Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 381 (24.8.1934)
- Date
- 1934-08-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Peite 2 DIE STIMME Kr. 381 — 21. August 1034 Eine erschütternde Bilanz Am Schluß der feierlichen Eröffnungssitzung am 20. August, abends, die dem Andenken I. e o M o t z k i n <s und Chaim Naclimann Bialiks gewidmet war, begann mit dem Referate Dr. Nalmin G o l dm a n n über die ..h e u t i g e Lage des j ii d i s e h e n Volk e s“ die eigentliche Konferenzarbeit. Es ist klar, daß das Referat hauptsächlich auf die außenpolitische Wirkung abgestimmt war. Es mag zwar auch von großer Bedeutung sein, daß von der in Genf errichteten jüdischen Tribüne auch zu den Juden gesprochen wird. Vielleicht gibt es noch irgendwo einen Juden in der Welt, der bis heute in Unkenntnis über die Situation «seiner Gemeinschaft geblieben ist und durch die Berichte in der allgemeinen Presse, die durch Weltnachrichtenageutureu bei der Konferenz vertreten ist, informiert werden kann. In der Hauptsache aber waren Dr. Goldmanns Worte an die nichtjüdische Welt gerichtet, um noch einmal durch einen eindringlichen Appell deren Aufmerksamkeit wachzurufen. Demgemäß beschäftigt «sich der Referent besonders ausführlich mit der Frage der deutschen Juden. Ausgehend von einer Analyse der Tendenzen, die zum Antisemitismus nationalsozialistischer Prägung in Deutschland geführt haben, insbesondere der Lehre vom „totalen Staat1*, der Verherrlichung des Rassegedankens und der Methoden brutaler Unterdrückung geistiger Opposition durch staatliche Gewalt, betonte er die Aufgabe des jüdischen Volkes, gemeinsam mit allen „fortschrittlichen und geistigen Elementen“ der Welt den Kampf gegen diese Tendenzen zu führen. Dr. Goldmann erklärte, daß so lange die Diskriminierung der Juden in Deutschland andauere, es kein Paktieren des Judentums mit der deutschen Regierung geben könne. Das Judentum werde den denfrage gegeben. Mit größter Spannung folgte die Konferenz den Ausführungen des Referenten und begriff, daß nicht nur Parteien, Regierungen oder politische Führer unsere Feinde sind, sondern daß eine Zeitenwende zu einer radikalen U m f o r m u n g d e r jüdischen Di as p o r a e x i s t e n z zwingt und daß die Grundlagen unseres bisherigen Lebens vernichtet sind. Es gibt aus dieser furchtbaren Lage für die Juden nur eine zureichende Lösung: Normalisierung des jüdischen Volkslebens in geschlossener Siedlung im Geiste des historischen Judentums. Diese logische Konsequenz hat Lestschinski nicht gezogen, aber sie drängte sich jedem aufmerksamen Zuhörer von selbst auf, wenn er nicht gewillt war, in seinem Erkenntniswunsch auf halbem Wege stehen zu bleiben. Die Referate über „Minoritätenschutz“ und ..Rassenfrage“, erstattet von Dr. Emil M a r g u 1 i e s (Leitmeritz), beziehungsweise Dr. Ignatz Z o 11 s c h a n (Karlsbad), waren sehr aufschlußreich, fielen aber eigentlich aus dem Rahmen der rein politischen Veranstaltung heraus, die die Weltkonferenz eigentlich ist. An öffentlichen Sitzungen — außer der angekündigten Schlußsitzung, in der die i Resolutionen der beiden t Kommissionen (einer politischen und einer Organisationskommisedon) genehmigt und die Exekutive des „Comite des Delegations Juives“ gewählt werden sollen — gab es nur noch die Abendsitzung vom 21. August, in der Doktor Stephan W i s c ein Referat über „W a r u in ein jüdischer Weltk o n g r e ß?“ hielt, woran sich eine Aussprache schloß. * Die Konferenz unterscheidet sich äußerlich von den beiden vorangegangenen dadurch, daß die Vertreter der Agndah und die Revisionisten feh- I e n. Dafür sind ziemlich viele „Exote n“ vorhanden, deren Fremdsprache französisch ist. Man hört denn auch auf der Konferenz mehr französisch sprechen als sonst. Die Delegation aus Polen ist zahlenmäßig nicht so groß wie gewöhnlich. Aus Rumänien iet nur Dr. Mayer Ebner zur Stelle. Palästina hat vier Vertreter, darunter Mayer Dizengoff und Dr. M o s s i n s o h n. Das äußere Bild der Eröffnungssitzung war feierlich und prägte euch in der Erinnerung ein. Eine große Zahl von Gästen füllte die Ränge der „Salle Centrale“, in welcher alljährlich auch die Sitzungen des MinoritätenkongreS'Ses stattfinden. Die Schweizer Presse widmet den Verhandlungen des ,.D iaspora-Parl a m c n t s“ der Juden große Aufmerksamkeit. Über die Ergebnisse der Tagung wird zu reden sein, wenn alle Beschlüsse vorliegcn. Dae soll zur gegebenen Zeit geschehen. A Die billigste Sonderfahrt zu den Feiertagen nach POLEN Abreise 6. September, Rückfahrt 4. Oktober Nähere Auskünfte: E. FERSTEL, Wien, I., Kärntneriing 12. Tel. U 40-301 PALÄSTINA- UND MITTELMEER-GESELLSCHAFTEN 3. 