Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 383 (31.8.1934)
- Date
- 1934-08-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4 DIE STIMME Nr. 38J 1. August tOo-l 9 Aus der jüdischen Presse Die billigste Sonderfahrt zu den Feiertagen nach POLEN Die Gefahren des Parteikampfes „D a s jüdische Hei m“ (Zürich) schreibt: ... Es mutet eigentümlich an, zu sehen, daß die oberste Behörde unserer Organisation nur als interessierter Zuschauer diesen verheerenden Kampf verfolgt. Wo bleibt die Exekutive? Begreift man in London und Jerusalem nicht, wie groß die Prestigeschädigung ist, die diese Untätigkeit hervorruft? Glaubt man wirklich, daß eine Regierung sich den Luxus leisten kann, zuzuschauen, wie zwei politische Parteien die Bewegung an den Rand des Abgrunds schleifen? . . . Noch ist es Zeit, daß unsere Exekutive sich zu einem mutigen Schritt aufrafft, daß die Vertreter der Arbeiterschaft in der Leitung ihren ganzen Einfluß auf ihre Parteifreunde ausüben, damit von dieser Seite der Frieden gesichert wird. Anderseits erwarten wir aber, daß die Gesamtexekutive rücksichtslos gegen jeden Friedensstörer vorgeht... Wir stehen treu hinter der jetzigen Leitung... und sind bereit, ihr in den Bestrebungen zur Erhaltung der Zionistischen Weltorganisation jede Unterstützung zu gewähren. Wir sind aber... nicht bereit zuzusehen, wie eine Leitung an ihrer eigenen Schwäche zugrunde geht und mit sich den Zionismus in den Abgrund zieht.“ Der erste Widerhall Im „N o w y D zie n n i k“ (Krakau) schreibt L. R.: „Wie aus der ,.Palkor' ersichtlich, haben die Linke und die ihr nahestehenden Allgemeinen Zionisten Palästinas den Vorschlag der Revisionisten nicht nur ohne Enthusiasmus, sondern sogar mit Mißtrauen und Unwillen auf genommen... Wir betrachten ein derartiges Reagieren auf einen Friedensvorschlag für ganz unverständlich und vom Standpunkte der Gesamtbewegung für schädlich ... Die gesamte jüdische öffentliche Meinung spendete dem revisionistischen Vorschlag Beifall, besonders weil er eben von einer Partei kam, deren agressive Taktik bekannt ist... Gerade wenn eine solche Partei die Hand zur Eintracht ausstreckt, bedeutet dies einen großen Schritt vorwärts ...Es kann keine Eintracht herrschen, so lange der Ton unserer Polemik nicht ge-1 | ändert wird... Eine wirkliche Befriedung in den zionistischen Reihen heißt — den Vorschlag der Revisionisten annehmen, die Vergangenheit ausstreichen und ein Kompromiß anstreben ... Das Problem hat eine unklare und unverständliche Seite, und zwar die Haltung der Exekutive, die sich in tiefes Schweigen hüllt. Warum äußert sich die Exekutive nicht zu dem revisionistischen Villenpension Kreuzberg Breitenstein a. Semmering (1050 m) T«l«phom Breitenstein 11 Leitung i Frau Lola Schiff Herrliche Lage, erstklassige (streng rituelle) Verpflegung bei mXßigen Preisen, fleollset auch wÄhrend der Feiertage (Gelegenheit zum Beten). Auf Wunsoh Prospekt. Vorschlag? Es geht hier um eine wesentliche Frage der zionistischen Gesamtbewegung und wir warten auf die Stellungnahme der Exekutive.“ Dfe englische Palästina-Politik als zionistisches Problem In der „Jüdischen Rundschau“ (Berlin) schreibt Dr. M. Bileski (Haifa) unter anderem: „... Nunmehr propagiert der Revisionismus den offenen Bruch mit der Mandatarmacht. Systematisch erzieht der Revisionismus die Öffentlichkeit dazu, England als feindliche Macht zu betrachten... England ist der Herr über Palästina. Es ist in den letzten Jahren nur deutlicher geworden, daß es diese Stellung für absehbare Zeit behalten wird... Daher ist die Frage, die der Revisionismus stellt, nicht — wie er kindlicherweise dem Volke einzureden sucht —, ob man sich England oder einen anderen Mandatar aussuchen solle, sondern es ist zu