Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 370 (17.7.1934)
- Date
- 1934-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3054070-3054124--4362-3059972- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nt. 870 — 17. Juli 1034 DIE STIMME Seite S Hi Sie essen von 30Groschen ARADEM If Bl I KB aufwärts vorzüglich Im VKAdEM'KELLkK Judenmorde in Deutschland Die Euisieui’Theorie Die ganze nationalsozialistische Presse Deutschlands ist in Aufregung. In Balkenlettern jubelt sie, daß Einsteins Relativitätstheorie zusammengebrochen ist. Einstein ist den Ritualmördern seit jeher ein Objekt des grimmigsten Hasses gewesen. Daß ein Jude sich unterstanden hat, eine Lehre aufzustellen, der man in England und Amerika den Rang neben Kepler und Newton zugewiesen hat, konnte der Nationalsozialismus nicht verwinden. Zunächst also wurde eine Hetze gegen Einstein eingeleitet und der studentische Pöbel hinderte ihn am öffentlichen Vortrag Dann begann die deutsche Wissenschaft. Sie ist, wie man weiß, unpolitisch, vorurteilslos und unbefangen. Sie dozierte: Die Einstein-Theorie ist erstens ein jüdischer Schwindel, zweitens ist sie von dem Heidelberger Lenard und somit deutsches hochwertiges Gut. Del Pariser Mathematiker Poincarß tat das Gerede lachend ab. Da also Einstein nicht an den Leib zu rücken war, so blieb es bei der Bagatellisierung. Der Lärm brach wieder los, als Einstein selbst in Kalifornien eine Korrektur seiner mathematischen Berechnungen vornahm. Jetzt seht ihr es, schrie der Völkische Beobachter, ein Sachverständiger in Genauigkeit. Und jetzt hat der Pariser Techniker Carvallo die Versuche Michelsons, die zu dem Einsteinschen System gehören, es aber durchaus nicht begründen, für anfechtbar erklärt. Heil! Heil! Heil! Michelson hat sich vor 50 Jahren mit der Frage beschäftigt, ob die Bewegung der Erde im Raum die Geschwindigkeit des Lichtstrahls beeinflußt, und die Spiegelversuche haben dies verneint. Die Einsteinsche Theorie gab 1905 die Erklärung, daß die Lichtgeschwindigkeit für die Frage gar nicht entscheidend sein könne, weil sie eben relativ ist. Man sieht den Meter im fahrenden Blitzzug kürzer als im stehenden Zug. Das ist durch tausende Versuche nachgewiesen worden. Und wenn jetzt Carvallo die Michelsonschen Versuche ansieht, so trifft das Michelson, aber nicht Einstein. Nutzt nichts. Alle Gelehrten des Dritten Reiches sind in wildester Verzückung. Die Einstein-Theorie ist zusammengebrochen! Heil Professor Lenard! Heil Hitler! * Einsteins Tochter gestorben Paris, 12. Juli. In Paris verstarb die Tochter Albert* Ei n s t e i n s, Frau Dr. Ilse K a y s e r, die Frau des hervorragenden deutschen Literaturhistorikers Dr. Rudolf Kayser, im 36. Lebensjahre. Sie lebte eine Zeit lang unter der Hitler-Herrschaft in Berlin und weilte gerade in Einsteins Wohnung, als eine Gruppe SA-Leute brutal in die Wohnung eindrang, sie ausplünderte, auch die berühmte Geige Einsteins mitnahm und im übrigen große Verwüstungen in der Wohnung anrichtete. Die brutale Behandlung, die ihr selbst durch die Eindringlinge zuteil wurde, hat Frau Dr. Ilse Kayser in starke Erregung versetzt und ihren Gesundheitszustand derart ungünstig beeinflußt, daß ihr früher Tod wohl auf dieses Erlebnis zurückzuführen ist. Nach dem erwähnten Überfall ging das Ehepaar Kayser nach dem Ausland und lebte als Emigranten in Paris. Die Bestattung der Tochter Einsteins fand am Mittwoch, den 11. Juli, auf dem Pöre LachaiBe in Paris statt. Besonders