Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-08-31 · Heft 383 (31.8.1934) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 383 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054070-3054137--4455-3060078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Xr. 883 — 81. Auguet 1934 OIE STIMME Seite 7 Eine österreichische Stimme über das Hakenkreuz In dem ehemal. nationalsozialistischen, jetzt vaterländischen „Salzburger Volksblatt“ vom 25. August findet sich ein Aufsatz eines „alten Großdeutschen“, der gegen den Nationalsozialismus Stellung nimmt. Die folgende Stelle in dem Artikel halten wir für bemerkenswert. Es heißt dort: „Jetzt kommen wir zu dem Hauptanziehungspunkt aus dom Programm der Nationalsozialisten: Die Vertreibung der Judonl Dieser Programmpunkt, dem namentlich die Jugend in fanatischer Verzückung zujubelt, hat Deutschland in den katastrophalen Zustand gebracht, in dem es sich heute befindet, denn das internationale Judentum revanchiert sich für diesen Schlag und hat bittere Rache durch Boykott der deutschen Industrie und des Handels genommen, so daß Deutschland heute wieder im Zustand der Kriegswirtschaft ist. Alles hamstert. „Ersatz“, dieses entsetzliche Wort, beherrscht die Erzeugung, die Währung ist in furchtbarer Lage, der Export ist aufs tiefste getroffen, so daß der Industrie befohlen wurde, sich mit Dumpingpreisen Exportaufträge und Devisen zu verschaffen. Und so muß es denn einmal klar ausgesprochen werden, daß Österreich aus mehrfachen Gründen niemals das Beispiel Deutschlands in der Judenfrage nachahmen darf und kann, speziell auch deswegen, da Österreich, in gleicher Weise wie Deutschland boykottiert, in der allerkürzesten Zeit zusammenbrechen würde. Das übersehen alle, die zu dem Phantom „Nationalsozialismus“ aufblicken, wie zu dem erlösenden Messias. Es ist nur vollständig unverständlich, daß auch' Geschäftsleute nicht den klaren Kopf haben, um dies alles einzusehen. Für ein Land wie Österreich, das zum allergrößten Teil auf den Fremdenverkehr angewiesen ist, paßt der brutale Antisemitismus, wie er in Deutschland eingeführt wurde, absolut nicht. Es wäre wirklich ein herrliches Propagandamittel, wenn neben dem Sajzburger Festspielhaus zwei Hakenkreuzfahnen flattern würden! Unbegreiflich, daß diese rein wirtschaftliche Erwägung von sonst gewiß ganz tüchtigen Menschen nicht bedacht wird. Wir wollen doch, daß alle Gäste, die unser herrliches Land besuchen, sich bei uns wohl befinden. In Ruhe, fern jeder politischen Aufregung unsere weltberühmten Bäder, Städte und Sommerfrischen in behaglicher Stimmung besuchen und nicht durch das Zeichen des Hasses und der Unduldsamkeit, das Hakenkreuz auf der roten Fahne des Sozialismus, vertrieben werden. So kurz auch der Nationalsozialismus erst in Deutschland am Ruder ist, hat sich bereits mit grauenhafter Sicherheit gezeigt, daß von rein sachlicher Beurteilung aus das Hakenkreuz die Vernichtung Österreichs wäre. Mit „Heil Hitler“ allein ist diese Umgestaltung nicht abgetan. Vorerst lehnen wir eine russische Selbstherrlichkeit im Terror, wie sie am 30. Jini gchandhabt wurde, a u f das alle rschärfste ab. Aber auch die wirtschaftlichen Verwüstungen, dieses dilettantenhafte Zerschlagen al'es Überkommenen und Bewährten, müssen doch jedem, dom die Existenz der Heimat und seines Volkes als Heiligstes vor Augen liegt, mit Schrecken zum Bewußtsein gebracht haben, in welches Debakel wir kämen, würde man uns dieses System aufzwingen. Alle die jungen Leute, die vom Nationalsozialismus nichts anderes wissen als „Heil Hitler“, die von den wirtschaftlichen Geschehnissen im allgemeinen und speziell in Deutschland keinen Schimmer haben, die kein anderes Bekenntnis haben als ,D i e Juden sind an allem schul dl, müssen in wahrhaftem Erkennen de»* Zusammenhänge aufgeklärt werden, wie die Dingo wirklich liegen, und losgelöst werdon von den verfehlten Schlagwortcn, die so unsagbares Unglück über Deutschland gebracht haben.