Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 366 (3.7.1934)
- Date
- 1934-07-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 366 — 3. Juli 1934 „Purim in Tel-Aviv, Pessach in Jerusalem, Schwuoth in Haifa“ heißt es in Palästina. Gleichzeitig mit dem religiösen Schwuoth-Fefit, dem Gedenken an die Offenbarung auf dem Berge Sinai, wird in Haifa das in seiner Symbolik mit der gelebten Gegenwart verbundene „Chag Habikurim“, das Fest der jungen Früchte, gefeiert. Zehntausende kommen aus allen Teilen des Landes und des Auslandes sogar: der Kapitän eines französischen Dampfers khigte, daß die Passagiere ihn zur Eile antreiben wollten, weil sie fürchteten zu spät einzutreffen... Kein Zimmer war frei. Ich bekam einen Dachplatz: zwanzig Matratzen lagen hier unter Mond und Stern, ähnlich sah es auf vielen anderen Dächern aus. Haifa wächst den Karmelberg hinauf wie ein breiter Turm. Unser Hotel stand auf halber Höhe, auf dem Hadar-IIakarmel. Aufs luftige Notlager gebettet schien es, als ob man auf dem Grunde eines märchenhaften Meeres treibe. Die Nacht umfloß uns in tiefblauen Wellen. Lichter zitterten auf und ab, wie abenteuerliches Seegewächs. Dunkle Schatten der Palmen und Pinien schwammen in diesem Bild wie seltsame Meerestiere ... An der einen Seite des Hotels Brandete unter flammenden Lichterketten J die Herzl-Straße. Die Häuser verwandelten sich vor unseren Augen: überall wurden Teppiche herausgehängt, von Fenstor zu Fenster schwang man Girlanden. Stand man auf der anderen Seite des Daches, so fing sich auch hier der Blick in einem Wald rauschenden Lebens: Tausend und Abertausend saßen in einem breit ausladenden Amphitheater. Wie Offiziere auf der Kommandobrücke hatten wir das Menschenschiff unter uns. Am Bug schillerte die Bühne. Die Schauspieler, in langen Gewändern alte Israeliten darstellend, sprachen ein klingendes, dichterisch schwingendes Hebräisch. Ihr Spiel zeigte die historische Szene der Abgabe des „Zehnten“ an die Priester des Volkes: der zehnte Teil dessen, was auf dem Felde wuchs, gehörte ja den als Führern anerkannten Verkündern des Gebotes. Schafe, Ziegen, selbst Kamele trotteten im Zug der Israeliten. Gegen Mitternacht schloß das Schauspiel unter Musik und Tanz. Die Melodie des Hauptliedes folgte uns in den Schlaf — und am Morgen weckte sie uns wieder: jetzt füllten Kinder das Theaterschiff, nur Kinder, alle wareu weiß gekleidet, Blumen, Ähren oder Ölzweige umkränzte die Köpfe. Jede Schule J brachte im Rahmen eines hübsch erdachten Ein Denkmal für Hechler Herr Direktor Moritz Reichenfeld, der Freund und Testamentsvollstrecker Herzte, schreibt uns: Eine der lichtvollsten und erhabensten Gestalten in der Geschichte des Zionismus ist der Kaplan der englischen Botschaft in Wien, William H ec hl er, der evangelisch-christliche Seelsorger, der in seinem Buche „T he restauration of t he Jews to Palestine according to the Prophets“ die Rückkehr der Juden nach dem Heiligen Lande verkündet hatte. Es ist bekannt, wie Hechler, als er von Herzls „Judenstaat“ erfuhr, plötzlich in der Wohnung Herzls erschien. Von dieser Stunde an hatten beide Männer das gleiche Ziel und die gleichen Sorgen; Hechler war fortgesetzt bemüht, die Tätigkeit Herzls zu fördern. Dreimal in der Woche erschien Hechler bei Herzl; viele Stunden lang dauerten diese Unterredungen und ich war hiebei oft zugegen. Herzl würzte diese Gespräche