Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 381 (24.8.1934)
- Date
- 1934-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 381 2-1. August 1934 Au^fusf 1929 — Aw^usf 1934 3G.991 Dunam Boden bei den Nichtjuden erworben hätten und hierfür insgesamt 831.796 Pfund bezahlt haben, wogegen die entsprechenden Ziffern im Jahre 1932 jüdische Bodenkäufe von 18.893 Dunam zum Preise von nur 148.881 Pfund auf gewiesen haben. Herr van Hees bemerkte, daß die n i c h t j il d i s c h e n Verkäufer des Bodens im letzten Jahr wohl sehr gute Geschäfte gemacht haben und fragte, was das eigentlich für Leute sind. Hall erklärte, daß es fast ausschließlich Araber, und zwar nicht unbedingt Großgrundbesitzer sind, die den Boden verkauften. Herr van Reets erwiderte darauf, daß man die Protestaktionen der Araber und ihre Forderung, den Verkauf dee Landes an Juden zu verbieten, nicht ernst nehmen kann, da es doch klar ist, daß die Araber gleichzeitig ihre Bodenverkaufsgeschäfte mit den Juden fortsetzen. Arabische Schute aus jüdischem * Geld. P a 1 a c i o ß verlas einen Teil der Petition von Auni A'bdul Hadi, Sekretär der „Arab Independence Party, in der dargestellt wird, daß von den 150.000 schulpflichtigen arabischen Kindern nur 30.000 Unterricht erhalten und daß auch die höhere Ausbildung den Arabern äußerst erschwert ist. Diese Petition bemerkt charakteristischerweise, daß die landwirtschaftliche Schule in Tulkarem für Araber, von der die Regierung so spreche, als ob sie ein Ergebnis der Bemühungen der Regierung wäre, nur dank der Spende des Juden Kadoorie entstehen konnte. Umschulungskurse. Die Wirtschaftsstelle des Palästina-Amtes veranstaltet gemeinsam mit dem Jüdischen Jugendhilfswerk folgende Umschulungskurse: Mauern, Anstreichen, Waschen und Bügeln, Hereteilung von Werkzeugen für die Gärtnerei, Papierkonfektäon. Nähere Auskünfte und Anmeldung jeden Montag H7 bis y28 Uhr abends, Wien, I., Kärntnerstraße 28. Billigste Sonderfahrt nach Polen. Auch diesmal findet unter bewährter Leitung eine besonders billige Sonderfahrt nach Polen statt, Krakau, Lemberg usw. Reservierte Plätze, mäßige Preise. Nähere Auskünfte erteilt bereitwilligst: Büro E. Ferstel, I., Kärntnerring 12, Telephon U 40-301. Fünf Jahre sind in unserer raschlebigen Zeit eine große Zeitspanne, und so sprechen wir heute bereits von den A u g u s t- Unruhen des Jahres 1 929 wie von einer Begebenheit, die weiß Gott wie lange zurückliegt. Allzu gerne reagiert ja der Mensch Unlustgefühle ab. Das gilt auch in der Politik. Erst fünf Jahre sind es her seit den Metzeleien von Hebron und S af e d, wo Talinuid'jünger abgeschlachtet wurden wie das liebe Vieh, und seit den heldenmütigen Kämpfen unserer C h a 1 u z i m. Unendlich viel ist seither geschehen im Zionismus. Aber vieles von dem, was seither geschehen ist, hat seine Wurzeln im Geschehen jener Augusttage. Das gilt für die englische, die arabische, die zionistische und in vielen Beziehungen auch für die allgemein-jüdische Politik. Im August 1929 ließ die englische Regierung die Maske fallen. Es soll hier nicht untersucht werden, inwieweit England durch die Unterlassung von Sicherheitsvorkehrungen mitschuldig an dem Massaker war. Die unmittelbar folgenden politischen Maßnahmen Englands, die Berichte der Shaw- Kommission lind von Sir Hope Simpson und das Weißbuch Passfiekls ließen jedenfalls klar erkennen, daß das Colonial Office in London sich die blutigen Unruhen politisch zunutze machen wollte. Es glaubte, die ihm lästigen Verträge, Balfour-Deklaration und Mandatsvertrag, zu einem Fetzen Papier machen zu können. Da sperrte man die Einwanderung, da erklärte Lord Passfield, das Jüdische Nationalheim sei schon da, es müsse in seinem eben befindlichen Zustande kristallisiert werden, ein Bodenverkaufsverbot wurde