Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 378 (14.8.1934)
- Date
- 1934-08-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nt. 87« 14. August 1984 DIE STIMME 8eite 8 Pie Schreckenstage in Conitanline aufwärts vorzüglich Im GRABEN-KEIL1R Truppen besetzten die arabischen Viertel. Für Betreten der Straße ist ein Militärpaß erforderlich. Unter den getöteten Juden befinden sich vier Kinder im Alter von 10, 8, 6 und 2 Jahren In A i n b e i d a sind Tote nicht zu verzeichnen, dagegen elf jüdische Verwundete, unter ihnen sechs Frauen. te Der Generalgouverneur verspricht Paris, 9. August (2. T. A.) Generalgouverneur C a r d e erklärto vor seiner Abreise nach Algerien, gegen die verbrecherischen Elemente würden die schärfsten Maßnahmen getroffen werden. Wenn die Unruhen nicht sofort unterdrückt werden konnten, so sei dies darin begründet, daß das alte Ghetto ein wahres Labyrinth sei, in dem sich die Araber strategisch besser zurecht fänden, ate die neu angekommenen Truppen. ★ Scharfe Maßsaahnsen dev französischen Regierung Constantine, 10. August. (Z. T. A.) Nach der Rückkehr des Gouverneurs von Algier, C a r d e, der Delegationen der Juden und der Eingeborenen empfangen hatte, wurde weitere scharfe Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt sowie in den um- Dienstag. den 14. August (Abschluß der Scheloschim), halb 8 Uhr abends, findet im Tempel, XX., Kluckygasse 11, ein fcicriidicr Trauergottesdienst für Ch.N. Bialik statt liegenden Orten, auf die sich die antisemitischen Ausschreitungen ausgedehnt hatten, getroffen. Obzwar der gestrige Tag ruhig verlaufen ist, herrscht noch immer unter der jüdischen Bevölkerung große Unruhe, da die antisemitische Hetzagitation unter der arabischen Bevölkerung fortgesetzt wird. Die Ärzte in den überfüllten Krankenhäusern erklären, sie hätten selbst im Kriege nicht so gräßliche Verletzungen gesehen wie bei den Opfern des Massakers. Carde hat das Juden viertel inspiziert und den Umfang der dort angcrichteten Verwüstungen festgestellt. Als Ursache der antisemitischen Ausschreitungen bezeichnet die französische Presse der Linken die faschistische Propaganda, während die Presse der Rechten sie in religiösem Fanatismus und kommunistischen Treibereien sieht. Der jüdische Soldat Elie Kalifa, der in betrunkenem Zustand durch eine Provokation in der Moschee den unmittelbaren Anlaß zum Ausbruch der Unruhen gegeben haben soll, wurde von den Militärbehörden verhaftet. * PianmiEig angelegt London, 10. August. (Z. T. A.) Die „Times“ erklärt in ihrem Bericht Uber die Vorfälle in Algerien, das Massaker sei offenkundig planmäßig vorbereitet gewesen. Das sei daraus zu ersehen, daß die Mohammedaner, um keinen Verdacht zu erwecken, zu zwei bis drei Mann ins Judenviertel kamen. In dem Bericht der „Times“ heißt es weiter, die jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser seien systematisch angegriffen, geplündert und beschossen worden, die Bewohner habe man auf die Straße geschleppt und dort ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht wie Schafe hiugeschlaohtet. Die Round-Table- Paris, 9. August. (Z.T.A.) Constantine, 9. August. (2. T. A.) Gestern wurden in Constantine die bei den Pogromausschreitungen am Sonntag und Montag getöteten Juden beigesetzt. Auf Anweisung von behördlicher und jüdischer Seite geschah die Beisetzung in aller Stille unter Bewachung durch Mi’ifcär und Polizei. Über die Schreckenstage meldet der nach Constantine entsandto JTA.