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Die Stimme · 1934-07-20 · Heft 371 (20.7.1934) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 371 (20.7.1934)
Date
1934-07-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. B71 — 20. Juli 1034 Zum Schluß erinnerte Baratz an Bialiks Abschiedsrede im Ohel Schern in Tel-Aviv vor seiner letzten Europareise, deren wesentlichster Punkt der Appell zum inneren Frieden war. Mitten in der Tefillah um diesen Frieden hat iihn der Tod ereilt.“ * Herr Baratz verringerte den guten Eindruck seiner Rede, indem er den Nachweis zu erbringen versuchte, daß Bialik, obwohl er nie das Wort Sozialismus gebrauchte, doch Sozialist gewesen sei. Zum Beweise berief er sich auf ein Gedicht Bialiks über jüdische Not. Diese Beweisführung ist abwegig und diente nur dazu, den toten Dichter, der über den Parteien stand, für die Arbeiterschaft zu annektieren. Nicht jeder Mensch, der soziales Gefühl hat, ist Sozialist im Parteisinn. Im übrigen wurde die Behandlung dieser Frage in einer allgemein nationalen Trauerkundgebung als eine Verletzung des Taktes empfunden. Der nächste Redner Die Juden in Tiirkisch-Thrazien Dr. Viktor Kellner charakterisierte die schöpferische Persönlichkeit Bialiks, indem er in ihr die harmonische Verschmelzung gegensätzlicher, ja widersprechender Elemente nachwies. Schon in der Sprache des Dichters offenbart sich solcher Gegensatz: Bialik, der Mensch mit dem allumfassenden Gedächtnis, schreibt in einer Sprache, die das Spraohgut dreier Jahrtausende in sich enthält, und vermag dennoch in dieser Sprache sein persönlichstes Erleben zu individuellem Ausdruck zu bringen. Er ist der Dichter der Vergangenheit und der Dichter der Zukunft, er ist national und übernational in einem. Er ist der Dichter des Dunkels und der Dichter des Lichts. Er schildert die Schrecken der Galuth und schaut in seiner Vision das neue Jerusalem. Seine Dichtung ist gekennzeichnet durch Ernst und Schwermut; er hat aber auch Gedichte geschaffen, die leicht und volksliedhaft sind, in einer Sprache voller Duft und Glanz. In s-einem Wesen und seinem Werke ist ein gewaltiger prophetischer Zug. Unermüdlich und furchtlos sagt eisernem Volke die bittere Wahrheit, an der er selbst am schwersten leidet, und ist doch voll Mitleid und Erbarmen mit den Gedrückten des Volkes, in dessen Erdreich er wurzelt und dem er die Treue hält. Der Künstler, dessen Werk von seltener Vollkommenheit ist, ist zugleich Lehrer und Führer seines Volkes, die einzige sittliche Autorität in einer Zeit furchtbarer Zerrissenheit, Herz und Gewissen des Volkes zugleich. Es ist eine Tragik im Leben des Dichters, daß sein Werk nur von wenigen voll gewürdigt werden kann und daß der größte Teil des Volkes an ihm vorbeilebt. Doch besitzt die bloße Existenz des künstlerischen Werkes Bialiks metaphysischen Wert. Die künftigen Generationen werden sich zu diesem Werke hin entwickeln und werden wahrhaft jüdisch sein, wenn sie seine ganze zeitlose Größe in sich aufnehmen. * Die Wiener Kultusgemeinde hatte zur Trauerfeier als ihren offiziellen Vertreter den Vorsitzenden des Fürsorgewesens, Kultusrat Dr. Isidor K1 a b e r, entsendet. Die Leiden der von ihren Heimen durch Regierungsbehörden und durch antisemitischen Terror der auf gehetzten Bevölkerung vertriebenen Juden aus Türkisch -Thrazien haben die Weltöffentlichkeit in einer Weise erregt, daß sich die türkische Regierung bemüssigt l sieht, die