entscheiden, ob zwischen dem Zionismus und diesem gegebenen Mandatar England ein Verhältnis der Freundschaft, der wohlwollenden oder der unvoUkommenep Neutralität, oder ein Verhältnis der offiziellen Feind*- schaft bestehen soll... Die Propaganda des Gedankens der feindlichen Auseinandersetzung zwischen dem jüdischen Volk und der Staatsgewalt ist nicht nur leichtsinnig, sondern, trotz des Druckes der politischen Lage, auch ungerechtfertigt. Wenn feststände, daß wir keinerlei Förderung, sondern nur Störung und vielleicht Zerstörung von England zu erwarten hätten, wäre diese Lage für uns gegeben... Auf dem Gebiete der Außenpolitik wird, eine konzentrierte und zielstrebige Aktion des jüdischen Volkes erst möglich sein, wenn die revisionistische Gruppe völlig isoliert ist, die heute die Außenpolitik der Organisation systematisch stört und auch auf diesem Gebiete immer nur wieder neue Krankheitsherde in die Bewegung hineinträgt. Erstes Gebot auch der Außenpolitik ist heute die Entscheidung: der Weg von ,Blut und Feuer' ist auszulöschen aus dem Gebiete der zionistischen Politik. Ihr einziger Weg bleibt der Weg von Arbeit und Vernunft. Es gibt kein Kompromiß zwischen diesen beiden Möglichkeiten.“ Das revisionistische Friedensangebot Im „II aar e z“ (Tel-Aviv) schreibt K. B.: „... So lange die Revisionisten fortfahren, die Keren-Kajemeth-Büchsen zu zerbrechen und darauf noch stolz sind, kann man unmöglich an ihren ehrlichen Friedenswillen glauben. Man kann ihren Vorschlag nur als eine Geste bezeichnen, die für Propagandazwecke ausgenützt werden soll.“ In Bad Luhacovice (C. S. R.) sind für die dort weilenden Kurgäste die Gotteshäuser anläßlich der hohen Feiertage geöffnet. Unsere geschätzten Leser werden auf die jüdische Buchhandlung Hermann Tuchner (siehe Inserat) besonders aufmerksam gemacht, wo für alle Lehranstalten sämtliche Schulbücher, ajuch antiquarisch, zu ermäßigten Preisen erhältlich sind. Leihhibiliothek eröffnet. 10 Groschen täglich. Keine Nebengebühren. Für Anfragen Telephon R-41-4-20. KINOPROGRAMME DER WOCHE Leopoldstidter Volkskino TelephonSRrSfl-0S-23 Vom 31. August bis 3. September: Gerda Maurus In Ein Mädel mit Prokura Täglich 7*6» 7.8. 7*10 Uhl BrmSOIgte Sommarprelse Abreise 6. September, Rückfahrt 4. Oktober Nähere Auskünfte: E. FERSTEL, Wien, I., Kärntneriing 12. Tel. U 40-301 Dr. Wilhelm Berkelhammer gestorben Krakau, 28. August. (2. T. A.) Im Alter von 45 Jahren ist hier der Chefredakteur der zionistischen Tageszeitung „Nowy Dziennik“, Dr. Wilhelm Berkelhammer, Vizepräsident des Krakauer Journalisten-Syndikates, gestorben. Der Verstorbene w'ar im jüdischen und zionistischen Leben sehr aktiv. Sein früher Tod hat unter der Judenschaft Galiziens viel Trauer ausgelöst. Dr. Victor Jacobsons Beisetzung Genf, 28. August. (2. T. A.) Die Beisetzung des vor einigen Tagen auf der Durchreise in Bern plötzlich verstorbenen Mitglieds der Exekutive der Jewish Agency Dr. Victor Jacobson fand am Sonntag, den 26. August, auf dem jüdischen Friedhof in V e r s o i x bei Genf statt. Die religiöse Zeremonie wurde vom Genfer Oberrabbiner S. P o 1 j a k o f geleitet. Neben zahlreichen Mitgliedern der Genfer Jüdischen Gemeinde begleiteten Dr. Jacobson auf seinem letzten Gang Vertreter des Generalsekretariats des Völkerbundes und des Internationalen Arbeitsamtes. Am offenen Grabe sprachen: Henri de Toledo im Namen der Genfer Jüdischen Gemeinde, A. Adler im Namen des Schweizer Zionistenverbandes und der zionistischen Ortsgruppe Genf, Dr. H. M a n tchik im Namen der persönlichen Freunde des Verstorbenen, Professor Dr. Cbaim Weizmann nahm in ergreifenden Wor-. ten von „seinem ältesten persönlichen Freunde, dem jüdischen Staatsmann Doktor Victor Jacobson1*, Abschied. Berl Locker sprach