Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 368 (10.7.1934)
- Date
- 1934-07-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 368 - 10. Jaii 1934 DIE STIMME Seite S LtteMdut-Btaii GEIST UND BLUT - -. BEMERKUNGEN ZU EINEM BUCH») n fiiasss VON DR. RICHARD POKORNY Wieder ist ein neues Buch über Rasse und Volkstum erschienen. Der Verfasser ist der bekannte Professor der menschlichen Urgeschichte an der Wiener Universität, Dr. Oswald M e n g h i n. Das Buch ist populär geschrieben. Sein Ausgang und Grundgedanke ist die Abkehr von materialistisch-naturwissenschaftlicher Denkweise und Methode auf dem Gebiete seiner Wissenschaft. Geschichte und Geschichtswissenschaften werden wieder als Geisteswissenschaften aufgefaßt, im schroffen Gegensatz zu den Naturwissenschaften. Auch die Rassenwissenschaft, die an sich eine naturwissenschaftliche Disziplin ist, wird zur Geisteswissenschaft erklärt, da auf das Werden und die Gestaltung der Rassen auch geistige Faktoren Einfluß haben. Den Zweifel, ob es Rassen gibt, will Mcnghin durch den Hinweis auf den unbestreitbaren Bestand der ausgestorbenen Primitivrassen (Neandertaler usw.) widerlegen. Er übersieht dabei allerdings, daß der homo primigenius nicht in dem gleichen Sinne als Rasse angesprochen werden darf wie die heute sogenannten lebenden Menschenrassen, und daß der naturwissenschaftliche Begriff „Rasse“ nicht hier wie dort vorhanden ist. Vielleicht ist die Verwendung des gleichen Ausdruckes für so verschiedene Tatbestände irreführend und mißbräuchlich. Der Verfasser gibt zu, daß die Abgrenzung der Rassen in der Wirklichkeit fast unmöglich und daß Rasse ein erkenntnistheoretischer Begriff ist (Seite 43). Er betont das geistige Moment der. Rasse, entschuldigt aber ausdrücklich alle, die den Kult des materialistischen Rassenbegriffes mit allen seinen (heute allzu unmittelbar bekanntgewordenen) Auswirkungen auf die Fahne geschrieben haben (Seite 53), weil sie eigentlich (!) das „Volkstum“ meinen. Kultur ist nach Menghin das Ergebnis der geistigen Betätigung des Menschen, objektivierter, stoffgebundener Geist (Seite 68); sie ist nach ihrem Wesen in Entwicklung (im Sinne der Umgestaltung, nicht des Fortschrittes) begriffen (Seite 69). Es gibt nur eine Kultur, nur einen Menschengeist (Seite 69). Eigene Kapitel widmet der Autor der Religion, die schon in der ältesten Steinzeit nachweisbar war (Seite 83), und den ältesten Bauernkulturen als wesentliche Grundlage der modernen Kultur (Seite 126). Das Schlußkapitel bespricht die „wissenschaftlichen Grundlagen der Judenfrage“. Die Juden seien keine Sprachgemeinschaft (hebräisch kennt der Autor nur als die Kultsprache der Diaspora und jiddisch sei nur beschränkt verbreitet). Rassisch seien die Juden ein Gemenge aus zwei europäiden und vielen anderen Rasseu, aber ein spezifisches, gleichwohl nicht homogenes Rassengemenge, in dem die orientalische und vorderasiatische Rasse vorwiege (Seite 151). Er konstatiert, daß die Völker Europas von Norden nach Süden den Juden ähnlicher worden und ihnen daher weniger fremd gegentiberstehen. Das Fremdempflnden sei eben eine Eigenart des Volkes, unter dem die Juden leben, es gelte in seinem Bereiche und sei mit seiner Eigenart verknüpft. (Unerklärt bleibt dabei, daß gerade die nördlichsten Europäer, die der nordischen Rasse am nächsten, daher den Juden am fernsten sind, wie die Norweger, Schweden, Briten, Holländer, den Juden freundlloh gegenüberstehen, umgekehrt aber die Magyaren zum Beispiel besonders feindlich. Und wie stellt sic!) Menghins Erklärungsversuch zu dem Judenhaß der semitischen Arabor Palästinas? Weiß er davon nichts