Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 367 (6.7.1934)
- Date
- 1934-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frei« dimer Nummer 20 g V.b.b. Heute 8 Seiten stark wes jüdische zeitung iiii a\ Ksnwiai Nr. 367 | oememi AuCuAsS&ctfyetUcieu' AtowMtdcto! Um Verzögerungen in der Expedition unserer Zeitung zu vermeiden, bitten wir Adress- Snderungen unserer Administration rechtzeitig zur Kenntnis bringen zu wollen. Wien, 6. Juli 1934 I Redaktion und Administration 'Wien, 1. Kärntner Straße 28. Tel. R 27-4-8Ä Redaktlonssohluß Montag und Mlttwooh vorm. | (»3. Thamus 5694) | 7. Jahrgang Chaim Nachman Bialik gestorben Schmerzerffillt verzeichnen wir als trauriges Ereignis der letzten 24 Stunden: den Tod Chaim Nachman B i a 1 i k s. In einem Wiener Sanatorium, wo der große Dichter Linderung für sein altes Blasenleiden suchte, ist er Mittwoch um Al Uhr abends verschieden. Als unmittelbare Ursache wird Herzambolie angegeben. Bialik war vor etwa 18 Tagen in Gesellschaft seiner Gattin und Schwester nach Wien gekommen, um hier Heilung von seinem Leiden zu finden. Eine vor zehn Tagen an ihm durchgeführte Operation brachte denn auch eine wesentliche Besserung im Zustande Bialiks. Diese Besserung hielt an, so daß seine Freunde, die gemeinsam mit seiner Gattin den Dichter in sorgsamster Weise betreuten, allgemein eine vollständige Herstellung Bialiks erwarteten. Mittwoch wurden Bialik sogar bereits die Nähte der Operationswunde entfernt. Der Dichter fühlte sich während des Nachmittags besonders wohl, er unterhielt sich noch mit seinen Freunden über die aus Palästina eingetroffenen Zeitungen, die er mit Heißhunger verschlang, als nach 6 Uhr abends der Dichter von plötzlichem Unwohlsein befallen wurde und innerhalb weniger Minuten verschied. Alle Versuche der Ärzte konnten die Katastrophe nicht mehr bannen. An seinem Totenbette weilten seine schwergeprüfte Gattin und zahlreiche Wiener Freunde des Dichters. Unser Bialik Von Dr. Jakob Rosenthal Gesenkten Hauptes stehen wir heute fassungslos am der Bahne unseres Größten, des Manhig Hador. Chaim Nachman Bialik ist nicht mehr. In seinem 62. Lebensjahr; hat ihn uns das unerbittliche Schicksal,; haben ihn Krankheit und Tod entrissen. Diese geniale Feuerseele, bei Lebzeiten von Unsterblichkeit umhaucht, diese vollendete Inkarnation des schöpferischen Judentums, diese wahrhaft klassisch gewordene Erscheinung, in unseren Tagen noch wirken m sehen, empfanden wir schon immer als Gnade. Nun, da wir ihn verloren, da er sich dem Schattental unserer größten Toten genähert, krampft sich unser Herz in Liebe und wildem Schmerz zusammen. * Chaim Nachman Bialik, der größte nationale Dichter der Juden seit der spanischen Hochblüteperiode des hebräischen Schrifttums, war mehr als bloß Sänger und Dichter. Seine dichterischen Schöpfungen, die in fast alle Kultursprachen bereits übersetzt wurden, sind mehr als bloß Produkte einer glühenden Dichterseele. Bialik, der Dichter, war der anerkannt g e i s t i g e F ii h r 0 r jener großen Teile des zeitgenössischen Judentums, deren . Seelen von der großen Sehnsucht nach Erneuerung und Aufbau ihrer Volkshaftigkoit erfüllt sind. Die seelische und geistige Revolutionierung des Judentums, insbesondere des osteuropäischen, in den Neunzigerjähren des vorigen Jahrhunderts durch das Auftreten des Geistesriesen Achad H a a m und des genialen Theodor H e r z 1 fand in Ch. N. Bialik ihren gewaltigsten, feurigsten, dichterischen Interpreten. Vom orsten Augenblick an, da er mit seinen Dichtungen noch als Talmudjünger vor die Öffentlichkeit trat, wurde er als