Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 385 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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i Seite?___ 0,8 8T,MM8 Nr. 385 — 7. September 1934 IMaUWMimWUMiaMlimMWUW'iMBeWI mlngers Gaststätten am Praterstern! •”'• M!!j! •mü:!i::!'i!’ •-•••« •»•„ lr’rl!If^^•i^tm^lM^l^mrfrlrf[^ml!mfm^Ir^^r^^r^!!f^l^tl!!!^rl:!:^T■|:;t:^:!::^,^!^^VI^!!^^f^rrlI:^I^Mr!lirr^r!;l^l* *Mi^^l:l!^IllHlm^lmllllltlfl^ll:!!ll:^lllllll!Tl^^lf^ffrfrllrlltl1llllltllllll!l!llll!lUllUl!ll!llll|[l!l!^llll1!^!lnMlMl^l!MllllllM(t1HI[l!Kn'..' fiiMinitun Konfevenxbildev iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiititiiiiitiiiiiiiifiiiitiiiiiiiiiiiiiiitiiiiitiiiiinniiiiiiiniiiiiiiiii Genf, Ende August 1934. \ on der führenden politischen Zeitung ( Genfs, dem ..Journal de Oennöve“, wurde die jüdische Konferenz ein „Parlamentin der Zerstreuung" genannt. Diese Bezeichnung mag in mancher Hinsicht passend sein; richtiger aber wäre der Namen „Embryo eines Parlaments", denn noch gibt es auf der Weltkonferenz keine ausgesprochenen Interessentengruppen wie in anderen Parlamenten oder sogar auf dem Zionistenkongroß. Der Grund liegt darin, daß auf der Weltkonferenz keine ausgesprochen materiell betonte Fragen zur Behandlung gelangen. Und wo es nichts zu verteilen gibt-, dort ist Gemeingeist leichter herzustellen als in Institutionen, die auch nur die bescheidensten materiellen Werte zu verwalten haben. 'Man kann sagen, ein Parlament ist erst dann 'in richtiges Parlament, wenn es ein Budget zu beschließen und zu verteilen hat. Die Weltkonferenz ha/t kein Budget zur Verfügung und auch keines zu erwarten; sie hat nicht einmal genügend Mittel, um ihre Unkosten zu decken. * Auf der Konferenz dominieren die altbekannten Routiniers des jüdisch-politischen Lebens. Das sind Menschen ohne Illusionen Palästlnaabteiluns i"*rro'?no Josef Popper Internationale Transporte Wien, II., Taborstraße 22 Telephon R <8-5-10, R 40-5-70 Serie Spezial -Warentransporte, Übersiedlungen, Verpackungen für Palästina, Transport- und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder Art über Palästina. und ohne den Schwung glücklicher Unerfahrenheit. Es sind Püichtmenschen, die wissen, daß man nichts unterlassen darf, was nur die entfernteste Möglichkeit einer Wirkung haben könnte; die aber die Flinte nicht ins Korn werfen, wenn eine Aktion mißlingt. Sie halben im Laufe ihres Lebens, dank der „großen" Zeit, in die wir alle hineingestelll sind, soviel überraschende Wandlungen ge sehen, daß sie sich sagen, wenn es heute nicht geht, so wird es ein andermal gelingen. Ferner haben diese Menschen vor Worten wenig Respekt. Sie haben erfahren, daß Reden und Schreiben nicht viel nützen; aber viel Reden und viel Schreiben übt Wirkung-. Und darum werden eie nicht müde, sich hundertmal, tausendmal zu wiederholen. Für den Zuhörer, der diese Männer seit vielen, vielen Jahren kennt, ist das kein Vergnügen; er stellt melancholisch fest, daß Jede „neue" Rede d.ieser ,Jeader“ eigentlich die längst gehörte, alte ist. Aber mit diesen Dr. O. Lustmann emer. Ordinarius der Gemeinde Wien ordiniert für Frauen-, Kinder-, Nerven- und innere Krankheiten Wien, VI., Gunvpendorferstraße 35 Mezz. Tür 7> Telephon A 3I-Q-IO An Wochentagen 2-4 nachmittags, Sonntag IO-II vormittags Berufszuhörer kommt es ja nicht an, und die große Masse muß unaufhörlich haranguiert werden. Darum; laßt die jüdisch-politischen Routiniers nur weiter reden! Das ist ihr Geschäft (im guten Sinne des Wortes) und die Sache, die eie vertreten, ist besser als sie, die Wortführer dieser Sache. Aber so ist es fast immer: die Idee ist in