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Darin kam die einheitliche jüdische Empörung gegen das den deutschen Juden und dem gesamten Judentum vom Hitler- Deutschland zugefügte Unrecht zum Ausdruck. Besonders aufschlußreich, weil nicht gezwungenerweise trotz aller Entschiedenheit doch diplomatisch-reserviert, wie das Referat Dr. Goldmanns, war die Schilderung der „wirtschaftlichen Lage der Juden nach dem Kriege“ erstattet von Jakob Lestschinski, der über das gleiche Thema anläßlich der Konferenz eine französisch, deutsche und jiddisch erschienene Broschüre veröffentlicht hat Jakob Lestschinski, sein Leben lang einer der Führer der jüdischen, antizionistischen Sozialisten hat in dieser Broschüre, ohne das Wort Zionismus zu gebrauchen, eine der besten soziologischstatistischen Begründungen der zioninistischen Auffassung der Ju¬ An der Konferenz nahmen über 100 Delegierte aus 25 Staaten teil. Dr. Nah um Goldmann sagte in seiner Eröffnungs ansprache u. a.: „Es handelt sich darum die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern zu analysieren und die spezifi sehen Fragen, die sich aus dieser Situation ergeben, zu erörtern. Neben der d e u t sehen Judenfrage, die nach wie vor in ihrer vollen tragischen Schärfe fort: esteht, handelt es eich dabei in erster Reihe um die Sicherung der Rechtspositionen der Juden in den Ländern des Osten und Mitteleuropas, in denen sie als Minorität anerkannt sind und als solche unter den Schutz des Völkerbundes gestellt sind. Die Frage der Miiioritätenrec-hte wird die diesjährige Hauptversammlung des Völkerbundes eingehend zu beschäftigen haben. Wir werden hier auch zu sprechen haben über die Lage der J u d c n in Sowjetruß 1 and, die die ernsteste Aufmerksamkeit des Weltjudentums erfordert. Neben all diesen Fragen wird die Konferenz sich auch befassen müssen m i t der neuen Welle des Antisemitismus, die durch die Welt geht und gegen die sich zur Wehr zu setzen, Pflicht der Selbsterhaltung des jüdischen Volkes ist. Die Situation in Deutschland DieSituationinDeutsch 1 an d ist zur Genüge bekannt. Was wir hier er klären müssen, ist, daß keine noch so brutale Judenverfolgung in Deutschland uns Juden zu irgend einem Paktieren oder Kompromiß nö t i g e n wird. Wir fordern das Minimum, nämlich die volle Gleichberechtigung. Es liegt schon im Sinne des Wortes Gleichberechtigung, daß sie entweder voll oder überhaupt nicht vorhanden ist. Wir wollen Deutschland nicht beherrschen und haben es nie beherrscht. Wir wollen nichts weiter als Gleichberechtigung für die deutschen Juden, und zwar nicht, weil sie rassenmäßig Deutsche seien, sondern, obschon sie es nicht sind, auf der Basis ihrer Anerkennung als Minorität. Die Stellungnahme des deutschen Vertreters in der vorjährigen Völkerbundsversammlung, daß die deutsche Judenfrage kein Minoritätenproblem, sonders eine Frage ss! generls sei, ist zu absurd, um ernsthaft widerlegt werden zu müssen. Als Zionist sage ich: Die Forderung nach Palästina kann für das jüdische Volk nicht der mindeste Anlaß sein, auf ein Jota seiner Gleichberechtigung in den Ländern zu verzichten. Rechtlich gesehen, haben wir ebenso Anspruch auf das nationale Heim wie auf unsere Gleichberechtigung als Minoritäten in den Ländern der Diaspora. Innerjüdisch gesehen, wird Palästina nur Bedeutung und Prestige haben, wenn es Träger und Repräsentant eines starken Galuthjudentums ist, wenn hinter ihm das Sechzehnmillionenvolk der Juden steht. Ein Palästina, hinter dem ein ruiniertes, armes Galuthjudentum steht, wird eine kleine jüdische Insel In einem arabischen Ozean bleiben. Wir haben im vorigen Jahre den Boy