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Die Stimme · 1934-08-14 · Heft 378 (14.8.1934) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 378 (14.8.1934)
Date
1934-08-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 OIE STIMME Nr. 378 - 14. ÄuguBt 1984 Opj'.'aftisatSoirB des deutschen Jis&estmsfts Die ..Jüdische Rundschau1' verweist auf die Notwendigkeit einer strafferen organisatorischen Zusammenfassung des deutschen Judentums auf Grund ideeller und praktischer Gesichtspunkte. Das Blatt setzt sich besonders für eine Stärkung der Stellung der Reichsvertretung der deutschen Juden und des Zentralausscluisses der deutschen Juden für Hilfe und Ausbau ein. Die nächsten Monate müßten dazu benutzt werden, alles zu tun, um dem Zentral a u s s c li u ß jene breite Basis zu schaffen, die er zur Fortsetzung und Aufrechterhaltung seiner Arbeit braucht. Die sozialen Organisationen müßten so weit als möglich in den Ausschuß eingeordnet und die Berücksichtigung der verschiedenen Zveige jüdisch-gesellschaftlicher und sozialer Arbeit bei ihrer Förderung durch den Zentralauschuß nach einer Wertskala geregelt werden. In erster Reihe seien zu erhalten alle auf Berufseinordnung und Berufsumschichtung der Jugend abzielenden Unternehmungen, Kredithilfeeinrichtungen und das Schulwerk. Man werde sich darüber klar werden müssen, ob die Mittel für diese Arbeit durch Sammlungen von größerem Ausmaß als bisher oder durch eine neue Disposition, der Steuer mittel aufgebracht werden sollen. Im ersten Falle sei engste Zusammenarbeit und gemeinsame Planung mit den für den Palästinaaufbau tätigen Fonds, im zweiten die Zuführung eines erheblichen Teils des Steueraufkommens der Gemeinden an zentrale konstruktive Aufbauzwecke notwendig. Wahrscheinlich werde es zu einer Kombination beider Formen kommen. Das T?aaisafck ommera mit äem Dritten Reich Berlin, 10. August. (Z.T.A.) In einem Runderlaß Nr. 82 an die Devisenstellen werden neue Bestimmungen über den Vermögenstransfer von Juden, die naon Palästina auswandern wollen, bekanntgegeben. Die Bestimmungen wurden auf Grund von Vereinbarungen getroffen, die zwischen den zuständigen deutschen Behörden und den berufenen zionistischen Stellen abgeschlossen worden sind. In dem Erlaß heißt es: „Bei der Reichsbank wird für die Bank der Tempelgesellschaft in Jaffa ein Sonderkonto 2 eingerichtet. Auf dieses Konto können (mit Genehmigung der Devisenstellen) Juden, die in Deutschland ansässig sind und zur Zeit nicht auswandern, sich aber gleichwohl schon jetzt eine Heimstätte in Palästina schaffen wollen, zugunsten der Treuhand- und Transferstelle „Haavara“ Ltd. in Tel-Aviv Einzahlungen leisten. Diese Einzahlungen finden ausschließlich Verwendung zur Be z a h 1 u n g deutscher Warenlieferungen nach Palästina. Der Devisengegenwert -wird den Einzahlern in Palästina zur Verfügung gestellt. Mittele eines besonders vereinbarten Verfahrens fließen der Reichßbank aus diesen Ausfuhrgeschäften Devisen in Höhe von einem Drittel des Gesamtwertes zu. Der einzelne Exporteur erhält natürlich die volle Bezahlung in Mark aus dem Sonderkonto. Die Höchstgrenze der Einzahlungen beträgt 50.000 Reichsmark filr jede wirtschaftlich selbständige Person.