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Die Stimme · 1934-08-03 · Heft 375 (3.8.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 375 (3.8.1934)
Date
1934-08-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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tyt. 866 — 8. Sugiut 1084 Die STIMME Seite 3 Nach den Scfiloschim Landes und der Siedlungen; selbst Samaritaner vom Berge Gerizlm. * Langsam bewegt sich der Zug durch die Straßen. Kurz hält er zu Andacht und Gebet vor der großen Synagoge in der Rohow Allenby, vor dem Haus eines Schriftstellerkameraden, vor der Ehrenwohnung, die die Stadt ihm schenkte, und vor der Stadtverwaltung selbst. Zehntausende säumen den Weg. Kein Dach, kein Fenster, kein Gerüst ist frei. Kaum fällt ein Wort, gewaltige Stille grüßt den Tod. Und was kein Ereignis der letzten Jahre zuwege brachte, bewirkt die große Trauer: aller Parteienhaß wird unterdrückt, und sichtbar an diesem Tag die Einheit des jüdischen Volkes. Ärmer wurden wir, aber dieses ist erschütternd schön. Vergeßt im Lärm der Zukunft nicht die heilige Stille des 16. Juli. * Auf dem alten Friedhof von Tel-Aviv wird des Unsterblichen Sterbliches der Erde gegeben — neben Achad Haam und Chaim Arlosoroff. Die Schleier der Nacht senken sich über die trauernde Stadt und unsere Einsamkeit. Dr. Jakob Rosenthal: Nachdruck auch auszugsweise verboten! ■ lte«ef|iiniij| mit Chaim Nachman Bialik Der Wiener Aufenthalt Chaim Nachman Bialiks im Jahre 1932 wurde für alle, die mit dem Dichter in Berührung kamen, zum unvergeßlichen Erlebnis. In Gesprächen und in Vorträgen offenbarte sich der starke Zauber dieser ungewöhnlichen Dichterpersönlichkeit. Die damals in Genf abgehaltene Abrüstungskonferenz nahm unser, Redakteur wahr, um den Dichter über diesen Punkt zu befragen. Die bei diesem Gespräch geäußerten Gedanken des Dichters seien, wiewohl der unmittelbare Anlaß hiezu fehlt, wegen ihres hohen pazifistischen Gebaltes, der großen geistigen Klarheit und jener Ethik, die Bialik so auszeichneten, hier noch einmal wiedergegeben. Red. Abschied von Bialik Von Erich Gottgetreu. Kommandos schallten. Schiffsglocken läuteten. Ankerketten rasselten und versanken im Meer. Jaffal Das war der Augenblick, an dem an Deck der Einwandererschiffe die Chaluzim stets die Horrah tanzten und Lieder des Glückes sangen. Doch wie hätten sie diesmal tanzen können? Wie hätten sie diesmal singen können? — — * Wie ein Blitz war zehn Tage zuvor die Schreckensmeldung von Bialiks Tod auf das kleine Land am Jordan niedergezuckt. Der Himmel schien blasser, die Welt leerer, der kräftigste Baum gefällt. Seit Jahrhunderten hatte die Judennot nicht solch einen Sänger gefunden. Der Dichter war aller Freund gewesen. Es gab keinen, für den er nicht ein gutes Wort und klugen Rat hatte. Wo irgendwo ein Zweifel war, hieß es: Fragt Bialik! Am Tag vor seiner Fahrt nach Wien erschien er auf der Stadtverwaltung und bat, daß Moses Levy aus Hejschischek die Lizenz bekomme, auf der Straße Eis verkaufen zu dürfen.,, * Nun sah man überall sein Bild, dieses breite, gefurchte, gutartige Bauerngesicht. Nun las man überall seine Bücher, zum fünftenzum zehnteinmal. Die Zeitungen erschienen mit Trauerrand. Man besuchte Trauerfeiern. Und es fragten die Kinder: „Jetzt wird es keine neuen Gedichte von ihm geben?