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Die Stimme · 1934-08-14 · Heft 378 (14.8.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 378 (14.8.1934)
Date
1934-08-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 878 — 14. August 1934 DIE STIMME Seite ß 1 JMML Eheschließung und Ehetrennung in Palästina Arabische Unternehmer aus den Nachbarländern Die anhaltende Prosperität Palästinas bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Rückständigkeit seiner arabischen Nachbarländer führt zu einer steigenden Tendenz der Verlegung arabischer Unternehmungen aus Syrien nacli Palästina. In Jerusalem soll demnächst von einem Konsortium arabischer Kauf- Jetite aus Aleppo (Syrien) und Jerusalem eine Seidenfabrik errichtet werden. Weitere zwanzig syrische Kaufleute sind aus Damaskus nach Palästina gekommen. Ein bekannter Zuckerwarenfabrikant aus Damaskus hat um die Erlaubnis nachgesucht, sein Maschineninventar nach Palästina bringen zu dürfen. Die syrische Presse äußert tiefe Bestürzung über diese Massonabwanderung wohlhabenderer Elemente aus den Kreisen der Gewerbetreibenden. Im L$foaia©ra? Jerusalem, 10. August. (Z. T. A.) Laut „Palestine Post“ wird in politischen und Wirtschaftskrisen des Libanon die Möglichkeit einer jüdischen Einwanderung nach Libanon viel erörtert. Eine Gruppe ist auch der Ansicht, daß jüdische Einwanderung keine Gefahren mit sich bringen würde, da die Balfou .'-Deklaration auf Palästina beschränkt ist und die Einwanderer in Libanon keine politischen Ziele verfolgen würden. Für den Plan der Einwanderung haben sich bekanntlich der Präsident der Republik, Habib Pascha Saad, sowie der maronitische Patriarch ausgesprochen. Die Gegner der jüdischen Einwanderung sind hauptsächlich extreme Nationalisten, junge Ärzte, Anwälte, Ingenieure und Angehörige anderer freier Berufe, die jetzt arbeitslos sind und fremde Konkurrenz fürchten. Um die Befürchtungen dieser Opponenten zu besänftigen, haben die französischen Behörden ein Gesetz angenommen, das den Verkauf von Boden an der palästinensisch-libanesischen Grenze an alle Fremden verbietet, die nicht von den zuständigen Behörden Erlaubnis hiezu erhalten haben. Jaff&Orangen in Cypern In letzter Zeit wurden mehrere tausend IC'itrus- und Grape-Fruit-Stecklinge in Palästina angekauft und nach Cypern gebracht, wo jetzt größere Orangen-PIantagen von jüdischen Pflanzern angelegt werden. In der letzten Saison sind in Cypern 800 Dunam von Juden mit Orangen bepflanzt worden. Die Neuanlagen wurden [während des ganzen Monats Juli fortgesetzt. Wie die Tageszeitung „Dawar“ erfährt, werden jetzt Pläne für eine großzügige jüdischeKolonisationinCypern durch den aus Deutschhand stammenden Plantagenbesitzer Dr. Brünn, der mehrere Jahre in Palästina gelebt hat und Orangengärten in Chedera besitzt, ausgearbeitet. Die Behörden in Cypern haben Erleichterungen für die Durchführung jüdischer Siedlungsarbeit zugesagt. Jüdische Einwanderung größeren Maßstabes wird von den Behörden angeblich als durchaus erwünscht bezeichnet. In Cypern wurden bereits erhebliche Kapitalien zur Anlage von Pflanzungen investiert. Feier am Grabe Ephraim Cziziks Jerusalem, 10. August. (Z. T. A.) Etwa 800 Mitglieder des „Hapoel“ trafen in Hulda ein, um am Grabe von Ephraim Czizik, dem tapferen Verteidiger der zu den Herzl-Waldüngen des Jüdischen Nationalfonds gehörenden Kolonie Hulda, der in den Augus tun ruhen 1929 durch arabische Kugeln niedergestreckt wurde, ihre Ehrerbietung zu bezeugen. Es waren Arbeiter aus allen Teilen des Landes gekommen. Eine Schwester Ephraim Cziziks ist bei der Verteidigung von Tel-Chai unter Joseph Trumpeldor im Jahre 1920 ums Leben gekommen. Bei der Gedächnisfeier war der Raum mit