Öffentlichkeit zu beschwichtigen; und die Sache selbst zu bagatellisieren. Die türkischen Gesandtschaften in i allen Ländern haben durch die amtlichen! Presseagenturen den Zeitungen beschwich , tigende Darstellungen zugehen lassen. Dem gegenüber schildert in der Pariser Zeitung | „Populaire“ Andre Leroux die thrazische 1 Judentragödie wie folgt: „Seit einiger Zeit l ist die alte türkische Hauptstadt von einer | großen Anzahl aus Thrazien und dem Dar-! danellengebiet kommender israelitischer Fa milien ii b e r s c h w e m m t, die gezwungen worden sind, auszuwandern. Jüdische Lä »len sind verwüstet worden und die Juden i’-iben in aller Eile ihre Frauen und Kindei ’aeh Istanbul geschickt. Man glaubt, daß inrefähr 8000 Personen gezwungen worden : il. nach Istanbul zu flüchten. Der hauptsächliche Anstifter scheint die nationa lis tische türkische Organisaton „Ali Ferlachi“ in Adrianopel zu sein. Die Proteste, die an den Präfekten der Stadt gerichtet worden sind, sind ohne Resultat geblieben. Ismet Pascha gab strenge Order, die antisemitischen Aus schreitungen sofort zu liquidieren. Der Adrianopler jüdische Rechtsanwalt Chimchi Effendi hat sich nach Ankara begeben, um bei der Zentralregierung für die jüdischen Flüchtlinge zu intervenieren. Die Gouverneure von K i r k il i s s e und T e k i r d a g wurden von ihrenPosten abberufen, weil sie die Judenverfolgun gen duldeten und von Amts wegen Juden Vertreibungen Vornahmen. Polizisten patrouillieren durch die Straßen aller Städte, um Plünderungen in den von den Juden verlassenen Häusern zu verhüten. Saloniki, 16. Juli. ,,L’Action“ berichtet aus Istanbul, daß die türkischen Behörden die Vertreibung von 28.000 Juden planen. In der europäischen Türkei leben gegenwärtig 80.000, in der asiatischen Türkei 78.000 Juden. * Eine offizielle Erklärung m Elnstiindlge Arbeitsruhe in Polen Warschau, 18. Juli. In allen nationalen Institutionen Polens wurde zur Zeit der Beerdigung Bialiks in Tel-Aviv die Arbeit zum Zeichen der Trauer für eine Stunde eingestellt. In Warschau und in zahlreichen Provinzstädten fanden von der Kulturorganisation Tarbuth einberufene Trauerversammlungen statt. Die Gebäude der jüdischen Vereinigungen trugen Trauerschmuck. Möbeltischler und Holzbear« beitunesmaschlnen-Arbelter für eine Möbelfabrik in Palästina gesucht Hochqualifizierte jüdische Bewerber bis 35 Jahre wollen sich im Palästina-Amte, Wien, I., Kämtnerstraße 28, in der Zeit von 10 bis 11 Uhr vormittags melden. Konstantinopel, 17. Juli. Der türkische Ministerrat befaßte sich einer außerordentlichen Sitzung mit der Vertreibung der Juden aus Türkisch- Thrazien. Den Vorsitz führte der Ministerpräsident Ismet Pascha. Innenminister Shukry Bey, der sich nach den Dardanellen und nach Ost-Thrazien begab, um die Lage an Ort und Stelle zu untersuchen, erstattete Bericht. Nach der Sitzung wurde eine offizielle Erklärung veröffentlicht, die zeigt, daß man allmählich geneigt ist, den Ernst der Lage und die Größe der Katastrophe zuzugeben. In dem Bericht wird erklärt, daß die seit dem Kriege unter der türkischen Bevölkerung bestehende antijüdische Stimmung kürzlich durch antijüdische Bewegungen in anderen Ländern verschärft wurde, wozu noch der Umstand beitrug, daß die Juden in der europäischen Türkei immer noch darauf bestehen, eine andere als die Landessprache (nämlich spaniolisch statt türkisch) zu sprechen. Allmählich gewann der Glaube an Boden, daß die türkischen Juden antitürkisch