das große Gnadengeschenk empfunden, welches das historische Schicksal dem Volke besehieden. Gleich sein erstes dichterisches Auftreten waren der stärkste Ausdruck und Widerhall der Träume dieser Menschen, und jeder seiner späteren Gesänge war das Echo der Hoffnungen, der Sorgen und der Zweifel seiner Generation, der Übergangsperiode in der neuesten jüdischen Historie. Bialik wurde das geistige Oberhaupt des national-arrivierten Judentums, des nationalen Zentrums der Juden, der Hohepriester des modernen Jerusalem. Und es ist für den Geist des jüngsten, im Entstehen begriffenen nationalen Gebildes der modernen Geschichte von wesentlicher Charakteristik, daß der eigentliche geistige Führer desselben kein Politiker, kein Diplomat, sondern ein Dichter, ein lyrischer Sänger, ein Jehuda H a 1 e v y des 20. Jahrhunderts war. Denn das war Ch. N. Bialik, der erste und größte Klassiker der jung' hebräischen Dichtkunst. An Freuden tagen und festlichen Anlässen, wenn in den breiten Boulevards Tel- Avivs orientalisches Treiben herrschte, wenn bunte Gruppen im Karnevalszug durch die Stadt zogen, war es ihr erstes Ziel, zum Hause des Dichterfürsten zu pilgern, ihn an ihrer Freude teilnehmen zu lassen. Wenn dunkle Kräfte gegen das mühsam zustanidegebrachte Werk giftige Pfeile schleuderten, wenn der herrlich blaue Himmel Tel-Avivs durch dunkle politische Streifen verdüstert wurde, da zogen wieder Zehntausende durch die Straßen der jungen Gartenstadt, stumm und traurig, zu Bialik hin. Von ihm erhofften und erwarteten sio Trost und Erhebung. . Des Dichters Kinderjahre in der Natur... Ch. N. Bialik wurde im Jahre 1873 im russisch-polnischen Dorfe R a d i ’ im Gouvernement Wolhynien geboren, wo sein Vater das Geschäft des Dorfoehenkwirtes betrieb. : Hier, in dem kleinen, zwischen den großen russisch-polnischen Wäldern eingebetteten Dorfe verbringt Bialik seine ersten Kindheitsjahre. Das schöne Landleben übt starken. Einfluß auf die empfängliche Kinderseele aus. Die große Liebe des Dichters zur Natur, das innige Verhältnis zu ihr, faßt iu diesen Jahren die ersten, zarten Wurzeln. Sechsjährig zieht er mit seinen Eltern in die Stadt, nach Schitomir. Aber auch hier bleibt er wieder nahe den geliebten Wiesen und Wäldern. Im siebenten Lebensjahr verliert Bialik seinen Vater und die materielle Not, die schon früher nicht selten in seinem Elternhaus zu Gaste war, zieht nun als ständiger Einwohner ins Haue ein. Bialik wird daher von seiner Mutter in das Haus des Großvaters gegeben. ...und des Dichters Lehr, und Wanderjahre im Ghetto beginnen. Der Großvater, ein großer Talmudgelehrter, läßt ihm eine überaus strenge Erziehung zuteil tverdep,. und gibt ihn dann ais Dreizehnjährigen in .das Löhrhäus, das „Beth-Hamidraöch“. Sein großer Wissensdrang führt ihn im sechzehnten' Lebensjahre in die berühmte, litauische Talmudhochschule W 010 z i n. Der dichterische Niederschlag dieses ’ Aufenthaltes ist die großartige Dichtung „Hamathmid“, die die Auflehnung gegen das abstrakte Thora- und Talmudstudium, die asketischen Qualen des Talmudjüngers gegenüber den natürlichen, irdischen Forderungen des Lebens zum Gegenstand hat. Aber schon kündigen eich die ersten Strahlen neu erwachten jüdischen Lebens an. Vom Ideenkreis Achad Haams, des Philosophen und Theoretikers des Zionismus, und eines J. L. Gordon mächtig angezogen, verläßt er die strenge Taimudhochschule,. flüchtet er aus der unproduktiven Enge bloßen Disputierens und Debattierons, der haarspalterischen Pilpulistik, nach Odessa, , dem damaligen geistigen Zentrum des erwachten russischen Judentums. Hier