“ Esther, Ori und Chansah sagten die hebräischen Verslein auf, die ihnen so geläufig sind wie dem deutschen Kind das Backebackekuchen, * Man überführt den Sarg von Wien nach Triest, von Triest übers Meer, ln Cypern besteigen Delegierte aus Erez Israel die „Italia“, und in Jaffa entbietet die Jugend des Landes ersten Gruß: Pfadfinder holen den Schrein vom Schiff. Das Motorboot prasselt ans Land, die jüdische Fahne weht vom Heck. Am Hafentor salutiert eine Abteilung der Polizei von Tel-Aviv. Bei der IFahrt durch die jüdische Stadt grüßt jeder Verkehrsposten das schwarzumhüllte Gefährt. Dann gibt er Signal: Bahn frei für Bialik! * In der Ohel-Schem-Halle, der Stätte der Von Bialik eingeführten Volksfeiern des „Oneg Schabbath“, wird der Sarg für einige Stunden aufgestellt. Zu beiden Seiten eine Ehrenwache der Jugend. Silberner Leuchter goldne Augen künden: Ein Großer starb in Israel, ln Riesensilberlettern glänzt auf dem Bühnenvorhang seines Gedichtes Wort: „Und seines Lebens Lied ward plötzlich unterbrochen...“. Tausende defilieren vorbei, bedrückt, betroffen. Niemand spricht. Vor der Bühne sind auf schwarzem Samt- ’grund Bialiks Bücher aufgeschichet. Bunt ist dieses Lebens Werk: dichterisch, erzieherisch, generationsbeglückend. Ein Sonnenstreif fällt durch die dicht verhängten Fenster, wandert langsam über den papierenen Berg, gleitet zur Erde und auf die staubigen Schuhe, die endlos, endlos über die Steinfliesen schlurfen. * Um zwei Uhr mittags gellen Sirenen. Die fleißige Stadt klagt ihr Leid in die Luft. 'Alle Arbeit wird bendet. Geschäfte und Gaststätten schließen. Wie man den Sarg der Halle entträgt, folgt ihm ein kilometerlanger Zug: Vertreter der nationalen Institutionen, der Universität, zahlloser Vereinigungen; Kinder aus allen Schulen und Klassen; Delegierte aller größeren Betriebe des Bialik-Tage in Wien Der Wiener Besuch Chaim Nachman Bialiks war zu Ende und der Dichter nach Palästina abgereist. Dieselbe große Liebe und Verehrung, mit der Millionen Herzen überall dem Sänger ihrer Sehnsucht, dem Kämpfer um ihre Erfüllung entgegenschlugen, wurden ihm auch von dem Wiener Judentum entgegengebracht. In der Stadt H e r z 1 s und C h a j e s* wurde Bialik von allen Schichten des jüdischen Wien gefeiert, wie nur ein Volk seinen Dichter feiern kann. Und je länger er In seiner Mitte weilte, je öfter man das Glück hatte, ihn zu sprechen und sprechen zu hören, um so mehr offenbarte sich der Zauber dieser ungewöhnlichen Dichterpersönlichkeit. Empfänge und Bankette, pädagogische Konferenzen und Vorträge, Propagandaversammlungen für das hebräische Buch und Meetings für die Jugend, in deren Mittelpunkt Chaim Nachman Bialik stand, lösten einander in bunter Reihenfolge in diesen acht Tagen ab. All diese Kundgebungen waren erfüllt von jenem tiefen Ernst, der heute die geistige und materielle Situation des Judentums kennzeichnet, sie waren aber gleichzeitig ein flammendes Bekenntnis der Wiener Judenheit zu der Geistesgröße Bialiks, zu dem Weg, den ihnen der Dichter gewiesen. Gespräch mit dem Dichter In vornehmer Stille liegt die zu beiden Seiten von Villengärten umrandete Krottenbachstraße im Döblinger Cottage. Nur selten wird hier die Ruhe durch das Hupen einzelner Privatautomobile unterbrochen. Die letzten acht Tage freilich ging es in der stillen Straße etwas lebhafter zu, denn in einer der