in Aussicht gestellt und dergleichen mehr. Es wäre aber undankbar und ungerecht, wollte man nicht einen Trennungsstrich zwischen Passfield und seinem Anhang und dem englischen’Volke ziehen. Wir müssen dankbar anerkennen, daß uns in den damaligen Tagen schwerster Not im englischen Volke Verteidiger entstanden sind, die mit der ganzen Macht ihrer Persönlichkeit gegen die eigene Regierung auf traten und sie des Wortbruches gegenüber dem englischen Volk anklagten. Lloyd George sagte damals im Unterhause, man werde in der Welt wieder einmal, und diesmal mit Recht, vom perfiden Albion sprechen. So traten unter anderen Sir Jolm Simon, Lord Hailsham und Colonel Wedgewood offen auf unsere Seite. England ging zur Mandatskommission des Völkerbundes und unterlag. Die Mandatskommission akzeptierte nicht Englands Bericht, sondern den der Jewisli Agency. England wich vom Weißbuch Passfields, das schon der MacDonald-Brief durchlöchert hatte, zurück. Was aber seitens Englands geschah, ist der still, aber hartnäckig geführte Kampf, Passfieklls Thesen doch einzuführen. Lokale Selbstverwaltung, Gesetzgebender Rat, landlose Araber, das sind einige der Giftblüten, die in den unseligen Augusttagen des Jahres 1929 in Erscheinung traten. Betrachtet man heute Englands Palästina-Politik, dann tue man dies immer sub specie August 1929. Das gleiche gilt für die arabische Politik. Das große, mächtige England ist im August 1929 vor plündernden und mordenden Beduinenhorden zurückgewichen. Die Araber fühlten sich damals und fühlen sich heute noch. Sie haben einen mächtigen Beschützer, den Großmufti von Jerusalem. Dieser Mufti ist Beamter der Palästina-Regierung und ans jüdischen Steucrgeldern bezahlt. Im August 1929 haben die Araber gesehen, daß es nur notwendig ist, Lärm zu schlagen, Demonstrationen zu veranstalten, unmißverständlich mit den Mohammedanern in Indien zu kokettieren, und England läßt sich in Palästina — ach wie gerne — den arabischen Forderungen gefügig machen. Englands Politik wiegt die Araber in der Hoffnung, daß es nur einer günstigen Gelegenheit bedarf, um Balfour-Deklaration und Mandats vertrag los zu werden. Und die Zionisten? In jenen Augusttagen des Jahres 1929, als die Vernichtung des ganzen Jischuw drohte, da waren sie in der Abwehr einig. Kaum aber war die Gefahr gebannt, da gerieten sie sich wieder in die Haare und seither haben sie den Parteienkampf bis zur Siedehitze gesteigert. Sie wüten gegeneinander wie Amokläufer. Sie vergessen daran, daß sie ihre politische Existenz nur in einem geringen Ausmaß ihrer Tätigkeit verdanken, sondern hauptsächlich dem Wirtschaftswunder, das in Palästina seit 1929 geschehen ist. In einer Zeit, in der sich die eiserne Notwendigkeit des Zionismus einer staunenden Welt offenbarte, taten sic wenig oder gar nichts dazu, Palästina zionistisch zu machen. Ihre Schuld ist es, daß die den Zionismus bedrohenden Gefahren um eine lebensgefährliche vermehrt wurden: Skrupellose Goldmacher, Antizionisten, erheben heute in Eroz Israel drohend ihr Haupt. Wann wird dieser Wahnsinn, der sich zionistische Parteipolitik schimpft, ein Ende haben? Die Zionisten würden gut daran tun, sich öfters an die Augusttage des Jahres 1929 zu erinnern, in denen die Existenz des Jischuw auf dem Spiele stand. Ist der Jischuw heute vor ähnlichen Gefahren sicher? Und das übrige, das assimilatorische Judentum? In den Augusttagen 1929 half e3 uns durch seine materiellen Unterstützungen, es übte Wohltätigkeit. Seither ging ihm ein Licht auf. Die Assimilanten haben Herzl nicht geglaubt, uns auch nicht. Was viele Assimilanten 1929 nur geahnt haben, ist ihnen heute schon Gewißheit geworden. Hitler war auch für sie ein harter Lehrmeister. Sie erkennen heute, daß Erez Israel stark und mächtig sein muß, weil es eines Tages auch