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Die Stimme · 1934-09-07 · Heft 385 (7.9.1934) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 385 (7.9.1934)
Date
1934-09-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Frei« dieser Nummer 25 g V.b. b. Wegen der Feiertage erscheint die nächste Nummer der stimme“ am %4* September JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 385 | Wien, 7« September 1934 | Redaktion und Administration. Wien, i. KSrntnerstraBe 28. Tel. R 27-4-85. RedaktlonssohluB Montag und Mittwoch vorm. I faulende diem Firma danken MIKolasch MIKOLASch diem Firma Mai den 32 Jahren ihres Besiandee Hilie bei F « Ä- und Bruchleiden — 31m «erdieni auch Iler Vertrauen! Bmidgqen-Wlikolnsch Ften, Tah0M<rade22. Tel. R 47-1-85, R414^0 (<7- Elul 5694) | 7« Jahrgang Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang: Rüdilceßr Rüdilceßr „Führe uns zurück, unser Vater, zu deiner Lehre; nähere uns, unser König, deinem Dienste; und bringe uns vor dein Angesicht durch vollkommene Buße.“ So betet der religiöse Jude täglich. Wir bedürfen also eigentlich keiner besonderen Bußetage und keiner besonderen Zeiten der Rückkehr Seelische, besinnliche Sammlung, herzliche Einkehr, geistige Heimkehr sind jedoch schwer erringbare sittliche Güter. — Ich will kein salbungsvoller Moralist sein, kein schwärmerischer Sittenprediger; zu gut kenne ich die Fruchtlosigkeit wohlfeiler Rede, die Unempfänglichkeit des Lesersund Hörers. Im rohen Gedränge grauer Alltagssorgen, im beißenden Schweiße gemei ner Alltagsplagen ist wenig Raum für Re flexionen und Abstraktionen. Allerdings. Jüdisch ist das nicht. Jüdisch ist vielmehr Bewahrung seelischen Gleichgewichts in lallen Lagen, in guten wie in bösen; Zeitgewinn für nachdenkliche Andacht und geistige Arbeit selbst in der Hast und Hatz um das tägliche Brot. „Denn nicht für Brot allein lebt der Mensch, sondern für jeden Spruch des Mundes des Ewigen.“ Buch und Lehre haben uns auf allen Leidenswegen begleitet; vielleicht aus allen Nöten und Gefahren gerettet. — Nicht soll damit gesagt sein, daß Leiden die Grundlage seelischer Erhebung bilden müssen; aus der Freude Gott dienen ist jüdische Lebensweisheit. — Die ernsten, ehrfurchtgebietenden Tage, .vom Rosch-Haschanah eingeleitet, haben ursprünglich nicht Askese zum Zweck, sondern Läuterung, Weihe, Heiligung, aufrichtige Einkehr und Heimkehr. Es scheint jedoch, daß die Mehrzahl der Menschen der Leiden und Heimsuchungen bedarf, um zu Selbstbesinnung zu kommen. Not lehrt beten. Solches Gebet ist minder- Menschenkenntnis unserer Lehrer dafür gesorgt, daß zu einer bestimmten Zeit im Jahreskreislauf einige wenige Tage in gewissem Sinne religiös gehoben und vertieft werden sollen; in solchen Zeitpunkten insbesondere, die ehedem in weit zurückliegender Vorzeit im Aufblick, zu den Gestirnen und deren Wandel, die man abgöttisch verehrt, .angebetet und gefürchtet, als ausschlaggebend für Schicksalswende zu Glück und Unglück gehalten hatte. Wertvoll und wichtig sind deshalb solche Zeiten religiöser Gefühlsbestimmung und ethischer Besinnung. Wir gehen ihnen diesmal mit schwersten Sorgen und in tiefster Kümmernis entgegen. In dem nun zur Neige gegangenen jüdischen Jalif haben wir Furchtbares erlebt. Wohin wir in der