Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 371 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 871 - SO. Juli 1034 DIE STIMM* Seite 8 m Schmerz des Jischuws um Bialik, durch! In liebevollen Worten zeichnete der ausdessen Tod dieser mehr als verwaist wurde. J gezeichnete Bialik-Kenner und -Übersetzer, Ernst-würdige Wort« des Gedenkens fand j Dr. Viktor Kellner, Bia.lik als den Dich- Df. Oskar Grün bäum, der die Weihe-j ter unserer Vergangenheit und Zukunft, den stunde des Gedenkens an den großen Toten ' Dichter des Dunkels und des Lieits. Vater unseres Volkes. Seine von Liebe erfüllten Gedenkworte schließen mit einer Strophe von Bialiks unvergeßlichem Gedicht „Gott kündet es mir" „.., und vielleicht einer Perle gleich, deren Glanz ewig, sinkt meine Seele mit der Trdtien letzter hin und zittern wird sie, leuchten durch viele Geschlechter Augen, die mich nicht schauten Der Vertreter des palästinensischen Jischuws, Josef B a r a t z, schilderte in beam sinnvollsten »um Appoll des Friedens j in den zionistischen Reihen ummünzte und in einem einzigen Aufschrei naßh Beendigung des Räder« und Kampfes ausklang. Er löste durch seinem Appell an die Trauergameimde, das Andenken Bialiks in dieser Stunde dumpfen Schmerzes durch Eintragung ins „Goldene Buch des Keren Kajemeth“, ein wenig die schwere Trauer, die alle erfüllte. « Nach den Reden erhob sich die tausendköpfige Trauergemeinde und hielt eine Minute lang in weihevollem Schweigen inne. Erst die kraftvolle, lichtspendende, den ganzen Bialik offenbarende „Tech es a k n a h“ löste die Spannung. So fand die Wiener TrauerfeieT für Chaim Nachman Bialik ihr Ende. j. r. wegten und plastischen Worten den Di* Tfau*rfeier für Bialik ln Wien Montag, der vierte Tag kn Trauermonat ’A w, wird von nun ab gleich Kaw-Tliam u s in den Trauerannalen des jüdischen Volkes cingemeiselt bleiben. An diesem Tage wurde das, was an Chaim Nachman Bialik Irdisch wgr, der heiligen, von ihm sq heiß geliebten Erde Erez Israels übergeben. Betrauert nicht nur von den zehntausenden jüdischen Männern und Frauen, Kindern und Erwachsenen, die von Metulah bis Tel-Aviv, von Daganiah bis Ludd, yon dem an der äußersten Spitze Galiläas liegenden Tel-Chaj bis zum entlegensten Kibbuz seit Tagen nach Tel-Aviv herbeigeströmt waren, sondern von allen jenen Juden, fi?r deren dunkles Galutb-Daseiiii Bialik Licht- und Trostspender war, An diesem Tage, fast zur gleichen Stunde, weinten sie alle an seiner Bahre, In der Gamegie-Hall zu New York und in der Town-Rall in London, in Johannisburg find in Lodz, in Baris und in Wien, in den vornehmen Synagogen der westlichen Städte und in den von tiefer Inbrunst erfüllten Gotteshäusern der ostjädischen Kleinstädte, um dieselbe Stunde, da die weiße Tel-Aviver Erde Bialiks irdisehe Hülle umfing und für immer bedeckte, fanden sich in Ost und West, in Süd und Nprd, überall, wo kleinere und größere jüdische Zentren bestehen upd das jüdische Wort poch Schall und Klang haf, tausende jüdische Männer, Frauen und Kinder, Alt pnd Jupg, iim in stummem Gedenken oder ig tränenerfüllten Reden symoblisch an dem letzten Gang Bialiks teilzunehmen und sq da« Wahrhaft Große dieses Nationajheras zu bekunden: nationale Solidarität. Über Meere upd Berge, über Länder und Städte, über alle Grenzen hinweg verband ein einziger Gedanke, ein einziger Begriff divergierende und zerstreute Kräfte und schweißte sie zu einer einzigen Einheit, die man „Volk“ nennt, zusammen. „Stärker als der Tod ist die Liebe!