beginnt auch gleich seine' reiche dichterische Persönlichkeit sich zu entfalten. Es entstehen seine ersten Gedichte, so das naiv-rührende „El Hazipor“ („An den Vogel“), das sofort die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Im Jahre 1902 erschien im Verlag „Teschujah“ die erste Sammlung seiner Gedichte, ein Zyklus lyrischer Gedichte, die elegischer Grundmelodie, doch auch viel Lebens- und Naturfreude verraten. Aber Bialik bleibt nicht im' Lyrischen stecken. Zu sehr ist er mit dem Ganzen des Volkes verbunden, mit seiner Geschichte („Die Toten der Wüste“), seinen Gegenwartsnöten und -leiden. Sein erschütterndes Poem „Al Hascbechita“ und das epische Gedicht „Beir Hahareiga“ („In der Stadt des Mordens“) sind ein einziger Aufschrei nach dem furchtbaren Pogrom in Kischinew; in seiner „Megilath Haesch“ („Die Feuerrolle“) kommt das Ringen des Volkes mit Gott und mit sich selbst zum Ausdruck. Seine „Lieder des Zornes“ hadern mit dem Volke, mit seinem Geschicke, mit der Tragik des historischen Geschehens. Des Dichters Werk. Oh. N. Bialik ist der Schöpfer und Erneuerer der jung-hebräiseben Dichtkunst. Ihm blieb es Vorbehalten, nach jahrhundertelangem Stillschweigen der erste Dichter zu sein, dem ein Gott zu sagen gab, was sein Volk leidet. Und dies in jener uralten heiligen Sprache, die er mit neuem, lebendigem Ausdruck belebte, deren traditionsstarrem Stil er neues, blühendes Leben eingehaucht. Seine Sprache erreicht in manchen Gedichten biblische Schönheit, ist oft von prophetischer Wucht und anderseits wieder von einem lyrischen Klangzauber, dem das Volksliedhafte meisterhaft gelingt. Die Themen seiner Gedichte sind bedingt durch seine starke Beziehung zur Nation und ihröm wechselvollen Schicksal, zur Natur und zu den Erlebnissen seiner Kindheits- und Jugendjahre. Er ist der große Klassiker bereits heute — ein legendärer Begriff fast schon —, trotzdem er bis zum Tode aktivsten Anteil an allen kulturellen und politischen Aktionen seines Volkes nahm. Sein „Segen des Volkes“ („Techesakna“) ist zur Nationalhymne in Palästina geworden. Spricht man über Bialiks vielseitiges und umfassendes Werk, so sind auch seine Leistungen auf anderen literarischen Gebieten hervorzuheben; die Leistungen Bialiks als Übersetzer und Essayist nicht weniger, denn seine Erfolge als Verleger. Ein Standardwerk dieser ersten pädagogisch-literarischen Tätigkeit des Dichters ist das große Sammelwerk „Sefer Hägadah“, altjüdische Volkslegenden in hebräischer Sprache, das fer in dem gemeinsam mit dem Literaturkritiker Rawnitzky geleiteten Moriah-Verlag heraaisgab. So sehen wir den Kreis sich schließen: Bialik als Schöpfer, Erneuerer und Bewahrer jüdischen altneuen Kulturgutes. * Einmal nur im Laufe von Jahrhunderten ersteht der Welt, dem Volke ein solcher Genius, sendet ein gütiges Geschick einen Menschen auf diese Erde, dazu bestimmt, Licht zu spenden,'eines Volkes Tröster und Beglücker zu sein. Das jüdische Volk batte das Glück, in den Tagen dunkelster Bedrängnis einen solchen Stern in seiner Mitte strahlen, schaffen und wirken zu sehen. Bis gestern. Heute ist es dunkel um uns geworden, sind wir unseres leuchtendsten, schönsten Schmuckes beraubt. Doch auch in der Stunde unseres heißesten Schmerzes um unseren großen Toten, bleibt er uns Tröster und Künder, hören wir, noch brennende Tränen im Auge, die Stimme des großen Mahners Bialik, wie sie aus jungen Kehlen palästinensischer Pioniere über die weiße Landstraße Erez Israel« sich schwingt: i Dyn nnty^ in« oap mia ♦ ♦ ♦ oami bo* „Verzaget nicht!... Kommet in Eintracht herbei, dem Volke zum Segen.“