im Namen der Exekutive der Jewish Agency, Nahum Goldmann im Namen dee Zionistischen Aktionskomitees und des Comite des Dölögations Juives, dessen Exekutivmitglied Dr. Jacobson war. Zum Schluß sprachen noch Oberrabbiner Rubinstein aus Wilna und, im Namen des bulgarischen Judentums, Dr. F a r c h y aus Sofia. Das Fest dev blauen Kolonnen Von Erich Gottgetreu (Jerusalem) Seit Monaten spricht man in Palästina vom ..Kinus“ der Jugend in Ben-Schemen. Man studiert die Fahrpläne der Eisenbahn, man holt die Wegekarten heraus, so wird gefahren, so wird marschiert. El Hakfar! Aufs Dorf! — -die Parole des Massentreffens hört man in Tel-Aviv, in Jerusalem, in Haifa, überall. In Ben-Schemen selbst ein raschelnd Geraun und Geflüster, eifriges Gezimmer, aufgeregtes Theaterproben-. „... und jedermann erwartet sich ein Fest." * Das milde Licht des Nachmittags rieselt auf das sommerlich satte Land. Durch die grünen und braunen Gevierte rasseln Autos, surren Radfahrer, flattern Fahnen, ziehen blaue Kolonnen, denn alle tragen sie blaue Blusen, die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen Palästinas, manchmal hält noch eine rote Schnüre den Halsausschnitt zusammen, das ist dann die festliche Fassung der Tracht. Frohe Gesichter grüßen am Ziel unter ährenumwundenen Toren die Neuankommenden, das werden allmählich zweitausend, dreitausend, viertausend, was ist das für ein Lachen, was ist das für ein Schwatzen, was gibt es alles zu erzählen, was gibt es alles im Jugenddorf zu zeigen. Die Wohnhäuser, die Unterrichtsräurae, das Schwimmbad, das „Museum“, das „Waldrestaurant“, die Werkstätten, die Hühnerzucht, die Viehställe, die Gärten, Felder und der Orangenpardes — von Jahr zu Jahr vergrößert sich das Landschulheim, von Kinus zu Kinus wird's schöner. Und nun verwandelt sich’s mit Zelten, Strohschütten, ganzen Strohbergen sogar in ein gewaltiges Heerlager seiner Gäste und — in ein Theater, aber in diesen Teil, den „künstlerischen“, dürfen wir jetzt kein Auge werfen, geschweige denn einen Fuß. setzen, .Ordner halten Wacht, es ist wie in jenen großen Tagen unserer Kindheit, an denen der Zirkus im Städtchen sein Zelt aufschlug und die Frau Direktor uns vom Eingang verjagte, wenn w’ir schon vor Beginn der Vorstellung einen Blick hinter die Manege werfen wollten. Für den Beginn der Nacht ist Ben-Scheraens Gästen ein anderer Zauber vorbereitet: auf dem riesenweiten Bauernhof, überspannt von einem großen Transparent, mit Bialiks Wort „Der Himmel eines Volkes ist so groß wie das Land unter seinen Füßen“, flammt ein Wald von tausend Kerzen, auf langen, weißgedeckten Tischen ist der Wald verwurzelt, und eine dichte Spreu von Eiern, Käse, Brot und Früchten, das Abendessen, des Jugenddorfs Spende, liegt unterm funkelnden Flor. Ein paar ganz junge Menschen lesen den Lauschenden aus der Bibel vor, daß der Boden des Volkes nie für dauernd verkauft werden dürfe, sondern nach jeweils neunundvierzig Jahren dem Erstbesitzer zurückzugeben sei, „denn mir gehört das Land“. So wird Religionsgesetz nach zweitausend Jahren wieder nationale Moral... Das Wort verstummt, ein Orchester spielt Bach, den ewigen Meister. Die Musiker sind teils Schüler aus Ben-Schemen, teils junge Arbeiter aus Tel-Aviv und benachbarten Siedlungen. Tagsüber schwangen sie Hammer und Hacke, abends, nach langer Wanderung über Land, führt die Hand den Bogen. Wochenlang währten unter Hans Eisenstädt, dem Leiter der musikalischen Erziehung in Ben-Schemen, die Proben. Doch wie groß ist der Erfolg! Fast werden über Bach die Tomaten und Trauben vergessen! Wie des Mondes silberne Sichel tief zwischen den Palmen hängt, geht auf dem Haupthof das gespannt erwartete Festspiel in .Szene; Lola Landaus von schönen sittlichen Tendenzen bewegter „Flug