Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 385 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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9efte 8 DIE STIMME Nr. 385 — 7. StpUmEar 1994 Aus der jüdischen Presse Für Reaktivierung der Jewtsh Agency In der „Jüdischen Rundschau“ (Berlin) schreibt Rudolf Friedmann: Die Ereignisse des Jahres 1933 haben alle 'deutschen Juden, in welchem Lager sie auch stehen mögen, mit überwältigender Klarheit die Bedeutung des Palästina-Aufbaues erkennen lassen... Als im Jahre 1929 die erweiterte Jewish Agency gegründet wurde, sollte ihr Zweck nicht allein der sein, einige reiche, nicht zionistische Juden zur Förderung des Aufbauwerkes in Palästina zu veranlassen. Nein, der geniale Gedanke It’eizmanns war dieser: Nicht alle Juden können und werden jemals Zionisten sein, aber alle Juden können Förderer der jüdischen Heimstätte in Palästina sein, denn diese steht Uber den inner jüdischen Auseinandersetzungen ... Es ist ein Fehler der bisherigen zionistischen Instanzen, diesem Ägency- Gedanken nicht zu der Popularität verhol fen zu haben, den er verdient... Heute ist die Agency nur ein Hilfsinstrument des Keren Hajessod, morgen könnte sie die allumfassendste Organisation aller nichtzionistischen deutschen Juden zur Unterstützung des Palästina-Aufbaues sein ... Gegenüber der Gefahr eines Gesetzgebenden Rates in Palästina ln der „Chwila“ (Lemberg) schreibt Dr. I. Schwarzbart: Sollte die Regierung trotz unserer Opposition einen Legislative Council mit gesetz- FOR UNSERE LESER IIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII HERRENSCHNEIDER-ATELIER JOSEF KLEIN gebender Kompetenz einsetzen und Wahlen ausschreiben, dann würde uns nichts anderes übrig bleiben, als eine solidarische Absenticrung rmf den Wahlen zu erklären, ln diesem Sinne äußerte sich auch vor kurzem der sonst so gemäßigte und vorsichtige Führer der zionistischen Bewegung. Die einheitliche Haltung des Jischuw kann diesen Plan zunichte machen, und um diese Solidarität sicherzustellen, muß eine politische Propaganda eingeleitet und ein moralischer Druck ausgeübt werden, der jeden Bruch der Solidarität verhindern würde. Sollte die Regierung keinen Gesetzgebenden Rat, sondern nur eine beratende Körperschaft einzusetzen beschließen, dann müßte es Sache unserer leitenden Instanzen sein, auf Grund der Kenntnis der Lage zu beurteilen, ob diese Körperschaft tatsächlich diesen Charakter zu tragen verspricht oder ob sie den Beginn eines wirklichen Legislative Council bedeutet. Die englische Gleichgewichts* Politik in Palästina In der „Selbstwehr“ (Prag) schreibt Felix Stössinger: Palästina ist für England eine Produktionsstätte geworden, die sich durch rasche Entwicklung der völligen Anglisierung entzieht. Aus diesem Grunde wendet England nun auch in Palästina seine Gleichgewichtsmaxime an ... Das Wesentliche ist, daß England prinzipiell ein großes, starkes jüdisches Palästina nicht will. Aber ebenso wenig will es ein großes, starkes arabisches Palästina. Es will gerade in Palästina am liebsten nichts oder so wenig als möglich. Palästina hat für das englische Weltreich dieselbe Bedeutung wie Gibraltar, Aden, Suez, Singapore, Zypern, also eine rein strategische... ln Palästina war die englische Politik von Anfang an darauf gebaut, Juden und Araber gegeneinander auszuspielen... Es gibt aber auch WIEN,l.r SCHELLINGGASSE 7, TEL. R 22-8-51 ELEGANTE ERSTKLASSIGE AUSFÜHRUNG iiiiiiiiiiiiiimässige preise fifffummmniiiiifiiiiiiiiiiiii Zionisten, die Revisionisten, die ernsthaft von