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Die Stimme · 1934-07-10 · Heft 368 (10.7.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 368 (10.7.1934)
Date
1934-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Kr. 368 — 10. Juli 1934 DIE STIMME 8ette 8 Der Sokrates von Tel-Aviv (Geschrieben 1933) Chaim Nachmann Bialik, der größte lebende hebräische Dichter, und seine Frau mögen mir entschuldigen, trenn ich ihn als Sokrates bezeichne. Bialiks Verzeihung habe ich nötig, weil sein Antlitz nicht häßlich ist wie das des Weisen von Athen, und Frau Bialiks, weil durch den Vergleich Sokrates — Bialik auch nicht die Spur binar Anspielung gemacht werden soll, Bialiks Frau ähnelte Im Wesen der sprichwörtlich gewordenen Quälerin von Sakrales. Sonst aber bleibe ich beim Vergleich Sokrates — Bialik. Abgesehen natürlich, daß Sokrates ein trinkfester Kumpan war, und Bialiks Rauschmittel nicht Wein, sondern die Liebe zu allem irt, was da kreucht und fleucht. Wenn man spät nachts durch irgend eine Seitengasse von Tel-Aviv eilig seiner Wohnung zustrebt, so kann man oft unvermutet eine Gruppe, von Menschen treffen, die einen Mann, umstehen. Dieser Mann ist Chaim Nachmann Bialik. Tritt man näher, so hört man des Dichters Stimme, der aus dem unerschöpflichen Vorrat seines Wollens und Wissens und seiner Gedanken der Umgebung etwas schenkt. Es sind die seltsamsten Probleme, die Bialik behandelt. Ewige Fragen und kleine Alltagssorgen; Erinnerungen aus Rußland und Themen aus dem Werden Palästinas. Und mit welcher Liebe doziert der ■poeta laureatus! Kein Mensch erscheint ihm unwichtig. Der jüngste Chaluz, der älteste Chalukajude sind ihm gleicherweise würdig, belehrt zu werden. Bialik ist nur selten in den feinen Lokalen zu treffen. Man sieht ihn vielmehr in den kleinen Kaffeehäusern und Milchhallen, wo die an Geldmitteln Ärmsten ihren Stammsitz haben. Mit seinen klugen Augen und dem ausdruckvollen Gesicht sitzt der sprachgewaltlge Seher der jüdischen Renaissance inmitten von Arbeitern, Handwerkern und jungen Lernbeflissenen. Manchmal aber lehrt er peripathetisch. Eine wandernde Akademie! Wer Sinn für Ewiges hat, dem erscheint der langsam schreitende Chaim Nachmann Blalik inmitten seiner Schüler wichtiger und größer als alles, was man in dem rauschenden, wachsenden Tel-Aviv zu erleben vermag. Denn wichtiger als alle Geschäfte Athens, waren die Diskussionen des Sokrates mit Kreti und Pleti. Diese Diskussionen haben nämlich ein Weltbild geformt für die Generationen vieler Jahrtausende. Moses Waldmann. Hergis 30* Todestag in Patüstina Jerusalem, 5. Juli. Sämtliche palästinensischen Zeitungen gaben zu Herzls 30. Todestag am 3. Juli Herzl- Gedenknummern heraus. Massen-Gedenkkunclgebungen finden in allen Orten statt. Über dem Hause des Jüdischen Nationalfonds in Jerusalem ist in elektrisch beleuchteten Riesenlettern Herzls Spruch angebracht: „W enn Ihr wollt, ist es kein Märche n.“ Die Gattin des englischen Außenministers für Theodor Herzls Zionismus London, 8. Juli. Bei einer in London abgehaltenen Herzl- Gedenkfeier hielt Lady Simon, die Gattin dos englischen Außonministers, eine eindrucksvolle Ansprache, in der sie an die Juden den Appell richtete, den von Herzl vorgozeiehnetn Weg zu gehen. Lady Simon bekannte sich als glühende Bewunderin der zionistischen Auffassung: „Wäre ich nicht eine bejahrte irische Frau“, rief Lady Simon, „sondern eine junge Jüdin, dann würde ich mich mitten in den Kampf um die Schaffung oiner