und scheint ihm dies nicht ein Beweis dafür zu sein, wie *) Oswald Menghin: Geist und Blut. Grundsätzliches um Rasse, Sprache, Kultur und Volkstum, ffiien 1934. wenig der Judenhaß rassisch, ideell, und wie sehr er wirtschaftlich, politisch, materiell fundiert ist?) Menghins Buch ist ein an sich sicherlich wohlgemeinter Versuch, sich mit den Fragen der Jetztzeit, namentlich mit, der Rassen- und Judenfrage auseinanderzusetzen. Dabei wird aber an vielen Stellen offenbar, wie wenig bei solchen Problemen der überlegende Verstand gegenüber bewußter Voreingenommenheit vermag. Menghin kann sich der Gewalt des Einflusses der jetzt propagierten Glaubenssätze nicht entziehen. Er folgt diesem Impulse wie mit verbundenen Augen und ist sichtlich froh, wenn seine Meditationen zu einer Folgerung führen, die er, trotz vermeintlicher (subjektiv sicherlich ehrlicher) Objektivität, so sehr zu finden gewünscht hat. Es ist fast drollig, wie er ein Wort („Rasse“) für den Begriff nimmt und sich gewissermaßen durch Homogene beruhigt. Er macht Unterschiede zwischen objektiver und subjektiver Wahrheit, läßt sie aber beide nebeneinander bestehen. So anerkennt er trotz ausdrücklicher Verwahrung dagegen, ebenso ausdrücklich die Möglichkeit der Wertung der Rassen. Er stellt fest, daß die Voraussetzung einer vernünftigen Rassenwertung noch fehlt (Seite 139 und 93), erklärt aber gleichwohl, daß subjektive Wertung (natürlich auch auf diesem Gebiet) Menschenpflicht sei (Seite 93). Mit anderen Worten und ohne die vornehme Zurückhaltung des Autors, gerade herausgesagt: Wir können zwar nicht sagen, daß und warum die Juden rafesisch wertloser sind als andere Rassen, wir wissen nicht einmal, wie wir Rassenveranlagungen fesfcstellen können (Seite 139). Aber trotzdem ist es Menschenpflicht, die Juden als inferior zu werten und zu behandeln. Und wenn das andere Völker nicht ebenso tun, so ist das eben ihre Eigenheit und nicht unsere, daher für uns nicht maßgebend! * Ira einzelnen seien einige Stellen bervorgehoben, an denen der Verfasser allzu deutlich den Begriff und Tatsachen seiner Endauffassung zuliebe vermischt und verwechselt. Seite 34 f.: Da physische Eigenschaften gewollt erworben werden können, also psychische Faktoren die Vererbung beeinflussen, beginnt nach Menghin hier in der Rassenfrage die Geistesgeschichte. Zunächst aber ist die gewollte psychische Influenz noch lange nicht erwiesen, sondern im Gegenteil bestritten; noch mehr die Handlungsfreiheit (Lenz). Aber wäre es auch so, wie Menghin meint, so würde das nur dagegen sprechen, die Wissenschaften in grundsätzlich verschiedene Gebiete zu trennen; vielmehr müßte man daraus eher die Einheit auch der Methoden erschließen. Übrigens ist die „gewollte Erwerbung physicher Eigenschaften“, soweit sie Erbmasse sind, doch, wenn Überhaupt, nur sehr indirekt auf psychischem Wege (Rasseneugenik) möglich. S e i t e 40 f.: Hier wird der Rassenbegriff an sich verteidigt, seine tatsächliche Existenz, also das einzig wichtige, aber selbst nur mit sehr großen Vorbehalten angenommen. Es genügt Menghin, daß der theoretische Begriff gelten soll. Damit ist ihm (metaphorisch) auch die Tatsache selbst gegeben! Übrigens ist, wie schon gesagt, dio „Rasse“ „homo primigenius“ begrifflich nicht das gleiche, wie zum Beispiel dio „Rasse“ „nordischer Mensch“. Hier liegen verschiedene naturwissenschaftliche Begriffe vor, dio mißbräuchlich mit einem Wort bezeichnet werden. Seite 42: Rasse ist ein erkenntnistheoretischer Ililfsbegriff. Ihre Leugnung wird rein spekulativ damit widerlegt, daß die erkenntnistheoretische Notwendigkeit einer ganz anderen Bcgriffsbildung