weiten Welt blicken, ist der Horizont dunkel und düster. Kein Land der Erde blieb von Unheil verschont; kein Volk der Erde kann sagen, daß es in Ruhe und Zufriedenheit lebt. Millionen von Menschen leiden bittere Not; Hunger rafft Hunderttausende dahin; in Lumpen gekleidet wandeln Unzählige bettelnd auf allen Straßen der Welt. Friedlos, hoffnungslos, verzweifelt werfen Zahllose das ihnen unerträgliche, erbärmlich gewordene Leben hin und fliehen aus dieser ihnen zur Hölle gewordenen Welt. Verbrechen und Verbrecher schleichen nicht in dunkler Nacht auf verborgenen Wegen, sondern verüben am lichten Tag Diebstahl und Mord. Eine bis zum Irrsinn in Verzweiflung getriebene Menschheit zerreißt alle Dämme der primitivsten Moral und folgt bestialisch Trieben und Instink ten. Die Schleusen wildester Gier nach Gut Einhalt? Wo wird eine starke Stimme der Entrüstung gehört? Dichter und Denker hüllen sich in Schweigen gegenüber den Schandtaten, die beinahe auf dem ganzen Erdenrund an Menschen und Menschlichkeit verübt werden. In der christlichen und nichtchristlichen Welt sind nur einige wenige, bewundernswerte Rufer und Ruferinnen vernehmbar, die warnen, zürnen Was nützt es, wenn Juden sich und Blut sind geöffnet, eine Sintflut schmutzigster, vergifteter Jauche ergießt sich über ertrinkende Leiber und Leichen. wertig. Deshalb hat die Welterfahrung und Wer gebietet den entfesselten Elementen mit den vorzüglichen, großen Salonschiffen der direkten Eillinie Triest-Jaffa des LLOYD TRIESTINO Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr Ferner. Luxuseillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Colombo, Singapore, Shanghai• Schnellste Schiffe Höchster Komfort Auskunft: Lloyd Triestlno, Wien, I,, Kärnfnerring 6, Tel. U 47 5 60 drohen, melden? . Über sie stürzt die Sturmflut, Existenz und Leben bedrohend, in brüllenden Wogen. Sie sind in erster Reihe und vielfach aus schließlich die Angegriffenen. Die Gegenwehr ist schwach und muß schwach sein das jüdische Volk ist ganz im Gegenteil zu der wahnsinnigen Behauptung von Weltbeherrschung in kultureller und materieller Richtung waffenlos und der Übermacht vogelfrei preisgegeben Äußere Rüstung fehlt dem jüdischen Volke; sucht sie auch nicht. Entrüstung erwarten wir von den großen Kulturnationen. Unsere Verteidigungsmittel sind unzureichend; die der Kulturwelt wären vorhanden und zureichend. Innere Rüstung besitzen wir seit uralten Zeiten; sie ist nicht verrostet, weil wir sie durch Jahrtausende gebrauchen. In diese alte Rüstkammer kehren in unserer Zeit unzählige Juden zurück, die längst den Boden unter den Füßen, das im Judentum heimatliche und wurzelnde Gefühl, verloren hatten ... Verschwendet hatten wir die besten Teile unserer Kraft. Gern und willig stellten wir seelisches, körperliches, geistiges, physisches Vermögen in den Dienst der zivilisierten Menschheit auf der ganzen Erde; bis zur Selbstverleugnung, Selbstverneinung. Man geht nicht zu weit, wenn man sagt Selbstverachtung. Eigener Glaube, eigenes Volkstum, eigene Kultur wurden von einem großen Teil der Juden nicht nur vernachlässigt, sondern bewußt geleugnet, um schließlich bis zum -letzten Atom vergessen zu werden. So entstanden zerrissene Charaktere, gespaltene Seelen, ausgehöhlte