“ Niederlassung von deutschen Flüchtlingen in England London, 8. August. (Z. T. A.) Im Unterhaus erklärte Unterstaatssekretär Eden auf eine Anfrage: „Der Oberkommissär für Ausgewanderte (jüdische unrl andere, die aus Deutschland kommen) ist verständigt worden, daß die Regierung bereit ist, die Frago dauernder Niederlassung einzelner Ausgewanderter innerhalb der durch die Wirtschaftslage des Landes notwendig gezogenen Grenzen so großzügig wie möglich zu behandeln. Es wurde dargeiegt, daß dieser allgemeine Grundsatz der Bedingung unterliegt, daß die Regierung sich das Recht vorbehält, in jedem einzelnen Fall das Aufenthaltsrecht zu verweigern unter Berücksichtigung der im Lande noch herrschenden ernsten Arbeitslosigkeit, die es erforderlich macht, die Zulassung von Ausländern zu Anstellungen äußerst einzuschränken.11 ThsfiwalS üher die Lage der Juden in Deutschland Das englische Departement für Überseehandel hat eine Broschüre über die wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands bis Juni 1034 herausgegeben, die von dem inzwischen verstorbenen Handelsbcrater an der englischen Gesandtschaft in Berlin J. W. F. T h e 1 w a 11 verfaßt wurde. Darin werden folgende Hinweise auf die Lage der Juden in Deutschland gemacht: Es ist sehr schwierig, gegenwärtig eine Erklärung über die Lage der Juden in Deutschland abzugeben. Sie sind mit sehr wenigen Ausnahmen aus allen irgendwie bedeutsamen Positionen in öffentlichen Diensten, Handel und Industrie, aus den freien Berufen und Künsten verschwunden. Viole Firmen, die sich einst in jüdischen Händen befanden, haben traurige Schicksale gehabt, ebenso die jüdischen Angestellten. Wenn arische Beamte nicht für ihren jüdischen Unternehmer arbeiten wollen, bleibt diesem nichts anderes übrig, als sein Geschäft zu verkaufen; wenn Kunden mit einem jüdischen Geschäftsführer oder Handelsreisenden nicht verhandeln wollen, kann er nicht mehr beschäftigt werden. Es ist nicht möglich, genau festzustellen, welche Wirkung all dies auf das deutsche Wirtschaftsleben und auf die Juden hatte. Man weiß nur, daß etwa 60.000 Juden Deutschland verlassen haben, daß die jüdischen Privatbanken von all dem kaum betroffen wurden, und daß Juden in kleinenStädten und auf dem Lande im allgemeinen mehr leiden als die in den großen Städten. Die nationalistische Auffassung, die Deutschland auch in kommerziellen Dingen eingeführt hat, hat in mehreren Ländern eine Gegenbewegung hervorgerufen, die ebenfalls auf Sentiments und Idealen fußt und dem deutschen Außenhandel nachteilig ist. Der Bericht gibt sodann eine detaillierte Darstellung von Deutschlands wirtschaftlicher Lage, aus der vor allem eine rapide Schrumpfung des deutschen Überseehandels zu ersehen ist. „Manchester Guardian“ schreibt hiezu in einem Leitartikel: Diese Schrumpfung wurde vielfach erklärt. Ein wesentlicher Faktor ist jedenfalls der jüdische Boykott, dei geheim und auch offen geführt wird, ein verständlicher Boykott angesichts der Tatsache, daß 60.000 Juden das Land verlassen mußten, während diejenigen, die in Deutschland bleiben, sieh in keinerlei wichtiger Position mehr zeigen können. Hlndenburgs letzte Lektüre: Ein Ausspruch Nehemias Berlin, 9. August (2. T. A.) Wie aus Neudeck gemeldet wird, hatte Hindenburg vor seinem Tode noch einmal in einem Spruchbuche gelesen und den folgenden Spruch unterstrichen: „Mit der einen Hand führten sie das Schwert, mit der anderen arbeiteten sie.“ Dazu schreibt die „Jüdische Rundschau“: Wo steht dieser Spruch? Der Spruch — oder doch ein inhaltlich gleichbedeutender Spruch — steht in der Bibel, im Alten Testament; aber nicht in den allbekannten, in jedem Gesangbuch und Gebetbuch verzeichneten Büchern, den Psalmen etwa oder den großen.Propheten. Nein, er findet sich in dem weniger bekannten Buche des Nehemia, des Sohnes Hachalja, des Mundschenks beim König Artaxerxes in Susa der Stadt (Neh. cap. IV, II). Und er spricht von den geringen und verspotteten Juden, die mit Nehemia zurückkamen aus der Gefangenschaft nach Jerusalem und die Mauer, die zertrümmerte, wieder aufbauten und die Tore wieder aufrichteten, die das Feuer zerstört hatte. Sie bauten die Mauern und trugen die Steine heran . , . und