behauptet wird. (Der kühne Gedankensprung: Ist das eine falsch, dann ist ein anderes richtig.) Es wird also auf keineswegs einleuchtende Art der Rassenbegriff als erkenntnistheoretisches oder theoretisches Gebilde behauptet. Stimmt dies, dann dürfte dieser Begriff aber auch nur erkenntnistheoretisch oder theoretisch angewendet werden, keineswegs jedoch faktisch oder gar politisch. Die Verwechslung der Begriffe mit der Sache, der Mißbrauch, der darin liegt, daß mit allen Vorbehalten die Rasse als theoretischer Begriff erkannt, aber einmal erkannt, auch sogleich als Tatsache für erwiesen genommen wird, wird sogar als heuristisches Prinzip verwendet. Aber gerade, daß dies entgegen aller Logik geschieht, macht das Problem zu einem geisteswissenschaftlichen. Und es wird (selbstentschuldigend) gesagt, daß die rein theoretische Feststellung, geistige Eigenschaften der Rassen seien nicht an die körperlichen gebunden und seien veränderlich, auf die praktische Stellungnahme der Rassentheorie keinen Einfluß hat (Seite 50). Damit ist nicht mehr und nicht weniger zugegeben, als daß praktische Rassenpolitik ein Nonsens ist. Gleichwohl wird sogleich gegen Lenz' pessimistische Auffassung polemisiert, das Menschengeschlecht sei nicht zu heben (Seite 51). Zur Entschuldigung ersetzt er den Rassenbegriff der Rassentheorie plötzlich mit Volkstumsgedanken, also mit etwas völlig anderem, das aber nach seiner Ansicht gleichwohl auch die „Rasse“ enthält. Wo also liegt die Grenze der Objekte praktischer Rassentheorie? Ist es Volkstum, Rasse, Sprache, Kultur? Die Tatsache zeigt, daß Kasse, also Körperlich-Biologisches, also das rein M ad e t i a 1 i s t i 8 c h e, praktisch die Hauptrolle hat (Seite 94). „Die Kultur ist nur eine, wie der Menschengeist nur einer ist.“ (Seite 69.) Wo bleibt da Platz für rassisch oder volkstumsmäßige Verschiedenheiten? Seite 76: Eudaemonismus ist nicht logischer Gegensatz zum Materialismus, weil ja Glück die bestmöglichste Entfaltung der individuellen Eigenschaften und Befriedigung der individuellen Bedürfnisse, also geistigor Tatsachen ist. Seite 28: Nach Menghin ist das Volk die „gottgewollte, die Folge der vergangenen, lebenden und zukünftigen Geschlechter umfassende, gewordene, natürliche und kulturelle Gemeinschaft, welche die letzte Einheit innerhalb der Menschheit bildet und durch eine Sprache erkennbar ist.“ Diese Definition enthältdogische Widersprüche. Gottgewollt ist teleologisch, also im Endziel vorgesehen und vorausgeregelt. Abgesehen von der Beweisfrage ist dann das Merkmal „geworden“ der Gegensatz, zumal im Zusammenhang mit „natürlich und kulturell“, weil darunter außergöttliche, nämlich sachliche Komponenten und Einflüsse der an sich absichtslosen Entwicklung,-des „Werden“, verstanden sind. Nimmt man Menghins Definition für Volk an, so entsteht sogleich die Frage, ob die Merkmale, besonders Kultur und Natur, gleichwertig, gleichstark sind oder nicht, ob also znm Beispiel rassenfremde Kultureinflüsse das Volk echt verändern können (dürfen) oder ob Rassenfremde sich kulturell assimilieren können, und ob so oder so das Volkstum bestehen bleibt. Ferner, von welchem Punkte (Zeit) aus die Echtheit eines solchen werdenden Volkstums zu beurteilen ist; wann war, ist es echt? Gottes Plan kennt man ja nicht. Seite 136: Die Labilität und Veränderlichkeit der Rasse wird von Menghin selbst bestätigt. Vom Ghettogeist als Eigenschaft des Judentums gibt er zu, daß er durch Zwang entstanden ist, , ohne jedoch aus dieser Feststellung, die für den Angeklagten günstigen Konsequenzen zu ziehen. Dies unterläßt er auch bei der Feststellung, daß das jüdische