mächtigen zionistischen Bewegung stellen. Wenn ich noch auf Juden stoße, die Gegner des Zionismus sind, dann erscheint mir dies als Schande. Ich sage Ihnen: Buch mag es hier gut gehen, aber warum kümmert ihr euch nicht um die Menschen eures Stammes, denen es anderwärts schlecht geht? Als gute Taktikerin wünsche ich, auch ihr wäret taktisch und vergäßet nicht, daß das alte Stnmmosbewußtsein aus der Welt nicht verschwunden ist, vergäßet dies nicht auch in eurem bohagliohen Heim. Der Zionismus bedeutet: Rettung für tausende Juden überall auf der Wolf. Mein Rat für ouoh ißt der: Folget den Spuren Theodor Herzls!“ Die gesamte jtidisdieWelt trauert um Chaim Nadiman Biallk Wien, 9. Juli. Am Freitag, den 6. Juli, 8 Uhr früh, wurde an der Leiche Bialiks, die von Dozent Bauer einbalsamiert worden ist, die Tahara (rituelle Waschung) vorgeliommen. Die Gebete wurden von den angesehensten Mitgliedern der Gemeinde gesprochen. Die Ehrenwache übernahm die ITistadrufch Iwrith, mit Dr. Rot tibi um an der Spitze, dio später von den Mitgliedern aller in Wien vertretenen jüdisch-akademischen Verbindungen sowie der zionistischen Organisationen abgelöst wurde. Bialiks letzte Stunden Über die letzten Stunden Bialiks hört man auch heute, daß er sie in guter Stimmung verbracht hat. Anwesend waren in den allerletzten Minuten jedoch neben der Gattin Bialiks bloß die Pflegeschwester, der Arzt des Sanatoriums Dr. Besen und Professor Dr. Baue r, die dem Sterbenden noch eine Kampferinjektion machten. Etwa eine Minute nach dem Eintritt des Tode« ist Dr. Rothblum erschienen, der seinem verklärten Freunde die vom Todeskampfe verkrümmten Finger wieder gerade richtete und mit Hilfe des Arztes den Körper in eine normale Lage brachte. Es erschienen bald darauf das Präsidium der Kultusgemeinde mit allen Rabbinern, die von Rothblum telephonisch verständigt waren, sowie zahlreiche andere Persönlichkeiten des Wiener Judentums. „Meto Herz4* — die letzten Werte des Dichters Die allerletzten Worte Bialiks, bevor er für immer verstummte, waren der Ausruf: „Mein Herz!“, als er plötzlich von der Embolie überrascht wurde und in wenigen Minuten verschied. Man erfuhrt jedoch nachträglich, daß der Dichter nicht frei von Todesahnungen war, die er seiner Frau gegenüber wohl zu unterdrücken verstand, der Pflegeschwester aber, die ihn vierzehn Tage lang betreute, unverhohlen äußerte. Auch seinem Freunde Dr. Rothblum gegenüber hat er vor der Operation gesagt: „II istallelu ba’adi we’imru Teh i 1 i m!“ (Betet für mich und sprechet Psalmen). Als die Operation vorüber und, wie die Ärzte erklärten, in vollem Maße gelungen war, hatte sich auch die Stimmung des Patienten gebessert. Er hatte jedoch immer Die Nachricht vom Ableben Bialiks hat bereits die entferntesten Punkte jüdischer Siedlung und jüdischen Kulturlebens erreicht und überall tiefste Trauer hervorgerufen. Von überall her laufen bei der Witwe Bialiks Beileidstelegramme ein. Das erste Beileidstelegramm kam von der Hebräischen Universität in Jerusalem, das zweite war das des Tel-Aviver Bürgermeisters Dizengoff. Unter den zahllosen Telegrammen, die bei der Witwe einlaufen, sind hervorzuheben die von der Histadruth Haowdim, vom Verband der jüdischen Landwirte Palästinas, von den Exekutiven der Jewish Agency in Jerusalem und in London und dem Verband der hobräischen Schriftsteller in Tel-Aviv. ln Wiens Trauersitzung der Kultusgemeinde Präsidium und Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde hielten unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Dr. Löwenherz eine Trauersitzung ab, der der hebräische Schriftsteller Dr. David Rothblum und andere Bialik nahe gestandene Persönlichkeiten beiwohnten. ln Deutschlands Berlin, 8. juii Die Zionistische Vereinigung für Deutschland erläßt zum Tode Oh. N. Bialiks eine Trauerkundgelmng, in der es unter anderem heißt: „Uns Zionisten war er besonders nahe. Er war ein Mitkämpfer, der seine IVen auf dem Feldo des Geisteß vollbrachte. Sein Andenken wird im jüdischen Volk umuislöschlioh bleiben. Sein Name wird mit den Nanion unserer größten Führer in einer Reihe stehen.“ wiedor Stunden ernsten Zweifels an seine Wiedergenesung, und am vergangenen Dienstag, einen Tag vor seinem Ableben, sagte er in tiefer Depression zu seinem Freunde Dr. Rothblum: „L o etrape!“ (Ich werde nicht wieder geheilt). Tags darauf war er wieder sehr munter und hatte an der Lektüre der eben eingelangten palästinensischen Zeitungen viel Freude. Oberrabiner Dr. Feuchtwang, der am Abend, nachdem die Katastrophe eingetreten war, mit allen anderen Rabbinern an das Totenbett geeilt war, fand den Gesiohtsausdruck des Dahingeschiedenen verklärt und ruhig. Dr. Feuchtwang, der Bialik geistig nahegestanden war, war so erschüttert, daß er in Gegenwart der Witwe und aller Umstehenden in Weinen ausbrach. Herr Max D e 1 f i n g e r, der Bialik anläßlich der Operation liebevollste Aufmerksamkeit gewidmet hatte, erklärte: „Ich war zugegen, wie Bialik sich mit Professor Wenckebach über die Frage der Operation beriet. Er selbst war gegen die Operation. Er sagte, wer die magischen Kräfte jedes einzelnen Körperteilchens kennt, weiß, wie groß dio Gefahr einer Operation unter allen Umständen ist. Jedes Körperteilchen habe seine Bestimmung und jeds Teilchen werde im menschlichen Leben gebraucht. Alle medizinischen Autoritäten hingegen waren für die Operation und Professor Wenckebach konnte dem Dichter sogar mitteilen, daß er selbst nach einer ähnlichen Operation sich so erfrischt fühlte, daß er ein Buch innerhalb sechs Wochen geschrieben habe, das er früher in zwei Jahren nicht fertigstellen konnte. Die Operation ist auch nach der Aussage aller Ärzte in einer Weise gelungen, wie man es nur selten in solchen Fällen erlebt. Dennoch hatten die Todesahnungen Bialik nicht getrogen .. In Englands London, 8. Juli. Dr. Selig B r o d e t s k y hat im Namen der Zionistischen Exekutive an die Witwe Bialiks eine Kundgebung gesandt, in der der tiefen Trauer über den plötzlichen Hingang des großen nationalen Dichters und Künders der hebräischen Renaissance Ausdruck gegeben wird. Bialiks Name, heißt es zum Schluß, wird in der Geschichte als ein Symbol des prophetischen Geistes Israels fortleben. Die Zionistische Föderation für Großbritannien und Irland hielt am Mittwoch abends in der Shoreditoh Town Hall eine Trauerfeier für Bialik ab, in der Dr; Chaim Weixmann den Vorsitz führte. Die Kundgebung, die überfüllt war, gestaltete sich zu einer Manifestation des tiefsten Schmerzes der englischen Judenheit über den Hingang des großen Dichters. Ein Tag nationaler Trauer in Palästina Jerusalem, 8. Juli. Der 5. Juli war ein Tag nationaler Trauer in ganz Palästina. Alle jüdischen Institutionen und die Schulen ln Stadt und Land waren zum Zeichen der Tra/uer um Bialik geschlossen. Von allen öffentlichen jüdischen Gebäuden und zahlreichen Privathäusern wehen Trauerfahnen. Beim Bürgermeister von Tel-Aviv langten aus allen Teilen der Welt