reizenden Villen, die hier stehen, wohnte während seines Wiener Aufenthaltes der große hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik, betreut und umgeben von der liebevollen Gastfreundschaft seines langjährigen treuen Freundes, des bekannten Wiener Großindustriellen Max D e 1 f i n e r, der ihm die Villa bereitwilligst zur Verfügung gestellt hatte. Hier empfing mich der Dichter. Eine noch jugendliche Gestalt von gedrungenem und kräftigem Bau, das Antlitz eines russischen Waldjuden, helle, kluge Augen, in denen es bisweilen schalkhaft aufblitzte, kennzeichneten die äußere Erscheinung, kluge Einfachheit und sympathische Bescheidenheit das Wesen des Dichters Bialik. Unser Gespräch kam rasch in Fluß. Da der Dichter bei all den Gelegenheiten, da er als Redner aufgetreten war, das Problem der geistigen Krise des Judentums von heute in erschöpfender Weise bereits behandelt hatte, galt meine erste Frage den allgemeinen Eindrücken, die er von der heutigen geistigen Situation Europas mitnimmt. „Meiner bescheidenen Meinung nach“, begann der Dichter, „bereiten sich in Europa schon für die nächsten Monate mannigfache Änderungen politischer und wirtschaftlicher Natur vor. Denn die geistige, politische und ökonomische Situation Europas, wie sie gegenwärtig ist, dieses heillose Durcheinander, das Europa beherrscht und es aus den Fugen zu bringen droht, kann ohne nachhaltigen Schaden für seine Kultur unmöglich fortgesetzt werden. Vielleicht werden sich politische Änderungen schon im Gefolge der jetzt beginnenden großen Abrüstungskonferenz ergeben. Auch die Juden müssen für diesen Tag vorbereitet sein, um im gegebenen Augenblick ihre Frage, die ihre Bedeutung als Weitfrage auch heute noch nicht eingebüßt hat, vor das Forum der Welt bringen zu können. Sonst könnte leicht diese historische Stunde ungenützt vorübergehen. Es ist aber notwendig, die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Verschlechterung der jüdischen Situation im gesamten Weltbild in ökonomischer und politischer Beziehung zu lenken. Freilich, um di^ Abrüstungskonferenz, die für das Sein oder Nichtsein Europas von größter Bedeutung sein kann, zu einer machtvollen Tat werden zu lassen, bedarf es der Vereinigung aller g e i s t i g e n Menschen. Die Abrüstungskonferenz muß ein reales Resultat zeitigen. Ihre Arbeiten müssen unter dem Druck aller moralischen Kräfte, über die die Welt heute noch verfügt, stehen. Gelehrte und Forscher, Entdecker und Erfinder müssen ihre Proteststimmen dagegen erheben, daß Produkte ihres schöpferischen Geistes, ihre Erfindung für Kriegszwecke ausgenützt werden. Man muß es den herrschenden Faktoren begreiflich und verständlich machen, daß die Milliarden, die heute von allen Staaten der Welt für Kriegszwecke verausgabt werden, wirtschaftlichen Zwecken zugeführt, das heute herrschende Elend von Milliotien Menschen, die von der Geisel der Arbeitslosigkeit heimgesucht werden, mit einem Schlage beseitigen könnten. Es gibt genügend Sümpfe, die trockengelegt, noch genügend Wüsten, die urbar gemacht, genügend Landstrecken, die der Erschließung menschlicher Arbeit und Fleißes karren. Die ganze Natur bietet noch unendlich viele Arbeitsgelegenheiten für die Menschen. Als eines der brennendsten Probleme unserer Gegenwart ist das Problem der Jugend, der heran wachsenden Generation, zu bezeichnen, um dessen Lösung sich die Staatslenker noch bemühen müßten. Die Jugend leidet am meisten darunter, daß sie keine Arbeit hat. Überall“, sagt der Dichter, „wohin mich meine Europareise geführt, war der Aufschrei der Jugend derselbe: „Wohin?