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Die Stimme · 1934-07-06 · Heft 367 (6.7.1934) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 367 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 367 — 6. Juli 1934 Die Wirkung der ln Wien Di*? Nachricht vom Tode Bialiks verbreitete sieh wie ein Lauffeuer durch alle jüdischen Kreise der Stadt und wirkte niederschmetternd. Tn der Kultusjremeinde fand gerade eine Vorstandssitzung statt, als die Todesnachricht eintraf. Die Sitzung wurde unterbrochen, die Vorsteher eilten, mit Vizepräsidenten Dr. Josef L ö w e n h e r z an der Spitze, an die Bahre des Dichters. Bald darauf erschienen hier auch Herr Oberrabbiner Dr. F e u c h t w a n g und Rabbiner Dr. Baba d. Es fanden sich Rabbiner Friedman n, ferner fast alle Rabbiner Wiens ein und verrichteten die Totengebete. Bis spät nach Mitternacht wurde das Sanatorium von Menschen umlagert und erst um 1 Uhr früh wurde die Leiche in die Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes überführt. Eine große Menschenmenge gab dem toten Dichter bis ans Weichbild der Stadt das Geleite. Ein diristlidier Politiker über Herzls Bedeutung Die Überführung nach Palästina Vom Meier Dizengoff, dem Bürgermeister von Tel-Aviv, traf in den Morgenstunden eine Depesche ein, die den Wunsch nach Überführung Bialiks nach Palästina zum Ausdruck brachte. Über den Termin der Überführung waren jherischen bis Blattsohluß noch keine Entscheidungen i klaren, durch getroffen. Die Totenfeier in Wien, die von der Kultusgemeinde durchgeführt wird, findet entweder Montag oder Dienstag vormittags in der Großen Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes statt. Dreißigtägige Trauer In Österreich Das Zionistische Landeskomitee für Österreich hat verfügt, daß alle dem Landesverband unterstellten Sektionen und Organisationen während der nächsten dreißig Tage, die als Trauermonat proklamiert -werden, jegliche festliche Veranstaltung zu unterlassen haben. Palästinaabteilung ’arro'sno Josef Popper In der amtlichen ..Wiener Zeitung“ vom 4. Juli wird ein Aufsatz eines christlichen Politikers E. C. veröffentlicht, der die politische Bedeutung Herzls und des 1 zionistischen Werkes würdigt. Es ist unseres Wissens das erstemal, daß in diesem Blatte die jüdische Erneuerungsbewegung vom politischen Gesichtspunkte aus behandelt wird, und wir lassen deshalb den Artikel im Wortlaut folgen. i Am gestrigen Tage jahrte sich . ziun 80. Male der Todestag Theodor Herzls. In unserem Vaterlande, dem Herzl durch sein ganzes Leben innig verbunden war, wenngleich er als Bahnbrecher der großen zionistischen Idee im Grunde schon ein Bürger der neuen palästinensischen Heimstätte ■geworden war, fordert die große Persönlichkeit Herzls, der verdientermaßen von der heutigen jüdischen Generation als der moderne Heros des Judentums angesehen wird, auch auf unserer christlichen Seite Beachtung und Würdigung. Die von Herzl in seinem „J u d e n s t a a t“ in einer herrlichen Sprache mit beispielloser Begeisterung geoffenbarten Idee von Erez Israel begegnete damals auf jüdischer Seite vielfach geringschätzendem Lächeln und bösartiger skeptischer Kritik. Wer heute das interessante Buch Herzls liest, muß auch als Nichtjude ergriffen sein von der se- Weisheit, und von dem nichts getrübten Urteil des Wiener Journalisten, der die Welt gesehen und erl$t hatte und zur sicheren Erkenntleistungsfähigen j ü d i s c h c n S t a a t. So sehr nun auf christlicher Seite alte Wunden zu bluten beginnen, wenn Palästina in der Hand von Nichtchristen geleitet wird, so soll doch nicht vergessen werden, daß es Herzl in dem bezeichneten Buche als besondere Aufgabe jüdischen Geistes bezeichnet hatte, die Freiheit und HeiligkeitjenerStätten zu sichern, die den christlichen Völkern teuer s i n d. Und wenn auf christlicher Seite die feste Überzeugung besteht, daß die Zerstreuung des jüdischen Volkes nie ein Ende haben wird, so fühlen doch gleichzeitig alle Christen, die nach einer Wiederbelebung und Festigung konservativer Grundsätze in der ganzen Welt streben, daß das jüdische Volk mit einbezogen werden muß in die große Renaissancebewegung, daß dem jüdischen Volke das Gefühl der steten Unsicherheit und das Bedürfnis, aus dieser Unsicherheit den eigenen Vorteil zu sichern, genommen werden muß. Das jüdische Volk muß ebensosehr wie alle christlichen Völker interessiert sein an einer vernünftigen, staatlichen, völkischen