisciven Söhne dieses Landes. Ara 16. d. M., Hll Uhr vormittags, werden zunächst 100 dieser Grabsteine auf dem Zontratfriedhof, 1. Tor, feierlich enthüllt und der Obhut der Israelitischen Kultusgemeind© übergeben werdon. Der Feier werden die Spitzen der Behörden, Vertreter der Generalität, des Offizierskorps, der militärisolien Verbände, Vertreter der Gemeinde Wien und der Kultusgemeinde boiwohnon. d der Kultusgemeinde beiwohnen. Da« Bundesheer stellt eine Ehre nkompagnie mit Musik bei. Die Städtischen Straßenbahnen haben einen besondere verstärkten Verkehr der Linie 71 zugesagt und werden zu dieser Feier die Linie 6 direkt zum Zentralfriedhof führen. Die Generaldirektion der Bundesbahnen gewährt allen auswärtigen Teilnehmern an dieser Heldengedenkfeier eine 50%ige Fahrpreisermäßigung gegen Vorweis der Teilnehmerkarte ln der Zeit vom 14. bis 17. September. Die Feier soll eine schlichte, aber imposante Kundgebung der österreichischen Judenheit werden, um der nidht.jüdiechen Welt vor Augen zu führen, daß der Geist jüdischer Pietät, der Geist jüdischer Solidarität und der Geist vaterländischer Gesinnung bei der Judenheit Österreichs stärksten Widerhall finden. Er ist kein Jtsd, er heißt nur so Aus einem Prozesse gegen Juliputschisten vor dem Militärgerichtshof in Leoben: Der Angeklagte erklärt sich nichtschuldig. Er erzählt, daß der Ortsführer Schmidt zu ihm kam und ihm mitteilte, daß es losgehe. Verhandlungsleiter: War das Ihr oberster Kommandant? — Angeklagter: Nein. — Verhandlungsleiter: Wer denn? — Angeklagter: Das war der Jud aus Judenburg, der Sturmbannführer. — Verhandlungsleiter: War das ein Jude? — Angeklagter: Nein, er heißt nur so. Die Annahmo des Verhandlungsleiters, ein Jude könne nationalsozialistischer Sturmbannführer sein, verdient als Kuriosum festgehalten zu werden. In diesem Zusammenhang mag aber daran erinnert werden, daß der Name „Jud“ als Familienname arischer Familien in den Alponländern nicht unbekannt ist. Es gibt auch Orfcsbezeächnungen, die das Wort Jud enthalten, zum Beispiel dio Judenalm im Großglocknergebiet und die Stadt J u d o n b u r g, die vom 13. bis 15. Jahrhundert eine starke jüdische Gemeindo hatte. Judenburg war damals ein bedeutender Handelsplatz und Sitz eines Judonrichtors. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts ließen sich in Judenburg 22 jüdische Kaufleuto nioder, von denen jeder 100.000 Gulden besaß. Nach der Ausweisung der Juden aus der Steiermark (1406) ließen sich erst im 19. Jahrhundert wieder Juden in Judonburg nicdera Die „Institution Juden- STADTKBBBIIZ GDUD-ZTRIM Zionisten beschäftigt CHaluzim Tischler, Schlosser, Elektriker, Mechaniker, Installateure, Maler, Anstreicher, Friseure, Schuster, Schneider, Tapezierer Wenden Sie sich bei Arbeitsvergebung allerArt an uns i Telephon R 45*0*91 u.A 49*1*38 Serbisch-rumänisches Weinhaus ll.9 Taborstrafle 18 Notel National Alle orientalischen Spezialitäten am Rost und Spieß, Karnatzen S —*60, Frigaroi S —60, erstklassige rumänische und Dalmatiner Weine Es ladet ergebenst ein SAMUEL MOSCOVICI bürg“ gohört heute zuin Sprengel der Kultusgemeinde in Graz und besteht nur aus wenigen Mitgliedern. Bemerkenswort ist, daß das Stadtwappen von Judenburg einen Juden mit Ziegenbart und dom mittelalterlichen Judenhut zeigt. Auf dem Hauptplatz befindet sich ein Haus mit der Abbildung des Judenhutes. Die Kirche soll früher eine Synagoge gewesen sein. Zwischenbilanz eint Von Ch. Haller, Tel-Aviv „Oer einzige helle Punkt*1 „Der einzige helle Punkt in der Welt“ — mit dieser und ähnlich klingenden Wendungen hörten wir in dem eben zu Ende gegangenen Jahre das Land des großen wirtschaftlichen Aufschwunges, als das sich Palästina in unserer Zeit darstellt, bezeichnen. Das Schlagwort ging in dio Welt hinaus, und es kehrte dann in wechselnden Formen zu uns zurück. Es entstand draußen, in dieser Welt des Niederganges und der Umwälzungen von Palästina die Vorstellung einer Art Gliicksinsel, die uns das Schicksal inmitten eines sturmumbrausten Meeres besehieden hat. Aber es ist seit einiger Zeit mit den frohlockenden Botschaften um die Konjunktur im Lande selbst etwas stiller geworden. Nicht, weil etwa Zeichen eines beginnenden Rückganges in der wirtschaftlichen Bewegung eingetreten wären. Nach