“! Diese Betrachtungsweise ist sicherlich interessant. Der „alte Großdeutsche“ sieht das Problem sozusagen vom Standpunkt dos Andenkenhandels und der Hotels an. Die Einnahmen könnten leiden ... Es gibt ja noch den Standpunkt, der Brutalität und Entrechtung ohne Vorbedingung verwirft. Aber es ist schon viel, wenn sich eine nüchterne, auf die Ta-sche bedachte Anschauung kundgibt. EineDrohung der Getarnten Die „Wiener N. N.“ schreiben in einer Polemik gegen die „Stimme“: „Die Gerechtigkeit verlangt die Zurückdämmung des Einflusses der Juden in jenen Berufen, in denen sie bisher ein Monopol für sich beanspruchten. Sie haben gar keine Ursache zur Klage. Die österreichischen Behörden gehen in dieser Frage ohnehin höchst maßvoll zu Werke; vielleicht mit mehr Rücksicht, als es der Bevölkerung recht ist. Die Juden sollten sich hüten, den Bogen zu überepannen, sonst könnten sie eines Tages erfahren, daß in Österreich die Vorbedingungen für einen höchst aktiven. Antisemitismus gegeben sind...“ Der Staatsanwalt sollte eich etwas mehr für diese Redaktion interessieren. Es wäre festzustellen, ob die Äußerung der „Wiener N. N.“ mit den Nachrichten über eine neue Aktivität der Nationalsozialisten in Verbindung steht. Das Schicksal Oer jüdischen Bank* beamten in Österreich Die Direktion der Creditanstalt als Leitungszentrale der nun vereinigten Großbanken, Creditanstalt-Bankverein, hat an das Präsidium der Kultusgemeinde einen Brief gerichtet, in welchem sie die Beschwerde über den so weitgehenden Abbau jüdischer Bankbeamter beim Wiener Bankverein dahin beantwortet, daß aus dem relativ größeren Prozentsatz der Juden unter den Abgebauten bei der kürzlich erfolgten ersten Abbauaktion noch nicht auf die schlechtere Behandlung der Juden bei der gesamten im Zuge der Sanierung notwendig gewordenen Personalverringerung geschlossen werden darf. Es stehen noch weitere Abbaumaßnahmen bevor, und erst der Abschluß der Gesarntaktion werde ein klares Bild Über die Zahl der jüdischen und nichtjüdischen Abgebauten ergeben. Der Abbau werde übrigens nicht nach konfessionellen, sondern nach sachlichen Gesichtspunkten vorgenommen. ¥ Das Präsidium der Kultusgemeinde wird sich mit dieser Antwort keineswegs zufrieden geben, sondern weitere Schritte unternehmen, um wenigstens einen Teil der bedrohten jüdischen Existenzen zu retten. Der Generalsekretär des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, Dr. Rudolf B r i c h t a, der sich gegenwärtig auf Urlaub befindet, wird nicht mehr auf seinen Posten zurückkehren. Im Zuge des Judenausschaltungsprozesses, der auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens in Österreich vor sich geht, wurde an Stelle Dr. Brichtas ein wenig bekannter arischer Funktionär, des Gremiums zum Generalsekretär bestellt. Pension Eckstein - Senri Amtliche Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Der Vorstand der Israeli Machen Kultusgemeinde Wien veranstaltet an den hohen .Feiertagen im Festsaale des Hotel „Post“, I., Fleischmarkt 20 (Eingang: I., Draohengasse 1) einen Festgottesdienst, der hauptsächlich für die röifere Jugend beiderlei Geschlechtes (im Alter von etwa 15 bis 20 Jahren) bestimmt ist. Der Zutritt zu diesem Gottesdienste, der nach dem VorbÜde und im Umfange der Gemeindegottesdienste