-Vertreter: Als ich in Constantine eintraf, bot sich mir ein Bild des Schreckens: Ich sah jüdische Mädchen mit abgeschnittenen Brüsten, kleine jüdische Kinder mit tödlichen Messerstichen, ganze Familien, die, in ihre Häuser eingeschlossen, mit diesen zusammen verbrannten, alte graubärtige Juden mit Wunden übersät. Ee wird Tage dauern, bevor die Welt ein Bild all der Scheußlichkeiten erhält, die während des Pogroms sich ereigneten. Die Liste der Toten und Verwundeten, die in die Hunderte gehen, ist-noch nicht endgültig zusammengestellt, aber die Hospitäler sind überfüllt mit jüdischen Opfern und ihre Tore belagert von Frauen und Müttern, die erfahren wollen, ob ihre verschwundenen Männer und Kinder unter den Toten und Verwundeten oder ob sie geflohen sind. Das Judenghetto gleicht einem Trümmerhaufen und ist von Militär stark bewacht. Die meisten Häuser sind gänzlich verödet. Zwei der bekanntesten jüdischen Familien, H a- 1 ini und Dadoun, sind vollkommen ausgerottet. Der jüdische Buchdrucker A 11 a 1 i, dessen Kinder alle getötet wurden, und der selbst, ebenso wie seine Frau, schwer verwundet ist, erzählte mir, die von den Arabern während des Pogroms verübten Brutalitäten wären fürchterlicher gewesen als die spanische Inquisition. Die Stadt ist jetzt ruhig, aber die Behörden sind auf alles vorbereitet. ¥ Auch im Hinterland Constantine, 9. August. (2. T. A. Wie der JTA.-Korrespondent meldet, haben sich die antijüdischen Unruhen auch auf die Stadtschaften Hamma, Bizot und Ainbeida ausgedehnt. Es wurden auch dort viele Juden getötet. Die Gefahr weiterer Unruhen ist noch nicht gebannt, weil viele bewaffnete Araber aus der Nachbarschaft heranströmen. Panzerwagen und Truppen sind rings um die Stadt Constantine stationiert. Der Verkehr ist ab 8 Uhr abend eingestellt. Die Stadt, über die der Belag ernngszu stand verhängt ist, sieht wie ein Schlachtfeld aus. Während eine Liste der getöteten Juden noch nicht vorhanden ist, glauben die Behörden, daß die Mehrzahl der über 100 Toten Juden sind. Bisher wurden 300 Personen, dio am Pogrom beteiligt waren, verhaftet. „Paris Soir“ meldet aus Algier, daß es gestern auch in den Ortschaften D e b e s s a und Jemnapes, welche im Departement Constantine liegen, zu ersten antisemitischen Ausschreitungen gekommen ist. Zahlreiche jüdische Geschäfte wurden von den Mohammedanern geplündert und niedergebrannt. Die Ladenbesitzer mußten sich zum Großteil in die Kasernen flüchten. Nach einer weiteren Meldung des Blattes * sollen in einer Stadt im Innern des Landos, deren Name vorläufig geheimgehalten wird, die Eingeborenen einen Angriff auf das Judenviertel vorbereiten. Eine starke Truppenabteilung wurde in aller Eile nach der Ortschaft entsendet, um eventuelle Ausschreitungen rechtzeitig zu verhüten. ¥ Faschisten oder Kommunisten? London, 9. August. (2. T. A.) Wie der Korrespondent des „Daily Herald“ von einer algerischen Autorität erfährt, bilden die Unruhen in Algerien nur einen Teil des faschistischen antijüdischen Feldzuges, derin ganz Nordafrika durch geführt wird. Demgegenüber hat der Generalgouverneur Garde erklärt , die wirklich Schuldigen seien professionelle rote Agitatoren, die die Gelegenheit nutzten, um Unruhe hervorzurufon. Wie „Daily Herald“ weiter meldet, ist in Constantine die Ruhe wieder hergestollt. Die Exekutive der Weltunion der Zionisten-Revisionisten veröffentlicht den Wortlaut der von ihr an die jüdische