Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 379 (17.8.1934)
- Date
- 1934-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 370 — 17. August 10" f 1 JUDEN WIENS! Beteiligt Euch an der Volksadresse zu Ehren Dr. Josef löwenherz anläßlich seines 50. Geburtstages Telegrammbiankette ä S I - im Keren Kajemeth- BUro, I., Kärntnerstraße 28 erhältlich nls tischen Jugend, vor allem die Hebräisierung und die Erziehung zum Gemeinschaft eieben und zur streng nationalen C h a 1 u z g e s i nn u n g. Der Allgemeine Zionismus kann sein Ziel nur erreichen, wenn er seine Jugend in diesem Geiste erzieht und sie stramm organisiert. Ist das einmal geschehen, dann wird er 'rroße Erfolge erzielen und die bedauerlich^ Zerklüftung wird verschwinden. Die Forderungen der allgemein-zionistischen Jugend sind: Kampf gegen die Zerklüftung im Zionismus durch Stär* k u n g der eigenen, auf da Wohl des ganzen Volkes bedachten Organisation. Selbstverwirklichung in E r e z Israel als Konsequenz der jüdischen und zionistischen Erkenntnisse. w eite Zielsetzung der jüdischen Jugend, gerichte auf die Schaffung eines jüdischen Staates, getragen von den Ideen des Judentums unter Ablehnung jedes Kampfes innerhalb unseres Volkes und Erziehung der Jugend zum volkstümlichen Leben im Kibbuz. Der Allgemeine Zionismus muß sich als der Vertreter des gesamten Volkes dessen bewußt sein, daß die Jugend das Schicksal des jüdischen Volkes in ihrer Hand 'trägt. Hand in Hand mit einer geistig, körperlich und beruflich wohl a us g e b i I d e t e n Jugend ist der Allgemeine Zionismus berufen, der Wegbereiter einer besseren Zukunft zu sein. Berufswahl Berzls „Judenstaat“ in Esperanto Das grundlegende Werk des Zionismus. „Der Judenstaat“ von Dr. Theodor Herzl, erscheint demnächst in Esperanto, übersetzt von dem Wiener Esperantisten Bernhard Selzer. Der Zweck der Esperantoübersetzung ist, in der jetzigen Zeit, die soviel namenloses Unglück über das Judentum gebracht und es in eine scheinbar ausweglose Lage versetzt hat, den Weg der Lösung der 'Judenfrage der ganzen Welt aufzuzeigen. Das Buch wird im Verlage des Weltbundes der Esperantistischen Bücherfreunde in Budapest herausgegeben, wodurch ihm schon im Voraus eine große Verbreitung gesichert ist. Dr. E. P. i Die Zeit der Emanzipation der Juden brachte es mit sich, daß die damalige Generation ihren ganzen Stolz darein setzte, ihre Kinder in bis dahin den Juden verschlossene Berufe aufsteigen zu sehen. Hatte der jüdische Vater bisher seinen größten Stolz in einem Sohne erlebt, der in der Thora und im Talmud wohlbeschlagen war, oder gar in diesen Disziplinen als Leuchte in Israel galt, so änderte sich dies nun radikal. Der Sohn mußte Arzt werden, Rechtsanwalt oder Professor. Der jüdische Kleinkrämer oder Hausierer darbte und hungerte, sparte sich jeden guten Bissen vom Munde ab, nur damit der Sohn „mehr werden“ könne. Dieses Streben nach Erringung einer höheren Stufe der sozialen Leiter dauert noch in unseren Tagen an. Das ist keine spezifisch jüdische Eigenschaft, sie ist auch christlichen Eltern eigen. Ein Unterschied besteht nur in dem Weg zum sozialen Aufstieg bei Juden und Christen. Dem christlichen Bewerber stand ein breiter Weg offen. Er konnte unschwer bei der Gemeinde, beim Land oder beim Staat seine Beamtenstelle bekommen. Anders lagen die Dinge für den jüdischen Stellenwerber. Er kam bestenfalls im Handel, in einzelnen Industrien und in Banken unter. Die Offizierslaufbahn blieb dem Juden im großen und ganzen verschlossen. Wenn man auf die wenigen Juden hinweist, die in der k. u. k. Armee den Generalsrang erreichten ohne die Taufe zu nehmen, so bestätigen diese Ausnahmen eben die Regel, daß schon zur Zeit der alten Monarchie der bewußte Jude, der sich