um die Welt“ gibt in revueartig aneinandergereihten Episoden viel zu sehen und zu denken; Musik, Tanz und buntes Bild fügen sich unermüdend ineinander; Höhepunkt ist eine Szene, die im Flugzeug spielt: es ist aufs Dach der den Bühnenhintergrund bildenden Schule montiert und durch Beleuchtung so herausgehoben, als ob es wirklich schwebte. Die technische Präzision (1er von Alfred Wolf, einem ehemals Frankfurter Regisseur, geleiteten Aufführung ist erstaunlich. Die „Schauspieler“ sind sämtlich Zöglinge Ben-Schemens; ein Junge aus Damaskus, dessen Muttersprache eigentlich arabisch ist, zeigt — nicht nur sprachlich — verblüffende Begabung. Wenige Wochen vorher hat er bei einer interneren Feier im „Kälberbrüten“ des Hans Sachs, das auf diese Weise der hebräischen Literatur einverleibt wurde, die tragende Rolle gespielt. Zu jener Zeit war auch das Ende der Cetreidernte dramatisch verschönt worden: nachdem Dr. Siegfried Lehmann, der Leiter des Dorfes, die letzte Garbe in die Dreschmaschine geworfen hatte und anschließend im Pardcs neue Stecklinge gesetzt worden waren, wurden einige satirische Szenen aus dem Leben der jungen Landarbeiter selbst gespielt, die Not des ersten Pflügons als erstes; also auch der Alltag Ben-Schemens kennt die Freude des Theaters. Da« Festspiel, das heute der Kinus bietet, wird mit stürmischem Beifall aufgenoramen, und unter den dankbaren Zuschauern sind viele Araber der Nachbarschaft, die mit dem jüdischen Dorf seit langem mancherlei persönliche und berufliche Beziehung verbindet. Das Licht, das von der Bühne zurückstrahlt, hebt ihre weißen und braunseidenon Gewänder aus dem Meer der blauen Blusen hervor. Am nächsten Tag machen Achmahd, Toffik und Kasern ihr Gegengeschenk. Das Programm bringt Tänze der Völker, da führen sie nun die schönsten arabischen vor. Zwei bucharische Juden bezaubern bei ihren Tänzen durch die edle Grazie ihrer Handspiele und durch die Schönheit ihrer kostbaren, goklbrokatenen Tracht. Im grünen Seidenkleid auftretende tiefbraune Themanerinnen feesein durch die orientalische Akrobatik ihrer Bewegungen. Die Schotten gefallen mit der gebirgskräftigen, sich bis zu Juchzern steigernden Vitalität ihrer Vorführungen. Als die Ben-Schemener an die Schotten, die in Palästina Militärdienst verrichten, die Bitte um Mitwirkung geschrieben hatten, antworteten jene, man sage gern zu, wenn man auch ordentlich etwas zu essen bekäme. Ihre Darbietung ist prachtvoll, man muß sie also großartig verpflegt haben. In vielerlei Tänzen treten auch, jeweils entsprechend kostümiert, Ben-Schemener Kinder auf, selbstverständlich begeistern sie am stärksten mit der Horrah, dem Tanz der Jugend von Erez Israel. Belehrung und Diskussion fehlt nicht. Den Jüngeren erzählt ein alter Chawer, wie er vor fünfzig Jahren als „Bilu“, als einer der frühesten Pioniere des Zionismus, unter den ungünstigsten Bedingungen ins Land kam. Ausstellungen, „Das Dorf in der Kunst“ und „Die Kunst im Dorf“, die eröffnet werden, beziehen außer dem jüdischen auch den arabischen Lebensbezirk mit ein; und der durch sein Wilna-Buch bekannte Pressephotograph Worobeitschik veranschaulicht mit Hilfe von Photomontagen und Diagrammen das Mißverhältnis zwischen jüdischer Volksstärke in der Welt und jüdischer Landarmut, die Gefahren der Landflucht in Palästina, das Übel des Boden* wuchern gewissenloser Spekulanten, die Ursachen der Bodenpreissteigerungen und die Notwendigkeit der organisierten jüdischnationalen Kolonisation durch Kerem Kajcmeth und Keren Hajessod. Als es zum zweitenmal Nacht wird, bovor man auseinandergeht, übt der Chormeister Johuda S h e r t o k aus (1er Kwuzzah Jagur den viertausend jungen Arbeitern und Arbeiterinnen oin neues Lied ein, dem ein Text Bialiks zugrunde liegt.