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Die Stimme · 1934-07-24 · Heft 372 (24.7.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 372 (24.7.1934)
Date
1934-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 372 — 24. Juli 1934 DIE STIMME 8eite 8 Btatiks letzte Fahrt Tel-Avlv, 19. Juli. Die „Italia“, die den Leichnam Bialikß nach Palästina, brachte, hatte auf der Fahrt von Triest nach Tcl-Aviv die Flagge auf Halbmast gehißt. Der Sarg war in eine schwarzumränderte blau-weiße Flagge gehüllt. Während sich der Leichenzug, der mehrere Kilometer lang war, durch die Straßen von Tcl-Aviv bewegte, waren die Anschlagtafeln aller Theater, Kinos und Vergnügungsstätten schwarz verhüllt. Das Stadthaus und das Haus Bialiks trugen rei dien Trauerschmuck. TISCHA H'AW Von 1>r. Jakob Rosent&al zur Verhinderung Jüdischer Boden kiuSe in Palästina Jerusalem, 18. Juli. Wie die JTA aus gut unterrichteter Quelle erfährt, hat das Colonial Office seine Zustimmung dazu erteilt, daß die Palästina Regierung dem Obersten Moslemitischen Rat entsprechend einer von die sein seit langem erhobenen Forderung den Betrag von 40.000 Pfund auf Rechnung des Einkommens des Wakf (mohammedanischer Religionsfonds) auszahle. Es ist dies die Summe, die der Oberste Mohammedanische Rat als Zehent von den Pächtern der dem Wakf gehörenden Landgüter erhalten Bollte. Die Regierung hatte die Verpflichtung übernommen, diese Abgaben zusammen mit den staatlichen Steuern zu erheben. Nachdem jedoch die Regierung den Zehent ermäßigt hatte, wurde der Oberste Moslemitische Rat verständigt, daß auch der ihm gebührende Betrag von 40.000 Pfund entsprechend gekürzt werden müsse. Dem gegenüber stellte sich der Rat auf den Standpunkt, daß ihm der volle Betrag zukomme, ohne Rücksicht darauf, daß die Regierung arabische Pächter von der Leistung der Abgabe befreit hat. Wie es heißt, wurde das Geld nun doch ausgezahlt, nachdem vom Rat bei der Regierung Vorstellungen unter dem Hinweis darauf erhoben worden waren, daß Juden versuchen, bei Chedera Boden zu kaufen, auf dem arabische Pächter angesiedelt sind, während der Rat, falls er den Betrag von 40.000 Pfund zur Verfügung hätte, von einem ihm zukommenden Verkaufsrecht Gebrauch machen könnte. Die Auszahlung von Regierungsgeldern an den Obersten Moslemitischen Rat in diesem Augenblick wird somit dahin gedeutet, daß die Regierung dem Rat helfen wollte, zu verhüten, daß arabischer Boden „in jüdische Hände fällt“. Jüdische Kolonisten für verstärkte Arbeiter-Einwanderung Jerusalem, 19. Juli. Der High Commissioner Sir Arthur Wauchope empfing eine von Shuchowizki geführte Abordnung des Kolonistenverbandes, die ihm die Bitte unterbreitete, im Hinblick auf den im Lande herrschenden akuten Mangel an Arbeiterhänden Order zu geben, in einem weit erhöhterem Maße, als es bis jetzt der Fall ist, jüdische Arbeiter ins Land kommen zu lassen. Die Kolonisten wiesen darauf hin, daß nicht nur die Landwirtschaft der notwend' ’sten Arbeitskräfte entbehrt, sondern daß auch die Wege und Kommunikationen zwischen den Kolonien und don Städten verkommen, beziehungsweise nicht weiter ausgebaut werden. Insbesondere sei es notwendig, einen Zentralweg und mehrere Nebenwege zwischen den Dörfern im Talo Scharon zu schaffen. Die Niederhaltung der jüdischen Arbeit hat zum Beispiel das Komiteo für Ausbau der Haifer Gartenvorstadt Hadar Hacarmel veranlaßt, dem Ilaifcr Magistrat mitzuteilpn, daß es nicht in der Lage sei, den Bau der drei noucn Straßen, für welche das Budget bereits bewilligt wurde, durchzuführen. Der Magistrat luit daraufhin begonnen, die