Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 367 (6.7.1934)
- Date
- 1934-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 867 — 6, Juli 1984 Die stimme.. Seit# 1 Reiseberichte dev „StimmeM Bei den Juden in Kuba Wie die Juden nach Kuba kamen Die meisten der gegenwärtig in Kuba lebonden 10.000 Juden kamen in den letzten dreißig Jahren auf die Insel. Die jüngste Einwanderung kann man in drei Phasen einteilen: Zunächst, das Jahr 1898 für jene Juden, die aus den U. S. A. kamen, um sich nach Erlangung der Freihoitsrechte in Kuba anzusiedeln; ferner das Jahr nach Abschluß des Weltkrieges für diejenigen Juden, welche in den Reihen der amerikanischen Armee gekämpft haben; schließlich für die sephardischen Juden, die aus Konstantinopol, Adrianopel und Marokko um das Jahr 1910 eingewandert sind. Dazu kommen noch die Ostjuden, die in der Hoffnung nach Kuba kamen, sich von hier einen leichteren Übergang nach Amerika zu verschaffen. Wenn also auch die große Masse der kubanischen Juden aus der jüngsten Zeit stammt, so ist doch die jüdische Ansiedlung in Kuba sehr alt. Es ist Tatsache, daß Kuba von zwei Juden aus der Mannschaft des Kolumbus entdoekt wurde, und zwar von Louis del Tones und Rodrigo del Jerez, die der Insel den Namen Kuba gaben. In ihrem Bericht über die Expedition erzählen diese jüdischen Matrosen unter anderem, daß sie das Land Kuba genannt hätten, weil Kuba auf maurisch „schön“ bedeute. Das Zusammentreffen der Entdeckung Amerikas mit der Vertreibung der Juden aus Spanien veranlaßt^ viele Juden, die zwangsweise das Christentum angenommen hatten, die Kolonien aufzusuchen, weil hier nur eine verhältnimäßig „tragbare“ religiöse Verfolgung herrschte. Viele dieser Marannen waren unter den Eroberern der Insel Kuba, und viele der wichtigsten Städte verdanken ihre Existenz jenen Männern. Die Marannen aber, die der größeren „religiösen Sicherheit“ wegen in dieses Land gekommen waren, wurden bald enttäuscht. Die Inquisition blühte, und die Verfolgungen hörten bis zum Ende des 18- Jahrhunderts nicht auf. Die Berichte der Inquisition zeigen, daß der Flammentod für die Bekenner des Judentums nicht selten war. Vollständige religiöse Freiheit kam erst, als die Insel von der spanischen Herrschaftbefreit wurde. Als geschlossene Gruppe sind die Marannen heute von der Insel vollständig verschwunden. Viele haben untereinander geheiratet, und obgleich die jüdischen Spuren bisweilen noch festzustellen sind, leben sie heute doch ganz und gar als Katholiken. Händler und Farmer Eine große Zunahme der jüdischen Siedlung erfolgte erst nach dem spanisch-amerikanischen Krieg. Sie kam aus dem Ghetti des Ostens, später aus bereits amerikanisierten Juden der U. S. A. Dazu kamen noch die vielen jüdischen Soldaten, die im Krieg gegen Spanien gekämpft hatten. Ein Jude deutscher Herkunft, namens S t e i n h a r d t, der im Jahre 1898 als Sergeant der amerikanischen Armee nach Kuba kam, wurdo einer der Gründer des Draisinenwagensystems auf der Insel. Ungefähr 200 gutsituierte Familien amerikanisch-jüdischer Herkunft sind jetzt im Manufakturhandel, im Im- und Export erfolgreich tätig. Die meisten von ihnen leben in ihren Bungalos in Vedado, dem fashionablen Vorort von Havanna. Dort befindet sich auch ihre reformierte Synagoge. Die Gemeindo lebt sehr exklusiv und hält sich von den übrigen Judon fern. Die neue Einwanderung der sephardischen Judon begann vor ungefähr 30 Jahren. Obgleich sie, die sogenaunten „Turcos“ das mittelalterliche Spanisch spx’oohen, haben sie nicht den Besitzstand jener königlichen Kaufleute, die einst so mächtig in Spanien gewesen sind. Der große Zustrom der Sephardim aber begann