billige B I B Ul Fahrt nach J»JEJHB vom ji. Juli bis xj. August. Visa und polnische Paßverlängerungen gratis. Wien—Krakow und retour S 4o’8o, Wien—Lw6w und retour S ji*—, Wien—Warszawa und retour S 46*50 samt allen Neben Nationen. Auskünfte und rasaicste Anmeldung: Polnisches Verkehrsbüro „Francopol“, Wien, UI., Rennweg 1. (Gebäude des polnischen Konsulats.) Telephon U 16-4-90 Allmählich wird es offenbar, daß um die letzte Monatswende, als die SA in Zwangsurlaub geschickt wurde, eine Welle antijüdischen Terrors durch verschiedene Teile Deutschlands gegangen ist. In Humen, Provinz Hessen, brachen SS-Leute in der Nacht des 1. Juli in ein jüdisches Haus ein und schossen vier Mitglieder einer jüdischen Familie an. Ein Familienmitglied ist seinen Verletzungen erlegen, ein zweites ringt mit dem Tode, der Zustand der beiden anderen ist ernst. Die gleiche Gruppe brach dann in ein zweites jüdisches Haus ein, in dem sich jüdische Besucher von auswärts befanden. Die Schwarzhemden erklärten, es handle sich umeineGeheimversammlung, und verhafteten alle Insassen. Inzwischen war Polizei eingelangt, die die Übergabe der Verhafteten in die Hände der Polizei forderte. Die Schwarzhemden leisteten Widerstand. Die Polizei holte Verstärkungen heran, überwältigte die Schwarzhemden und brachte sie nach Gießen. Der Gießener Oberstaatsanwalt aber beriet sich mit den Richtern, von denen einige alte Mitglieder der Partei sind. Die SS-Leute wurden schließlich unter Polizeikontrolle gestellt. Man wartet auf Order „von oben“. Die Vorfälle in Schlesien In Hirschberg sind noch fünf jüdische Bürgerin Haft. Die Berliner Staatspolizei erklärte, sie übernehme die Garantie, daß den Verhafteten nichts geschieht. Die reichsdeutsche Presse durfte bis heute nicht über die Judenmorde in Hirschberg, Glogau und in anderen Orten Schlesiens berichten. Eine Hirschberger Lokalzeitung macht Andeutungen über die Geschehnisse und schreibt, Hirschberg sei eine Sommerfrische, und wenn man erfährt, daß sich hier derartig Dinge abspielen, werde die Saison ruiniert sein. Hingegen beschäftigt sich der „Beobachter im Iser- und Riesengebirge“ im Leitartikel mit den Vorfällen in folgender Weise: „Audi in Hirschberg hat es vier Tote gegeben. Plötzlich geht überall ein Raunen und Flüstern jener versteckten Maulwürfe los, die nunmehr geheimnisvoll erklären, diese vier sind gar nicht bei einem Fluchtversuch erschossen worden, sondern nur der sadistischen Grausamkeit unserer Männer zum Opfer gefallen. Die bodenlose Gemeinheit, tiefe Charakterminderwertigkeit, die in diesem Verhalten lieg<t, ist so abscheulich, daß man sich nur mühsam zusammennehmen muß, um nicht den Verbreitern bei jeder Gelegenheit die nackte Faust in das gottlose Mundwerk zu schlagen.“ Der Mord in Glogau In Glogau wurde der Jude Dr. Lindemann, als er in seinem Garten Tennis spielte, von vorbeiziehenden SA-Leuten ergriffen und fortgeführt. Seine Frau fragte später telephonisch im Braunen Haus an, ob sie ihrem Mann, der im Tennishemd fortgeführt worden war, eine Jacke bringen dürfe. Man erwiderte ihr: „Er braucht nichts mehr. Wir haben ihn erledig t.