nicht unter das Taufbecken beugte, im öffentlichen Dienst nicht weit kam oder überhaupt nicht Unterkommen konnte. Nach dem Zusammenbruche der Monarchie wurde es noch schlechter. Waren es seinerzeit die Christlichsozialen, die den Juden die Karriere im öffentlichen Dienst verrammelten, so traten seit dem Jahre 1918 die Sozialdemokraten in der Wiener Gemeindestube getreulich in ihre Fußstapfen. Der Jude wurde nicht Gemeindeangestellter und dabei ist es auch geblieben. Im Gemeindewie im Staatsdienste wurde in aller Stille der numerus nullus zum zwar ungeschriebenen, aber unverbrüchlich gewahrten Gesetz. Daß wir Juden diesen Zustand niemals anerkennen und gegen ihn mit aller Kraft ankämpfen müssen, ist eine bisher in weiten jüdischen Kreisen leider zu wenig gewürdigte Selbstverständlichkeit. Darüber wird noch viel zu sagen sein. Heute wollen wir untersuchen, wie sich der jüdische Vater im Augenblicke bei der Berufswahl seines Sohnes verhalten soll. Zunächst muß festgestellt werden: Im Bankwesen ist der Jude auf das Aussterbeetat gesetzt Christliche Gewerbetreibende, Kaufleute und Industrielle nehmen vielfach prinzipiell keine Juden als Arbeitnehmer auf. Die freien Berufe weisen eine Überfüllung auf, die es heute nicht ratsam erscheinen läßt, sich dem Berufe eines Arztes oder Rechtsanwaltes zuzuwenden. Was sollen heute jüdische Eltern mit ihren Kindern anfangen? Das ist ein Problem, das heute an jeden jüdischen Vater und jede jüdische Mutter herantritt. Unsere Zeit ist eine Zeit der permanenten wirtschaftlichen Katastrophen und niemand, kann sagen, ob sein Sohn dereinst einen auch nur halbwegs gesicherten Lebensweg haben wird. Millionenverraögen sind durch die Inflation in nichts zerronnen, erstrangige Firmen, weltumspannend Konzerne sind über Nacht zusamm ungebrochen. Wer kann heute sagen, wie seine Kinder einmal gebettet sein werden? Man wird einwenden, daß diese entsetzliche Zeit nicht vorausgesehen werden konnte. Darauf muß entgegnet werden: Theodor Herzl hat euch gewarnt und wir Zionisten haben euch seit bald vierzig Jahren gewarnt. Wir haben euch gepredigt und immer wieder gepredigt, daß eine schreckliche Zeit kommen wird — jetzt ist sie da —, wir haben euch gesagt: Das jüdische Volk ist anormal geschichtet, laßt eure Söhne Bauern und Handwerker werden, bereitet sie für Palästina vor! Ihr habt uns ausgelacht oder habt uns die kalte Schulter gezeigt. Einzig und allein wir Zionisten waren es, die, wenn auch unzulänglich, ihre Jugend einer sozialen Umschichtung zugeführt haben. Unzulänglich, weil sich im allgemeinen nur jene umschichteten, die sich für die Auswanderung nach Palästina vorbereiteten. Heute lassen sich schon bemerkenswerte Anzeichen zur sozialen Umschichtung auch in anderen jüdischen Kreisen erkennen. Das Zionistische Landeskomitee und das Jüdische Jugendhilfswerk leisten auf diesem Gebiete eine schwere, aber ersprießliche Arbeit. Heute beginnt es in den Massen, auch bei den besser situierten Juden, zu dämmern, auch bei jenen, die immer die Zionisten verhöhnten. Früher brachte man nur arme Waisenkinder als Lehrlinge unter. Heute weigern sich oft zionistische Jugendliche aus den sogenannten besseren Kreisen weiter zu studieren. Sie drängen zur manuellen Arbeit, und diese jungen Menschen haben einen guten Instinkt. Besser ein tüchtiger Meister in einem Gewerbe, das trotz allem noch immer einen goldenen Roden hat, als ein hungernder Arzt, oder Rechtsanwalt, Wie viele Flüchtlinge aus Deutschland mußten in ihren alten Tagen umsattelu und Robuster oder Schlosser werden, um sieh mit ihrer Hände Arbeit notdürftig vor dem Hungertode zu schützen. Daran denke heute jeder Jude! Soziale Umschichtung soll aber nicht zu einer Senkung des kulturellen Niveaus führen. Wer