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Die Stimme · 1934-07-17 · Heft 370 (17.7.1934) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 370 (17.7.1934)
Date
1934-07-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 370 — 17. Juli 1Ö34 jüdischen Ansprachen hielt, die Polizei übernll eine besondere Order erhielt, darauf zu sehen daß es nicht zu Prog r o in e n komme. Auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellen! Gebiete aber — so fuhr der hohe Staatsfunktionär fort — werde die Regierung die bisherige Linie ihrer Politik gegen die Juden fortsetzen: die Juden werden weiter aus diesen Bereichen systematisch ausgeschaltet werden. Pie Regierung wünscht kein Blutvergießen, welches der antideutschen Propaganda in der Auslandpresse Nahrung geben würde; sie zieht die Methoden stiller Eliminierung vor. Der Arierparagraph wird auch in Zukunft strengstes angewendet werden. So hat denn das Reichspropagandaminsterium unter den sechs besten Büchern des Monats Juli zwei genannt, die das Rassenproblem behandeln. Der Heeresminister hat soeben verfügt, daß auch die im Heer beschäftigten Zivilbeamten und -angestellten ihre und ihrer Frauen arische Abstammung nachweisen müssen. So weit der Staatsfunktionär. Inzwischen nimmt die Angst der terrorisierten Juden in den Provinzstädten große Dimensionen an. Au? Hirschberg, wo sechs jüdische Bürger, unter ihnen eine Frau, erschossen und zahlreiche Juden verhaftet wurden, trifft die Nachricht ein, daß die letzten bisher noch in der Stadt verbliebenen Juden fluchtartig ihre Heime verlassen haben. „'Westdeutscher Beobachter“ berichtet über $ne Ansprache Wolfgang Diewerges im Kölner Institut für Zeitungswissenschaft; Diewerge sagte: Mögen andere Länder den Juden wichtige Stellen anvertrauen — wir tun dies nicht. Wir handeln hierin gemäß dem Willen unseres Führers Adolf Hitler. Zwischen den Extremen Eine Feststellung Das Urteil gegen Stavsky In Jerusalem ist der junge Jude Abraham Stavsky trotz Beteuerung seiner Unschuld des Morde? an Arlosoroff schuldig erkannt und zumTode verurteilt worden. Der mitbeschuldigte Zwi Rosenblatt, der der eigentlichen Täterschaft angeklagt war, wurde freigesprochen. Es liegt ein Minderheitsvotum des Mitgliedes des Gerichtshofes De Valero vor, in dem es heißt: „Die Indizien sind nicht schlüssig, der Alibibeweis des Angeklagten istals vollkommen gelungen anzusehen. Der widerliche Kampf der Parteien stößt viele und wertvolle Elemente ab. Manche ziehen sich in einen Schmollwinkel zurück und überantworten die zionistische Organisation denjenigen, die immer predigen, Zionismus bedeute eben Kampf. Unter Kampf verstehen die „Kämpfer“ oft ihren eigenen Geltungstrieb, der sich in ewiger Rechthaberei oder in blinder Zerstörungs wut äußert. Die Antipoden dieser Kämpfer um jeden Preis repräsentieren eich in einem merkwürdigen Kostüm. In der einen Hand tragen sie den Ölzweig des Friedens, in der anderen aber das Schwert des Kriegers und eie möchten alle Parteien im Zionismus austilgen. Dann, so meinen sie, würden aus den Parteiwölfen parteilose Unschuldslämmer. Das goldene Zeitalter würde anbrechen und eitel Wonne, Ruhe und Freude würde in der zionistischen Organisation herrschen. Beide, die Parteipäpste mit ihren Nachläufern und die ewigen Friedensschalmeibläser sind im Unrecht. Die Nur-Partei- Zionisten und die Nur-Zionisten sind nicht dazu berufen, den chaotischen Zu9tand der Organisation zu beseitigen. So sicher es ist, daß die ' Nur-Partei-Politiker die Organisation vernichten werden, fällt man ihnen nicht in die Ziigel, so sicher ist es auch, daß die Nur-Zionisten mit ihrer Friedens- Schaumschlägerei, mit ihrer Forderung nach dem Aufhören der Parteien nur das Chaos vergrößern und den