der Regel reiner, wertvoller und erhabener als ihre Träger. * Man sieht manchen „guten Kopf“ auf der Konferenz. Leider kann man nicht alle nennen, und darum muß man darauf verzichten, jene Personen zu erwähnen, die der ganzen Veranstaltung das Gesicht geben. Aber einige Gruppen fallen auf; am stärksten die Franzosen und die „Exoten“. Wobei ausdrücklich festgestellt werden muß, daß die „Franzosen" nicht nur verkleidete Ostjuden sind. Es sind tatsächlich Delegierte aus Frankreich in großer Zahl vorhanden, die in jenem Lande geboren wurden. Sie wissen wenig von jüdischen Dingen, aber sie haben den besten Willen. Jedenfalls beweisen diese Meneehen viel Instinkt, indem sie sich bemühen, sich in die jüdische Gesamtheit beizeiten freiwillig einzufügen. Denn es kann ja die Zeit kommen, wo sie unfreiwillig zu ihrer jüdischen Gemeinschaft werden Zuflucht nehmen müssen. Die „Exoten“ sind die Delegierten aus Tunis, Algier, Ägypten. Italien und Marokko. Sie gehören, außerhalb des Judentums, dem französischen Sprac-hkreis an. Man hört darum auf der Konferenz viel französisch sprechen. Gering ist die Beteiligung aus Osteuropa. Der Grund liegt nicht am mangelnden Interesse der Ostjuden für die Tagung, sondern an der schrecklichen Verarmung der Ostjuden. Man kann sich weder als Privatmann, noch als Organisation in Polen, Rumänien oder Litauen die Kosten leisten, die mit einer Reise nach Genf verbunden sind. Aber auch die an der Konferenz Teilnehmenden lassen erkennen, daß sie nur unter größten Opfern und Entbehrungen imstande gewesen sind, zu kommen. Man wohnt in den billigsten Hotels und Pensionen, man besucht die bescheidensten Restaurants und meidet die teuren Kaffeehäuser. Die jüdische Welt ist pa.up erigiert, und die Delegierten zur jüdischen Weltkonferenz sind, in ihrer erdrückenden Mehrheit, nicht nur die Beklager, sondern auch Opfer dieser Verarmung. * Auffallend gering ist die Vertretung der jüdischen Presse auf der Konferenz. Insgesamt sind vier jüdische Journalisten von auswärts zur Stelle, die die jüdische Presse bedienen. Von den Genfer Pressevertretern sind natürlich sehr viele jüdisch, aber sie bedienen die nichtjüdische Presse. Die kleine Zahl der jüdischen Journalisen kann verschiedentlich gedeutet werden. Möglichererie wir bereits mitgeteilt haben, nahmen die Vertreter der Jüdischen Minderheiten an dem zuletzt in Bern abgehaltenen Minoritätenkongreß keinen Anteil. Die Gründe für die Abstinenz liegen in dem Verhalten des Minoritätenkongresses zu der Frage der deutschen Juden. Genauer gesagt, ist die Weigerung des Kongresses, gemäß seinen Grundsätzen, mr beispiellosen Entrechtung der Juden in Deutschland in entsprechender Weise Stellung zu nehmen, mr der letzte Anstoß gewesen, der die Vertreter der Jüdischen, aber auch anderer Minderheiten veranlaßt hat, sich von dem Minoritätenkongreß, wie er heute aussieht, zu distanzieren. Im Laufe der Jahre hat sich nämlich der Minoritätenkongreß als ungeeignet erwiesen, in wahrhaft über Jedes Sonderinteresse stehenden Weise die ihm obliegenden Aufgaben wahrzunehmen, ln immer stärkerem Grad betätigen sich einzelne Vertreter im Minoritätenkongreß als Exponenten bestimmter Regierungen und als Instrumente der ver- 8chiedentlichen Pläne und Absichten von Staatskanzleien, denen es nicht um das allgemeine Prinzip des Minderheitenschutzes, sondern um die Durchsetzung der eigenen P olitik geht. Insbesondere sind die Vertreter einzelner deutscher Minder heiten geradezu als Agenten des „D ritten Reiches“ zu betrachten. ‘ Ihr Verhalten hat dazu beigetragen, die Institution des Minderheitenkongresses, wie er sich heute präsentiert, in den Augen nicht