einer arabischen Gefahr träumen, aus der Juda das englische Weltreich erretten wird. Die Verhätschelung der Araber zeigt zunächst, daß England noch nichts von dieser Furcht kennt... Wir werden also England unser Schutzangebot vergeblich machen... Aber auch die Politik einer Versöhnung mit den Arabern ist eine Illusion ... Die englische Politik sicht in der arabischjüdischen Einigung eine Gefahr für sich selbst... Die zionistische Politik kann also weder mit noch gegen die Araber den Aufbau Palästinas bewirken, solange sie es nicht mit den Arabern selbst zu tun hat... Appell zur zionistischen Einigkeit Im „Nasz Przcglad“ (Warschau) schreibt S.: Aus dem Auftreten von Professor Brodetsky in Warschau ist zu ersehen, daß die zionistische Leitung endlich zur Einsicht gelangt ist, daß die Fortsetzung der inneren Kämpfe den Zionismus auch nach außen schwächt und gefährdet. Es ist aber schwer, festzustellen, ob die Aussichten eines baldigen Friedens, der alle Strömungen einschließlich der Revisionisten umfassen würde, vorhanden sind. Die Bedingungen, die den Revisionisten gestellt würden, sind „Dr. Krüger-Helm“ gemeinnützige Zentralanstalt für Nddclienerziehung und FortWIdnng Wien, II., Malzgasse 7 Tel. A 48-0-77 Internat Halblnternnt Externat Frauenberufsschuleit Neu: Kindergärtnerinnenbildungsanstalt mit Staatsprüfung Fortbildungsschule: Kochen, Nähen Gartenbau, allgemeine Bildung Prospekte auf Wunsch recht schwer und verlangen eine Kapitulierung auf der ganzen Front. Viel friedlicher verhält sich die Exekutive zur Agudah, der sie eine beträchtliche Anzahl von Zertifikaten gewährte, obwohl die Agudah viel größere Sünden als die Revisionisten begangen hat ... Intelligentes Kinderfrflulein mit Praxis und besten Referenzen zu sechsjährigem Buben gesucht Ausführliche Zuschriften unter „Pädagogin“ an die Administration. DEN PRIVATANGESTELLTEN DIE VORSORGE-VERSICHERUNG MONATLICHE PRXMII 3-60 Oll LlRtONO STERBEGELD RENTE UNFALL-TOD UNFALL- ' INVALIDITÄT KOSTEN- X BEITRÄGE: SPITAL f OPERATION S 300*— S 15 — S 300"— S 30©'— s - s io©-— LEBENS VERS.-GES. PHONIX W I E N, I., R I E JM E R GAS S E 2 Völkerbundkommission im Saar• land gegen Judenhetze Genf, 4. September. (2. T. A.) In dem neuen Bericht der internationalen Regierungskommission im Saarland an den Völkerbund, betreffend die Einmischung reidisdeutscher Stellen in Angelegenheiten der Saar und die Tätigkeit der „Deutschen Front“ wird u. a. auch mitgeteilt, daß die Saar-Kommission eich genötigt gesehen hat, den Behörden im Saarland Instruktionen zu erteilen, gegen die Judenhetze und die Diffamierung von Juden entsprechend einzuschreiten. An den Lehreretab und ah die Schüler der Saarschulen wurden Merkblätter verteilt mit der Aufforderung, faire Beziehungen zu den jüdischen Kindern zu unterhalten. PalasiintsAe Nciizen diesem Lande die tiefsten und geheimnisvollsten Gedanken der Menschheit. Gamal, Gamall... Söhne und EnkelJ Aber Väter? Chaim W ei z mann sagte einmal in einer Rede: „Wir sind Söhne von Krämern und Hausierern, aber Enkel von Propheten.“ Das ist ein stolzes Wort. Bleibt aber die Frage: „Von wem sind wir die Väter? Was werden unsere Kinder sein?