Bauten von sich aus mit arabischen Arbeit e r n durchzuführen. Daraufhin hat das Radar Hacarmel-Komitee erklärt, es weigere sich, den Bau der vierten durchführeudon Hauptstraße vorzunehmen. Weitere Wegebauten mit einem Kostenaufwand von 12.000 Pfund konnten ebenfalls infolge der Niederhaltung der jüdischen Arbeit nicht durchgeführt werden. l/oc ZöOO faUven •. < Eine undurchdringlich schwere Schicksalswolke lagert über dem Weg des jüdischen Volkes auf seiner rastlosen Wanderung durch die Jahrtausende. Dulden und Leiden durchziehen den Faden jüdischer Historie. Ein Tag ist es insbesondere, der zu den traurigsten und tragischesten Meilensteinen jüdischen Seins und jüdischer Geschichte geworden ist. Der Tag, an dem vor 2356 Jahren der erste Tempel, vor 1865/ Jahren der zweite Tempel in Jerusalem vernichtet wurde. Kein einziger Tag in den Trauer annalen des jüdischen Volkes hat sich mit solch ehernen schwarzen Lettern in die Seele und das Gemüt der jüdischen Ge meinscliaft bis auf den heutigen Tag ein gemeißelt, wie der Neunte im Monat Aw: der einst den Schlußpunkt nationaler Zerstörung gebildet hat und sich dann wie durch ein rätselhaftes Geschick immer wie der als schwerer Opfertag für die jüdische Existenz durch die Jahrhunderte hinzieht Es ist der Tag, an dem Titus, Sohn Vespasians, das nationale Heiligtum der Juden zerstörte, ihr Staatswesen vernich tete, die Hauptstadt ihres Reiches brandschatzte, ihren Tempel bis auf eine noch heute bestehende, graue, von Tränen eines exilierten Volkes durchfurchte, kahle Mauer dem Erdboden gleich machte. Es ist der Tag, an dem ein Volk den Wanderstab ergriff und durch die Welt zu ziehen begann, Heimat zu suchen. In der Nacht des Tages Tischa b’Aw ist Jerusalem wiederholt zerstört worden, ln der Nacht dieses Tages wurde die Re sidenz Bar Kochbas ein Raub der Flammen. Die Judenaustreibung aus Spanien im Jahre 1492 fiel auf den 9. Aw. Juden Verfolgungen gab es an diesem Tage in Magenta und Worms, und so könnte man eine endlose Reihe anführen. Nach dem Untergang ihres Staates stoben die Teile des jüdischen Stammes in alle Länder der Erde auseinander. Wohin sie aber kamen, überall schufen sie sich ihre Gemeinde. Diese war Produkt ihres schöpferischen Gemeinsinns auch in der Verbannung. Und in den Mittelpunkt stellten sie stets die Synagoge, die Stätte ihrer Lehre, ihres Bekenntnisses, um dessentwillen sie so oft den Martertod erlitten. über alle nationale und politische Bedrängnis und Bedrückung hinweg schwang sich der Adlerflug des jüdischen Geistes, spannte sich der Geisteshorizont des Volkes der Bibel und der Propheten in die Weite und Höhe göttlicher Visionen. Und die Geisteskraft, die Kraft des prophetischen Wortes, durch den Mund gottbegnadeter, zu Führern der jüdischen Gemeinschaft auch in der Verbannung auserkorener Männer, wirkte an der Erhaltung und Vertiefung der jüdischen Werte bis auf den heutigen Tag hin. Nur die ewig schöpferische Kraft, die dem Genius des jüdischen Volkes von der Heiligkeit der palästinensischen Mutter Erde auf seinen tausendjährigen Dornenweg mitgegeben worden war, konnte es bewirken, daß dieses Volk immer wieder wie der Phönix aus der Asche zu neuem Wirken, zu neuem Schaffen auferstand. Titus ist gestorben. Ferdinand und Isabella von Spanien, Chmelnietzky, Petljura, und wie sie alle heißen mögen, bei deren Namensnennung Bataillone und Kolonnen entseelter, hingeschlachtefcer Menschen, Frauen und Kinder, vor unserem geistigen Auge vorbeiziehen, sie alle sind ins Grab gesunken. Die Grabsteine ihrer Opfer, unserer Märtyrer, erinnern nur an diese