abgehalten wird, erfolgt auf Grund unentgeltlich au sge gebe ner Karten, deren Verteilung tunlichst nn, Wege der Jugendorganisationen durchgeführt werden soll. Die Jugendgcuppen werden ersucht, ein Verzeichnis jener Jugendlieben, die Eintrittskarten zu diesem Gottesdienst wünschen, bis spätestens Sonntag, den 2. September d. J„ dem Jugendreferate der Kultusgemeinde zu übermitteln. Die Ausgabe der Karten auf Grund der Verzeichnisse erfolgt am 2. und 3. September d. J., während die Einzelkarten an Jugendliche ab Dienstag, den 4. September d. J., im Jugendreferate, I., Seitenstettenga&se 2, I. Stock, von 9 bis 12 Uhr vormittags, a/usgegeben werden. Befreiung der jüdisehen Kinder vom Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten usw. an Sähhatben. Der Stadtschulrat für Wien hat 8üb. Z. 2316/Ha ex 1930, an. alle Unterriohts- Buda-Purim in Padua Bekanntlich gibt es, abgesehen von den an die persische Biaspora erinnernden Pu rim-Feste viele lokale Purim-Feiern, die zur Erinnerung an die Befreiung der betreffenden Gemeinde aus einer Gefahr begangen werden. ln Padua gibt es auch ein solches lokales Purim-Fest. Es heißt Buda-Purim und wurde am 20. August zum zweihundertfünfzigsten Male festlich begangen. Buda-Purim. wird in Padua seit dem Jahr 1684 gefeiert. Im August 1684 wurde Budapest, das damals in der Band der Türken war, von■ einem starken christlichen Beer belagert. Mit Spannung blickte damals die christliche Welt auf Budapest. Es herrschte auch eine starke antisemitische Strömung. Bieß es doch, daß die Juden insgeheim die Türken unterstützen. Am 20, August 1684, einem Sonntag, ver breitete sich plötzlich in Padua das Ge rückt von der Eroberung Budapests. Der Pöbel in Padua geriet in freudige Erregung, und schon wälzten sich große Volksmassen gegen das Ghetto. Die Tore des Ghettos wurden von der Menge erbrochen, und. ein Pogrom schien unvermeidlich. Im letzten Augenblick aber trafen bei der lokalen Behörde aus Venedig Weisungen ein, und der Pöbel wurde aus dem Ghetto vertrieben. Zur Erinnerung an diese Errettung feiern die Juden von Padua seither Buda-Purim. Heuer wurde der 250, Erinnerungstag am 20. August besonders fest lieh begangen. Zufällig fielen heuer auch das pidische Datum (10. EUul) und der 20. August auf einen Sonntag. Rothschild bekommt nichts zu essen Baron Viktor Rothschild, der zukünftige Erbe der englischen Baronie der Roth schilds, hatte kürzlich ein kleines Mißgeschick. Er wollte auf einem Ausflug in der Umgebung Londons in einem Restaurant, das dem Barn Club gehört, sein Mittagessen einnehmen. Der Kellner fragte ihn, ob er Jude sei. Als Baron Rothschild das bejahte, bedeutete ihm der Kellner, daß im Restaurant des Barn Club Juden nicht bedient werden; worauf sich Baron Rothschild entfernte. Die englischen Zeitungen bekamen Wind von der Sache und verurteilten einhellig diese dem englischen Wesen fremde Diskrimination. Herr Goebbels allerdings erhob in seinem „Angriff“ ein Triumphgeschrei über die Ausbreitung des Antisemitismus in England. Damit wird Goebbels wahrscheinlich im Recht sein. In Deutschland predigt er, die Deutschen mögen sich den Riemen enger schnellen und statt Reis Hirse essen. Dn Ausland aber rollen Millionen Mark für nationalsozialistische Propaganda. Kein Wunder also, daß die Bazi-Mark auch die guten englischen Sitten verdirbt. Amerika In TebAvfv ln Amerika gibt es große Warenhäuser — Mail Order Bouses —, bei denen auf Grund von Preiskuranten die Bestellungen aus der Provinz einlaufen. Tel-Aviv wächst im amerikanischen Tempo, und ein Herr Weinkronk hat dort ein Mail Order Bouse aufgeidn. Er offeriert