Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 385 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 385 — 7. September 1934 DIE STIMME m Seit« X Zionismus, nicht Marxismus oder Kapitalismus Von Dr. Oskar Grün bäum „Wir werden aus den geschichtlichen Fehlern anderer lernen, wie aus unseren eigenen. Denn wir sind ein modernes Volk und wollen das modernste werden.“ So schrieb Theodor Herzl in seinem „Judenstaat“ im Kapitel über die Verfassung. Es kann wohl ohne Übertreibung gesagt werden, daß die Juden in Palästina im großen und ganzen bisher alles getan haben, um die fremden Fehler nachzuahmen. Darin und nicht im Verhalten der Engländer und Araber uns gegenüber, liegt die Ursache des traurigem und gefahrdrohenden Zustandes des Jischuw. Es soll hier nicht von den Fehlern unserer Politik gesprochen werden. In einer Bewegung, die kein Vorbild in der Geschichte aller Völker hat, infolge des Unverstandes der Massen vorhandene Möglichkeiten ungenützt verstreichen ließ und erst in der denkbar ungünstigsten Zeit an ihre Realisierung schritt, sind politische Fehler unvermeidlich. Ich glaube sogar, daß eine zukünftige Geschichtsschreibung anerkennen wird, daß die Fehlsohläge der zionistischen Politik seit der Balfour-Deklaration hauptsächlich darauf zurückzuführen sind, daß den jüdischen Massen der tiefe Sinn und die naturgegebene Notwendigkeit des Zionismus nicht rechtzeitig aufgegangen war. Hier soll aber nur darüber gesprochen werden, daß die wahre Ursache für die Zerrüttung unseres Jischuw in der Nachahmung fremder Fehler bei der Gestaltung seiner sozialen Struktur, zu suchen ist. Betrachtet man die Entstehung des Jischuw historisch, dann finden wir: Der j alte Witz der Assimilanten, ein Zionist sei i ein Jude, der einem zweiten Juden Geld gebe, damit er einen dritten Juden nach Palästina schicke, barg lange Zeit ein Körnchen Wahrheit in sich. Nach Palästina gingen wohl Menschen aus Liebe zum Land unserer Väter, opferten Gesundheit und Leben und ermöglichten so den derzeitigen Aufschwung Palästinas, des einzigen Landes in der ganzen Welt, das heute in der Lage ist, größere Massen von Einwanderern aufzunehmen. Die anderen Zionisten zogen es vor, zu Hause zu bleiben. Unsere Chaluzim aber mußten und müssen heute noch infolge der ewigen Misere unserer Finanzen große Leiden erdulden, denn das Leben des Chaluz in Palästina ist bitter genug, auch wenn alle Hilfsquellen zur Verfügung stehen., 1 Sehen wir von der geistigen Ausrüstung des Chaluz ab, die in seiner zionistischen Begeisterung besteht, so muß man sagen, daß wir ihm an gestaltenden Ideen fast nichts mit auf den Weg gegeben haben. Darin liegt aber auch die Ursache der gefahrdrohenden Situation der zionistischen Bewegung trotz der augenblicklichen Prosperity Palästinas. Und gerade heute, inmitten der Prosperity, ist die Wunde an der sozialen Struktur Palästinas aufgebrochen: Streiks und Klassenkampf. Was wird erst geschehen, wenn die Prosperity einmal abreißen wird? Caveant consules! tritte warfen. Ich weiß nicht, ob derartige Vorfälle bei einem zweiten Volk möglich wären, ohne daß ihre Veranstalter und Drahtzieher gesellschaftlich geächtet würden. Wenn wir heute daran denken, daß unschwer der größte Teil des palästinensischen Bodens heute Eigentum des Keren Kajemeth und damit der widerlichen Bodenspekulation entzogen sein könnte, wäre nur das jüdische Volk seinen Verpflichtungen zur Erlösung des Bodens nachgekommen, dann werden wir erkennen, wie sehr wir an den heutigen Verhältnissen in Palästina schuldtragend sind. Allerdings, auch wenn der ganze Boden Palästinas Eigentum des Keren Kajemetih wäre, die sozialen Beziehungen in Palästina wären zwar vielleicht nicht so verschärft, wie sie es sind, aber doch ungesund. Wer trägt die Schuld? Die Untersuchung dieser Frage ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunft unserer Bewegung. Es handelt sich hier nicht um die Feststellung, welche Partei für die derzeitigen Verhältnisse verantwortlich zu