Partei-Werwölfen neues Agitationsmaterial liefern würden. Das Aufhören aller Parteien könnte übrigens nur durch die vorherige Bereinigung aller Parteigegensätze erfolgen. Dieses goldene Zeitalter kann bei der ungeheuren Differenzierung menschlichen Denkens und Temperaments leider kaum hereinbrechen. Deswegen ist es ein zwar gut und ehrlich gemeintes, aber aussichtsloses Unterfangen, ein frommer Selbstbetrug, einen Zustand der Parteilosigkeit herbeiführen zu wollen. In unserer auf freiwilliger Mitarbeit beruhenden Organisation kann es weder eine gewalttätige, noch eine gewaltlose Gleichmacherei geben. Wäre sie aber möglich, dann hätte sie nur den Effekt, daß sich als Reaktion eine neue Parteienbildung einstellen würde und der alte, beklagenswerte Zustand wäre wieder da. Außerdem bilden jene Nur-Zionisten, die sich a.us Widerwillen gegen jede Parteipolitik in eigenen Gruppen zusammensohließen, schon die Keimzelle einer neuen Partei, der Partei der Parteilosen. Das kann nicht der Weg zur Entwirrung sein. Gleichwohl muß der ethische Wert der Parolen der Nur-Zionisten anerkannt werden, wenn auch ihre Taktik nicht zum Ziele führen kann. Wie überall, wird auch hier der goldene Mittelweg beschritten werden müssen. Man muß sich einmal damit abfinden, daß Fragen der Taktik, des Tempos und der Weltanschauung notwendigerweise die Differenzierungen in Parteien mit sich bringen. Der Kampf gegen die Nur-Partei- Politiker muß anders geführt werden. Die Nur-Zionisten sollen und dürfen nicht aufhören zur Mäßigung und zur Vernunft zu mahnen. Das müssen auch verantwortliche Parteipolitiker tun. Alles gute Zureden wird aber nichts nützen, wenn in der Zionistischen Weltorganisation Politiker ungestraft herumtrampeln dürfen, wie Elefanten im Porzellanladen. Während aber dort nur Porzellan zertrampelt wird, wird bei uns der ohnehin aus tausend Wunden blutende Leib des jüdischen Volkes zertrampelt. Die Erziehungsarbeit, die hier geleistet werden muß, ist übermenschlich. Sie muß aber geleistet werden und die Arbeit muß beim Statut unserer Organisation angesetzt werden. Darüber soll demnächst einiges gesagt werden. Wenn wir die Organisation reformieren und wie unseren Augapfel hüten werden, dann werden die neuen Paragraphen nicht tote Buchstaben bleiben, sondern mithelfen, die Organisation wieder aufzurichten. Repräsentanz der polnischen ludenheit nicht zustande gekommen Richter hat auch den Freispruch Stavskys beantragt. Die Oberrabbiner Palästinas, Abraham K o o k und Jakob M e i r an der Spitze und mit ihnen die angesehensten palästinensischen Rabbiner und Bürger haben einen Aufruf erlassen, in dem sie ihrer heiligen Überzeugung Ausdruck geben daß Abraham Stavsky an dem Morde gänzlich unbeteiligtist. Sie fordern das ganze jüdische Volk auf, für die Freisprechung Abraham Stavsky einzutreten. Die Unterzeichneten sind von der Unschuld Stavskys tief durchdrungen. Sie hoffen, daß das Apellationsgericht, das in den nächsten Tagen in Jerusalem Zusammentritt-, Recht lind Gerechtigkeit wieder herstellen und einem unschuldigen Menschen Ehre und Freiheit wiedergeben wird! Max Adler, Linz; Dr. Hugo Benedikt, Oberfinanzrat; Ing. Buchbinder, Dr. Jakob Ehrlich, Rat der Stadt Wien; Isak Engelberg, Präsident der jüdischen Studentenschaft; Dr. Heinrich G l ü c k e r; Michael G o u r a r y, Baden; Siegfried G r a u b a r t; Dr Oskar G r ü n b a u m, Präsident des zionistischen Landeskomitees; Dr. Norbert II off mann; Dr. Ignaz Körner; Dr. Isidor K 1 a b e r; Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Kultusgerneindo; Dr. Karl Pollak; Dr. Mendel Rosenberg; Dr.Rothblum; Dr.Dagobert Ribaczewsky; Max Schiffmann; Leopold S i t z m a n n; Dr. Otto Spiegel, Graz, Oberbaurat Robert Stricker; Josef