“ Dieses Problem beschäftigt alle denken- ’üen, über den Tag hinausblickenden Menschen des Jischuw in Erez Israel. Wie werden unsere Kinder sein? Was für eine Bilanz •wird nach hundert Jahren ein Kulturhistoriker ziehen? Besteht rächt die Gefahr, daß wir Väter von Levantinern werden? Sie besteht, und sie ist in Palästina auch rechtzeitig erkannt worden, und das Sinnen und Trachten aller, die sich das Wort Theodor Herzls gemerkt haben, daß Zionismus ein ewiges Ideal ist, ist darauf gerichtet, nicht nur für unser Volk eine rechtlich gesicherte Scholle zu erkämpfen, sondern auch in stetem Streben, ein Geschlecht sittlicher und geistiger Vollendung zu erziehen. Wer die Kinderheime der Arbeiterkolonien und die Kindergärten in den jüdischen Städten gesehen hat, nimmt die Hoffnung mit sich, daß unsere Enkel, oder wenigstens ein großer Teil von ihnen, Träger des „ewigen Zionismus“ sein werden. Wir sind der Drehpunkt. Unsere Väter waren weniger jüdisch als unsere Großväter. Wir sind weniger jüdisch als unsere Väter. Mögen unsere Söhne im Judesein unseren Vätern und unsere Enkel unseren Großvätern gleichen: ln anderen Formen, aber als Träger jüdischer Lebensordmng. Denn nicht nur der Zionismus, sondern auch das Judentum selbst ist ein eisiges Ideal. Besuch hei Bafta Wer ist Baku? Schlaget in einem guten Zezikon nach und Ihr werdet erfahren, daß 'das ein Perser war, der in der Mitte des porigen Jahr Hund a ts nach Pu'ääiun harn Und dort der Gründer einer neuen Religion wurde, ln Akko befindet sich eia weitläufiges Haus, in welchem Baha gewohnt hat und daneben ein großes Gebäude zur Aufnahme der Pilger, die Anhänger des Bahaismus sind und aus allen Gegenden der Welt kommen. Ja, es gibt in der Welt eine neue, aber unbekannte Religion, die ihre Gläubigen aus allen Völkern und allen Ländern rekrutiert. Bahaismus ist die Religion der Nichtgewalt, der Sanftmut, eine Art Tolstojanismus, gekennzeichnet durch hingebungsvolle Liebe für alles Lebende, für Mensch, Tier und Pflanze. Beim Besuche des Hauses, in dem Baha gewohnt hat, überkommt einen die Stimmung absoluter Friedfertigkeit. Der Raum, in dem er zu schlafen pflegte, ist eigentlich ein überdachter Garten. Baha lebte und schlief in Gesellschaft von Tieren, Bäumen und Blumen. Einen noch mächtigeren Eindruck macht das Grab von Abbas Effendi, des Neffen von Baha und des bedeutendsten Fortbildners seiner Lehre. Ich glaube nicht, daß im ganzen Orient eine Anlage zu finden ist, die an Großartigkeit, Stilreinheit und an Andachtsstimmung dem Grabe des Abbas Effendis gleichen werde. Wer in den Bezirk von Bahas Haus und Abbas’ Grab gelangt, wird vom Geiste der Friedfertigkeit umfangen. Die Welt ringsum versinkt, man verliert das Ichbewußtsein und ist nur ein Teil des Universums. Wie kommt es, daß Palästina immer wieder Ursprungsland von Religionen wird? Denn wer weiß, was aus Bahaismus noch werden kann? Achtzig Jahre nach der Geburt Jesu Christi konnte auch niemand wissen, daß das Christentum Weltreligion werden wird. Vielleicht wird dreihundert Jahre später der Bahaismus jenes religiöse System sein, mit dem sich das Judentum auseinanderzusetzen haben wird. Bleibt noch immer die Frage, warum gerade in Palästina die Menschen intensiver als irgendwo anders zur Erkenntnis Gottes und zur Konzeption neuer Religionssysteme gelangen? Möglicher- ‘i;c: '*>. Hegt des Rätsels Lösung dann., daß sich im Jordantale die tiefste bekannte Eidsenke befindet. Und darum kommen aus Gamal, Gamali Chawer ata scheli Chawer ata scheli B'siwsiw... b’siwsiw. „Kamel, mein Kamel, Du bis mir Genosse, Du bist mir Genosse im Kies...