mit den treffendsten und witzigsten Bemerkungen, Hechler unterhielt sich dabei ausgezeichnet, aber gleich darauf betonte er die Notwendigkeit: „To f ul fill pr ophecyDie Rückkehr der Juden müsse Erfüllung finden und zwar sobald als möglich. Nun denke ich, daß es eine Pflicht der Zionisten, ja, der ganzen Judenheit ist, diesem prächtigen, uneigennützigen, religiösen Menschen in Palästina ein Denkmal zu setzen und ich ersuche die Organisation und die Redaktion der „Stimme“, eine Subskription zu eröffnen. Sämtliche zionistischen und jüdischen Zeitungen und Zeitschriften sollen für dieses Denkmal eifrige Propaganda machen, um möglichst bald den notwendigen Betrag zu erhalten. ln seinen Tagebüchern schildert Herzl oft die Tätigkeit Hechlers und findet für sie Worte höchster Anerkennung. Ein jüdischer Künstler und Bildhauer möge ein schönes Denkmal schaffen und angesichts des edlen Zweckes ein relativ mäßiges Honorar beanspruchen. Hechler hat diese Ehrung redlich verdient und heute am 30. Todestag Herzls soll der Anfang, der erste Schritt dazu gemacht werden. Die Judenheit ehrt sich selbst, wenn sie diesen edlen Christen ehrt. * Wir geben dieser Anregung gerne Raum und stellen zur Diskussion, ob die Ehrung Hechlers in Stein oder Erz oder in der Form der Benennung einer jüdischen Siedlung in Erez Israel erfolgen soll. — Die Redaktion. Ärzte empfehlen FLOROMALT die wohlschmeckende Kraftnahrung bei Blutarmut, Schwächezuständen, Nervosität, Appetitlosigkeit, Rekonvaleszenz, für stillende Mütter und schwächliche Kinder. Erhältlich in Apotheken, Drogerien und einschlägigen Geschäften. Originaldose 70 Groschen Zentralbüro: Wien, IV., Schleifmühlgasse 15 Jüdische Gemeinde Berlin ehrt das Andenken Herzls Das Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin widmet in seiner am 30. Juni erscheinenden Nummer dem Andenken Theodor Herzls anläßlich seines 30. Todestages einen Artikel, in dem es unter anderem heißt: Wir bekennen mit Dankbarkeit, daß Tausende von deutschen Juden im Lande der Väter eine Zuflucht gefunden haben, und wir wissen, daß ein Teil der jungen Generation ihnen nachfolgen wird. Sie werden unter der wärmenden Sonne des alten Landes, von einem Arbeitsfanatismus ohnegleichen beseeljt, am Aufbau des Landes teilnehmen, das vielen Menschen unseres Stammes eine edle und würdige Stätte der Arbeit bietet. Wir haben Theodor Herzl noch ein anderes zu danken, und das steht für diejenigen, welche mit ihrem Vaterlande verwachsen sind, auf gleicher Höhe. Er hat gelehrt, daß Flucht aus dem Judentum und Verbergen unserer Abkunft nur eine Scheingeltung besitzen. Wenn nach Jahrzehnten einer Abkehr vom Judentum, die wir immer als schmachvoll bezeichnet haben, eine bessere Einsicht Platz greift und jüdische Würde auch der Anteil derer wird, die ihr Eigenes und uns aufgegeben hatten, dann ist diese Wandlung mit eine Folge von Herzls Ideen. Die Früchte der Hingabe an seine Gemeinschaft sind noch im Werden. Gerade in Zeiten, in denen unsere Situation problematisch ist, muß auch das Verständnis sich durchsetzen, daß wir Juden aus innerer Überzeugung zusammengehören. Dazu gehört auch die Achtung vor uns selbst und die Ehrfurcht vor unserer eigenen Arbeit. Wenn Theodor Herzl als ein einzelner Mensch es vermocht hat, das jüdische Leben so stark umzugestalten, dann gibt er den nicht Wenigen, die über Erkenntnis und Seelenkraft verfügen, ein