in The Jewish Chronicle den Juden in England portofrei für 5 Schil-1 austaJten den folgenden Erlaß herausgegeben: litig einen seidenen Tallith, für 10 Schilling »Die Direktionen (Leitungen) werdenauf den einen Satz“ Tefillien in einem seidenen Säckchen und so fort. Mr. Weinkronk versichert, daß Agenten Provision bekommen und daß er bereit ist, 100 Pfund für Wohl tätigkeitszwecke in Tel-Aviv zu bezahlen, wenn seine Artikel nicht einwandfrei sind. Er warnt aber davor, ihm Briefe ohne Bestellungen zu schicken. „Briefe ohne Bestellung werden einfach ignoriert", lesen wir da. Mr. Weinkronk ist also sehr selbstbewußt. Sein größter Schlager kann unter der einfachen Angabe „Bestellung F:< gegen Bezahlung von 5 Pfund bezogen werden. Der Besteller erhält da, cif London, nicht weniger als 25 verschiedene Pakete: Olivenöl, koschere Seife, Honig, Parfüm, Wein und Kognak, Socken, Krawatten, Handtäschchen für Damen, kunstgewerbliche Artikel und „über besonderen Wunsch“ auch — falsche Zähne. Mehr kann man also wirklich flicht verlangen. Vielleicht aber doch! Wenn Mr. Weinkronks Order Mail Bouse noch amerikanischer wird, liefert es vielleicht auch komplette, garantiert passende Gebisse, cif London, loko Mund. Traktißie Lebensweisheit im jüdifdxen Spridiwort Was beim Nüchternen auf der Lunge, ist beim Betrunkenen auf der Zunge. * Wer schweigt, verspricht sich nicht, * Wie's in das Faß hineinschallt, so schallt es auch wieder heraus. * Das Auge erzählt, was das Herze quält. * Was deine Augen nicht gesehen, soll dein Mund nicht bestätigen. Auf ein Auge ist mehr Verlaß als auf zwei Ohren. * Das Auge darf nicht sehen, was die Band gibt. 1 K.-U.-M.-Erlaß vom 21. Jänner 1876, ZI. 1208 (Vorschriftensammlung: JOie Mittelschulen Österreich' von Halma Schilling S. 43), und auf den K.-U.-M.-Erlaß vom 19. Februar 1876, ZI. 1683, M.-V.-Bl. Nr. 9, aufmerksam gemacht, wonach bei Verfassung der Stundenpläne auf das israelitische Gebot, .am Sabbathe. des Schreibens, Zeichnens, überhaupt der Handarbeiten sich zu enthalten, tunlichst Rücksicht zu nehmen und jeder direkte oder indirekte Zwang zur Übertretung dieses Gebotes zu unterlassen ist. Stadtschulrat für Wien.“ Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ersucht die jüdischen Eltern, von diesem Rechte Gebrauch zu machen. Dispens der jüdischen Schüler vom Schulbesuche an den hohen jüdischen Feiertagen. Der Stadtschulrat für Wien hat die Direktionen (Leitungen) aller dem Stadtschulrate unterstehenden Unterriehtsanstalten in Kenntnis gesetzt, daß die israelitische Schuljugend an den Tagen des Neujahrs-, Versöhnungs-, Laubhütten-, Passah- und Wochenfestes Anspruch machen kann, vom Schulbesuche befreit zu werden. Predigten in den Gemeinde- und Bezirkssynagogen am Neujahrsfeste. Am Montag, den 10. September 1934 (1. Festtag): I., Seitenstet-tengasge 4; Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang; II., Tempelgase e 5: Oberrabbiner Der I. Taglicht; II,, Pazmanitengasse 6: Rabbiner Dr. Z. Taubes; III., Untere Viaduktgasse 13: Rabbiner Dr. K. Kupfer: V., Siebenbrunnengasse la: Rabbiner Dr. M. G. Mehrer; VI., Sclimalzhofga-see 3: Rabbiner Dr. I. Drobineky; VIII., NeudeggCrgasse 12t Rabbiner Dr. M. Bauer; IX., Müllnergasse 21: Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz; X., Humboldtgasse 27: Rabbiner Dr. A. Weinet; XIII., Eitelbergergajsse 22: Rabbiner Dr. M. Dame, ohne Anhang ia den 50erjahren, mit elegantem Eigenheim, gesund, sehr gut erhalten, wünscht Herrn in gesicherter Position zwecks Ehe kennenzulerncn. Uf.ter „Schöner Lebensabend“ an die Adrain.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.