“ — diesen Ausspruch aus denn wunderschönen Sohirhaschirim hat der Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Oskar Grünbaum, bei der Wiener Trauerfeier für Bialik in seiner Trauerrede zitiert und damit vielleicht a.m stärksten und am wesentlichsten das Bleibende, das Erhaltende, das über den Tod Konservierende in der Stunde dumpfen Schmerzes zum Ausdruck gekracht, So muß es vor dreißig Jahren gewesen sein, als Wien® Judenschaft den großen Erweck er des jüdischen Volkes m Grabe trug, Und so wie wir, die wir diesen Schmerz und diese Trauer um Herzl nur aus der Überlieferung erlebten und oft uns ärmer fühlten um das unmittelbare Erlaben dieses Großen, und mit weitaufgerissenen Augen an den Lippen jener Männer hingen, die uns von den Stunden des Kaw-Thamus er-* zählten, so werden kommende Generationen an diesen vierten Aw denken. In Wien, das einen Herzl, einen Chajes zu Grabe getragen, hat auch der große Prophet Bialik sein® Seele ausgehaucht. Kein Wunder, daß wir, vom Geschick ausgezeichnet, diese Großen in Israel unmittelbar erlebt zu haben, schmerzerfüllt auch honte an der Bahre Bialiks weinen- Und so wurde die Trauerfeier für Bialik in Wien zu einem tiefen, unauslöschlichen Erlebnis. Lange YOr Beginn mußte der große Saal des Hotels Kontinental polizeilich gesperrt' werden. Im Festsaal selbst saßen und standen Kopf an Kopf jüdische.Männer und Frauen aus allen Schichten, und was der Trauer- Versammlung da« erbebende Gepräge gab, Jugend, allgemein-zionistische und chaluzisohe Jugend. Tiefe Trauer lagerte über den ganzen Raum. An der Wand dpr Bednerestrpdo hing, schwarz umrahmt, das Bild Bialiks, umgeben von einem riesengroßen blauweißen, sohwamlrapierten Fahnentuch. Auf dem Rednertiaohe nrannten »wai Körnen; »ymbolißßhoa Reichen fttr di« geweihte Trauerstunde. Der Präsident der Hiatra« duth Iwrith, Dr. Dawid R o t h b 1 u m, der das Glück hatte, Sich zürn Freunde des großen Dichters zu zählen, spricht in hebräischer Sprache von Bjalik als dem großen Im bis aufs letzte Plätzchen dichtgefüllten Festsapl des „Hotel Contineut al.“ fand Montag, den 16, Juli, abend, an welchem Tage der palästinensische Jischuw Bialik zur letzten Ruhe brachte, eine vom Zionistischen Landeskomitee für Österreich, der „Histadruth I v r i t h“ und dem „H e c h a 1 u z“ gemeinsam veranstaltete Trauergedenkfeier für Chaim Nachman Bialik statt, Der Präsident der „Histadruth Ivrith“, Dr. Dawid Rothblum, eröffnete mit einer gehaltvollen h e b r ä i, sehen Ansprache die Trauerfeier und führte unter anderem folgendes aus: „Reute wurde unser Vater Bialik auf väterlichem Boden zu Grabe getragen, In dieser schwersten Stunde dumpfsten Schmerzes wird jeder Mund kraftlos, jedes Wort ohne Siop- Heute trugen eie unseren guten, gnadenreichen Vater zu Grabe, ihn, der die Leier war für unsere Lieder und Klagen, ihn, der die Generationen unseres Volkes seit Jahrtausenden mit seinen klaren, wundervollen Augen überblickte und überbrückte, ihn, dessen gewaltiger Geigt über gdt und Ort unserer Geschichte schwebt. J£r war ein Vater, der uns in Liebe strafte, aber auch auf seinen Adierfittiohen in die höchsten Hoffnungshöhen der dritten Erlösung emporhob. Heute trugen sie unseren Vater Bialik zu Grabe und