erst im Jahre 1911; den Impuls hiezu gab die jungtürkische Revolution des Jahres 1908. Dio dritto und stärkste Einwanderungswelle begann nach dem Weltkrieg. Damals zirkulierte in Osteuropa das Gerücht, daß man, selbst wonn die Einwanderungsquoto für Amerika erreicht soi, immer noch nach U. S. A. elnwandorn könne, soforn man eine Zeit lang in Kuba gelebt habo. Aber dieser Üborgangsaufonthalt machto dio Schwierigkeiten der Einwanderung nach Amerika nicht geringer. Von den 10.000 gegenwärtig auf Kuba lebenden Juden stammt der größte Teil aus dem Osten, die amerikanischen Juden erreichen ungefähr die Zahl 1000, die sephardischen überschreiten nicht die Zahl 2000. Ungefähr die Hälfte der Ostjuden hat. sich in der Hauptstadt angesiedelt. Vor der Einwanderung der „Polaccos“, wie dio östlichen Aschkenasim genannt werden, war die Wirtschaft auf Kuba äußerst primitiv.. Man kannte nur die Zucker- und Tabakproduktion, die auf patriarchalischer Grundlage gehandhabt wurde. Mit den Polaccos kamen alle Wirtschaftsmethoden des modernen Lebens ins Land. Sie produzierten Artikel, die bisher aus U. S. A. importiert werden mußten, und hatten auch Erfolg, der sich zunächst in der Zurtickdrängung des amerikanischen Imports und später in der Aufnahme des Exports ausdrückte. Einzelne Juden wendeten sich der Landarbeit zu und sind heute Tabakfarmer. Nicht alle der in Kuba Neueingewanderten gelangen zu selbständiger Position. Viele von ihnen sind heute noch Lohnarbeiter, darunter ungefähr 1000 Industriearbeiter in Havanna. Die Hälfte der Industriearbeiter ist in der Schuhindustrie beschäftigt, deren Unternehmer entweder Juden oder Kubaner sind, während der Rest in der Nadelindustrie unter jüdischen Chefs tätig ist. Gottesdienstlind Schule Die religiösen Verfolgungen hörten in Kuba im Jahre 1783 auf. Es gab damals keine Marannen mehr zu verfolgen, denn diese hatten entweder kapituliert oder die gastfreundlicheren englischen und holländischen Kolonien aufgesucht. Genau 100 Jahre später, als in Spanien und seinen Besitzungen das Toleranzedikt erlassen wurde, gestattete man den Juden häuslichen Gottesdienst, aber es blieb ihnen nach wie vor verboten, Andachtsstätten zu errichten. Der Bau. von. Synagogen wurde, erst 1898 im Zusammenhang mit der kubanischen Unabhängigkeitsfeier erlaubt. Und selbst heute noch gibt es nicht allzu viele eigentliche Gotteshäuser, der Gottesdienst wird meist in Privatgebäuden abgehalten. Die amerikanischen Juden besitzen in Havanna ein prunkvolles Haus, das.zur Abhaltung des reformierten Gottesdienstes dient. Ein kleines Bethaus wurde 1914 von den aus Konstantinopel und Adrianopel eingewanderten Sephardim errichtet, eigenen Rabbiner, der bis vor kurzem der einzige Rabbiner der Insel war. Ein drittes .^Bethaus gehört den kleinen Hausierern und Händlern, welche im letzten Jahrzehnt aus Rußland und Polen gekommen sind. Die orthodoxen Juden halten rituelle Küchen, obwohl das koschere Fleisch doppelt 80 teuer ist als das nicht koschere. Da es nur wenige Mohalim gibt, hat man Schochtim engagiert, um die Besehneidung durchzuführen. Eine Schule für jüdische Kinder, das Colegio Herzl, wurde von sephardischen Juden gegründet, wird aber auch von sehr vielen aschkenasisohen Juden besucht. Durch den erhöhten Einfluß der Aschkenasim wurde Jiddisch neben Spanisch und Hebräisch als obligatorisches Lehrfach ©ingeführt. Verglichen mit dem Standard des alten spanischen Judontums, steht die Kultur des gegenwärtigen Judentums in Kuba auf einet niedrigen Stufe. Es gibt ungefähr 40 jüdische Studenten an der Universität ln Havanna, hauptsächlich Aschkenasim amerikanischer und osteuropäischer Herkunft, hingegen