und übernationalen Ordnung. Das jüdische Volk darf keine Mitarbeiter für die Ideen der Zerstörung und de,s Bolschewismus mehr stellen. In diesem Sinne begrüßen wir als bewußte Christen das Erstarken der zionistischen Erneuerungsbewegung und die damit Streng Z7D SEEFELD (Tirol) 1200 Molar Kinzigart. Höhenkurort, intens Höhensonne,Wassersport Pension Geschwister Scheer im Hotel Hochalm Heknnnt crstktaBstge Verpflegung, mäßige Preise, Fahrpreisermäßigung nis kam, daß den Völkern Europas, gleich gegebene Abkehr weiter Kreise des jüdischen wie den Juden, zur wenigstens teilweisen Lösung des immer wieder schmerzlicher werdenden Problems nichts übrig blieb, als Überführung eines möglichst großen Teiles des jüdischen Volkes und der Ausbau dieser Heimstätte zu einem freien, gesunden, Volkes von den liberalen, marxistischen und bolschewikischen Lehren. Theodor Herzls Lebenswerk wird durch die Ereignisse und die Entwicklung unserer Tage gerechtfertigt. Wir stehen nicht an, ihn als einen der Großen seines Volkes anzuerkennen. Unser Weg Internationale Transporte Wien, 81., TaborstraQe Telephon R 48-5-10, R 49-5-70 Serie 22 Spezial - Warentransporte, Übersiedlungen, Verpackungen für Palästina, Transport- und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder Art über Palästina. Die älteste Gemeinde Englands an die älteste Gemeinde Deutschlands Der Ältestenrat der Londoner Gemeinde spanischer und portugiesischer Juden hatte eine außerordentliche Sitzung einberufen, um de« 900jährigen Bestehens der Synagoge von Worms würdig zu gedenken. Der Vorsitzende Arthur <le C a s s e r e s betonte, wie bedeutsam es gerade in diesen Tagen «ei, sich vor Augen zu halten, daß in Deutschland ein jüdisches Heiligtum steht, in dem Juden rund ein Jahrtausend lang gelernt und gebetet haben. Die Mitglieder der Londoner sephardischer» Gemeinde, die ihre Ahnenreihe in manchen Fällen bis auf dio Tage Oliver Cromwells zurückführen, seien tief ergriffen, wenn sie des wecheelvollen Schicksals jener Juden gedenken, die in den letzteu 900 Jahren jüdischen Glauben in dor historischen Stadt Worms bewahrten. Die Versammlung beschloß, ari den Vorsitzenden des Ältestenrats, Sir Francis A. Montefiore, Unterzeichnete Grußbotschaft abzusenden. Moderne Hebräische Bibliothek auch JUDAICA zu verkaufen Adr«ff«i Heinrich Bord, Wien, VIII., Daungauc 1a Talcphon B 41*1 *73 In London hat ein gewesener sowjetrussischer Funktionär, Dr. J. N. Steinberg, eine Aussprache veranstaltet, die dem Thema „Judentum, wohin? galt. Die Frage ist in einer Zeit gestellt, in der der Judenhaß in seiner abscheulichsten Form vor die Welt tritt. Er hat sich in Deutschland in den Besitz der Macht ge | setzt und führt von dort einen veritabeln 1 Krieg gegen das Judentum als Religion, als Volk, und gegen die Juden als Einzelpersonen. Aus jedem Beruf sollen sie herausgetrieben werden, jegliche Ausbildung, jeglicher Erwerb soll ihnen genommen werden; und dieser Feind trägt seine Pläne über die Grenzen Deutschlands hinaus und benutzt das Ansehen, das sich das deutsche Volk von früher her errungen hat, auch für diese neue Spielart des Judenmordes nutzbar zu machen. So bekommen die Juden in fast allen Staaten rings um Deutschland ihre Situation zu fühlen. Sie ist überall labil und da sich unter fast allen Völkern auch eine gewisse Geneigtheit zur Abkehr von der Demokratie auszubreiten beginnt, so zeigt auch dio Stellung der Mehrheitsvölker zu der jüdischen Minderheit dio Tendenz zu einer Änderung im ungünstigen Sinne. Es handelt sich nicht etwa um eine akademische Diskussion von Gelehrten über das Judenthema. Nein, die Frage ist aktuelle Politik und der deutsche Nationalsozialismus hat mit dom russischen Bolschewismus — und dieser wieder als der Fortsetzer dor von Pobjedonoszew und D o s t o j e ws k i begründeten und von Sergei N i 1 u s in den „Weisen von Zion“ verankerten Thesen — nebst anderen Dingen auch die praktische Vertilgung des Judentums gemeinsam. Der Bolschewismus hat die Juden enteignet, er proletarisiert sie und nimmt ihnen Glauben, Sprache, Volkstum und Bekenntnis. Er zerstört die jüdische Gemeinschaft von unten her; der deutsche Nationalsozialismus m o rd et s i e. Und alle diese Erscheinungen sind zusammen der Beweis, daß alle Anstrengungen der Assimilation, alle Mühen des sich-Aufgebens, des Aufgeheus ln den Völkern, vergeblich geblieben sind. Alles ehrliche Streben, die selbstgeschaffene Schande