Waltuch; Dr. Wolfgang Weis!; Rudolf Wozasek, Amstetten; Dr. David Bukspann: Dr. Tulo Nuss e n b 1 a 11,; Hauptmann Friedmann; Diploinkaufinann S t i a ß n y, Rabbiner Friedmann. Warschau, 13. Juli. Im Hause der Warschauer Jüdischen Gemeinde hat in den letzten Dieser | Tagen eine Beratung polnisch-jüdischer Führer stattgefunden, deren Ziel es war, eine autoritative Repräsentanz der gesamten polnischen Judenheit zur Vertretung der jüdischen Interessen in Polen in dieser Zeit jüdischer Not zu schaffen. Einberufen wurde die Konferenz durch eine in der Zeit der schlifnmsten antijüdischen Ausschreitungen der jetzt vorbotenen Radikal-Nationalen geschaffenen „Vierer-Kommission“. In der Beratung haben die Sprecher aller jüdischen Gruppen in Polen in Erklärungen die Notwendigkeit der Schaffung einer gesamtjüdischen Repräsentanz im Hinblick auf die ungewisse und bedrohliche Lage der polnischen Juden betont. Ein Teil der Redner wies darauf hin, daß nicht allein die wirtschaftlichen Positionen, Bondern auch die elementarsten Bürgerrechte der polnischen Juden bedroht sind und daß man durchaus nicht sicher sein könne, ob sich nicht die traurigen Ereignisse der jüngsten Zeit wiederholen werden. Die Vertreter der Agudas Jisroel, des Misrachi, der Volkspartei, der Revisionisten, der Judenstaatspartei und der wirtschaftlichen Verbände erklärten ihr bedingungsloses Eintreten in die Repräsentanz. Der Sprecher des Zionistischen Zentralkomitees^ erklärte, daß die Zionisten als Voraussetzung für ihren Eintritt in die geplante jüdische Repräsentanz die Bedingung stellen, daß dieser Repräsentanz nur diejenigen Parteien angehören sollen, die nicht an außerjüdische Faktoren gebunden sind. Der Redner machte es klar, daß er eine Mitbeteiligung der Agudas Jisroel ablehnen würde, da die auf das Programm der Agudah gewählten Sojm-Deputierten sich der Regierungsfront angeschlossen haben und schon aus diesem Grunde in ihrer Handlungsfreiheit beschränkt sind, würden sie lähmend auf die Aktionen der gesamtjüdischen Repräsentanz wirken. Der Redner appellierte an die anwesenden Agudah-Vertreter, sich von der Vormundschaft des Regierungsblocks zu befreien, um den Weg für die Schaffung einer gesamtjüdischen Repräsentanz zu ebnen. Der Sprecher der Agudah erwiderte in einer feierlichen Erklärung, die Agudas Jisroel war nie und ist auch jetzt nicht fremden Einflüssen unterworfen. Die Agudah sei nicht gewillt, ihre Abgeordneten aus dem regierungstreuen Klub zurückzuziehen. Die Sprecher der oppositionellen zionistischen Gruppen (Revisionisten und Judenstaatspartei) versuchten in ihren Reden, die Agudah dahin zu beeinflussen, sich einer jüdischen Repräsentanz, der die offiziellen Zionisten nicht angehören sollen, anzuschließen. Die Agudah-Vertreter erklärten aber, daß eine jüdische Repräsentanz ohne die Zionisten eine ungenügende Basis haben und ohne Einfluß und Wirkung bleiben würde. Die Bemühungen zur Schaffung einer Repräsentanz der polnischen Juden wurden vorläufig aufgegeben. Zionisten, Agudah und Volkspartei lehnten es ab, Vertreter in eine von den übrigen Gruppen geschaffene Kommission zur Fortführung dieser Bemühungen zu entsenden. Bräute gehen zu Ihren Verlobten Warschau, 15. Juli. Auf Grund des Bescheides der Palästinaregierung, daß bis zu einer gewissen Zahl Palätinaeinwohner ihre im Auslande lebenden Bräute uhgeachtet der geltenden Einwanderungsbestimmungen nach Palästina bringen können, hat das Paläsbinaamt in Warschau die erste Gruppe von 22 Bräuten, die sich zu ihren Verlobten nach Palästina begeben, abgefertigt. Die Bräute schlossen untereinander Bekanntschaft und kamen überein, eine kollektive Hochzeit in Palästina zu feiern. In der vorletzten Nummer der „Neuen Welt“ sind noch vor Beendigung