nur drei sephardische Hoohschüler. Damit steht die geringe Anzahl von graduierten Juden ln Zusammenhang. Bildungshunger und Kultur Die kubanischen Judon zeigen großen Elfer zur Selbstbildung, indem sie zahlreiche soziale und kulturelle Anstalten ins Leben rufen. Die sephardischen Judon aus Konstantinopel haben iu der Stadt Kuba — ironischerweiso in der Straße „Inquisitor“ — ein Institut gegründet, das ihnen als Bildungsstätte dienen soll. Die Aschkenasim orri eh toten 1924 eine eigene Anstalt, genannt „Centro Hobräcs“. Unter den Aschkenasim entstand eine Spaltung, so daß es heute zwei große Aschkcnasim-Klubs gibt, den „Centro Israelita“ und den „Kulturverein“ mit dem spanischen Untertitel „Union Cultural Hebraea“. Der Centro Israelita zählt ungefähr 1000 Mitglieder. Der Mitgliedsstand des „Kulturvereins“ rekrutiert sich größtenteils aus Arbeitern. Der „radikale“ Kultur* verein erhält sich selbst, während der bürgerliche Centro Israelita von der Einwanderungshilfsgesellschaft (Ilias) subventioniert wird. Lange Zeit gab es keinen Kontakt zwischen der aschkenasisohen und sephardischen Gruppe, hauptsächlich des sprachlichen Hindernisses wegen. Die sprachliche Disparität und die gegenseitigen Vorurteile sind aber im Schwinden begriffen. In einer Predigt trat kürzlich der Sephardische Rabbiner für eine engere Verbindung der beiden Gruppen ein. Die spanisch- und jiddischsprechenden Juden kamen denn auch bei den Unterhaltungsabenden im Centro Israelita zusammen und befreundeten sich miteinander, so daß Heiraten zwischen den beiden Gruppen an der Tagesordnung sind Der Centro Israelita gibt unter dem Titel „Ojfgang“ eine Halbmonatsschrift in Jiddisch und Spanisch in der Auflage von 1000 Exemplaren heraus. Jüdischer Veteran der polnischen Freiheitskriege gestorben In Jeszow bei Lodz starb 94jährig Joseph Fuchs, Teilnehmer am polnischen Aufstand von 1863. Fuchs war Mitglied des geheimen Revolutionsrates, der vom Geistlichen Stachewicz geleitet wurde und verwaltete auch die geheimen Waffenmagazine. An den Schlachten bei Grodzisk, Strikow, unter dem Kommando des Generals Langewicz, sowie an anderen Kämpfen nahm Fuchs aktiven Anteil. Er fiel in die Hände der Kosaken, die ihn zum Tode verurteilten; im letzten Augenblick aber gelanges ihm, zu entfliehen. Bis zu seinem Tod erhielt; er eine Rente von der polnischen Regierung. KUNSTCHRONIK Jüdisches Theater Alex Stein als „Rabbi Silber“ Einer Gruppe von Freunden des jüdischen Theaters ist es gelungen, Alex Stein für ein kurzes Sommergastspiel zu gewinnen, das Freitag, den 7. Juli, inn Theater Stefanie, n., Tabor- Straße 12. fortgesetzt wird. Zur Aufführung gelangt das dreiaktige Schauspiel „Rabbi S i 1 b o r“ von Schalom Asch. Dio weibliche Hauptrolle hat die bekannte dramatische Schaut Spielerin Magda Karmen inne. Vom lieimlsehen Ensemble sind Lea Welntraub-Graf und dio Herren S e g a 1 und Tunis beschäftigt. Karten im Vorverkauf zum Preise von 1 bis 3 Schilling. durch die Jüdische Kunstt stelle, II., Aspembrückengasse 2 (Tel. R 48-2-91), erhältlich. FILM „Die Canaille“ ist trotz des merkwürdigen und eigenartigen Problems ein mit allen Vorzügen ausgestatteter Film, der so recht alle kultivierten Feinheiten der französischen Film- Produktion zum Ausdruck bringt. Den künstr lerischen Löwenanteil an diesem Film hat der Träger der Hauptrolle, Harry Baur, dessen grandiose Menschengesfcaltung den unvergeßlichen Dawid Golder wieder in Erinnerung bringt. Mit einem Minimum von Gesten und „schauspielerischen“ Behelfen prägt »ich dieser Künstler ins Gedächtnis der Filmbesucher ein. Ein Künstler vom Range eines Baratoff, Jannings und Bassermann. Seinetwillen