nur der Jüdischen, sondern auch anderer Minderheiten zu diskreditieren. Da die deutschen Minderheilen, rein zahlenmäßig betrachtet, einen weise hält mau die ganze Veranstaltung für nicht überragend wichtig; vielleicht verläßt, man sich übrigens mit. Recht., auf den Nachrichtendienst der ,.It.a“. Ein Hauptgrund ist auch für die mangelhafte Beteiligung der jüdischen Journalistik die allgemeine Verarmung. Nicht, nur. daß man sparen muß; es reicht, auch nicht, für die lebenswichtigsten Ausgaben. Es gibt eben Grade des Elends, die nicht mehr produktiv sind. Charakteristisch erschien mir folgendes: Zur Eröffnungssitzung der Konferenz drängte sich eine große Masse von Juden aus Genf und dem benachbarten Osten. Zur Deckung der Kosten wurde für die Eintrittskarte der Betrag von 3 Schweizer Franken, das ist ein Dollar, verlangt. Ich sah nun viele Leute enttäuscht Weggehen. Die Sache war ihnen schon einen Dollar wert — aber sie hatten mit dieser Ausgabe nicht gerechnet und konnten eich nicht den Erwerb eines Entreetiokets leisten. Wenn das schon bei vielen .Schweizer Juden der Fall ist, kann man sich vorstellen, wie es anderswo bei den jüdischen Massen in der Welt aussieht,. * Die große niehtjüdißche Presse verfolgt die Konferenz mit großer Aufmerksamkeit. Noch niemals war das Echo einer Genfer jüdischen Konferenz in der Umwelt so stark wie diesmal. Ein großes amerikanisches Nachrichtenbüro telegraphierte seinem Genfer Vertreter; „B i 11 e m e h r Jude n!“, womit nicht etwa die Entsendung jüdischer Emigranten, sondern nur eine ausführlichere Berichterstattung über die Konferenz gemeint war. Die Umwelt empfindet eben die Judenfrage als Welt frage und trägt dieser Auffassungo Rechnun. Daß Pariser Radio berichtete am 21. August abends ausführlich über die Verhandlungen. Auch das Westschweizer Radio hielt es für angebracht, eine Viertelstunde Jang seine Zuhörer über die Konferenz zu informieren. Große Schweizer Blätter haben anläßlich der Konferenz „Editorials“ gebracht, was viel heißen 'will, denn in der Schweiz, besonders in Genf, ist eine Konferenz, namentlich eine Restaurant Rillet Bestrenommierte Küche "WS Reichhaltige Menüs IS 1*90 u. 2*60 SdiwediaterBräu II., Hammerpurgstallgasse 3 (nächst Salztorbrücke^ Telephon A 41-0-2j Hauptbestawlteü des Kongresses darstellen und ihre Stellungnahme zu den auf die Juden bezüglichen Ereignissen in Deutschland mit einer Mitarbeit der Vertreter der Jüdischen Minderheiten unvereinbar ist, so kann tatsächlich der Minderheitenkongreß, nicht mehr als die Zentralorganisation zur Eber w achung des Minderheitenschutzes in der Weit betrachtet werden. Wenn diese Zustände keine grundlegende Änderung erfahren, so wird das Problem akut werden, ob es nicht hoch an der Zeit ist, eine neue un ab hängige Organisation der Minder he iten zu schaffen, eine Organisation, die lediglich von dem Prlnzipe beherrscht wird, n u r Minderheiten zu dienen und nicht Exponent der Interessen einzelner Staaten zu sein. Über diese Sachlage können die Äußerungen des in Bern abgehaltenen Minderheitenkongresses nicht hinwegtäuschen. Mag dieser Kongreß Beschlüsse welcher Art immer fassen, man wird den Argwohn nicht los, daß hinter dem Kongreß Drahtzieher stehen, deren Absichten nicht gerade als lauter zu bezeichnen sind. Über den Inhalt der in Bern beschlossenen Resolution werden wir gelegentlich berichten. Heute sei nur auf die Groteske hingewiesen, daß man Resolutionen wegen des Minderheitenschutzes in der So w jetuni o n vor geschlagen, die himmelschreiende Entrechtung der Jüdischen Minderheit in Deutschland aber in den programmatischen Ankündigungen der Tagung mit k eine r S ilb e