“ Da keine Nachricht mehr von Dr. Lindemann einging, nimmt man an, daß er nicht mehr am Leben ist. In Berlin wurde der 20jährige Sohn von Dr. Maximilian Stein auf der Straße verhaftet, wo ein Angriff auf jüdische Passanten stattfand und auch er angegriffen wurde. Etwa 60 Personen wurden von der Polizei nach dem Alexanderplatz gebracht. Während die Angreifer freigelassen wurden, wurde der junge Stein i n H a f t behalten, obwohl er der Politik vollkommen fornstand. Keiner glaubt der Version, daß er Selbstmord begangen hat, man glaubt vielmehr, daß er an den Folgen der Mißhandlungen auf der Straße und später im Polizeihof starb. Die Borliner Judenheit ist über den folgenden Vorfall außerordentlich erregt: ln Berlin-Tümpelhof fand eine gesellige Zusammenkunft der dortigen Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten statt. Die Gäste waren gerade beim Hering-Essen, als eine Gruppe mit Messern bewaffneter beurlaubter SA-Leute ohne Uniform in das Lokal eindrang und die Anwesenden mit Messern bearbeitete. Viele Personen wurden mehr oder weniger erheblich verletzt. Der Präsident der Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Sternberg, regte sich über den Überfall so sehr auf, daß er auf der Rückfahrt in der Untergrundbahn an Herzschlag starb. In manchen Teilen Württembergs ist es den Juden verboten, nach 9 Uhr abends die Straße zu betreten. Um die Monatswende am Samstag, Sonntag und Montag durften sie überhaupt nicht ihre Wohnungen verlassen. Aus Oberschlesien Der Chefarzt des Knappechaftslazaretts in Beuthen, Dr. Per 1, der jüdischer Abstammung ist, wurde als Nichtarier seines Postens enthoben. Dr. Perl, der nach Polen emigrierte, strengte bei der Gemischten Kommission die Klage gegen Deutschland an. Die Klage war damit begründet, daß das Vergehen gegen seine Person den Bestimmungen des Genfer Abkommens nicht entspräche. Die Gemischte Kommission hat sich mit der Klage Dr. Perls bereits wiederholt beschäftigt und das Urteil der Kommission in dieser Angelegenheit steht noch aus. Perl erhielt nun aus Berlin die Nachricht, daß die deutschen Behörden gegen seine Rückkehr nach Beuthen nichts mehr einzuwenden hätten. Perl will jedoch vor seiner Rückkehr noch das Urteil der Gemischten Kommission abwarten. Amtlicher Judenboyhott Der „Deutsche Mittelstand“, offizielles Mitteilungsblatt der amtlichen Berufsvertretungen des gewerblichen Mittelstandes im rhein-mainischen Wirtschaftsgebiet, veröffentlicht in Nr. 13 vom Juli 1934 eine u mfangreiche Liste unter der Überschrift: „Jüdische Firmen im Bereiche der Ortsgruppe Altstadt Frankfurt a. M.“ Neben den Namen und Anschriften von Firmen werden auch die von Ärzten und Rechtsanwälten mitgeteilt. Juden in Kisstnger Badern unerwünscht Wie der „Frankfurter Zeitung“ aus Kissingen mitgeteiit wird, ist dort kürzlich durch Anschlag bekanntgegeben worden, daß der Besuch des städtischen Schwimm-, Luft- und Sonnenbades durch Juden nicht erwünscht ist. Die am Hakenkreuz verdienen Die nationalsozialistische Presse Bayerns mit dem „Stürmer“ an der Spitze brachte die triumphierende Meldung, daß der „letzte Hopfenjude“ den mittelfränkischen Kreis Hersbruck verlassen habe und daß die Hopfenbauern befreit seien. Wie es um die Hopfenbauern steht, darüber schreibt die Straßburger „La Republique“: „Und die befreiten Hopfenbauern? Sie sind unter die Miesmacher, Nörgler, Stänkerer und Kritikaster gegangen, denn sie sind über die Ausschaltung des freien Handels höchst unzufrieden. Die genossenschaftliche Organisation von 14 Sireicheranhängern hat fünf jüdische Hopfenhändler ausgeschaltet und hat einen vorher nie erreichten hohen Preis festgesetzt. Davon aber erhielt der Bauer nur 25 Prozent bar ausbezahlt, der Rest wurde ihm bei den Darlehenskassen gutgeschrieben und von diesen 75 Prozent ist ihm bis zur Stunde kein Pfennig