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Die Stimme · 1934-07-31 · Heft 374 (31.7.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 374 (31.7.1934)
Date
1934-07-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 874 — 81. Juli 1934 DIE STIMME Seite 8 Zur Neugestaltung der Zionistischen Organisation Vom Organisations-Departement der Zionistischen Exekutive Zum Artikel: «Unsere 'dringendste Aufgabe“ von Herrn Dr. Oskar Grünbauin äußert sich das Organisationsdepartement der Zionistischen Exekutive (London) in einem Brief an den Verfasser, wie folgt: Jede ehrliche Bemühung, den Komplex unserer organisatorischen Probleme einer ernsten Betrachtung zu unterziehen und ihre Lösung zu fördern, muß von uns um so mehr begrüßt und unterstützt werden, als in der Öffentlichkeit sonst leider kein genügendes Verständnis für die Bedeutung und die Dringlichkeit dieses Fragengebietes vorhanden ist. I. . Die Frage einer Kongreßreform, die an erster Stelle Ihres Artikels behandeln, steht seit vielen Jahren auf unserer Tagesordnung. Seitdem der Zionismus in das Stadium seiner Verwirklichung goraten ist, hat der Charakter des Kongresses derartige Änderungen erfahren und sein Aufgabenkreis derart an Umfang und Vielfältigkeit zugenommen, daß ein befriedigender Ausweg aus den daraus entstandenen -Schwierigkeiten nur gefunden werden kann, wenn man sich entschließt, dem Kongreß ein ganz einheitliches Gepräge zu geben, und ihm unter Ausschluß aller anderen Aufgaben nur ein solches Programm zuzuweisen, das er zu erfüllen imstande ist. Hauptsächlich wird es sieh um die Wahl zwischen folgenden zwei Alternativen handeln: «oll der Kongreß als eine parlamentarische und gesetzgebende, zur Austragung von Parteikämpfen und zur Beschlußfassung in Einzelfragen berufene Körperschaft erhalten werden oder soll man ihn wieder au einer Volkstribüne gestalten, mit der Aufgabe, die alloigrundsätzlichsfcen Fragen der Bewegung zu entscheiden und die zionistische Stärke nach außen zu manifestieren? Wer das erstere will, muß den unangenehmen Eindruck, den Parteizwistigkeiten in der Öffentlichkeit erwecken, mit in Kauf nehmen und sich auf eine mehrwöchige Dauer der Kon* greöberatungen gefaßt machen, ohne die eine vernünftige Beschlußfassung in komplizierten Detailfragen nicht denkbar ißt. Will man die« vermeiden, so muß man den zweiten Weg wählen, für den, wie wir »sehen, auch Sie in Ihrem Artikel sich ausgesprochen haben. Konkret ausgedrückt bedeutet die«, daß man eich entschließen muß, auf gewisse Charakteristika der Naohkriegskongreisse, vor allem auf die Generaldebatte — trotz ihrer Beliebtheit — und auf die Beschlußfassung über unendliche Einzelfragen*) zu verzichten und d i e K o mpetenz des Kongresses auf folgende Gebiete au beschränken; Demonstration nach außen, Feststellung grundsätzlicher Richtlinien der zionistischen Arbeit für die nächste Kongreßperiode, Wahl der Exekutive und der sonstigen leitenden Körperschaften. Wir sind nicht sicher, daß dieselben Gedanken auch Ihrem Artikel vorschweben. Sie scheinen im Gegenteil den bisherigen dualistischen Charakter des Kongresses belhehalten zu wollen und schlagen nur vor, zwischen dem Anfang und das Ende des öffentlichen, demonstrativen Teile« der Beratungen eine nichtöffentliche Session einzuschieben, die wohl mit internon Auseinandersetzungen der Parteien ausgefüllt sein soll. Wir bezweifeln, ob durch die Annahme Ihre« Vorschlages eine wesentliche Änderung dos bisherigen Zustande« erzielt werden wurde. Die Dauer des Kongresses könnte auch weiter nioht von vornherein bemessen werden. Dies tet jedoch nicht das Wich- *} Übor die Zahl der von den Kongressen