objektiver Beurteilung der Faktoren, die auf die Gestaltung der Lage maßgebend oinwirken, ist am wirtschaftlichen Horizont noch kein Zeichen einer Wendung zu bemerken, und man sieht im Gegenteil die Tendenz zu weiterer Aufwärtsbewegung vorherrschen. Aber das Auge hat sich inzwischen gewöhnt, sachlicher und nüchterner zu schauen. Und schärfer kommen die dunklen Begleiterscheinungen zum Vorschein, die die Konjunktur mit sich bringt. Es zeigt sich, daß der gleiche Körper, der den gesunden Aufbau mit Energie versorgt, auch als Tummelplatz für Wucherungen dient, die von ihm ihre Nahrung ziehen. Die auf uns herabblickenden neidischen Götter blieben auch sonst nicht untätig, und sie sorgten dafür, daß unsere Himmel uns nicht nur mit ihrem störungslosen Blau bescheinen. Der „gute Naziv“ und der konsequente Umfall An der Schwelle dos Jahres sehen wir wieder einmal den schon traditionell gewordenen arabischen „V o 1 k s z o r n“ ausbrechen, trotz allgemeinem Verdienst und jüdischem Goldregen, der sich gerade über das arabische Haupt in reichem Strom ergießt, und trotzdem die Oraarmosohee diesmal von den Juden gar nicht „b edroht“ war. Die Bewegung war scheinbar nur gegen die Regierung gerichtet, aber man war über ihre wirkliche Adresse nicht im Zweifel. Die Rechnung wurde auch, nachdem die Regierung ihre Autorität diesmal in nicht mißzuverstehender Weise gewahrt hatte, wie bei den früheren Anlässen, den Juden überreicht. Während zwei Jahren hatte es der jetzige Oberkommissär verstanden, von beiden Seiten eine gute Note zu bekommen. Er nahm das> Herz des jüdischen Jischuw mit seiner korrekten und interessierten Art und durch kleine Entgegenkommen schon infolge des unmittelbaren Gegensatzes zu seinem Vorgänger gefangen. Denn lechzend, wie der heiße Stein nach dem Wassertropfen, ist ein permanent verfolgtes Volk nach der Bekundung der einfachsten menschlichen Gesinnung. Aber dieses Land ist seit jeher ein zu harter Boden gewesen, als daß mit leutseliger Regentenkonvenienz allein durchzukommen wäre. Unfehlbar kommt die Stunde, wo der Mann am Steuer auf hart stößt — und er muß sich entscheiden. Keiner der bisherigen britischen Statthalter entging diesem kritischen Moment, und nur einer war unter ijinon, bei dem hart auf hart stieß, uud das war der. alte G e n e r a 1 P. 1 um c r. Die allgemeine Linie der britischen Mandatspolitik in Palästina war auch unter ihm wirksam, aber indem er dem arabischen Druck nicht nachgab, ist seine Regierungszeit die einzige Periode geblieben, die für uns ohne Erschütterungen und antijüdische Auswirkungen ablief. Auch General Artur Wauchope hat sich entschieden, und als erstes Resultat dieser Entscheidung folgte die ebenso traurige wie beschämende — traurig und beschämend für beide Seiten — Episode der Verfolgung „illegale r“ J uden in Palästina, der international legalisierten Heimstätte des jüdischen Volkes, eine Episode, die man unter dem Drucke der allgemeinen Empörung, draußen nicht weniger als im Lande, bald im Sande verlaufen lassen mußte. Um so konsequenter wird die antijüdische Politik auf den anderen Gebieten, namentlich auf dem der jüdischen Einwanderung, verfolgt, gegen die alle anderen Benachteiligungen und Zurücksetzungen beiseite treten. Man kann wohl sagen, daß die britische Palästina-Poli- Vertreiung für Österreich: Reisebüro City Dr. J. H. Körner Wien. I. Kohlmarkl 8, Tel. II zt+a Der Palestine & Orient Lloyd und seine Schwestergesellschaft, der Palestine & Egypt Lloyd, veranstalten im Monat September eine Palästinareise. Hinfahrt mit dem Luxusdampfer „Roma“, Rückfahrt mit der umgebauten, den modernsten Anforderungen in allen Klassen entsprechenden „Pilsna“. Das auf Basis langjähriger Erfahrung zusammengesetzte, einzig dastehende Standard-Landprogramm der Gesellschaft wurde für diese Reise den hohen Feiertagen entsprechend abgeändert. Der Preis der Reise je nach Bahn- und Schiffsklasse von S 1180.