er w ä h n t hat. jüdische, keine Sensation. Wenn sic nun von der nichtj irdischen Umwelt als ein wichtige« Ereigni« empfunden wird, so ist dreierlei möglich: 1. Die Umwelt irrt; 2. die Konferenz ist, ein wichtiges Ereignis; 3. die Konferenz hätte, wenn sie es nicht ist, ein wichtiges Ereignis werden können. Wa/? ist. richtig?... Das wird die Zukunft, zeigen. * I11 Genf ist es schrecklich heiß. Darum verhandelt, man bei offenen Fenstern. Diese aber gehen auf die Straße hinaus. Obwohl die Mehrheit der Delegierten aus geschulten Parlament,ariern bestellt, und die immerhin bescheidene Zahl der Anwesenden keine MasrJpn.stimmung aufkmnmon läßt, bringen einzelne Redner ihre Argumente so dröhnend vor, als ob vor ihnen Tausende von Hörem und nicht ein paar Dutzend Menschen säßen. Diese Donnerredner sind natürlich — die Fenster waren offen — auf der Straße hörbar GASTSTÄTTE FÜR JEDERMANN I., Kärlnerslrafje Nr 61 Besitzer Otto Kaserer WIENER RATHAUSKELLER volkstümliche Preise In allen Lokalitäten Wien vor 400 Jahren Allabendlich Original Wiener Musik und Gesang Inhaber Ollo Kaserer geworden, und bald sammelte sich eint große Menge braver Genfer Einwohner vor der „Salle Centrale“, wo die Konferenz tagte. Ich habe mir die Mienen der versammelten Genfer angesehen. Daß sie die, in ihnen fremden Sprachen gesprochenen Worte nicht verstehen konnten, begriffen sie. Aber daß man so laut sprach, so herzzerreißend schrie, das erschien ihnen seltsam. Ein biederer Genfer Bürger fragte seinen Nachbarn: „Warum schreien die Leute?“ Begeifliche Frage für einen Genfer Bürger, denn warum soll man an einem heißen Sommertage, am Ufer des so schönen Genfer-Sees, nicht weit vom Montblanc, schreien? Ist denn die Welt nicht schön?.., Das ist es eben, wir haben keine Zeit, Schönheit zu sehen und zu genießen; -wir können in dieser Zeit nicht einmal angesichts des Montblanc stumm bleiben. Wir müssen schreien. Vielleicht wird uns doch jemand zu Hilfe kommen. Und wenn nicht, dann übertönt das Geschrei unsere Schmerzen. * Viele Delegierte speisen in einem kleinen Restaurant gegenüber dem Bahnhof. Am dritten Tage ihres Aufenthaltes in Genf bereitete ihnen das Restaurant eine sinnige Überraschung. Auf der Speisekarte prangte ein neues Gericht: „Potage Palestine“, das heißt Palästinasuppe. Diese unterschied sich in nichts von den Suppen an den vorangegangenen Tagen. Aber es bleibt kennzeichnend, daß der niohtjüdisohe Restaurateur, um seine jüdischen Gäste zu ehren, ihnen zuliebe den Namen „Palästina“ erwähnte. Den ehemaligen oder noch jetzigen Bundisten usw. ist diese Form der Huldigung vielleicht wenig sympathisch erschienen. Aber wenn sie lernen und die Welt richtig beurteilen wollten, bo würden sie verstehen, daß zu einem vollen Judentum, nach Meinung der Welt und nach dem Sinn der jüdischen Geschichte, Palästina gehört. Und alles, alles, was im Judentum geschieht, gewinnt erst dann ewig jüdischen Wert, wenn es eingefügt ist in ein System, dessen Krönung erfülltes jüdisches Leben in Eroz Israel ist. Ob man gegen Hitler protestiert, ob mau für Minderheitenreohte kämpft, Borufsumschichtung predigt, die Wanderbewegung reguliert — alles das ist unbedingt notwendig und soll getan werden — darf mau darüber nicht vergessen, daß die wahre Normalisierung des jüdischen Volkes in unseren Tagen sich nur in Palästina vollzieht. m. w. Intelligentes 22|ähr. Mädchen au3 autem jüdischem Hause, welche die Handelssch., Huushaltungssch. besucht hat, Klavier und Gosangsstudion, etwas engl. Sprachkenntnisse, sucht Posten zu Kindern, Geringes Gehalt. Koforon'en. Unter „ArispyucbslQB4 a. <L Administration d. Blattes, Der Minder&eitenKongreß