machen ist, auch nicht darum, die größere oder geringere Verantwortlichkeit einzelner Parteien gerecht aufzuteilen. Eine derartige Lösung wäre müssig. Alle Parteien sind schuldtragend, und es ist vernünftiger, neue Wege in eine bessere Zukunft zu bahnen. Aus 52 Ländern kamen und kommen Zionisten nach Palästina. Daß derzeit auch Nichtzionisten und Antizionisten bar aller Judentum wesensfremd sind. Solange es einen marxistischen Sozialismus gibt, dessen Endzweck es doch ist, die Arbeiter in den Besitz der Produktionsmittel, das heißt in den Besitz des Vermögens der Kapitalisten zu setzen und solange es einen Kapitalismus gibt, der — in einem größeren oder geringeren Umfang — die Arbeiterklasse ausbeuten will, kann es keinen sozialen Frieden geben. Es wird daher auch in Palästina immer gefährliche soziale Spannungen geben, solange die sozialen Beziehungen nicht auf eine bessere Grundlage gestellt werden. Wer allerdings annimmt, daß die marxistische oder die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung die alleinseligmachende ist, wird anderer Meinung sein. Wer aber erkennt, daß der Kampf dieser beiden Extreme Staaten zerstört, einmal die Arbeiterklasse knechtet und einmal die Kapitalisten enteignet, dem muß bange sein, wenn er die Assimilation an derartige Methoden in Palästina sieht. Dies auch dann, wenn — was wir alle wünschen müssen — schwere Erschütterungen der Wirtschaft durch den Kampf der Extreme vermieden werden sollten. Man wird aber zugeben müssen, daß der Kampf der1 beiden Meinungen in Palästina nicht nur in der Beschäftigung arabischer Arbeiter seinen Ausdruck findet und daß der Klassenkampf eines Tages zu einer Katastrophe führen kann. Würden wir heute kein Vorbild für die gerechte Gestaltung der sozialen Beziehunhandelt sich um eine Lebensnotwendigkeit des Jischuw, die aber Parteiinteressen —« eingebildeten und wirklichen — widerstreitet. Diese Widerstände müssen überwunden werden. Es gibt nun einen Faktor Im Zionismus, der, wenn es nötig ist, einen Zwang zum Guten ausüben kann. Das ist der nunmehr konsolidierte Weltverband der Allgemeinen Zionisten, der in seinem Programm (siehe „Stimme“ vom 21. August) den „Aufbau Palästinas im Geist des sozialen Fortschrittes und der sozialen Gerechtigkeit ohne Rücksicht auf Klasseninteressen“ verlangt. Es heißt dort weiter: Arbeit und Kapital sollen dem Primat der gesamtnationalen Interessen auf allen Gebieten des jüdischen Lebens in Erez Israel unterworfen sein. Von beiden sollen gleichmäßige Opfer im Dienste der Nation verlangt werden, beide sollen unter der Kontrolle der nationalen Instanzen stehen und von ihnen geregelt werden. Für den Arbeitgeber muß die Sicherung eines menschlichen, würdigen Daseins des Arbeiters, für den Arbeiter die Produktionsbedingungen des Landes mitbestimmend, für beide stets die Stärkung der nationalen Wirtschaft maßgebend sein. Die Erziehung und Organisierung1 des Arbeiters und Arbeitgebers und die Schaffung einer öffentlichen Meinung im Lande im Sinne und im Geiste dieser zionistischen Lösungen betrachtet der Weltverband der Allgemeinen Zionisten als eine Lebensnotwendigkeit für den harmonischen Aufbau und für die Erschließung des Landes. Wir fordern deshalb: Für Festgerichte das reine Kunerol... Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Milchspeisen ganz besonders geeignet. Kunerolwird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt — es kommt während der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt. KUNEROL 100%REINES KOKOSNUSSFETT Nur echt in Originalpackung! Man wird einwenden: Aus 52 Ländern kamen und kommen Juden nach Palästina, aus 52 Ländern verschiedener Kultur und sozialer Struktur, und sie müssen sich erst ihr Leben gestalten. Das ist richtig. Es wurde aber kein Versuch gemacht, das soziale Leben neu zu gestalten, und zwar so, daß in ihm die Erneuerung des jüdischen Lebens zum Ausdruck kommt. Eine Ausnahme ist hier festzustellen: Die Institution des Keren Kajemeth. Er kauft den