gefußten Beschlüsse gibt folgende Aufstellung Aufschluß: Kongresse i Zahl der Beschlüsse: Druckseiten XIV 107 87 XV 81 ao XVI 69 43 XVII 69 23 XVIII 89 ai tigete. Die von Ihnen vorgeschlagene V e rlegung de« polemischen Teiles der Kongreßberatungen in eine Serie von nichtöffentlichen Sitzungen, hat doch nur den Zweck, daß diese Beratungen nicht zur Kenntnis der Öffentlichkeit gelangen. Welche Gefahr besteht aber dafür, daß es selbst unter der Voraussetzung der strengsten Verschwiegenheit von 300 bi« 400 Delegierten möglich ist, am Kongreßort nach der Eröffnungssitzung, zu der Vertreter der ganzen jüdischen und teilweise der nichtjüdischen Presse erschienen sind, tagelang geschlossene Kongreßsitzungen abzuhalten, ohne zu den wildesten Gerüchten und I ndiskretionen Anlaß zu geben? Kann man nach den Erfahrungen der letzten Jahre «ich auf die Loyalität und Diskretionspflicht aller Beteiligten verlassen? Kann man die Augen vor der Tatsache verschließen, daß es heutzutage neben anständigen Blättern auch eine gewissenlose Presse gibt, für die nicht das öffentliche Wohl, sondern die Sensationsgier und Geschäfts- oder Partciintereßsen das oberste Gesetz damtellt? Es ist daher die Befürchtung berechtigt, daß das von Ihnen beklagte Übel durch Abhaltung geschlossener Sitzungen nicht behoben, sondern vielfach verschlimmert wird, um daraus durch Verbreitung beunruhigender Nachrichten Gewinn zu ziehen. Hier stehen jedoch nioht nur die internen Interesesn des Kongresses auf dem Spiele. Der Zionistenkongreß ist die höchste öffentliche Tribüne, die «ich das jüdische Volk geschaffen hat. Wir sollten uns vor allen Maßnahmen hüten, die geeignet wären, die Reinheit unserer Bewegung und die Ehre des jüdischen Volkes in Verdacht zu stellen lind Judengegnern Anlaß zu böswilligen Verdächtigungen zu geben. Es wird wohl nicht nötig sein, auf diesen Punkt näher einzugehen, um Sie zu überzeugen, daß es unerwünscht. wäre, von dem von Herz! aufgestellten und bisher nie durchbrochenen Prinzip der absoluten Öffentlichkeit der Kongreßsitzongen und ihrer Zugänglichkeit für die Presse abzugehen. Ihrem Vorschlag gegenüber möchten wir, ohne uns einstweilen auf Einzelheiten festzulegen, versuchsweise folgenden L ös u n g s v e r s u oh zur Diskussion stellen; 1. Rechtzeitig vor dem Kongreß wird das Aktionskomitee (oder eine ähnliche Körperschaft) einberufen, um auf Grund de« Aueganges der Kongreßwahlen die Vorschläge der Parteien in Bezug auf die Zusammensetzung der künftigen Exekutive entgegenzunehmen. Dieser Körperschaft, fällt die Aufgabe des bisherigen Permanenzausschusses zu, sie bedient sich einer zur Erleichterung und Beschleunigung ihrer Arbeiten bestimmten Geschäftsordnung und hat für den Kongreß, noch eho er Zusammentritt, einen endgültigen Vorschlag, der eine Mehrheit der Parteien für sich hat, auszuarbeiten. 2. Der Kongreß beginnt mit einer feierlichen, der Lage des jüdischen Volkes und der Errungenschaften des Zionismus gewidmeten Sitzung, in der zuerst in gewohnter Weise die Exekutive und darüber hinaus auch die wichtigsten Kongreßeinrichtungen zu Worte kommen. Hierauf folgt der geschäftliche Teil der Beratungen über den Vorschlag der soeben (unter 1) genannten Körperschaft auf Wahl der neuen Exekutive und Akzeptierung ihres Programms, das sich auf die leitenden Grundsätze der gesamten zionistischen Tätigkeit beziehen soll. Nach Abschluß der Debatte und Abstimmung über diese Vorschläge wird nooh die Wahl der Kongreßorgane, vor allem des neuen Aktionskomitee* vorgononunen und der Kongreß programmmäßig mit einer feierlichen Absehledssitzung geschlossen, 3. Sofort nach Schluß da« Kongresses tritt das neugewählte