cs sich heute noch leisten kann, seinen Kindern Mittelschulbildung angedcilien zu lassen, der tun cs. Wir können kein Interesse daran haben, das Bildungsniveau unserer Jugend zu drücken. Int Gegenteil. Gerade weil unser Existenzkampf so schwer ist, darf unserer Jugend nichts Wissenswertes fremd bleiben. Wir lehnen es ab, unsere Kinder gerade notdürftig lesen und schreiben lehren und sie dann iu geistiger Dürftigkeit vegetieren zu lassen. Das wäre auch kaum zu erreichen. Del* jüdische Drang nach Wissen, durch Jahrtausende genährt, ist zu mächtig. Wir wollen einen geistig regen und fachlich hervorragenden jüdischen Handwerker und Bauern hcranbilden. Im österreichischen Kaiserhause gab es eine schöne Sitte. Jeder, Erzherzog mußte in seiner Jugend ein Gewerbe erlernen. Das war wohl nicht mehr als eine noble Geste gegenüber den Gewerbetreibenden, eine captatio bcnevolentiae. Wir Juden haben wirklich erhebende; Vorbilder dafür, wie Bildung mit manueller Arbeit zu vereinen ist. Jeder denkt da sofort an unsere Chaluzim in Palästina, ehemaliges Akademiker oder Autodidakten, die tagsüber schwer arbeiten und abends philosophische Studien betreiben. Unser Weg ist klar vorgezeichnet. Wir werden gewiß nie darauf verzichten, unseres Kinder einen akademischen Grad erreichen und den Beruf als Arzt, Anwalt oder Lehrer ausüben zu lassen und werden jeden Angriff auf die Lernfreiheit tatkräftig abwehren. Jedermann muß aber erkennen, daß nun die Not der Zeit gebieterisch erfordert, was die Vernunft längst geboten hat: Soziale Umschichtung nicht nur für die Palästina- Auswanderer, sondern auch und vor alfem' für die Jugend in der Galuth. Wer dies erkennt und darnach handelt, sorgt nicht nur für seine Kinder am besten. Er hilft dadurch gleichzeitig mit, die ungesunde Struktur des jüdischen Volkes zu verbessern, und kämpft erfolgreicher gegen den Antisemitismus als tausend Abwehrbroschüren. Schocken-Verlas: Interessante Heuerscheinunsen Der rührige Schocken-Verlag in Berlin hat drei neue Bücher herausgebracht: Johann Jakob Schudt: Von der Franckfurter Juden Vergangenheit; Abraham Tendlau: Sprichwörter und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit; und Martin Buber: Geschichten von Engeln, Geistern und Dämonen. Die einzelnen Bändchen sind in der Art der eeinerzeitigen Insel-Bücher, aber besser und geschmackvoller ausgestattet und sehr billig. (Mk. 1-25 pro Band.) Ist es schon mit Rücksicht auf die schwere Not unserer Zeit verdienstvoll, gediegene Bücher jüdischen Inhalts herauszubringen, so ist das bei den heutigen Verhältnissen der Juden in Deutschland doppelt verdienstvoll. Wenn einmal die Kulturgeschichte der Juden Deutschlands über unsere Tage geschrieben werden wird, so wird man sicher der Tätigkeit des Schocken- Verlages dankbar gedenken. Das Büchlein: „Von der Franckfurter Juden Vergangenheit“, herausgegeben von Efraim Frisch, hat Johann Jakob Schudt zum Verfasser, der 1664 bis 1722 lebte und Rektor des Gymnasiums in Frankfurt war. Schudt war, wie inan heute sagen würde, reinrassiger Arier. Er schrieb ein großes Werk: „Jüdische Mcrckwürdigkeite n“, in welchem eine Geschichte der Frankfurter Juden enthalten war. Efraim Frisch bringt daraus einen Auszug. Es ist gerade in unserer Zeit außerordentlich beziehungsreich, die Ghettoexistenz der Frankfurter Juden rückschauend zu betrachten. Frisch hat dem Buche die Sprache und Orthographie des Originals belassen, was der Wirkung keinen Abbruch tut, im Gegenteil, reizvoll wirkt. Wir lassen zwei Leseproben folgen: . . . Die Juden verstehen guten Thetis selber nicht, was ihre Hebräische Gebeter heissen . . . Ich habe zu Zeiten Juden-Weiber, wann sie Hebräische Gebeter in ihrer Schul auss dem Buch her sagten gefragt, ob sie