Arbeiterpartei Palästinas gerichteten Einladung zu einer Round-Table-Konferenz zwecks Milderung des Piarteikampfes. In dem Brief der Revisionistischen Exekutive heißt es u. a.: Angesichts der Gefahren von außen bietet die zionistische Judenbeit in Palästina und überall in der Diaspora ein Bild, das durch jene Formen des Parteikampfes in Jischuw charakterisiert und in weitem Ausmaß auch durch ihn bedingt ist. In Anbetracht dieser Lage haben wir es als unsere Pflicht erachtet, besonders in diesem Augenblick, da die jüdischen Massen überall in der Welt sich mit uns über den Sieg der Gerechtigkeit freuen, um den die Revisionistische Union das ganze Jahr hindurch gekämpft hat, uns unmittelbar an die Exekutive der palästinensischen Arbeiterpartei mit dem Vorschlag zu wenden, sofort Verhandlungen zwischen ihren und unseren Vertretern aufzunehmen, um gemeinsam die Basis eines modus vivendi zu suchen. Dieses Anerbieten schließt selbstverständlich keinerlei Vorschläge betreffend ein Kompromiß über Grundsätzliches ein. Unser politisches und soziales Programm bleibt ebenso unverändert wie unsere Forderung nach Gleichberechtigung der Herzischen Arbeiterorganisation. Dasselbe trifft vermutlich nach der Meinung der palästinensischen Arbeiterpartei auch für deren Grundsätze zu. Aber wir hoffen, daß der Wettbewerb beider Lager, dio um entscheidenden Einfluß auf Jischuw und zionistische Bewegung kämpfen, in Formen durchgeführt worden kann und sollte, d i e m i t der Ehre unserer Nation vereinbar und für dio vorwärtsdrängenden und abwehronden Kräfte der zionistischen J u d e n h e i t nicht schädlich sind. Sollten Sie auf unser Anerbieten eingeken, so sind wir bereit, zwei Mitglieder unserer Exekutive namhaft zu machen, die mit Ihrem Vertreter Zusammenkommen würden. Da die palästinensische Emwanderungsordnung es für die Mitglieder unserer Exekutive schwierig macht, nach Palästina zu kommen, müßte die Zusammenkunft in einer Stadt in Europa stattfinden. Die Ergebnisse dieses Schrittes, welche immer sie sein mögen, werden von uns der Konferenz der legislativen Körperschaft unserer Union vorgelegt werden, die am 2. September zusammentreten soll. Äußerungen Grünbaunss Saloniki, 10. August. (Z. T, A.) Jizchak Grtinbaum, Leiter des Einwanderungs-Departements der Exekutive der Jewish Ageucy in Jerusalem, hielt sich auf seiner Reise zur Jüdischen Weltkonferenz nach Genf anderthalb Tage in Saloniki auf. Er empfing den Ita-Vertreter, dem. er im Laufe des Gespräches erklärte, daß die Arbeit der Exekutive trotz der bedauerlichen Parteikämpfe ungehindert vorwärts gehe. Er begrüße es, daß Stavsky freigesprochen wurde, aber er rate den Revisionisten, aus Stavsky keinen Heroen zu machen. Zu dem Vorschlag der Revisionistischen Weltunion, eine Round-Table-Konferenz mit den Arbeiterparteilern einzuberufen, tun in den zionistischen Reihen den Frieden wieder herzustellen, meint Grünbaum: Friede ist in allen Zweigen der zionistischen Tätigkeit erforderlich. Die erste Bedingung für den Frieden ist jedoch, daß die Revisionisten aufhören, die zionistische Organisation duroh ihre Tätigkeit zu gefährden, jode unabhängige politische Arbeit eins teilen, den Boykott dor zionistischen Fonds aufgßben und sich den Beschlüssen der Zionistenkongresse anpassen. Dies seien die wesentlichsten Erfordernisse für Frieden und Zusammenarbeit. Wenn die Revisionisten diesen Erfordernissen nicht nachkommeu wollen und weiterhin eine