mußten sich gleichzeitig wehren gegen die von allen Seiten anstürmenden Widersacher. Und also steht es dort geschrieben: Sie alle, die an der Mauer bauten und die Lasten auf luden und herbeischafften: mit der einen Hand taten sie ihre Arbeit, und mit der anderen führten sie das Schwert... Es ist gewiß für uns bewegend, schreibt die „Jüdische Rundschau“, daß Hindenburg auf seinem Totenbett von einem jüdischen Bibelwort so tief berührt wurde, daß die Hand des Todesnahen die Worte, die über Jahrtausende zu ihm drangen, unterstrich, Rathenaumörder macht Karriere Prag, 10. August. (2. T. A.) Wie das in Saarbrücken erscheinende ..Westland“ berichtet, hat Minister Heß, der Stellvertreter Adolf Hitlers, Hans Gerd Techow zum Leiter der politischen Schulungs- und Fachschaftsarbeit ernannt. Techow wurde am 14. Oktober 1922 vom deutschen Reichsgericht wegen Beihilfe zum Mord an Minister Rathenau zu vier Jahren und einem Monat Gefängnis verurteilt. In der vergangenen Woche hielt er in der Reichsführerschule der deutschen Studentenschaft eine Antrittsvorlesung über das Thema „Von der Erprobung und Festigung des Charakters“. Ruiniert und obendrein noch Bestrafung Darmstadt, 12. August. (2. T. A.) Das hiesige Sondergericht verurteilte Enocb Frankfurter zu sieben Monaten Gefängnis, weil er gesagt hatte, die Judenboykottpolitik der Regierung habe sein Geschäft ruiniert. Das Gericht erklärte, „die Juden seien der Regierung zu Dank verpflichtet, daß sie überhaupt noch geduldet werden.“ Rasse und Zuverlässigkeit Berlin, 12. August. (2. T. A.) Das höhere Verwaltung.sgericbt in einer Stadt des Rheinlandes hat entschieden, daß eines Menschen Zuverlässigkeit unabhängig von seiner Rasse ist, und hat damit den Entscheid des unteren Gerichts aufgehoben, das gegen ein von einem Juden eingebrachtes Gesuch entschied, da seine jüdische Rasse an sich schon ihn unzuverlässig mache. Internationaler Studentendienst stellt die Beziehungen zu alter deutschen offiziellen Körper• schäften ein Reverend M. L. Perl zweig, Vorsitzer der des Weltverliandes Jüdischer Shulente:. wurde von Df. Walter R o t s c h n i g, Gent namens des Ständigen Komitees des Inte nationalen Studentendienstes (Internationr Student Service) offiziell dahin informier' daß infolge der letzten Ereignisse i Deutschland, die zur Ermordung, V e r schwinden oder Gefangennat: me einiger seiner verdiente»' Mitarbeiter geführt haben, der Intet nationale Studenlendienst beschlossen ha.' alle Beziehungen zu Organisationer die direkt oder indirekt mit der jetzige deutschen Regierung in Verbindung stehe:1, efnzustellen. Alle Projekte betreffen!' Konferenzen, Touren usw., die «ine B: ziehungnahrae zu deutschen Behörden bc dingen würden, sind infolgedessen falle;; gelassen worden. iliiiiiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiliiiii RE TAURAN7 ROTK II., Pratersfraße 54 Tel. R 47-0-4k empfiehlt seine reichhaltigen Menüs: Suppe, Braten, Gemüse, Mehlspeise . . . S 1-3C? Suppe, Braten oder '/« Huhn, Gemüse, Kompott, Mehlspeise . . .S 1*0S Kalbs- und Rindsbraten ä la oarte . . $ —*9:. I0 dkg gebratenes Gansl.S — *6(r IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIH Unterbringungsaktion Jüdischer Lehrlingein handwerklichen Betrieben Schulentlassene jüdische Knaben und Mädchen melden sich seit Wochen in großer Zahl im Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis und bitten um Lehrlingsstellen in handwerklichen Betrieben, in der Erwartung, daß der Ruf nach Umschichtung bei der jüdischen Bevölkerung verständnisvolle Verwirklichung findet. Jüdische hoffnungsvolle Kinder erfassen instinktiv den Ernst der Lage, perhorreszieren gemäß der neuzeitlichen Einstellung den sogenannten unproduktiven