Photographien von Czizik, Arlosoroff und Herzl sowie mit schwarz drapierten roten Fahnen des „Hapoel“ geschmückt. (Da muß man doch fragen: W o blieb die blau-weiße Fahne? Die ist anscheinend beim „Hapoel“ verpönt. Man muß wohl fragen: „Für wen ist Czizik gestorben? Für das jüdische Volk und Erez Israel oder für die Zweite oder Dritte Internationale? Die Red.) Faschistische arabische Partei in Palästina Rom, 9. August. (2. T. A.) Die italienische Presse berichtet, daß in Palästina unter Führung des VizebüTgermeisters von Jerusalem, Fakri Bey N. a s h a s b i b i, eines Freundes des Emirs Abdullah von Transjordanien, eine faschistische Partei im Entstehen begriffen ist. Der Parteigründer hat in einem Interview erklärt, die neue Richtung werde sich die Ideen und Formen der faschistischen Bewegung Italiens zum Beispiel nehmen. Bewunderung für die Leistungen Mussolinis habe ihn veranlaßt, die neue „Arbeiterpartei“ genannte Gruppe ins Leben zu rufen. Sie erstrebe moralische und wirtschaftliche Erneuerung Palästinas und soziale Wohlfahrt der Arbeiterklasse. Den Informationen des offiziellen Organs „Giornale d’Italia“ zufolge soll die neue Partei ein Kompromiß mit dem Zionismus anstreben. Ihre Hauptaufgabe erblickt sie in der Bekämpfung sozialistischer und kommunistischer Tendenzen. Die in Berlin erscheinenden „Paläs t i n a-N achrichten“ bringen einen Artikel von Rechtsanwalt Hans Kaufmann (Tel-Aviv), nach dessen Ausführungen sich folgender Rechtszustand ergibt: Jüdische Angehörige .europäischer und amerikanischer Staaten können zwar vor Jen Rabbinatsbehürden in Palästina gültig eine Ehe schließen. Diese Eheschließung wird von der palästinensischen Regierung, und bei Vorhandensein der vom Recht des betreffenden Heimatstaates geforderten materiellen Voraussetzungen als gültig anerkannt werden. Eine Ehe solcher Personen kann aber keinesfalls in Palästina geschieden werden, gleichgültig, ob die Eheschließung in Palästina oder im Auslände erfolgte, und ob vor staatlichen oder religiösen Behörden. Insbesondere kann selbst eine Ehe von solchen Ausländern, die in Palästina von dem Rabbinat gültig geschlossen wurde, von dem Rabbinat nicht wieder geschieden werden. Jedenfalls würde eine solche Ehescheidung weder von der palästinensischen Mandatsregierung, noch bei den deutschen, österreichischen oder polnischen Staatsangehörigen, von den Behörden des Heimatlandes als rechtswirksam anerkannt werden. Artikel 64 der palästinensischen Verfassung bestimmt ausdrücklich, daß die staatlichen Gerichte keine Zuständigkeit haben, die Scheidung einer Ehe von derartigen Ausländern („foreigners“ im Sinne von Art. 59 der Verfassung) auszusprechen. Jüdische Staatenlose und jüdische Palästinenser können und müssen hingegen in Palästina von den palästinensischen Rabbinatsbehörden getraut und geschieden werden. (Art. 53 der palästinensischen Verfassung.) Die Legislative &sa PalMstima Jerusalem, 9. August. (2. T. A.) Über die Pläne der Errichtung einer Legislative Assembly in Palästina erfährt „Iton Mejuchod“: Die Regierung ist im Begriff, weitere bedeutsame Schritte zur Bildung eines A d v iso ry Council in Palästina zu tun. Dieser Advisory Council soll gewissermaßen die Funktion eines Unterhauses gegenüber dem jetzigen offiziellen Advisory Council ausüben, der aus dem High Commissioner als Präsidenten und dem Chefsekretär, dem Oberstaatsanwalt, dem Schatzmeister, dem Bodenkommissar, dem Polizeichef, den Direktoren der Regierungsdepartments und den Distriktskommissaren besteht. Der in Bildung begriffene Advisory Council wird, wie verlautet, späterhin durch eine Legislative Assembly abgelöst werden, deren Aufgabenkreis so festgelegt sein wird, daß er mit den internationalen