der assimilatorischen Lüge als Tugend zu tragen, ist vertan ... Das hat schon am Ende des 19. Jahrhunderts Theodor Herzl vorausgesehen und in der zionistischen Idee dem Judentum den Weg zur Selbsterlösung gewiesen. Der Teil des Volkes, der ihm gefolgt hat, hat durch die Tat und nochmehr durch das aktiv gestaltete Bekenntnis zu sich selbst, dem Judentum eine neue politisch wirksame Position geschaffen. Das jüdische Volk steht in Palästina. Diese eine Tatsache macht schon jetzt dem antijüdischen Plan, das Judentum zu vernichten, ein Ende. Und wenn das Hakenkreuz überall Biegreich wäre — was es heute weniger kann als je — so könnte doch das jüdische Volk nicht mehr von seinem Land entfernt werden. Aber es ist klar, daß die jüdische Arbeit ein rascheres Tempo oinschlagen muß. Sie darf nicht Dulden, daß so große Teile der Nation in Elend und sittlicher Verwahrlosung verkommen. Die Position in Palästina muß so ausgebaut werden, daß sio möglichst viele jüdische Menschen an sich ziehen kann. Das muß den jüdischen Massen in den europäischen Ländern immer wieder gesagt worden: es ist die Zukunft eurer Kinder, die in Palästina gebaut wird! Ihr müßt mitarbeiten und Ihr müßt wissen, was das bedeutot. Es ist müßig, Kraft, Wissen, Nerven an die für ewig fehlgeschlagene Assimilation zu verschwenden; müßig, über irgend eine Mission dos Judentums nachzusinnen oder auf irgend eine nebelhafte Zukunft zu hoffen. Diese Zeiten werden gewiß Vorbeigehen; aber es gibt keine Sicherung dagegen, daß nicht dieso Lues der Völ-, k e r, der Antisemitismus, nicht nochmals in einem solchen blutigen Exzeß aufbricht. Wir können und dürfen nicht auf irgend oine philosophische Erleuchtung der anderen vertrauen. U n s e r e n Weg müssen wir gehen. Das müßte die Meinung alle r Jude n werden. Was soll aber da ein Unternehmen, wie diese Londoner Aussprache? Dort ist so als Krönung ein Brief des Schriftstellers Stephan Zweig verlesen worden, der uns empfiehlt, einen neuen Glauben mit neuer Kraft zu suchen. Krisen — sagt er — können nie durch äußere Mittel, sondern von innen heraus überwunden werden und man könne sich darum nicht an ein Stück Land, an Palästina klammern. Das sagt Stephan Zw’eig, ein aus Deutschland Vertriebener, der wohl aus seinem Schicksal heraus die innere Kraft zionistischen Gestaltcns erkennen müßte. Zionismus ist ja etwas anderes und mehr als geographische Kolonisation; er ist die innerliche, seelische und geistige Erneuerung e i n e s V o 1 k e s. Sie kann natürlich nicht von der Galuth ausstrahlen, sondern nur aus dem lebendigen Volk in Palästina selbst. Die besondere deutsch - jüdische Geistigkeit ist nun einmal gestorben. Sie wird uns keinen Schaden mehr tun könnon. Der Assimilation, die sich momentan unter dem Zwang Hitlers, gern b 1 a u w e i ß drapiert, ist diese Entwicklung nicht ganz genehm. Wenn in Deutschland andere Verhältnisse kommen, werden diese Neozionisten wieder ihr deutsches Herz entdecken und aus ihrer Exilszeit schöne Romane machen. Wir trauen ihnen allen nicht, weder dem sowjetrussischen Schriftsteller, der Palästina als zu klein findet und Biro Bioschan auf den Film wirft, noch diesen Propheten des Exils, die die 30jährige Arbeit des Zionismus mit sehr, scheelen Augen angesehen haben und jetzt, weil ’s so sein muß, sich mit Judentum und jüdischer Frage beschäftigen. Der Weg zur, Ganzheit, den Zweig sucht, ist schon gefunden. Herzl hat ein Buch darüber geschrieben, das heißt „Der Judenstaat“. Uüd> der Zionismus, die logisch .zu Ende gedachte! Judenfrage, ist die Ganzheit. Einstweilen nur freilich ein Kristallisationspunkt. Wenn! das Judentum in scharfer Erkenntnis der Strömungen, die gehen und kommen, in Erkenntnis seiner Geschichte, mitarbeitet, so wird Palästina auch zur staatlich-territorialen Ganzheit. Es ist uns keine überraschende Neuigkeit, daß nicht alle Juden in Palästina werden leben können. Aber der Bestand eines freien jüdischen Volkes wird hinauswirken und den Juden in den Ländern stärkere Sicherheit verbürgen als irgend eine sagen wir, seelische Wandlung des deutschen Volkes, das ja in puncto Juden eines Sinnes immer war und ist. Dio Assimilanten werden wieder abfallen und ihren Patriotismus besiegen. Der jüdische Bauer und der jüdische Arbeiter werden bleiben und dann wird der jüdische Lehrer das seine tun. Und außerdem wird auch noch eine jüdische Macht existieren. 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