Boden als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes und siedelt auf diesem Boden diejenigen Einwanderer, deren Leben auf Selbstarbeit beruht, als Erbpächter gegen eine geringfügige Pachtsumme an. Hier wurde eine Tat gesetzt, die das soziale Leben des Jischuw auf eine neue Basis steilen wollte, und wir alle kennen das segensreiche Wirken des Keren Kajemeth. Nur mit Bitterkeit und Scham kann man daher an den Boykott des Keren Kajemeth und die Sabotageakte jugendlicher, verhetzter Revisionisten denken und mit noch größerer Bitterkeit und Scham an die revisionistischen Führer, deren Ungeist es zuzuschreiben ist, daß beispielweise Revisionisten in Kowno die Nationalfondßbüchsen in die Ab- ideellen Motive nach Palästina kommen, ist eine Sache für sich, die wir hier nicht weiter erörtern wollen. Die zionistische Bewegung ist in der Zeit des Liberalismus entstanden und in der Zeit des marxistischen Sozialismus groß geworden. Die zionistischen Einwanderer brachten diese Ideen nach Palästina mit. Sie dachten und denken noch heute nicht im entferntesten daran, sich darüber Rechenschaft zu geben, ob es eine Erneuerung des jüdischen Volkes ohne Erneuerung der sozialen Beziehungen geben kann, vielleicht aber glauben sie, es sei eben so, wie es ist, gut bestellt. In diesem tragischen Irrtum liegt der Urgrund für die zum Zerreissen gespannten sozialen Beziehungen. Wer heute noch glaubt, daß der zionistische Idealismus allein, weil er aus Sümpfon und Steppen Städte und Gärten emporschießen ließ, weil er aus Intellektuellen und Händlern erdverbundene Arbeiter und Handwerker machte, auch die sozialen Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital glücklich gestalten kann, der irrt gewaltig. Ich behaupte, daß sowohl der marxistische Sozialismus wie a u c h der moclorne Kapitalismus dem gen haben, müßten wir erst experimentieren, dann wäre es schwer, zu raten. Wir haben aber in unserer Thora und insbesondere in den Büchern unserer Propheten ein ideales Vorbild. Kein noch so fortgeschrittener Staat erreicht' jene Stufe der sozialen Gerechtigkeit, wie sie unseren Propheten vorsehwebte. Trotzdem haben wir fremde Methoden kopiert. Wir Zionisten haben das getan, obwohl wir selbst es sind, die immer den richtigen Grundsatz predigen, daß wir ein Volk mit einer abnormalen Geschichte und mit einer abnormalen Struktur sind und daß bei uns fremde Schablonen versagen müssen. Versuchen wir also in Palästina einen neuen Typus sozialer Gerechtigkeit, fußend auf den Prinzipien der Gerechtigkeit, wie sie unsere heiligen Bücher predigten, zu verwirklichen. Hoffnungslos! werden viele sagen. Die Klassenkämpfer links und rechts werden nicht nachgeben. Darauf ist zu antworten, daß es wohl richtig ist, daß es sehr schwer ist, eine versäumte politische Erziehung nachzuholon, daß aber der Versuch gemacht werden muß. Es handelt sich nicht um ein der Laune entspringendes Experiment, es* a) eine Neuordnung des Gewerkschaftswesens, um dieses zu entpolitisieren; b) daß die Leitung der Arbeitsbüros für alle Arbeitszweige nach neutralen Gesichtspunkten eingesetzt und einer nationalen Instanz verantwortlich ist; c) Einsetzung von Landes- und lokalen Zwangsarbitrageinstanzen auf allen Gebieten des Aufbaues durch eine nationale Institution, welcher diese Zwangsarbitrageinstanzen verantwortlich sind und die sowohl alle Streitigkeiten zwischen Arbeit und Kapital als auch der Arbeitsorganisationen untereinander endgültig entscheiden. Streiks oder Lockouts sind vor der Entscheidung dieser Zwangsarbitrageinstanz verboten. Wir fordern Einführung sozialer Gesetze zum Sehutzo der Arbeit, insbesondere für den Fall der Krankheit, Unfall, Invalidität, Alter und Arbeitslosigkeit. Diesem Programm zur Durchsetzung im sozialen Leben Palästinas zu verhelfen ist eine gewiß schwere, aber nicht unmögliche Aufgabe. Der Hebel ist bei der H i s t adruth Haowdim anzusetzen. Sie muß entpolitisiert werden. Sie darf nicht weiter der Hammer sein, der, drohend über den