Trauerbotschaften ein. Im Hause der Jewish Agency in Jerusalem fand eine Bialik-Trauerfeier statt, auf der der älteste Freund Bialiks, Dr. Sohmarja L e v i n, die Trauerrcdo hielt. Wegen der ungeheuren Überfüllung wurde die Kundgebung nicht im Saale, sondern im Hofe abgchaltcn. Tiefst« Trauer der polnischen Judenheit Warschau, 8. Juli. Die Nachricht vom Ableben Chaim Nachman Bialiks hat die Judenheit Warschaus und ganz Polens auf das tiefste erschüttert. Die jüdischen Zeitungen erscheinen mit Trauerrand. Sämtliche zionistischen Institutionen und zahlreiche jüdische Gemeinden hielten Trauersitzungen ab. Auch der Verein jüdischer Schriftsteller und der hebräische Pen-Klub, sowie die Tarbuth- Organißationen versammelten sich zu Tr Huermanifestationen. Ein aus allen großen jüdischen Organisationen zusammengesetztes Komitee hat beschlossen, einen Bialik-Trauermonat zu proklamieren und am Tage der Bestattung Bialiks in Tel-Aviv in ganz Polen Trauermanifestationen abzuhalten. Die Schuljugend wird den ersten Schultag des kommenden Schuljahres als Trauertag abhalten. Der jüdische Parlamentsklub hat an den Waad Leumi in Jerusalem eine Trauer-, kundgebung gesandt. Gnadengesuch der Frau AeiosorofSs für Stavsky? In „The New J u d a e a“ schreibt Elias M. Epstein: Unter den gegebenen Umständen ist zu j erwarten, daß im Falle einer Bestätigung des Urteils erster Instanz ein Gesuch zur Umwandlung der Todesstrafe in eine Kerkerstrafe überreicht werden wird. Das wird möglicherweise durch die Familie Arlosoroffs geschehen, deren tragisches Geschick durch das Urteil, wie immer es aus- I fallen möge, nicht gemildert werden kann. Die Vertreibung der Juden von den Dardanellen Istanbul, 8. Jul!. In der türkischen Nationalversammlung in Angora wurde an die Regierung von Abgeordneten die Frage gerichtet, ob die Vertreibung von einigen hundert jüdischen Familien aus dem Distrikt der Dardanellen be! Konstantinopel auf ihre Anordnung zurückzuführen sei. Der Premierminister erwiderte, die Regierung habe keineswegs einen Befehl zu einer so grausamen Handlung gegeben, es handle sich um einen Akt untergeordneter Beamter, die streng bestraft werden. Die Regierung werde den geschädigten Juden legale Wiedergutmachung gewähren. Kurz nach der Parlamentssitzung veröffentlichte die türkische Regierung einoffizielles Communiquö, in dem die Vertreibung der Juden aus den Dardanellen auf eine falsche Interpretation eines Gesetzes zurüokgeführt wird. Gleichzeitig kündigt die Regierung schärfste Maßnahmen gegen judenfeindliche Maßnahmen an, woraus zu ersehen ist, daß die Regierung selbst die Judenaustreibung' als einen Akt judengegnerischer Gesinnung beurteilt. Inzwischen hört man, daß sich die aus den Dardanellen vertriebenen Hunderte jüdischer Familien in einer verzweifelten Lage befinden. Mehrere aus den Dardanellen vertriebene Juden sind in Orestadia, in der Nähe von Istanbul, in einem sehr bejammernswerten Zustand eingetroffen. Die Männer gehen zu Fuß, Frauen und Kinder sind auf Wagen und Autos untergebracht. Mehrere der Vertrieben sind vor Ermüdung erkrankt, drei Kinder starben unterwegs, man befürchtet weitere Opfer. Mitteilungen des Palästina-Amtes Dienstag, den 10. Juli, fährt eine Gruppe von 16 Chaluziin aus Wien um 15 Uhr nach Erez Israel. Außerdem fahren einige Palästinareisendo mit dem Abendzug um 21.20 Uhr nach Erez Israel. Beide Gruppen reisen vom Südbahnhof. Trauerkundgebungen in aller Welt

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