ausbezahlt worden, denn die Kassenbeamten wollen auch leben und obendrein dienen die Kassenfonds den Zwecken, der Parteileitung. Auch Düsterberg verhaftet Paris, 13. Juli. „Agence Havae“ berichtet, daß die Nachricht von der Verhaftung des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der Deutschnationalen und des „Stahlhelms“, Oberstleutnant Theodor D ii s t e r b e r g, sich b es tätigt. Über seinen Verbleib konnte man bisher nichts erfahren. Diese Verhaftung kann nur als Racheakt beurteilt werden, da Düsterberg längst «ch vom öffentlichen Leben vollkommen zurückgezogen, alle seine früheren Verbindungen gelöst und ein einsames Leben geführt hat. Düsterberg ist eine tragische Figur des Nachkriegs-Deutschlan.d. Er war Mitbegründer und stellvertretender Bundosführer des auf „arischer“ Grundlage basierenden Bundes der Frontsoldaten „Stahlhelm“, der ihn auch 1931 gegen Hindenburg und Hitler als Präsidentschaftskan didaten aufstellte und einige Millionen Stimmen auf ihn vereinigte. Nicht lange nachher, im Sommer 1932, stellte sich heraus, daß Düsterberg väterlicher- und mütterlicherseits von Juden abstammt, daß sein Großvater väterlicherseits, der ebenfalls Düsterberg hieß, Vorsteher einer Synagogengemeinde in Westdeutschland war, während sein Großvater mütterlicherseits der bekannte ostpreußische Jude Abraham Selig, Teilnehmer an den preußischen Freiheitskriegen, gewesen ist. Düsterberg erklärte damals, selbst keine Ahnung von seiner Abstammung bis dahin gehabt zu haben, und legte alle seine Ämter im Stahlhelm nieder; seine Demission wurde aber unter Hinweis auf seine Verdienste um Deutschland zurückgewiesen. Düsterberg hat nämlich durch die Erstürmung der belgischen Festung Lüttich an der Spitze einer kleinen Schar, den ersten großen Sieg an die deutschen Fahnen geheftet. Erst nach Durchbruch der Hitler-Herrschaft wurde Düsterberg aller seiner öffentlichen Würden entkleidet. Das deutsche Geld in Amerika New York, 12. Juli. Der Schriftsteller Georg Silvester Viereck, der angeblich von den Hohenzollern’ abstammt und sich früher an die Rockschöße jüdischer Persönlichkeiten zu hängen pflegte, sagte vor dem Untersuchungsausschuß des amerikanischen Kongresses aus, Hitler habe ihm gesagt: „Ich verfolge nicht die Juden, die Juden verfolgen mich.“ Viereck mußte zugeben, daß er vom deutschen Generalkonsul Otto K i e p monatlich große Summen für Propaganda in USA, erhalten hat. —M——K*IIT Allgemeine Versicherungsgesellschaft „Phönix** Die Generalversammlung der Gesellschaft fand am 12. Juli d. J. statt* Die Prämieneinnahme pro 1933 erreichte S 53,748.968-64, die Schäden (bezahlte und reservierte) erforderten S 29,522.163*05. Der Reingewinn beträgt S 695.272-91 und wird, nach Zuweisung von S 100.000*— an die Reserve für Pensionsansprüche an die Angestellten und von S 400.000*— an eine neu zu bildende Entwertungsreserve mit S 195.272-91 auf neue Rechnung vorgetragen. ' E Das Begräbnis von Mendel Bellls New York, 11. Juli.. Mehl* als 4000 New Yorker Juden gaben dem verstorbenen Mendel Beiliis, dem unschuldig Angeklagten im Kiew er Ritualmordprozeß von 1913, das letzte Geleit. Die religiöse Tranerzeremonie fand in der Eastside Synagogue statt. KINOPROCRAMME DER WOCHE mmmmmmmmmmmmmmmmmmmammmmmmnmnm LeopoldstOdter Volkskino Tel cfoh on** H f 49-0-23 Dienstag, 17. bis Donnerstag, 10. Juli: Die sturmfreien Herren mit Paul Koinp Täglich 7,6, V«H, 7,10 Uhi ErmUSIgte Sommerprelae In jedes jüdische Haus „Die Stimme'1 SR