eingeleiteter Verhandlungen zwischen den Parteien Angriffe auf das Palästinaamt und die Allgemeinen Zionisten wegen der letzten Zertiflkatverteilung enthalten. Der interimistische Leiter des Palästinaamtes, Herr Dr. Rothenberg, dessen Objektivität ständig von sämtlichen Gruppen, also auch von der Judenstaatspartei und von den Revisionisten hervorgehoben wird, teilt uns über Befragen folgendes mit: Die Meldung der „Neuen Welt“, daß 25 Arbeitereinwanderungszertifikate verteilt wurden, ist unrichtig und irreführend. Die Exekutive unterscheidet genau zwischen Arbeiterzertiükaten und chaluzischcn Zertifikaten. Die Arbeiterzertifikate sind für qualifizierte und nichtqualifizierte Arbeiter bestimmt, während die chaluzischen Zertifikate ausschließlich für solche Angehörige der chaluzischen Verbände gehören, die eine bestimmte Dauer von Hachsoharah absolviert haben müssen. Die diesbezüglichen Verfügungen der Exekutive sind bindend, da sie sowohl auf Kongreßbesolilüssen, als auf Aktionskomitcebesohlüssen beruhen. Bezüglich, der Arbeitereinwanderungszertifikate besteht keine Beschwerde der Judenstaatspartei. Der Vertreter der Judenstaatspartei hat im Gegenteil bei einer kürzlich stattgefundenen Besprechung in Gegenwart der Vertreter sämtlicher Parteien und führender Zionisten die Erklärung abgegeben, daß er bezüglich der Zuteilung von Arbeitereinwanderungszertifikaten sich nicht beschwert erachte. Die 25 Zertifikate, auf welche sich die .Neue Welt“ bezieht, sind chaluzische Zertifikate, und ihre Verteilung erfolgte analog den wiederholt vorangegangenen Verteilungen derartiger Zertifikate. Die Revisionisten haben sowohl auf Grund ihrer ITachscharahverhältnisse als aueh auf Grund des bekannten Urteiles des Kongreßgerichtes überhaupt keinen Anspruch auf Zuteilung chaluzischer Zertifikate. Es ist sicher ein. Beweis großer Friedensliebe bei den Allgemeinen Zionsten, daß sie es durchgesetzt haben, daß auch die Revisionisten trotzdem ein Zertifikat erhalten haben. Im übrigen ist eine Überprüfung der von den einzelnen Gruppen angegebenen Hachseharahplätze in Vorbereitung und der Leiter des Palästinaamtes hat ausdrücklich und wiederholt die Gutmachung eines allfällig geschehenen Unrechtes in Aussicht gestellt, wozu aber erst die Zählung der auf Hachscharah befindlichen Chaluzim der einzelnen Gruppen die Grundlage bieten kann. Nach Kenntnis der ganzen Materie könnte die Überprüfung bestenfalls ein Zertifikat mehr für eine Gruppe ergeben, was sicher ln einem argen Mißverhältnis zur Aufmachung des bezogenen Artikels der „Neuen yVelt“ steht. Wir erachten ee als notwendig, unseren Lesern diese Erklärung des Leiters des Palästinaamtes zu übermitteln. Wenn es eine Gruppe gibt, die bei der letzten Zertifikatverteilung benachteiligt wurde, was übrigens auch nach dem letzten Kongreß durch eine zu geringe Zuteilung von Sitzen im Palästinaamte geschah, so sind es die Allgemeinen Zionisten. Die Allgemeinen Zionisten im Palästinaamt als die Vertreter der stärksten zionistischen Organisation in Österreich werden trotzdem weiter in objektiver Weise an den Abstimmungen des Palästinaamtes teilnehmen. Sie haben keine gebundene Marschroute und mit niemandem einen Pakt geschlossen. Gerade dadurch sind sie in der Lage, auf eine objektive Verteilung der Zertifikate Einfluß zu nehmen. Es ist eine Unterstellung, dio Allgemeinen Zionisten als Klassenkämpfer und Gegner der nationalen Solidarität zu bezeichnen. Trotz dieser bedauerlichen Allgriffe werden dio Allgemeinen Zionisten unentwegt fortfahren, für don Frieden zwischen den' einzelnen Gruppen und insbesondere für dio Wiederherstellung des nicht von ihnen gestörten Friedens im Palilstinaamt zu wirken.

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