ihnen die Heimat wird bedeuten müssen — auch wenn s i e nicht wolle n. Fünf Jahre nach den blutigen Unruhen müssen Zionisten umdi Nichtzionisten erkennen, daß das jüdische Palästina noch immer auf demselben schwankenden Boden steht wie hn August 1929 und daraus eine einzige Konsequenz ableiten: Schluß mit der Selbstzerfleischung, gemeinsamer Aufbau! Minjan der Misrachi-Zentrale. Die Misrachi- Zentrale veranstaltet, wie alljährlich, ein Minjan zu den hohen Feiertagen in den Räumen Praterstraße 11, Mezzanin. Näheres sowie Kartenausgabe zwischen 10 bis 12 Uhr vormittags und 3 bis 6 Uhr nachmittags. Minjan der Zionistischen Bezirkssektion Leopoldstadt. Wie alljährlich veranstaltet die Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt in den Räumen des Zentrallokals zu den hohen Feiertagen einen feierlichen Gottesdienst. Sitzvormerkungen werden am Sonntag, den 26. d., ab 11 Uhr vormittags, im besagten Lokal entgegengenommen. Minjan der hebräischen Schule Praterstraße Nr. 13. Wie alljährlich, veranstaltet die hebräische Schule in ihren Räumen, II., Praterstraße Nr. 13, Tür 2, zu den hohen Feiertagen einen feierlichen Gottesdienst. Doc0 einmal geweint Von David Pinski Ein lustiger armer Teufel ist Berl, der Lastträger. Seine Wohnung besteht aus einer Kellerstube mit zwei Fensterchen, durch die man kaum die Füße der Vorübergehenden sehen kann. Die Scheiben sind schmutziggrau, die Wände feucht und verraucht, und in den Winkeln glänzen große Schimmelflecke, aber wenn der Abend kommt, sucht Berl voll Freude sein Heim auf... Bei der Wand — zwischen den Fenstern — steht ein Tischchen. Von den Beinen sind nur zwei seine eigenen; die andern zwei sind durch Holzscheite ersetzt, die aber im Winter manchmal spurlos verschwinden ... Berl meint dann, daß das Tischchen, wenn man es an die Wand lehnt — mit Gottes Hilfe —, auch auf zwei Beinen stehen kann — und es steht! Drei Stühle befinden sich in der Stube, doch alle ohne Lehnen; diese mußten im vergangenen strengen Winter der Kälte zum Opfer gebracht werden. Zwei Betten stehen noch in der Stube. 'Auf den Betten liegen einige Lumpen, die Berl „Polster und Decke“ nennt. In einer Kiste liegen noch andere Lumpen, die Berl als „Wäschestücke“ bezeichnet. Berl ist immer guter Laune. „Was brauche ich mehr“, sagt er lächelnd, „wenn man nur lebt!“ Vier Kinder hat er. Zwei schlafen mit ihm in demselben Bette, und zwei mit der Mutter zusammen. „Kinder“, sagt er, „sind eine Freude.“ Sie kosten viel. Das ist wahr, aber wenn ich am Abend nach Hause komme, kann ich nach Herzenslust mit ihnen umhertollen.“ Von sieben Kindern sind ihm diese vier am Leben geblieben, und wenn er an die drei, die nun unter der Erde liegen, denkt, hat er Tränen in den Augen — aber sonst: was fehlt Berl, dem Lastträger? Mit seinem Weib ist er nicht ganz zufrieden, denn sie weint und klagt beständig. „Was will sie?“ fragt er sich. „Hat sie einen Kontrakt mit Gott? Ist er ihr verpflichtet?“ „Mein Weibel taugt aber schon zu gar nichts“, äußerte er oft. „Ein Klageweib ist sie geworden?“ Kaum bemerkt er Tränen in ihren Augen, so stellt er sich vor sie hin, ringt in Spaßmacherweise die Hände und macht ein weinerliches Gesicht. „Du möchtest immerfort nur lachen“, ruft Bassia erzürnt. „Ich zerfließe ja in Tränen“, antwortet er mit trauriger Stimme. „Um dich soll man schon weinen“, ruft sie und wendet sich von ihm ab. Doch Berl ist nicht beleidigt. Was tut ihm ihr Fluchen? ihm scheint eß, daß er ohne dieses die Welt nicht mehr so lustig finden würde. Zornig wird er nur, wenn sie über sich selbst zu fluchen beginnt. Dann fängt auch er an zu Bchimpfen, besonders wenn sie den Tod herbeisehnt. Da gibt es ihm einen Stich durchs Herz. „Die Zunge soll dir verdorren“, schreit er und spuckt aus... Bassia wird still und fängt zu weinen an, während er ihr wütende Blicke zuwirft. „Was nützt dir das Weinen?