kott gegen das h i 11 e r i s t i s c h e Deutschland proklamiert; wir wer den an dieser Parole festhaiten, bis die volle Gleichberechtigung der Juden in Deutschland erfolgt sein wird. Mit der Drohung der Rache an deutschen Juden wird man uns nicht so lange das Minimum unserer Forderung, die Wiederherstellung der jüdischen Gleichberechtigung inDeutschland, nicht voll erfüllt ist. Österreich Im letzten Jahr war auch das österreichische Judentum Objekt unserer Sorge. Starke antisemitische Tendenzen haben sich in Österreich bemerkbar gemacht. Die neue österreichisch o Verfassung hat die Gleichberechtigung aller Bürger und damit auch der Juden, wenn auch mit einigen etwas unklaren Klauseln, festgelegt, außerdem ist die Gleichberechtigung der österreichischen Juden durch die Minoritäten rechte, die ihnen der Friedensvertrag von St. Germain gewährleistet hat, international garantiert und unter den Schutz des Völkerbundes gestellt. Aber wir wissen, daß nun nicht Konstitutionen ändern muß, um Juden zu drangsalieren und man muß leider konstatieren, daß die administrative Praxis zahlreicher Behörden, besonders der neuen Stadtverwaltung in Wien, antijüdische Tendenzen manifestiert. Wir hoffen, daß die österreichische Regierung in dem Maße, in dem sie ernsthaft den Nationalsozialismus bekämpft, sich auch von diesen antisemitischen Ten/denzeu befreien wird. Die österreichische Regierung wird die Sympathie der öffentlichen Meinung erringen können, wenn sie die Gleichberechtigung der jüdischen Bürger anerkennt und verwirklicht. Zotlschans Referat Genf, 22. August. Der bekannte Anthropologe und Arzt' Dr. Jakob Zolls ch an aus Karlsbad hielt eine Expertise über das R a s s e n Problems, die in fügendem gipfelte: „Diq jeder wissenschaftlichen Grundlage ent- Restaurant Rillet Bestrenoramierte Küche Reich haltige Menüs iS V90u. 2*60 SchwediaterBräu II., Hammerpurgstajlgasse 3 (nächst Salztorbrücke) Telephon A 41-0-25 bewegen, zu Kreuze zu kriechen. Die Herren des Dritten Reiches glauben, daß sie die Begriffe Ehre, Würde, Selbstachtung für die arische Rasse monopolisiert hätten. Vielleicht hat ihnen unser Boykott bewiesen, daß auch Semiten diese Gefühle kennen, und wenn noch ein Rest von Anstand und Respekt vor den Gegnern in den heutigen Machthabern in Deutschland lebt, werden sie uns am allerwenigsten den Boykott verübeln können, der die spontane Antwort auf den Kampf ist, den sie uns angesagt haben. Nie war eine Reaktion des jüdischen Volkes auf ein Unrecht, das man ihm angetan hat, so spontan, wie der antideutsche Boykott. Niemand wird von uns erwarten, daß wir diese unsere einzige Waffe beiseite legen, GASTSTÄTTE FEIR JEDERMANN I., Kärlnerslra^e Nr 61 Besitzer Olfo Kaserer WIENER RATHAUSKELLER volkstümliche Preise in allen Lokalitäten Wien vor 400 Jahren Allabendlich Original Wiener Musik und Gesang Inhaber Ollo Kaserer belirende deutsche Auffassung setzt der nordischen Rasse, die sie verherrlicht, die Juden als die Verkörperung des Schlechtem gegenüber. Die Vertreter der Wissenschaft sollten die Verleumder des jüdischen Volkes vor ein nach den strengsten objektiven Grundsätzen der Wissenschaft gebildetes Forum laden!“ Der Vorsitzende der Jüdischen Partei in der Tschechoslowakei, Dr. Emil M a r g ulies (Leitmeritz), hielt ein eingehendes Referat über das M i n d e r h e i t e n p r ob l e m und stellte unter andorm fest: „Der Weg, den die europäische Zivilisation vor 150 Jahren zur Lösung des jüdischen Problems gefunden zu haben glaubt, hat sich als unrichtig erwiesen. Die im Europa durch die Friedensverträge geschaffene Neuorientierung hat dem jüdischem Volke die Möglichkeit gegeben, in Palästina einen Nationalstaat zu gründen, und es ihm zugleich ermöglicht, in anderen Staaten als gleichberechtigte nationale Minderheit zu leben. Das jüdiseho Volk wird nun durch seine eigenen Kräfte die nötigen Voraussetzungen für diese Rechtsgleichheit schaffen, indem es seine eigene Würde behauptet und don Tatwillem zur Verteidigung seiner moralischen Werte betont.“ In Bad Luhaöovice (C. S. R.) sind für die dort weilenden Kurgäste die Gotteshäuser anläßlich dor hohen Feiertage geöffnet.