palästinensischen .Verpflichtungen nicht in Konflikt gerät. Wie die ITA. erfährt, wurden bereits Formulare und Fragebogen gedruckt, die an die Munizipalitäten zur Versendung gelangen sollen. Es werden vor-» läufig keine Wahlen stattflnden, Bondern durch Ernennung soll eine Art oberste repräsentative Körperschaft der Munizipalitäten gebildet werden, die später auf Grund von Wahlen in eine Legislative Assembly umgewandelt werden könne. Systematische Entwicklung des iiidischen Sports in Paiästina Dr. Ernst Simon, der seit vielen Jahren für eine systematische Entwicklung des jüdischen Sportstandards in Palästina tätig ißthat im Nathan-Strauß-Gesundheitszentrum in Jerusalem die erste sporthygienis.che Beratungsstelle Palästinas eingerichtet. Er hat gleichzeitig eine Sporlwanderausstellung ins Lehen gorufen, welche nach und nach alle palästinensischen Orte besuchen und auch die umliegenden Länder, wo Malckabi-Vereine existieren, gehen soll. Die Ausstellung wurde in Jerusalem eröffnet und hat bereits Chederah besucht. Auch die Arbeit für den Magen-David Adam (Erste Hilfe-Organisation) hat nunmehr konkrete Formen angenommen. Auf Grund der Initiative von Viscountess Erleigh findet der erste Kurs für 20 Mädchen unter der Leitung von Dr. Simon augenblicklich in Jerusalem statt. Es ist beabsichtigt, das Lehrmaterial in kurzer Form in den Druck zu bringen und auch außerhalb Palästinas allen Makkabi-Vereinen zugänglich zu machen. Eine anonyme Spenderin Vor einigen Tagen erschien beim Hauswart des Hauses, in welchem sich die Zionistischen Büros befinden, eine Dame und hinterlegte ein Paket, beinhaltend einen handgeknüpften Teppich und eine Vase, mit der Bitte, dieses Paket dem Zionistischen Landeskomitee zu übergeben. Die Dame, die weder ihren Namen noch ihre Adresse nennen wollte, sprach nur den Wunsch aus, das Zionistische Landeskomitee möge diese Spende einem Tempel in Palästina zur Verfügung stellen als Dank für die Genesung ihres Kindes. Das Zionistische Landeskomitee hat Verfügungen im Sinne der anonymen Spenderin getroffen. Jüdische Kulturstelle (Kuaststelle), II., Aspernbrtickengasse 2, Tel. R 48-2-91, Büro: 10 bis *4 1 Uhr. Den Mitgliedern stehen ermäßigte Karten für alle im Betrieb befindlichen Theater zur Verfügung. Reisen: Wien über Warna nach Konstantinopel—Athen und zurück. Abfahrt 19. August. Auskunft täglich von ß bis 6 Uhr. Palästina-Vortrag. Mittwoch, den 15. August, halb 9 Uhr abends, spricht Dr. Srul O s t e r e r über Einladung des Verbandes radikaler Zionisten über „Aktuelles in Palästina lind im Zio n i s m u s“ im separierten Garten des Ersten Kaffeehauses, Prater Hauptallee. Gäste willkommen. Von Ben Jacob Denket du noch an das weiße Häuschen mit dem Strohdach, dort in dem engen Gäßchen unweit vom Bache? Wie ein blühender Kranz umringt es das Gärtchen reit jungem Rettich, Zwiebeln und Schoten. Es ist Samstag „nach Tisch“. In der hellen, geräumigen Stube ist es still, daß man nur das Summen der Fliegen hört. An dem Tisch, dem weißen, reingescheuerten Tisch, sitzest du und schaukels dich über dem „Traktat Kaduschin“. Durch die rot- und blaugefärbte Tischdecke, die vor dem Fenster hängt, kommen die Sonnestrahlen herein und übergioßen alles mit allerlei weichen, matten, zauberischen Farben. Es ist ein warmer Julitag and du fühlst dich etwas matt nach der ungewöhnlich reichen Sabbatmahlzeit. Einige Male schon hast du don Abschnitt begonnen, den der Rabbi dir für heute aufgegeben, doch cs geht nicht. Deine Lippen bewegen sich und du murmelst gedankenlos „Tannin Rabanan...“: „Die Rabbis haben gelehrt...