bestatteten ihn neben einem aus dem Volke (Achad Haam), ihn, den einzigen des Volkes. Unser gütiger Vater Bialik war uns das Symbol der Einheit und Vollkommenheit, der Liehe und Hoffnung, war dem Jischuw in der Heimat die Feuersäule und uns in der Zerstreuung der leuchtende Führer. An ihm hatte niemand Fehl und Makel gefunden, an ihn wagte sich Neid und Mißgunst nicht heran, kein. Schatten fiel auf seine schimmernde Gestalt, Sein Gesang, an dessen Schönheit, Macht und Majestät wir uns berauschten, der Gesang, der unsere leer gewordenen Herzen mit Licht und Glanz und Herrlichkeit erfüllte, der Gesang, der die unerhörtesten Schätze aus unserer Lehre, Überlieferung, Sprache und Sagenwelt hob. Er war wie ein Märchenprinz. „Und noch ein einziges Lied war in ihm —" Reute, da er von uns ging, kennen wir alle dieses Lied, Es ist das Lied, das er ans noch hätte singen müssen, das Lied der Einheit, das Lied des Friedens. Ich rufe Himmel und Erde als Zeugen an, daß er ln d$n letzten Tagen nicht auf* hörte, über die Heimat und den Jischuw Zn sprechen; und als er auf den Kampf der Parteien, den Bruderzwist, zu Sprechen kam, seufzte er tief, hob die feuchten Augen gen Himmel, als wollte er zu dem, der den Frieden in seinen Höhen schafft, betep, daß er auch den frieden über Israel auf Erden sende, Das war sein letztes Lied. — Unsere Sache ist es, das Testament seines letten Sphwanengesanges zu erfüllen. Dfe Pflicht, den letzter) Willen unseres gütigen und gnadenreichen Vaters zu verwirklichen, trifft uns alle ausnahmslos- Dann werden die Worte wahr werden, die unser gütiger und gnadenreicher Vater in seinem Gedicht: „Gott kündet es mir“, sagte. Rnd dann erst wircf unser Geschlecht, dessen Augen das Glück hatten, den größten Dichter unseres Volkes zu schauen, seine volle Pflicht erfüllt haben.“ Per Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Oskar Grünbaum, knüpft an die letzten Worte seines Vorredners an und gibt im Namen des Zionistischen Landesverbandes für Österreich dem tiefen Schmerz um dem Verlust Bialiks Ausdruck, Nicht eine literarische Rede will ei halten, sondern über den von Zionsliebe erfüllten Meister ein paar Worte sagen. Der Tod Bialiks ist für die Wiener Judenschaft ein Ring in der großen Kette, die, von Smolenski beginnend, über Herzl, Zwi Perez Chajes bis zu B i a 1 i k hinführt. Der Meister der hebräischen Poesie Bialik war aber nicht weniger ein politischer Führer. Dr. Grtinbaum erinnert an die unvergeßlichen Bialik-Tage in Wien vor zwei Jahren und an Bialiks zündende Rede vor einem mehrtausendköpfigen jüdischen Publikum. Wenn der Historiker, sagt Doktor Grünbaum, über unsere Zeit schreiben wird, so wifd er zwei Tage als Marksteine bezeichnen müssen: Der eine Tag, da Bialik im Großen Konzerthaussaal mit schonungsloser Offenheit die Wunden aufzeigte, an denen der Körper des jüdischen Volkes krankt, die Rede Bialiks, in der er wie kein zweiter Strafprediger und Mahner der Gegenwart die Dekadenz gegeißelt, die sich allenthalben breit macht, Dr, Grtinbaum erinnert an das politische Bekenntn | s Bialiks, welches der große Dichter vor einer Festversammlung des zionistischen Parteirates in Wien ablegte, Bialik sagte in seiner Erwiderung auf die herzlichen Begrüßungen unter andern) folgendes? „Herzl erklärte, der Zionismus erstrebe eine Heimstätte für die Juden, die sieh in ihren bisherigen