Beruf und wollen bei Schlossern, Bäckern, Elektrotechnikern, Installateuren, Schneidern, Tischlern, Friseuren, Tapezierern usw. Lehrlingsstellen erlangen. Es soll gesagt werden: Es ist in dieser Zeit schwer, älteren, familienerhaltenden arbeitsuchenden Menschen mitteilen zu müssen, daß für sie keine Buchhalter-, Lageristen-, Manipulanten-, Inkassanten stellen zur Verfügung stehen. Aber schwere: ist es, jungen Kindern trotz ihres Drange; zur Arbeit keine Lehrlingsstelle geben zu können und sie beim ersten ernsten Lebens schritt zu enttäuschen oder zu entmutigen. Die jüdische Öffentlichkeit muß mithelfen Es ergeht daher an sie folgende dringend! Bitte: Jeder stelle sich in den Dienst der Aktion zur Beschäftigung von Lehrstellen für schulentlassene jüdische Kinder, bemühe sich für einen Lehrling eine Stelle in einem ihm zugänglichen handwerklichen Betrieb ausfindig zu machen und dies dem gefertig ten Verein umgehend mitzuteilen. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnach weis, Wien, I., Kohlmessergasse 4, Tel. U 27-0-65. Sokolow in Johannisburg Johannisburg, 8. August. (Z.T.A.) In einer großen zionistischen Jugendkundgebung, die dieser Tage in Johannisburg stattfand, hielt Dr. Nahum Sokolow eine Ansprache, in der er u. a. ausführte: In Palästina haben wir bereits den B egiun eines jüdischen Staates, als dessen Grundlage eine Bevölkerung von 300.000 Juden angesehen werden kann. In Palästina wurde die moderne Landwirtschaft von den Juden eingefiihrt. Auch im Handel Palästinas nehmen die Juden bereits wichtige Positionen ein. Die 13.000 deutschen Juden, die nach Palästina gekommen sind, tragen sehr viel zur Befestigung unserer Stellung im Lande bei. Der deutsche Jude ist sehr vorsichtig, der osteuropäische Jude dagegen erfinderischer und wagemutiger. Ihre Verbindung wird ein Element hervorbringen, das für die Aus-weitung des jüdischen Handels und der Industrie notwendig ist. Sokolow führte weiter aus, daß er gerne 10 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Welt in Palästina sehen möchte. Das würde eine jüdische Bevölkerung von 1,500.000 Seelen im Lande bedeuten. Dann könnten wir auch in der Regelung unserer Beziehungen zu den Arabern und auch in anderen wichtigen Fragen besser vorwärts kommen. Aber unser Grundsatz würde auch dann so lauten, wie er in unserem Gesetz niedergelegt ist: absolute Gleichheit für alle ohne Unterschied des Glaubens. Entlassung der Jüdischen Staats• beamten in Rumänien? Bukarest, 8. August. Die rumänische Regierung hat beschlossen, daß alle seit dem Jahre 1924 erfolgten Ernennungen von Staatsbeamten einer Revision unterzogen werden. Diejenigen Beamten, welche zur Zeit ihrer Ernennung noch nicht rumänische Staatsbürger waren, müssen aus dem Staatsdienst entlassen werden. Nach den Untersuchungen stellte es sich heraus, daß beinahe alle jüdischen Beamten, welche vorher hauptsächlich Gebiete bewohnten, welche zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörten, entlassen werden müßten. Dies gab der gesamten liberalen Presse Anlaß, von der Regierung Aufklärung zu verlangen und den Erlaß, soweit er Juden betrifft, zurückzuziehen. Jüdischer Blutspender für Rlntelen Von der Arbeitslosigkeit unter den Juden in Wien kann man sieh vielleicht eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß immer häufiger kräftige jüdische Menschen sich den Wiener Spitälern als Blutspender zur Verfügung stellen, um durch die auf diese Weise erworbenen paar Schillinge ihren Hunger zu stillen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß auch die Bluttransfusion für R i n t elen aus dem Blute des Juden Kraus durchgeführt wurde.

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