Aktionskomitee zu einer mehrtägigen Beratung zusammen, in der sämtliche aktuellen Materien beraten wer« den, zu deren Entscheidung eben eine kleinere Körperschaft, deren meisten Mitglieder mit den betreffenden Fächern aus langjährigere vorheriger Übung vertraut sind, eher geeignet ist. Auf diesem ischerlich unvollkommenen, aber doch praktischen Weg dürfte es möglich sein, den hauptsächlichen Ursachen des bisherigen Mißstandee entgegonzutreten: die leidenschaftlichen Parteikämpfc würden in das interne Forum des Aktionskomitee« verlegt werden, die Verhandlungen der Parteien über die künftige Exekutive, welche bifiheT erst am Kongreß anfingen und die Dauer dos Kongresses unnütz verlängerten, würden rechtzeitig vor dem Kongreß beginnen und abgeschlossen werden; der Kongreß würde von der Behandlung technischer Detailfragen entlastet und nur auf Probleme von grundsätzlicher Bedeutung konzentriert werden. Indem wir diesen Gedanken z.ur Diskussion stellen, müssen wir aber erklären, daß wir uns keine»swegs mit den kritischen Bemerkungen identifizieren, die Sie eingangs Ihre« Aufsatzes pauschalier über den Verlauf der Tagung des Kongresses und des Aktionskomitees gemacht haben. Wer sich die Mühe nehmen wird, die Protokolle der Kongresse und den vor kurzem (in hebräischer Sprache) erschienen Bericht über die durch Inhalt und Form ihrer Beratungen ausgezeichnete Jerusalemer Tagung des Aktionskomitees zu lesen, wird «ich von dem wahren Zustand überzeugen können. n. Was d<a« an zweiter Stelle von Ihnen behandelte Problem des Schekels aiiilangt, so unterliegt es keinem Zweifel, daß in seiner Lö»sung der eigentliche Schlüssel zu einer Organisationsreform liegt. Wenn auch unsere Begründung «ich mit der Ihrigen nicht deckt, «o teilen wir doch Ihre Meinung wegen der Unhaltbarkeit des gegenwärtigen Zustandes. Da «ie auf Einzelheiten nicht, eingeht, wollen auch wir von einer Betrachtung der konkreten Lösungsversuche hier absehen und begnügen uns damit, auf unserem der Berliner Sitzung der „Ständigen 0 rganisationskommission“ über diese« Problem erstatteten Bericht zu verweisen. JSs wird überdies Ihnen und einer größeren Öffentlichkeit bekannt sein, daß wir den letzten drei Kongressen eine Teillösung des Problems in der Form des sogenannten „zweijährigen Schekels“ vorschlugen, ohne leider aus Gründen, auf die wir noch eingehe-n wollen, diese Vorschläge durchgesetzt zu haben. Im Zusammenhang damit müßte noch ein Gebiet genannt werden, das gleichfalls einer dringenden Reform bedarf: das der Form der organisatorischen Zusammenfassung der Zionisten in den einzelnen Ländern und Orten. Unsere Organisation ist laut ihrer Verfassung nicht nur auf den individuellen Schekelzahler, sondern auch auf den Landes» und Sonderverbänden aufgebaut, das heißt auf der territorialen und ideologischen Gliederung, durch welche*die einzelnen Mitglieder in die Organisation eingereiht werden. Diese Gliederung hat in den Formen, die sie jetzt angenommen hat, zu einer Absonderung von Zionisten statt zu ihrer Zusammenfassung geführt und die Koexistenz innerhalb der Grenzen eines Landes von mehreren zionistischen Gruppierungon ermöglicht, die vielfach miteinander nichts oder sehr wenig gemeinsam haben. Zur Verbesserung dieses Zustandes, der teilweise an der Entstehung selbständiger, sich befehdender Parteien die Schuld trägt, sind seit Jahren vom Örganisatlonsdepartement Vorschläge gemacht worden, die aber leider bisher nicht durohdringen konnten. Es soll hier nur an da« Projekt des Territorialverbandes erinnert werden, da« trotz gründlichster Vorboreitungen bisher nicht das allgemeine Verständnis gefunden I hat, dtus seiner Annahme