Wohnländeru nicht assimilieren können oder wollen,“ Das wichtigste Problem besteht aber nach Bialik darin, wie das Sioh-aseimilieremkönnen und -wollen verhindert werden soll. Bialiks Blick blieb damals an dein Bilde Chajes, das an der Wand hing, haften; der Dichter sagte weiters, Chajes hat durch sein schöperisches Leben und Wirken bewirkt, daß die Juden sich nicht assimilieren wollen. Die Aufgabe, sagt Dr. Grünbaum, besteht auch für Uns, weiterhin darin: Wie machen wir es, daß Juden sich nicht assimilieren wollen? Am Tage, da Bialik seine Augen schloß, flatterte ein Wort vom zionistischen Burgfrieden durch unsere Reihen- An uns allen liegt es, daß dieser Vogel nicht zu Boden fallen möge, noch bevor er flügge geworden ist. Dr. Grünbaum schließt mit dem Appell, die Reihen zu schließen und so das Andenken des großen Toten zu ehren. Der nächste Redner, der Vertreter des palästinensischen Jischuw, Josef Barratz, schildert in plastischen Worten den Trauertag in Tel-Aviv. Es ist in der Tat keine Phrase, aber man könne in dieser Stunde kaum in Worten den Schmerz dep Jischuw ausdrücken- Bialik war ein Meteor, Zu ihm blickte man hinauf in Jubel- und Freudentagen, zu ihm blickte man empor in Stunden der Bedrängnis. Auf sein Wort harrte man. „Was sagt Bialik?“ war für viele Trost und Hoffnung, Bein Wort war oft hart und bitter, aber immer richtig und berechr tigt. Er war nicht ein Pichter, der in der Abgeschiedenheit der Stube lebte. Bialik lebte ira und mit dem Volke, Mit alleii Schichten der Bevölkerung. Bialik liebte den Kaufmann nicht weniger als den Arbeiter, er teilte die Leiden und Sorgen aller, von klein und groß, von jung und alt- Freilich, die Jugend, die Kinder liebte Bialik am meisten. Und so ist es nur verständlich, daß das jüdische Kind in Palästina heute überall hinausschreit: „En lanu Bialik“ — wir haben keinen Bialik mehr. Die Gespräche Bialiks mit Kindern offenbaren die Größe Bialiks vielleicht noch mehr, als so manche seiner Schriften. Unvergeßlich bleibt für den Jischuw das Wirken Bialiks in den letzten Jahren. Wie ein prophetischer Sendbote eilte Bialik von Kwuzah zu Kwuzah und predigte dort von der Heilighaltung des Sabbath. Von Freitag abends bis Sabbath-Ausgang, immer umringt von einer Schar verzückter Jünger. Bialik hat für die Kleinigkeiten des Lebens des jüdischen Jischuws nicht weniger Interesse gehabt als für die himmlische Ewigkeit. Noch am Tage seiner Abreise nach Europa intervenierte Bialik bei der Stadtgemeinde Tel- Aviv für irgend einen kleinen jüdischen Emigranten. Darin bestand seine Größe. Auch Herzl hat am Tage, da er in Jerusalem Kaiser Wilhelm begegnete, Zeit gefunden, die Ktegen einer illegal eingewanderten Frau nach Palästina auzuhören. Auch Ohaian Arloss o r o f f vergaß nicht, nach angestrengtesten Konferenzen für einen jungen Juden in einer Zertifikatefrage cu intervenieren. (Und unserem Prof. Dr. Zwi Perez Ohaje« war für diesen unvergeßlichen Qberrabbiner eine ßitcung im Kuratorium zur Ausweisung amter Studenten nioht weniger wichtig als eine Stunde der Abgeschiedenheit in seiner Gelehrtenstmbe. Anm. d. Red.) MITTEI AAKD DEICE PALÄSTINA, AEGYPTEN, MITTEUneER'KßlH obiechknuand ~ # a Abfahrt: 1- September abends mit der «.ROMA1' (3AQQ0 t) . MB Preis für die Schiffahrt: Neapel-Neapel, aufwärts von S fTifSwB COMPASS TOURS IX.« Jfpltalfl«*** 3| Tel, B 4*«5''38 «