Schänder menschlicher Kreatur. Lebendig geblieben im Herzen deB Volkes und in seinen Taten sind Moses und Jeremias, Bar Kochba und Theodor Herzl. Aus dieser Saat ist uns ein Bialik erstanden, ist die nationale Phantasie und Kraft des jüdischen Volkes beflügelt worden, aus dieser Saat Land ihrem Volke wieder bauen: in Emek, in Judäa, in Galiläa, ein neues jüdisches Heldengeschlecht voll Kraft und Mut. Das alles bewirkte die innere Kraft, die dem Volke auch bei seiner Vertreibung und Lostrennung von der Mutter Erde 'nicht genommen werden konnte. . . . Und vöc Zö faUceh Es ist, als ob dieser Tag bis in unsere jüngste Gegenwart hinein die LeidenBkette nicht zu durchbrechen vermocht hätte. An dem Tage, da das große Völkermorden, das größte, das die Geschichte bisher kennt, begann, dessen erste Opfer tragischerweise jüdische Frauen, jüdische Kinder, jüdische Männer waren, fiel auf Tischa b’ A w. In den jüdischen Zentren des Ostens, die als erste von den Flammen ergriffen wurden, die nachher eine gaeze Welt in Brand steckten, wurde dieser Tischa b’Aw 1914 als ein doppelter Trauertag erlebt. Tiefe Sommerstiile liegt über dem kleinen Judenstädtcben, als die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares hineinplatzt. Bald schwirren allerlei Hiobsbotschaften durch die Luft, eine Schreckensnachricht jagt die andere und bald, allzu bald, sollte sich alle bange Ahnung in grausame Gewißheit umwandeln. Tischa b’Aw 1914 — jammern Mütter beim Begleiten ihrer Söhne, verzweifeln junge Frauen und Bräute beim Abschied ihrer Männer, zittern und bangen Kinder um die bei ihnen noch weilenden Väter und Brüder, wälzen sich die ersten Fltichtlingskolonnen über Nacht heimatlos gewordener Juden. Tischa b’Aw 1914: An diesem Tage hört das Judenstädtchen im Osten die ersten Schüsse des furchtbaren Menschenmordens; dringen Russenscharen vor, ihr erstes Ziel ist das jüdische Grenzstädtchen, und schon bringt man die ersten Verwundeten, führt man die ersten Gefangenen durch die mit ängstlichen, nervösen Menschen gefüllten Gäßchen, schon hört man Rufe von Sieg, Sieg.., Armes Judenstädtchen Tischa b’Aw 1914. den folgenden Wochen und Monaten Tag und Nacht „Tischa b’Aw“? Allein, der so schwer heimgesuchte und bedrohte Jischuw Palästinas war es, der die eine Hand zur Faust der Abwehr und Verteidigung ballte und mit der anderen gleich wieder den Pflug zu führen begann. Der Jischuw mit seinem grenzenlosen Mut und seiner ungebrochenen Willenskraft war es, der uns in der Galuth aufrichtete, das gesamte Volk jenseits aller Parteien zu einer gemeinsamen, geradezu grandiosen „Hilfe- und A u f b a u“-Arbeit vereinigte. So wurde auch dieser Tischa b’Aw zu einem Ring in der Kette tragisch-historischens Geschehens, das über Jahrhunderte hinweg Volk und Boden durch Leiden und Opfer zur unlösbaren Einheit zusammen-! schweißt. Otto Warburg 75 Jahre alt Professor Dr. Otto Warburg, ehemals, nach Herzl und Wolffsohn, der dritte Präsident der Zionistischen Organisation, jetzt Leiter des landwirtschaftlichen und botanischen Instituts in Palästina, beging ara' 20. Juli in Berlin, wo er sich vorübergehend aufhält, seinen 75. Geburtstag. Auf dem X. Zionistenkongreß (1911) wurde Warburg zum Präsidenten der Zionistischen Organisation gewählt und behielt dieses Amt, bis die Leitung der Organisation nach London verlegt wurde (1920). Gegenwärtig leitet er unter anderem das Institute: of Natural History of Palestine an der Hebräischen Universität Jerusalem. Von seinen letzten praktischen Betätigungen sind die Begründung der Palestine Banana Corpora* tion und der Palestine