und Durchführung vorangehon muß. Eine Lösung diese« Problems, wie nooh einiger anderer vitaler Fragen unserer Verfassung, gehört ebenfalls zu den dringendsten Aufgaben der schwebenden organisat.iorischen Reform. III. Der Kongreß hat zur Vorbereitung dieser Reformen auf unseren Antrag die Einsetzung einer Kommission für Organisation und Propaganda“ und einer „Statutenkommiesion" beschlossen. Beide Körperschaften sollen sobald die Zeit hierfür reif ist, jedenfa.il« nooh rechtzeitig vor dem Kongreß, ihre Arbeiten in Angriff nehmen und beendigen. Die Initiative dazu wird vom Organisationsdepartement ausgehen, das eine Fülle von Material besitzt, aber selbstredend für jede Anregung und Mithilfe bei der Ausarbeitung neuer konkreter Vorschläge dankbar sein wird. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Frage „ob und warum das Organisationsdepartement nichts geleistet hat“ zu beantworten. Ein Urteil darüber müssen wir anderen überlassen, vor allem den verfassungsmäßigen Körperschaften, denen wir zur Rechenschaft verpflichtet sind. Es sei uns aber gestattet, unsererseits einige Fragen zu «teilen, die für die Beleuchtung dieses Gegenstandes nicht unerheblich sind. Hat das 0rgani sation«departement und das ihm unterstellte Tätigkeitsgebiet viel Interesse, Verständnis, Anregung und Unterstützung bei der Gesamtheit der Organisation und ihrer Führer gefunden? Sind die jahrelangen Bemühungen des Departements, in das Leben der zionistischen Verbände ordnend emzmgreäfen, den Status und die Würde der Organisation und ihrer Instanz zen zu schützen, Rechtss-inn und Legalität innerhalb unserer Bewegung zu pflegen, immer und überall mit der nötigen Achtling1 aufgenommen worden? Wie haben sich Teile der Organisation und ihrer Presse verhalten, aLs das Orgamsationsdepartement in Ausübung seines Amtes gezwungen war, zur Wahrung der Ganzheit der Organisation Schritte gegen diejenigen, die diese Ganzheiten bedrohten, zu unternehmen? Anstatt sich hinter der Exekutive zu stellen und sich mit den gegen destruktive Handlungen gerichteten Maßnahmen zu solidarisieren, haben es viele vorgezogen, entweder zu schweigen oder gegen die Leitung, di« eine schwere unpopuläre Pflicht zu erfüllen hatte, Stellung zu nehmen. Wie hat die Gesamtheit der Organisation auf die unerhörten Beschuldigungen der Parteilichkeit reagiert, die gegen das Organisationsdepartement bei verschiedenen Anlässen erhoben wurden und darauf berechnet waren, die Autorität des Organisationsuepartements zu untergraben? Diejenigen, die organisatorische Leistungen fordern, müßten sich dafür einsetzen, daß in den Beziehungen der Organisation zum Organisationsdepartement der Exekutive gründlicher Wandel geschaffen wird. IV. Natürlich ist, wie Sie richtig bemerken,, die Exekutive nicht in der Lage, die erwünschte organisatorische Reform allein, auf eigene Faust, durchzusetzen. Letzten Endes liegt die Entscheidung bei dem Kongreß, der ein Sprachrohr der zionistischen Öffentlichkeit ist. Es muß mit Bedauern festgestellt werden, daß viele bisherigen organisatorischen Bemühungen der Exekutive an der Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit gescheitert sind, die ihnen seitens der Öffentlichkeit, der Presse und — sagen wir es offen — der Parteien eutgegengebrachfc wurden. Ee ist eine in unserem Organl&ationsleben leider feststehende Erscheinung, daß unsere Gesinnungsgenossen für Außenpolitik schwärmen, sich an Parteifragen ereifern, für S i e d- 1 u n g s fragen Interesse zeigen und sich an Sammelaktionen beteiligen, aber an inneren unpolitischen F n n d amentaifragen der Bewegung

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