allein ist der Film sehenswert. Überdies gelang es deim Regisseur, die ganze Atmosphäre der französi« sehen Metropole, der licht durchfluteten Seinestadt ebenso einzufangen, wie das Interieur de« Praters am Montmartre, mit jenem spezifisch französischen Charme, den wir seit Ren6e Clairs „Sous les Toits de Paris“ so sehr lieben, Pension Eckstein - Mm Heute: „Der König der Arena“. Der neue amerikanische Senaationsfilm der Universal „Der König der Arena“, mit Keü Maynard, dem berühmten Cowboydarsteller in der Hauptrolle, ist ab heute im Kreuz-, Stafa* und Votivpark-Kino zu sehen. Pie Lage In Deutschland London, 3. Juli. In der Tagung der Anglo-Jewish Asso- Diese haben einet^ciatiön (Verband englischer Juden) führte der Präsident der Association, Leonard G. Montefiore zur Lage in Deutschland aus: Wir würden der deutschen Judenheit einen schlechten Dienst erweisen, wenn wir versuchten, aus den letzten Geschehnissen Schlüsse auf die Gestaltung der nächsten Zukunft in Deutschland zu ziehen. Wir wissen nur zu gut, daß in der Vergangenheit Juden und andere schutzlose Teile der Volksgemeinschaft als Sündenbocfe benutzt wurden, um den Zorn und die Unzufriedenheit des Volkes auf sie abzulenken. Im Board of Depufcies of British Jews (Vertreterschaft der englisch-jüdischen Gemeinden) führte der Präsident Laski zur Lage in Deutschland folgendes aus: Die ins Ausland gelangten Berichte über die Geschehnisse in Deutschland 'mögen stark zensuriert worden sein; wir selbst verfügen über keinerlei andere Informationen als die einander widersprechenden Pressemitteilungen. Eines scheint sicher zu sein: Die Lage der Juden in Deutschland hat sich in nichts geändert. Wenn auch ein so berüchtigter Antisemit wie Heines sein Ende gefunden hat, so ist daraus nooh nicht zu schließen, daß nun gegen die Juden ein gerechteres Regime platzgreifen werde. Keine Propagandalüge wurde so häufig benutzt als die, daß die Juden außerhalb Deutschlands versuchen, sich in die inneren deutschen Verhältnisse einzumischen. Wir haben durchaus nicht den Wunsch, dies zu tun. Die deutsche innere Politik interessiert die Juden nur so weit, als sie das Schicksal ihrer jüdischen Brüder in Deutschland borührt. Die Londoner Zeitungen unterlassen es in ihren Meldungen aus Deutschland nicht, zu betone», daß die Juden im allgemeinen unter den letzten Geschehnissen nicht ztf leiden gehabt haben, daß aber i h r e Lage sich um nichts gebessert hat. Die Boykottpropaganda ge-; gen die Juden wird nach wie vor betrie-i ben. „Sunda7' Express“ teilt mit, die jetzt unterdrückten radikalen Nazi-Elemente hatten in ihrem Programm eine erneute antijüdische Terroraktion vorgesehen, die gleichzeitig mit einer Aktion gegen die Junker und Kapitalisten zwecks „Expropriierung des Großkapitals“ hätte vor sich gehen sollen. Die Zeitung bemerkt, daß Hitler bestrebt sei, durch Aufdeckung der moralischen Verfehlungen der erschossenen Führer, wie Homosexualität und Verschwendungssucht, seine moralische Position zu bessern; er würde aber dieses Ziel besser erreichen, wenn er mit der sinnlosen Judenverfolgung aufhören wollte. Streicher nicht verhaltet Die von der „ITA“ verbreitete Nachricht von der Verhaftung des Nürnberger Ritualmörders Streicher entspricht nicht den Tatsachen. Streicher ist in Freiheit und rüstet sich zu neuen Taten. JDr. v» Leers nach Frag geflüchtet Prag, 2. Juli. In Prag wurde Samstag mittags auf der Nationalstraßo — wie „Sozialdemokrat“ meldet — der berüchtigte Verfasser der Hetzbrosch iire „Juden sehen Dich1 an“ und anderer in den Straßen der deutschen Hauptstädte. in .Massen verbreiteter Pogroniliteratur,. Dr. v. Leers, von Passanten erkannt.