Grapefruit Orange C# zu erwähnen. . . . Und voc 5 laUcen Und wieder kehrte der Tischa b, Aw ein und brachte jüdisches Leid. Der Tischa b’Aw des Jahres 1929. Aus dem historischen nationalen Trauertag war ein lebendiger geworden, der das ganze Volk in nationale Trauer versetzte. Tischa b’Aw war es, als jener verhängnisvolle Angriff der Araber auf betende Juden an der Klagemauer erfolgte. Die tragischen Augustgeschehnisse, die hundertdreißig jüdische Opfer auf der Wallstatt liegen ließen, nahmen am Tischa b’Aw ihren Anfang. In welch tiefe Trauer war damals das jüdische Volk versetzt. Die Stadt Abrahams, das altehrwürdige Hebron, war zerstört. Die Kabbalistenstadt Saffed widerhallte vom Wehgeschrei hingeschlachteter Talmudgreise. Mit welcher Gottergebenheit, mit welcher Todesverachtung starben doch diese Jünger eines Ari. Der Stolz des religiösen Judentums, die Slobotkaer Jeschiwah, dieser Quell jüdischer Weisheit und Gelehrsamkeit, diese Stätte jahrhundertealter Überlieferung, war brutal vernichtet worden. Seit den Drusenaufständen vor etwa 125 Jahren, hatte Palästina so ein Blutgemetzel nicht erlebt. Die Massackers des August 1929 in der eben erkämpften Heimat bilden wohl das tragischeste Kapitel in der neueren jüdischen Geschichte. Aber mehr noch als die Blutopfer selbst, Nahum Sokolow sachver» ständiger Zeuge gegen die „Protokolle“ Johannisburg, 19. Juli. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency Nahum Sokolow wurde vom Johannisburger Gericht als sachverständiger Zeuge in der Angelegenheit der „Protokolle der Weisen von Zion“ vernommen. Die Anklage richtet sich gegen drei Führer der, südafrikanischen Naziorganisation der „Grauhemden“, von Moltke, Inch und Olivier, die einen Aufruf verbreiteten, in dem dem Prediger der Port Elizabeth-Synagoge, Rev. A. Levy, vorgeworfen wurde*, daß er in einer Predigt die jüdischen Weltherr- ' sohaftspläne gemäß den „Protokollen der Weisen von Zion“ enthüllte. Ferner wurde behauptet, daß die „Protokolle“ vom ersten Zionistenkongreß in Basel 1897 beschlossen und von Theodor Herzl unterzeichnet worden waren. Präsident Sokolow erklärte vor Gericht, er habe persönlich an der Aufstellung der Tagesordnung des ersten Zionistenkongresses mitgewirkt. Über den gesamten Verlauf des Kongresses existiert ein offizielles Protokoll. Er wies darauf hin, daß der Publizist Ward Price in den Londoner „Times“ nachgewiesen hat, daß die sogenannten „Protokolle“ eine plumpe Fälschung seien und daß ihre Quelle ein Pamphlet gegen Napoleon III. sei, das sich im Britischen Museum befindet. Die „Protokolle“ sind nichts als eine Abschrift dieses Pamphlets, in die an Stelle der „Franzosen“ die „Juden“ gesetzt wurden. Sokolow erwähnte, daß Henry Ford ihm gegenüber das Bedauern ausgesprochen hat, dgß er sich einmal durch die Lektüre der „Proso tragisch diese auch waren, wirkten sich j tokolle“ zum Judenhaß hat verführen lascliese Gosehehnisse auf die politische Ent- J sen; jetzt habe er sich überzeugt, daß die Wicklung der jüdischen Heimstätto aus, auf; „Protokolle“ eine plumpe Fälschung dunkdie nun in der Folge Schlag auf Schlag | 1er Elemente seien. niodersausten. Lebten wir nicht damals Rev. A. Levy erklärte als Zeuge, die außerhalb Palästinas in größter Bangigkeit ■ „Grauhemden“ haben den Sinn seiner Preünd Verzweiflung, nun unser ganzes Wie-j digt einfach in das Gegenteil umgederaufbauwork in den Grundfesten erfälscht. sind unsere nationalen Pioniere, die ein | schüttert zu sehen, erlebten wir nicht in Das Urteil ist noch nicht gesprochen.

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