“ Für die Jugend müssen neue Arbeitsgebiete erschlossen werden. Denn sonst droht gerade von dieser Seite die Gefahr, daß die ungeheuren brachliegenden Energien in Verbitterung Umschlägen und eine Vergiftung der ganzen Atmosphäre nach sich ziehen würden. Was die jüdische Jugend anbetrifft, muß ihr die Möglichkeit einer konstruktiven Arbeit im jüdischen Lande gegeben werden. Und sehen Sie, fuhr der Dichter fort, in Palästina, in unserem Palästina, in diesem kleinen Landstreifen an der Küste des Mittelländischen Meeres, wird praktische, größte Friedensarbeit gemacht. Zum erstenmal in der Gen schichte des Menschheitsgeschlechtes ge«* schieht es, daß Menschen in kultureller und friedlicher Arbeit um die Möglichkeit ihrer Existenz ringen. Das, was heute sich in Palästina vollzieht, beruht auf keinem Zwang eines äußerlichen Willens. Auch die! neuen wirtschaftlichen sozialen Gebilde dort, die Ausfluß kollektivistischen Geistes sind, beruhen keineswegs auf irgendeinem von außen kommenden Zwang, sondern sind ausschließlich Produkte eigenen Willens. Vielleicht wird, wie schon einmal , in der Weltgeschichte, als die Abendlandkultur ge« boren wurde, wieder einmal Palästina; das Muster und lehrende Beispiel für die. Welt und für die ganze Menschheit werden. Denn von Zion wird das Heil kommen und das Wort Gottes aus Jerusalem. Leider werden unsere friedlichen Anstrengungen durch die englische ' Administration im Lande nicht nur nicht, wie es das Mandat vorsieht, gefördert, sondern bisweilen durch ihre Indolenz und gefährliche Passivität auch gestört.“ * In seinem Wiener Vortrag hat Bialik das assimilierte Judentum des Westens angeklagt, daß es infolge des Aufgebens der hebräischen Sprache und des vollständigen Aufgehens in den fremden Kulturen zwischen sich und dem schöpferischen Genius seines Volkes eine eiserne Wand errichtet habe. Ich lenkte nun unser Gespräch auf dieses Thema seines Vortrages. Auf meine Frage, ob denn wirklich alle außerhalb des Judentums schöpferisch wirkenden jüdischen Geister für dasselbe verloren zu betrachten seien, erwiderte Bialik: „An der Literatur Europas haben ja viele Juden schöpferischen Anteil genommen. Aber leider, da ihre Werke in fremder Sprache entstanden, wurden sie nie auf das Konto der Juden, sondern auf das der Wirtsvölker, in deren Sprache sie schufen, gebucht. Es sei hier nur an Namen, wie Schnitzler, Wassermann, Stefan Zweig und Werfel erinnert. In Palästina sind wir daher auch bemüht, die Werke dieser Männer, in denen sich der jüdische Genius offenbart, durch klassische Übersetzungen dem hebräischen Schrifttum einzuverleiben.“ * Im Gegensatz zu vielen großen Dichtern und Denkern, denen die Kraft des geschriebenen Wortes wohl gegeben, aber der Zauber des gesprochenen versagt bleibt, war 1AITTBI UEEB DEICE Palästina, aegypten, mi I I EMVIfiBIV'lfBiME GRIECHENLAND«* f A Abfahrt: 2. September morgens mit der f.ROMA" (36.000 t) nU y wm Preis für die Schiffahrt: Neapel-Neapel, aufwärts von S MmU COMPASS TOURS IX., Spitalgasse 3, Tel. B 42-5-38

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