Menschengruppen. Andere wieder, und zwar Ausgezeichnete, waren völlig in den Kulturen der verschiedenen Völker aufgegangen, hatten ihnen unsterblicheWerte verliehen und sie unsagbar bereichert. Befruchtung und Bereicherung der Weltkulturen durch höchste sittliche Güter war und ist seit urdenklichen Zeiten Aufgabe des jüdischen Volkes. — Es hat diese undankbare, unsäglich schwere Aufgabe übernommen und zu erfüllen getrachtet. Daran können Fälschungen der Weltgeschichte, entartete Regierungformen, verwilderte Völkerrechte nichts ändern. — Wir werden, trotz blutigster Verfolgung, diesem Programm auf Tod und Leben treu bleiben. Wir werden aber auch der ganzen in Waffen starrenden, grausamen, judenfeindlichen Welt gegenüber unser Judentum nicht nur verteidigen, sondern bis ans Ende mit geistigen, sittlichen Waffen kämpfen. VII., KAISERSTRASSE 123 * IX., ALSERSTBASSE Rückkehr tut auch in unseren Kreisen' not. Wir hatten auf den Leidenswegen und in Tagen ruhigen Besitzes relativer Freiheiten Bürger- und Menschenrechte Hunderttausende verloren. —- Sie kehren jetzt, spät und bedrängt von Haman und Amalek, zu« rück;' suchen den Mittelpunkt unseres weit« geschichtlichen Lebens, den sie ehedem verächtlich behandelt hatten, Palästina, auf der Flucht vor Entehrung und Tod; besuchen unsere Versammlungshäuser und Synagogen, um beschämende, klaffende Risse und Lücken ihres jüdischen Wesens auszufüllen und jüdisches Eigenleben aüfzubauen. Materialistisch-destruktive Gedanken und Wege weichen idealistisch-konstruktiven Ideen und Werken, Religiosität bekämpft oberflächliche Freigeisterei. Wofern diese unleugbarem Erscheinungen echt und wahrhaftig sind, haben sie höchsten Wert. Man bedenke jedoch: Rückkehr ist nicht gleichbedeutend mit Rückschritt. Geistigkeit und Versit, tlichung müssen Ziele dieser Rückkehr sein. Judentum ist ohne sie undenkbar- und unbrauchbar. Sie sind geradezu organisch in ihm wirkende Kräfte, sind, wie die Schrift sagt, „sein Leben und Verlängerung seiner Tage“; sind sein historisches Gepräge. Sie sind auch letzten Endes die Ursache des furchtbaren Hasses und der Verfolgung seitens gewisser Völkergruppen, die diese Ziele nicht verstehen, für die sie nicht reif sind, deren Träger also ausgerottet werden müssen, um Raum zu gewinnen für Barbarei und Heidentum. So stehen wir einsam und gefährdet in der Welt; aus tötlichen Wunden blutend. Wir werden nicht verbluten. Niemand ist bereit, uns zu helfen. M a n duldet die rasende Herrschaft des Heidentums und der Barbarei, die sich in der ganzen Welt die Juden als Opfer ausersehen haben. Ich glaube nicht, daß es gelingen wird, uns, wie es beabsichtigt ist, auszurotten. Vielmehr glaube ich, daß sich das Verbrechen an den Verbrechern furchtbar rächen wird; — keine an der Kultur begangene Versündigung bleibt ungestraft. —i Wir glauben fest an die Erfüllung des Gebets: „Die Frommen, Gerechten mögen sich freuen können, Unrecht verstummen, alle Bosheit soll ganz und gar wie Rauch zergehen, wenn Du Gewaltherrschaft von der Erde schwinden lassen wirst.“ Leser nur: Fahrschulen Wien, VIII., Neudeggerg. 18 Tel. B 46-5-72 und Inxersdorf (Nieder-Österreich) j Prüfungserleichterung durch:.!! Laufendes Auto im Lehrsaal!! unsere

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