— aufwärts. ACHTUNG! Im Lokal des Palestine & Orient Lloyd wurde von der Postdirektion für Wien ein Postkasten für die Flugpost nach Palästina angebracht. tik bisher keinen Repräsentanten hatte, der in so konsequenter und geschickter Weise das schwere Problem löste, die Welt in dem Glauben an der Erfüllung der Mandatsaufgabe, an der festzuhalten immer wieder betont wird, au halten und gleichzeitig im Lande selbst das Gegenteil durchzuführen. Da es sich zeigt, daß es immer schwieriger wird, eine mit Macht vorwärtsdrängende Entwicklung, die alle ihr auferlegten Fesseln sprengt, aufzuhalten, und da man gleichzeitig sieht, daß die außerenglische Welt aus wachsenden wirtschaftlichen Gründen an dem Weitergehen dieser Entwicklung interessiert ist, so kam man auf den Gedanken, ihre Linien umzubiegen und in ein arabische« Fahrwasser zu lenken. Diesem Zwecke dienen zwei sich ergänzende Mittel: die jüdische Zertifikatdas heißt Arbeitoreinwandermug hemmen und die in wachsendem Grade erforderlichen Arbeiter aus den arabischen Nachbarländern heroinströmen lassen. Dagegen hat der Oberkommissär gegen die Einwanderung jüdischer Kapitalisten nichts einzuwenden. Sie ist sogar letzthin in Deutschland durch Beseitigung formaler Schwierigkeiten erleichtert worden. Mit jüdischem Kapital und jüdischer Intelligenz die nichtjüdiseho Wirtschaft aufbauen -tdaran ist man seit viplon Jahrhunderten in allen Ländern gewöhnt, Man braucht bloß auch in Palästina die nötigen Bedingungen zu schaffen, und das wird mit großer strategischer Geschicklichkeit, die einem General alle Ehre macht, durchgöführt. Man spricht von 30.000 bis 40.000 Hannuiern und .anderen Wüstennachbarn —- wer weiß wieviel? — die in letzter Zeit, zum Teil gleich mit Frauen und Kindern, nach Palästina gokommen sind. Diese Massen von unsagbar niedriger Kultur und niedrigem Lebensbedarf, kommen und ernten, was sie nicht gesät haben. Es wird gegen sie keine Kontrolle und Statistik geführt, I. SEILERSTATTE 9. TEL. R 24-2-20 Ab 1. September Kammersängerin Vera Schwarz sowie Wochentags: 4 und 8 Uhr. Soun- und Feiertag: 2, 5.15 u. 8.30 Uhr. Vorverkaufsstella s Ronaoher, R 24-2-20, und Karten-Zentrale, I., Graben 28, Telephon U 22-4-45. 7 Tage Vorvarkauf ohne Zuschlag während zu gleicher Zeit verstärkte Polizeitrupps . und Fliegergeschwader fürdenAbfangedienst läng«? der ganzen Meeresküste und der Laadesgrenzen gegen Juden, die ohne Visa das Land zu betreten suchen, aufgestellt wurden. Dem gleichen politischen Zweck soll auch das besonders erlassene Verbot dienen, Streikposten aufzustellen, wo arabische Arbeiter beschäftigt werden. Die Juden sollen verhindert werden, sich auch mit mo^ ralischen Mitteln gegen das Eindringen der arabischen Arbeit in die jüdische Wirtschaft zu wehren.. Wobei es traurig ist, daß diese Maßnahmen Unterstützung finden bei einem gar nicht geringen Kreis von jüdischen Besitzern und Unternehmern. Es sind, wie man sieht, ebenso einfache wie radikale Mittel, allem dem, was wir bisher im Lande erstrebt, an die Wurzel zu gehen. Der Jisohuw steht in erbittertem Kamp’f um die errungenen Positionen. Aber es scheint, daß wir gegen die neue Lage bisher weder, entsprechend reagiert noch die richtigen Abwehrmittel gefunden haben. Der Aufschwung und die Kehrseiten Um die Auswirkungen dieser auf lange Sicht eingestellten Politik gegen das jüdische Werk unbekümmert, geht die Expansion der in das Land strömenden Energie von Menschen und Kapital weiter. Die B a u b e w e g u n g hält unvermindert an, denn es fehlt, beispielsweise in Tel-Aviv mit seinen 100.000 Einwohnern, bei einer erreichten Wohndichte von drei Personen pro Zimmer, immer mehr an Raum. Nicht anders ist es in Haifa. Die Industrie beschäftige Anfang 1934 20.000 Personen, der Produktion «wert erreichte 5H Millionen Pfund und ungefähr, gleich groß war das in die Betriebe investierte Kapital. Der Stand stellt eine Verdoppelung gegen das Jahr 1933 dar und die Entwicklung befindet sich seither in weiterer starker Aushölung. In nicht minderem Tempo wuchs der Handel, und die in diesem Jahre abgehaltene Messe in Tel-Aviv bezeugte mit ihrem weitgesteektem Rahmen und dem internationalen Gepräge die Bedeutung, die die jüdische Schaffenskraft dem Handel Palästinas innerhalb weniger Jahre gegeben hat. Wenn sich nun angesichts dieses erfreulichen Bildes eines reichen Bliihens und schnellen Wachstums diejenigen, denen die Tatsache der günstigen Lage eines geringen Bruchteiles des jüdischen Volkes, bei andauernder Not der übrigen Teile, nicht genügt uud sich fragen, in welchem Maße die jüdische Gemeinschaft dßr &ukunft2 die