eingestellt und daß eine Anzahl von ihnen Spione seien. Als dann im Monat Juni Gerüchte im Umlauf gesetzt wurden, daß die türkische Regierung beschlossen habe, die Juden aus dem Gebiete der Dardanellen und aus dem östlichen Thrazien zu vertreiben, verstärkte sich die antijüdische Stimmung in einem Maße, daß etwa 3000 Juden sich dazu getrieben fühlten, panikartig nach Konstantinopel abzuwandern. Die Regierung mißbillige auf das schärfste antisemitische Gefühle und werde mit allen, die sich nach dieser Richtung schuldig gemacht haben, streng verfahren. Die Juden, die ihre Heimatsorte verlassen haben, können, soferne sie es wünschen, dahin zurückkehren, d e r t dieser flohen, hatten In Kirkillsse wurden der Bürgermeister, der Polizeichef und der Präsident der Handelskammer als an (fern antijüdischen Feldzug mitschuldig, verhaftet. In einem zweiteu o f f i z i e 11 en Bericht wird zugegeben, daß allein in Kirkilisse 65 jüdische Häuser geplün- oder zerstört wurden und daß a.us Stadt 3000 Juden nach Istambul Die Ausschreitungen in Kirkilisse den Charakter eines Judenpogroms angenommen. Im Gebiet von A d r i a n ope 1 wurden mehrere türkische Beamte unter der Beschuldigung, Exzesse gegen die Juden arrangiert zu haben, verhaftet, ein Distriktsgouverneur wurde vom Amte suspendiert. Ähnliche Strafaktionen ergriff die Regierung in Chanak und im Gebiet von Smyrna. Im Hause des Polizeikommandanten von Kirkilisse wurde sehr viel geraubtes jüdisches Eigentum gefunden und, wie amtlich mitgeteilt wird, den jüdischen Besitzern zurückerstattet. Die Salonikier Zeitung „L’Acton“ erklärt, die Maßnahmen der türkischen Regierung zur Wiedergutmachung seien sehr oberflächlich und nur darauf berechnet, den üblen Eindruck, den die Judenaustreibungen in der Welt gemacht haben, zu zerstreuen. Eine Folge der deutschen Propaganda London, 17. Juli. „Daily Express“ meldet atis Istanbul, daß deutsche Ingenieure und Techniker, die von der türkischen Regierung in '-er europäischen und in de» asiatischen Türkei beschäftigt werden und die sich zuai Teil sogar im Hauptberuf als deutsche nationalsozialistische Propagandisten betätigen, es verstanden haben, die lokalen türkischen Beamten zu der antisemitischen Aktion det Austreibung zu bewegen. Türkische Beamte wurden direkt zu dem Zweck bestochen, um antijüdische Aktionen bei der Bevölkerung auszulösen. Man erwartet, daß die türkische Regierung, die nun gegen die Beamten vorgeht, auch Maßnahmen zur Unterdrückung der nationalsozialistischen Propaganda ergreifen wird. Rückwanderung jüdischer Ausländer aus Deutschland Der Zcntralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau teilt Zahlen über die Rückwanderung jüdischer Ausländer aus Deutschland in ihre Heimatländer im Jahre 1933 mit. Die Rückwanderung stellt die Hauptstelle vor schwierige Probleme, weil viele dieser ausländischen Juden seit Jahrzehnten in Deutschland ansässig sind und sich dem deutschen Kulturkreis wirtschaftlich und kulturell eingegliedort haben. In zahlreichen Fällen mußten zunächst paß- und staatsrechtliche Fragen in den betreffenden Heimatländern geklärt werden. Zwei Personenkreise stellen die Hauptstelle vor beinahe keiten. Einmal unlösbare Schwierigdie die Staatenlosen, Deutschland freiwillig oder1 infolge einer Ausweisung verlassen wollen und die nicht ohne weiteres die Möglichkeit haben, sich in ein anderes Land zu begeben, da die paßrechtlichen Voraussetzungen nicht