Paralleltätigkeit zur zionistischen Organisation entwickeln werden, bleibe nichts anderes übrig, als sic aus der zionistischen Organisation auszuscheiden. Sie können nicht nur Privilegien erhalten, sie müssen auch ihre Pflichten erfüllen. Um den Frieden ln der zlontstU sehen Bewegung Jerusalem, 9. August. (Z. T. A.) Die Exekutive der Jewish Agency hatte mit den Parteien der Mitte eine längere Beratung, in der die innerzionistische Situation und die Möglichkeiten der Befriedigung der zionistischen Bewegung und des palästinensischen Jischuws erörtert wurden. An diesen Beratungen hatten sich dio Arbeiterpartei und die Revisionisten nicht beteiligt. Der südafrikanische Prozeß um die „Weisen von Zion“ Johannisburg, 10. August. (Z.T.A.) Der Herausgeber der Grauhemden-Zeitschrift „Rapport“, David Hermanus 01 ivier, einer der drei Führer, die sieh vor dem Gericht in Grahamstown gegen die Beschuldigung der Verleumdung, begangen durch Veröffentlichung eines angeblich aus der Synagoge von Port Elizabeth entwendeten Dokuments, zu verantworten haben, daß mit den sogenannten „Protokollen der Weisen von Zion“ in Zusammenhang gebracht wurde und aus dem das Vorhandensein eines Planes zur Erringung der Weltherrschaft hervorgehen soll, veröffentlicht eine Erklärung, in der er sich von der antisemitischen Grauhemden-Bewegung lossagt. In einer der letzten Gerichtsverhandlungen in dem Prozeß hatte Olivier erklärt, die ganze Geschichte mit dem Dokument erscheine ihm nunmehr lächerlich, früher aber habe er an sie geglaubt. Schon früher hatte der Angeklagte Inch, der behauptet hatte, das angebliche „Dokument“ aus der Synagoge geholt zu haben, versucht, sich von dem Prozeß zurückzuziehen, indem er erklärte, die ganze Bewegung sei auf die „überhitzte Atmosphäre“ zurückzuführen. Der Vorsitzende erklärte jedoch, daß eine solche Zurückziehung in diesem Augenblick nicht mehr möglich sei. Das Urteil wird für die nächste Woche erwartet. Deutsch-amerikanische Liga verbannt Hakenkreuz New York, 10. August. (Z.T.A.) Die Deutsch-amerikanische Liga der Grafschaft Essex, die fast alle deutsch-amerikanischen Organisationen in diesem Teil von New Jersey umfaßt, gilt als völlig „entnazifiziert“. Es wurde von der Gruppe eine Reeolution angenommen, wonach das Hakenkreuz und alle anderen hitlerischen Abzeichen, die auf Rassenhaß hinweisen, auf der in dieser Woche in Springfield stattfindenden Feier des Deutschen Tages nicht getragen werden dürfen. Baptisten gegen Antisemitismus Berlin, 9. August. (2. T. A.) Auf dem Weltkongreß der Baptisten sprach Pastor C. E. Wilson aus London über das Rasseproblem. Er erklärte, daß der Antisemitismus im Grunde nur eine Angelegenheit der politischen und wirtschaftlichen Konkurrenz sei und daß er mit der Religion so gut wie keine Verbindung habe. Wörtlich führte er aus: „Eine Farben- oder Rassensperre für die Verehrung Gottes und für die Brüderschaft in der christlichen Kirche ist eine ungeheuerliche Verleumdung Gottes, eine Verletzung des Wescnsgrundea seiner Lehre. Wir bedauern die lange Li So von M i ßli a n d 1 u n g e n von Juden durch sogenannte christliche Länder und wir erklären, daß eine solche Ungerechtigkeit eine Verletzung der Lehren und des Geistes Christi darstellt. Wir können nicht Gott lieben und zu gleicher Zeit unseren Ra1 sennachbarn hassen. Der Antisemitismus ist eine schmutzige Angelegenheit der U n g e r e c li t i g k e i t, die a u s Furcht und aus Neid geboren ist.“