“ Von allen Liedern, die in der letzten Zeit in Palästina entstanden sind, hat dieses Lied vom Genossen Kamel, dem Kameraden des Schwarzarbeiters beim Schleppen von Kies für die Herstellung von Zementziegeln, den stärksten Eindruck auf mich gemacht, ln diesem monoton gesungenen, an arabische Motive erinnernden Kadenzen, ist die Vermählung des jüdischen Arbeiters mit der Arbeit und mit dem Charakter des Landes am schärfsten ausgeprägt. Ich weiß nicht, wer der Verfasser dieses Liedchens und wer sein Komponist ist: aber beide haben intuitiv die Seele des Arbeiters, der Arbeit im Lande und dessen stilgerechtesten Haustieres erkannt. Gewiß, Palästina von heute wird nicht mehr dv/rch das Kamel oder durch den Esel und Maulesel charakterisiert; auch nicht durch die Kaktushecken und durch versengtes Gras. Palästina prägt sich dem Besucher, abgesehen von seiner Landschaft, durch die kreuz und quer übers Land gespannten Leitungsdrähte der Ruthenbergschen Elektrizitätswerke, durch den rasenden Verkehr von Privatautos und Lastautomobilen und durch die rapide Entwicklung der neuen jüdischen Stadsiedlungen ein. Aber all diese Phänomene müssen sich erst in den Stil, in die Atmosphäre und in den Charakter des Landes einfügen. Erdnah und wurzelecht sind im tiefsten Grunde nur diejenigen Juden, die einen heiligen Bund mit dem Boden, den Pflanzen und den Tieren Palästinas geschlossen haben. Und das sind — keine Spur von Geringerbewertung aller anderen Elemente! — in erster Linie die jüdischen Arbeiter in Palästina; sie haben den wahren Bund zwischen jüdischem Land und jüdischem Volk erneuert. Und wenn sie ihr Lied vom Genossen und Bruder Kamel singen, wissen sie vielleicht gar nicht, daß sin die Erkenntnis des heiligen Franz von Assisi neu entdeckt und zu tiefst begriffen hüben, die Erkenntnis, daß der Wind und das Feuer, der Stein und die Blume, das Kamel und der Esel des Menschen Brüder sind. Man liebt eine Mutter nicht wenU ger, wenn sie häßlich Ist Seien wir aufrichtig, dieses schwedische Sprichwort ist ein Trost für die häßlichen Mütter und macht aus der Not eine Tugend,. Man kann sich seine Mutter nicht wählen, und da bleibt eifern nichts anderes übrig, da es doch die Mutter ist, als sie zu lieben„ Aber in Wahrheit liebt man eine schöne Mutter schwärmerischer und leidenschaftlicher als eine Mutter, die nicht schön ist.. : Bevor ich Palästina gesehen hatte, steckte in meinem Unterbewußtsein die leise Befürchtung, daß das Land, das Land unserer Väter und das Land unserer Enkel, nicht schön sein könnte. Nun hatte ich aber schon vorher viele schöne Mütter, will heißen, landschaftlich wunderschöne Gegenden und Länder gesehen und hatte darum Angst, daß beim Vergleich meiner eigenen Mutter Palästina mit anderen Müttern, wie die Schweiz oder Holland oder Frankreich oder Italien oder Tirol, meine Mutter in eine niedrigere Stufe der Schönheit gestellt 'werden müßte. Ich hatte mir vorgenommen, mit kritischen Augen die Falten und Runen im Gesichte meiner Mutter Palästina zu betrachten. Ich wollte nicht in den Fehler verfallen, „meine Kompagnie“ als die beste und schönste der Welt zu erklären, nur darum, weil es meine Kompagnie ist. Mit einer derartigen Einstellung habe ich Mutter Palästina von Norden und. Süden, von Osten und Westen betrachtet. Und trotz aller kritischen Voreingenommenheit gegen alles, was man über Palästina erzählt hat, kam ich zur Überzeugung: Mutter Palästina ist schön, ist wunderschön, ist herrlich wie die schönsten Mütter auf Erden. Man liebt eine Mutter nicht weniger, wenn sie häßlich ist. Aber man liebt sie schwärmenscher und leidenschaflicher, wenn sie strahlend schön ist. Wen wundert es da, daß man nur mit wehem Herzen und mit Tränen in den Augen bei der Abreise aus Palästina vom Lande Abschied nimmt, mit dem festen Vorsatz, 'wiederzukehren, um seine Tage bei •!..r schönsten aller Mütter zu verbringen! Moses Waldmann.