vorliegen. Sodann jene Personen, die auf Grund des Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen vom 14. Juli 1933 ihre einmal erworbene deutsche Staatsangehörigkeit nicht ohne weiteres wieder erwerben können. Der paßrechtAiche Status dieser Personen ist im Augenblick noch völlig ungeklärt. Nur wenige Länder haben Staatenlose in den vergangenen Monaten, und wenn, so in beschränkter Zahl, aufgenommen, und diese Möglichkeiten verringern sich ständig. Die Situation dieser Personenkreise ist daher vielfach als verzweifelt anzusehen. Die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge hatte sich im Jahre 1933 insgesamt mit der Rückwanderung von 18.694 Personen zu belassen. Diese Zahl umfaßt keineswegs die gesamten, in ihre Heimatländer im Jahre 1934 zurückgewanderten Personen, sondern nur diejenigen, die sich fürsorgebedürftig an die Bezirksstellen der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge gewandt haben. Die Zahl der Juden nichtdeutscher Staatsangehörigkeit, die Deutschland im Jahre 1938 verlassen haben, wird man demnach vorsichtigerweise mit etwa 30.000 beziffern können. Von den 18.694 Rückwanderungen waren 14.334 Männer, 2989 Frauen und 1371 Kinder. Die besonders hohe Zahl von Männern unter den Rückwanderern zeigt, daß es sich nur zu einem geringen Teil um Familienwanderung handelt, in erster Linie dagegen unverheiratete und arbeitsfähige Männer abgewandert sind. Die Abwanderung von Familien erfordert eine längere Vorbereitung und Prüfung der Möglichkeiten, gleichzeitig aber auch viel größere Fürsorgemaßnahmen. Die Nationalitäten der im Jahre 1933 von der Hauptstelle betreuten 18.694 Rückwanderer gliedern sich nach folgender Aufstellung: 8804 Rückwanderer waren polnischer, 1951 ungarischer, 1917 tschechoslowakischer, 968 österreichischer, 890 rumänischer, 207 russischer, 187 litauischer, 118 lettländischer, 103 palästinensischer, 83 holländischer und 35 amerikanischer Staatsangehörigkeit. Bei 1494 Rückwanderern ist die Staatsangehörigkeit unbekannt, 1461 Rückwanderer waren staatenlos, ein Rest von 476 Rückwanderern verteilt sich auf verschiedene Staaten. In den allermeisten Fällen hat eine Rückwanderung nach den ursprünglichen Heimatländern stattgefunden. Von diesem Grundsatz ist nur dann abgegangen worden, wenn besondere Beziehungen, sei. es wirtschaftlicher, sei es familiärer Art, in anderen Ländern Europas oder Übersee vorhanden waren. In alle Alle lüdlschen Organisationen Bielefeld verboten In Bielefeld (Westfalen) wurden konfessionellen Jugendorganisationen, unter ihnen auch die jüdischen, verboten. Von jüdischer Seite wird versucht, eine Aufhebung des Verbotes speziell für die jüdischen Organisationen Hinweis, daß ja die aus den allgemeinen ausgeschlossen ist, zu erwirken mit dem jüdische Jugend, die Jugendorganisationen ohne eine eigene Organisation irgend welche kulturelle, religiöse oder sportliche Arbeit nicht leisten könne. Der deutsche Makkabi hat beim Reichsjugendführer gegen das Verbot Vorstellungen erhoben. Streng- SEEFELD (Tirol) 1200 Motor Einzigart. Höhenkurort, intens. Höhensonne,Wassersport Pension Geschwister Scheer im Hotel Hochalm Bekannt erstklassige Verpflegung, mäßige Preise, Fahrpreisermäßigung Orth. ^3 PENSION KOHN Balatonszemes am Plattensee (Ungarn) hoohllegend, 2 Minuten vom Bad und Bahnhot, großer sandiger Strand. Anerkannt vorzügliche Ktlche. Verlangen Sie Prospekte. 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