“ Doch deine Blicke wandern miid und träumend durchs Zimmer. Dort in dem halbdunklon Alkoveu schläft der Rabbi, den aufgeschlagenen „Sefer- Gliassidim“ auf dem Polster und «Im Brille auf der Stirn. Und drüben, zu deiner Rechten, dir gegenüber, sitzt Gietele. Ihr Haar glänzt wie Gold und ihre Lippen erinnern dich an frische, rote Beeren. Hie und da blickt sie auf und eure Augen begegnen einander. Dann wird es dir heiß im Gesicht und dein Herz klopft. Schnell senkst du dann die Augen auf das Buch und murmelst: „Tanu Rabanan..„Die Rabbis haben gelehrt...“ Auf der Straße singt eine weibliche Stimme ein Lied. Es ist ein ruthenisches Volkslied; es handelt von einem Bächlein, das einsam hinabläuft ins Ttl... Dann wird es wieder still. Doin Blick fällt auf Gietele, eure Augen begegnen einander und wie ein Zittern geht es durch deinen Körper. Ein Gedanke ergreift von dir Besitz-ein dunkler, unverständlicher Gedanke. „Ma jaflfc uma naim, ahVa b’tamigim“: „Wie schön bist du, wie süß bist du, Liebe, mit deinen Wonnen.“ l)ii hast es gestern im Hohelied gebetet und dann mit deinem Vater gesungen-warum kommt es dir jetzt plötzlich in Erinnerung? Du hast einmal die Erklärung gelesen, daß mit den Worten die Thora gemeint sei, ein anderer Kommentar will bestimmt wissen, daß es das Judentum sei, das der königliche Dichter besingt — doch wie kommt dazu deines Rabbi Töchterchon, wie kommt Gietele dazu...? In deinem Herzen läßt sich eine Stimme vernehmen. Es ist, scheint es dir, eine Antwort auf deine Frage — doch diu verstehet sie nicht. Es ist, scheint es, eine Antwort in einer jener siebzig Sprachen, die deine 17jährige Unschuld noch nicht gelernt. Doch es ist eine Antwort! Und wie das Wiegenliedchen das Kind beschwichtigt, obgleich es davon koin Wort versteht, so wirkt die sanfte, stille, geheimnisvolle Sprache auf dein junges Hora. Und während deine Augen auf der jungen, blühenden Gestalt haften, wird es vor dir hell und immer heller und du sagst plötzlich mit halblauter Stimme: „Itti milebanon Kalle. Itti milebanon taboi...“: „Mit mir von Libanon kommet du, o, meine Braut.. “ Du hast dio Worte niemals gründlich verstanden. Jeden Freitagabend, wenn du, das Hohelied betend, an diese Stelle gelangt warst, hieltest du inne und blicktest auf vom Gebetbuch. Wie oft bekam dich eine mächtige Sehnsucht nach jenem stolzen, herrlichen Berg. Du wußtest selbst nicht recht, woran du dachtest, dir schien es eino Phantasie, ein zaubervoller, unbegreiflicher Traum. Doch wie gut verstehst du jetzt die süßen, göttlichen Worte...! „Mit mir vom Libanon, o meine Braut, 'virsf du kommen. heriiTiterblirkon vom1 Gipfel Amanas, vom Gipfel des Snir und des Hormon...“ Und auf der höhsten Spitze des Berges Hermon steht ihr Hand in Hand und es lacht und strahlt auf euch glänzender Sonnenschein... Uud euch blüht und rauscht und duftet der Palmenwald und über eueren Häuptern lächelt und winkt mit tausend Wonnen der. reine blaue Himmel.., Du beugst dich zärtlich über die neben dir stehende Gestalt, drückst sie an dein Herz und 6ie erhebt den Blick zu dir aus den großon, braunen, feuchten Augen. „Gietele.. .1“ * Ein halb unterdrücktes Lachen schreckt dich aus deinem süßen Traum empor. Dor heilige Baal-Scliem hat eiuen so guten Witz gemacht, daß Gietele den schlummernden Vater vergessen hatte. Der Rabbi macht oinc Bewegung und erwacht. Dabei wirft er den „Sefer-Chassidim“ zur Erde. Rasch hebt er das heilige Buch auf, küßt es andächtig und reibt sich die verschlafenen Augen... Und du, vom Berge Hermon herabgestürzt, kehrst zurück zura „Traktat Keduschin“. Noch einen Blick wirfst du auf die ruhig dasitzendo Gietele, verschluckst einen tiefen Seufzer und beginnst dich wieder zu schaukeln und mit hörbarer Stimme zu singen: „Tanu Rabanan.. ..Die Rabbis haben gelehrt...“

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