auch, was sie da lesen, verstünden, aber gar wenige, die es verstunden angetroffen, dass sie also recht wie die Nonnen den Lateinischen Psalter, ihre Hebräische Gebeter daher beten. Einstens gab mir eine zur Antwort: ob ichs schon nicht verstehe, so verstehts doch Gott; eine andere sagte mir: eine Artzney, so mir der Artzt gibt, kilfft mir doch, ob ich schon das Recept und was darauff stehet nicht verstehe . . . . . . Es haben die Jüdische Weiber zwar keine besondere Gesellschafft wie die Männer mit Bcgrabung der Todten, umb denen in Kindes-Nöthen begriffenen Frauen beyzuspringen, doch welche darinnen etwas verstehen, helffen gerne. So bald nun eine Jüdin in die Weh eintritt, werden solcher verständiger Frauen, so insgeheim die vornehmste sind, zu ihr berußen, die alles mit angreiffen und helffen; halten solches für ein gar verdienstliches Liebes-Werck. Eine glaubwürdige christliche Heb-Amme, welche gar offt bey gebührenden Jüdinnen gewesen, hat mich berichtet, dass solche Weiber, deren gemeiniglich drey oder vier sind, die Sache so fort mit Gebett anfahen, ihre zwey gewöhnliche Gebetter sind gar einfältig: l. Auff mein rechten Fass trett ich I Gott den Herrn bett ich I Dass er entbind I Mutter und Kind I Gebohren soll es weren I zu Gottes Ehren I II. Auff dem Berg Carmel I Stehet eine Hindin und schreiet l So kommt ein Engel vom Himmel I Und spricht warumb schreyestu so? I Ich bin eine Gewinnerin I Ich bin eine Gebährerin I Gott wird dir und allen Menschen helffen. Hier au ff ruffen alle Anwessende zu jedem Gebett Amen.-Ist die Geburth glücklich verrichtet, und es ein Knäblein, so ist grosse Freude im Hauss, und macht der Valter Anstalt zur Beschneidung und darbey nöthigen Mahlzeit. Ist es aber ein Mägdlein, so ist nicht viel Handels . . . Das zweite Buch: Abraham Tendlau: „Sprichwörter und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit“ ist ein Auszug aus dem im Jahre 1860 erschienenen^uch, das mehr als 1000 Sprichwörter und Redensarten enthielt. Tendlau (1802 bis 1878) war Privatlchrcr und erhielt 1863 vom Freien Deutschen Hochstift die Ernennung zum Ehrenmitglied sowie das Diplom eines „Meisters“ für Leistungen auf dem Gebiete der Volkskunde. Von ihm stammt auch das „Buch der Sagen und Legenden jüdischer Vorzeit“. Die vom Schocken-Verlag veranstaltete gekürzte Ausgabe bietet einen aufschlußreichen Blick in die Vergangenheit der deutschen Juden und ist ein Beweis für den innigen Kontakt zwischen jüdischer Lehre und Sprache. Auch für den deutschen Sprachforscher bietet das Büchlein viel Wissenswertes. Birgt doch die jüdischdeutsche Mundart viel mittelhochdeutsche Elemente. Wir lassen einige Leseproben folgen: Ich hab’ sein’ Wimpel nit g es ehn! als Antwort auf die Frage, wie alt jemand sei: ich weiß es nicht. — Es war und ist grossenteils der Brauch, jedes Knäblein nach vollendetem ersten Jahre nebst einem für die Umwindung der Gesetzrollen bestimmten langen und schmalen Stück Linnen, auf welches des Kindes Namen und Geburtstag, sowie Wünsche für sein künftiges Wohl geschrieben sind, an einem Sabbat in die Synagoge zu tragen. Die also beschriebenen und in der Synagoge zurückgelassenen Windeln konnten daher zugleich als Kirchenbuch dienen. — Noch häufiger und passender war die Redensart bei einem Mädchen: „Ich habe ihre Wimpel nit gesehnt“ „Hastu ihre Wimpel gesehn?“ (dass du ihr Alter so genau weüsst) usw., da bei Mädchen der Brauch nicht stattfindet, und man also nicht einmal nachsehen konnte, wie alt sie sei, Mi Ko m oochef — Kaan Ocl und k a an Zoo c h et „Wer ist wie Du! Kein Ocl und kein Docht!“ — Mangel an allem. — Mi kamocha baelim, „Wer ist wie Du unter den Göttern!“ ist der Anfang des Verses 2. B. M. 15, 11, woraus sich der Volkswitz das Wortspiel