Volk Träger eines außerordentlichen Idealismus ist. Das Buch macht ungeheuer traurig. Denn man kann sich der Überzeugung nicht er* wehren, daß der Autor es ehrlich meint. Gleichwohl gesteht er weder sich noch dem Leser, daß seine Schlußfolgerungen von vornherein in ihm feststanden; gleichwohl will er sich und andere glauben machen, daß er durch wissenschaftliche Methoden und durch objektive Überlegungen zu seinem Ergebnis gekommen sei. Daraus sieht man am deutlichsten, wie erschreckend stark die ansteckende Gewalt des Judenhasses ist. Menghin ist sicher nicht Willens und kaum fähig, zu hassen oder überhaupt jemand Unrecht zu tun, und doch kommt er auf den gewundensten Geisteswegen zu demselben Schluß, den andere, weniger gewissenhafte und weniger gedankenbesebwerte Propheten der heutigen Zeit ohne Skrupel und Zweifel verkünden: Die Aufnahme der Juden in das deutsche Volkstum sei als gefährlich abzulehnen. Die Begründung ist nicht eigenartig, denn so oder so ähnlich sprechen und schreiben alle solche Apostel, die Dühringy Cliamberlain und andere. Sie ist der übliche Kreislauf: Weil wir die Juden hassen, sind sie das Ghettovolk geworden. Weil sie das Gliettovolk sind, hassen und verfolgen wir sie. — Daß die Juden, das geborene Krämer-, Talmud-, Wuchervolk, seit jeher die idealistischen Bestrebungen sozialer Art mit ihrem Blut unterstützen (Fischhof und Trotzky usw.), gilt nicht. Daß sie in der unglaublich kurzen Zeit der Öffnung Palästinas dort ein gesundes, freies und frohes Bauerntum auf höchster kultureller. Grundlage schufen, aus der toten Kultsprache Hebräisch eine lebende, wachsende Sprache machten, das gilt nicht, das weiß der Kritiker vielleicht nicht. — Der Jude ist Ghetto. — Sapienti satl Marie Curie gestorben Paris, 4. Juli. Frau Marie Curie, die gemeinsam mit ihrem Gatten Pierre im Jahre 1898 dio radiumaktiven Elemente Radium und Polonium entdeckt hat, ist heute gegen 4 Uhr. früh im Alter von 67 Jahren in Valence gestorben. Zusammen mit ihrem Gatten wurde ihr 1903 der Nobel-Preis für Chemie zugesprochen. Nach dem Tode Pierre Curies wurde Marie Professorin der Faculte des Sciences der Sorbonne und Vorsteherin des dortigen Radium-Insituts, das den Mittelpunkt der Radio-Therapie in Frankreich bildet. 1910 wurde ihr von der englischen Royal Society die . Albert-Medaille verliehen, 1911 wurde sie zum zweitenmal mit dem Nobel-Preis für Chemie bedacht, als sie ihre Forschungen in dem grundlegenden, in alle Weltsprachen übersetzten Werk „Die Radioaktivität“ zusammenfaßte. — Marie Curie, 1867 in Warschau geboren, war jüdischer Abstammung. Sie kam mittellos nach Paris und nahm dort die Stellung als Laboratoriumsdienerin an der Sorbonne an, gleichzeitig studierte sie Mathematik und Physik und wurde Assistentin von Pierre Curie, der sie später heiratete. Prof« Saivatore Ottolenghi gestorben Der hervorragende jüdische Gelehrte. Prof. Saivatore Ottolenghi, der Begründer der anthropologisch-biologischen Bewegung in der Kriminalogie, ist in Rom 78jährig gestorben. Er war seinerzeit Assistent Lombrosos, der ebenfalls Jude war. Prof. Ottolenghi leitete Lehrstühle in Siena und in Rom und begründete 1902 in Rom dio erste Hochschule für Kriminologie, die er bis zu seinem Tode führte. Er veröffentlichte zahlreiche grundlegende Arbeiten aus seinem Forschungsgebiete und vertrat Italien stets auf den internationalen Kongressen der Kriminalisten. .111 mmm»g Wichtig für Polenreisende. Wir machen unsere geehrten Leser auf die Gelegenheit einer besonders billigen Fahrt nach Polen, veranstaltet vom Polnischen Verkehrsbüro „Francopol“, besonders aufmerksam. (Siehe Inserat.)