“ ruft er. „Der Mensch soll nur am Versöhnungstage über seine Sünden weinen — sonst niemals ...“ Eines Tages bat sich aber folgendes ereignet. Berl tollte mit den Kindern so lange in der Stube herum, bis er plötzlich rücklings auf sein Bett fiel und dieses unter ihm zusammenbrach. „Gelobt sei .der Herr des Himmels“, stieß er lachend hervor. „Kommt, Kinder, wir wollen dem Bett eine Grabrede halten.“ Er versuchte, sich die Figur des höckerigen Gemeindepredigers zu geben, und wollte seine Rede beginnen, aber Bassia griff sich an den Kopf und schrie auf: „Ich ertrage das nicht länger! — nun haben wir nicht mehr, wo den Kopf hinzulegen. Großer Gott, mache meinen Leiden ein Ende...!“ Berl wird zornig. „Was lamentierst du so wegen des Bettes?“ schreit er. Bassia schimpft weiter, doch Berl ist wieder guter Laune. „Welch ein Lärm!“ ruft er. „Das Bett ist zerbochen! Wahrhaftig, die Welt geht unter...! Das Böse, das uns widerfahren sollte, ist eben dem Bett geschehen! Wozu also das Jammern?“ Die Erklärung leuchtet Bassia ein. Sie beruhigt sich langsam und denkt nach, wie der Schaden wieder gutgemacht werden kann. „Man wird den Kindern keine neuen Schuhe machen“, denkt sie. Für das erste Geld muß ein neues Bett angeschafft werden ... oder könnte man das Bett doch noch reparieren? Sie wird einstweilen mit zwei Kindern auf dem Fußboden schlafen. Ein anderer Ausweg fällt ihr nicht ein. Aber warum lacht Berl noch immer? „Wenn du dich erst einige Nächte auf der feuchten Erde hcrumgowälzt hast, wird dir das Lachen schon vergehen“, murmelte sie unwillig. „Nein, so was!-Berl, der Träger wird auf dem Fußboden schlafen“, ruft er laut lachend. „Kinder, bringt den Strohsack!“ Bassia zeigt auf ihr eigenes Bett und sagt: „Dort leg’ dich hin!“ „Ich schlaf* in keinem Weiberbett“, witzelte Berl. Er ergreift den Strohsaek, doch Bassia stellt sich vor ihm hin und schreit: „Ich habe gesagt: nein, und dabei bleibt es.“ „Gut, so lege ich mich auf den bloßen Fußboden“, ruft Berl lachend und zieht den Eelz aus. „Das wirst du nicht tun“, schreit Bassia außer sich und stürzt auf ihn mit drohender Gebärde zu. Ihre Wangen sind gerötet, und Funken sprühen aus ihren Augen. Berl blickt erstaunt auf sein Weib. Der Zorn hat sie verjüngt. „So hat sie vor zehn Jahren ausgesehen“, denkt er und lächelt. „Mein schönes Weinei“, ruft er und will sie umarmen. Sie aber denkt, daß er wieder seinen Spaß mit ihr treiben will, stößt ihn zurück und macht sich daran, für ihn ihr Bett herzurichten. Er benutzt den Moment und wirft sich rasch auf den Strohsack. „Hallo! Kinder, schlafen! Her mit euch!“ ruft er. „Ins Bett legst du dich!* ‘schreit Bassia. „Ja, morgen“, ruft er lachend. „Ich sage: ins Bett mit dir!“ kreischt Bassia. „Fällt mir nicht ein“, sagt er gelassen. „Na wart!“ schreit Bassia auf und beginnt im wilden Zorn mit den Füßen gegen ihr Bett zu schlagen, bis auch dieses zusammenbricht. Berl und die Kinder eilen erschrocken hinzu. Bassia ist außer sich. Sie stampft auf den Brettern herum, um das Bett ganz in Trümmer zu schlagen. Berl will sie zurückhalten, beruhigen, doch sie reißt sich von ihm los. Er hält sie fest. Sie versucht ihn zu beißen. „Bassia“, ruft er im höchsten Schrecken. „Was ist dir, Bassia?“ Sie kommt langsam zu sich. Erschöpft setzt sie sich auf den Strohsack. Aus ihren Augen stürzen Tränen. Auch dio Kinder beginnen nun vor Schreck und Bestürzung zu weinen. Berl blickt sie besorgt an. „Bassia, hör* auf zu weinen“, bittet er. Seino Stimme zittert. „Bassia“, sagt er noch zärtlicher. Eine Rührung überkommt ihn, und er spürt ein Würgen im Halse, und plötzlich — fühlt er, wie seino Augen feucht werden. Großo Tropfen rinnen ihm über seine Wangen... Da war es, daß Berl weinen mußto.