heroisches Vorbild. Er hat ein Ideal zur Wirkliche keit erhoben, und was vielen unmöglich! schien, ist durch sein Leben geworden. Darum beugt sich in pietätvoller Huldigung auch die Jüdische Gemeinde zu Berlin vor dem Andenken dieses Großen in Israel, vor Theodor Herzl. Türkei von den Mächten bekommen werden. ZWANZIG JAHRE VOR DER B ALF OUR- DEKLARATION (2. November 1917) Ob es ein Tory oder ein Whig sein wird, der mit der Judenfrage auch ein Stück der Orientfrage zu lösen unternimmt, er wird das Werk eines Staatsmannes im großen Stil tun, und er kann sicher sein, daß die Welt, soweit sie zivilisiert ist, seinen Worten und Taten mit Teilnahme, vielleicht mit Bewunderung folgen wird. Von Anfang an war ich der Ansicht, daß eine diplomatische Initiative von England werde kommen müssen, weil England, wenn es — gleichsam in der Luftlinie — nach Indien blickt, Palästina streifen muß, und weil England heute noch eine gewisse „Serenity“ in der Auffassung der Judenfrage besitzt. ENGLAND — DER ARCHIMEDISCHE PUNKT Vom ersten Augenblick an, wo ich in die Bewegung eintrat, war meine Aufmerksamkeit nach England gerichtet, weil ich bei der allgemeinen Lage der Dinge dort den archimedischen Punkt sah, wo der Hebel anzusetzen sei. ENGLANDS EROBERUNG Die Menschen sind der Reichtum des Landes, und an Menschen kann England eine ungeheure Eroberung machen. Nickt mir an den Hunderttausenden, die in wenigen Jahren einwandern werden, um das leere Land mit ihrem Kapital und ihrer Arbeit zu befruchten und eine friedliche Heimat zu begründen. Auch alle anderen Juden der Erde fallen mit einem Schlage England zu, wenn nicht politisch, so doch moralisch. — Das ist eines der Imponderabilien, die Bismarck wohl zu schätzen wußte. VORAUSSICHT DER ARABERFRAGE Die Funktion der Engländer ist grandios. Sie säubern den Orient, bringen Licht und Luft in die Schmutzwinkel, brechen alte Tyranneien und zerstören Mißbräuche. Aber mit der Freiheit und dem Forschritt lehren sie die Fellachen auch die Auflehnung. Ich glaube, die englische Schule in den Kolonien zerstört entweder Englands Kolonialherrschaft — oder sie begründet Englands Weltherrschaft. Eine der interessantesten Alternativen unserer Zeit. Man möchte in fünfzig Jahren wiederkommen, um den Ausgang zu sehen. THEODOR HERZL, DER MENSCH UND KAMPFER Ick glaube, meine Wirkung als Führer ist darauf zurückzuführen, daß ich, der ich als Mensch und Schriftsteller so viele Fehler habe und hatte und so viele Fehler und Dummheiten beging, in der zionistischen Sache reinen Herzens und ganz selbstlos war. Der Zionismus war der Sabbat meines Lebens. Man wird erst würdigen, was ich geleistet habe, wenn ein anderer Führer kommen wird. Standhaft war ich in den schlimmsten Tagen, ruhig in den besten. Es gehört auch was dazu: schweigen, wenn man den Enthusiasmus durch ein Wort erregen könnte. Den Mut der Leute wachhalten, auch wenn man innerlich erregt ist. Hermann Bahr an Theodor Herzl Der folgende bis jetzt unveröffentlichte Brief ist der vom Herzl-Archiv kürzlich veranstalteten Herzl-Aussteilung in Wien entnommen: Lieber und verehrter Freund! Ich erfahre soeben, daß Sie m Edlach sind und es Ihnen nicht gut geht, und ich möchte Ihnen sagen, daß ich herzlich an Sie denke. Man hat so wenig Menschen, die es werth sind, daß man ihnen gut ist, und Sie sind mir, so selten wir uns begegnen, durch alles, was ich von Ihnen sehe, von Ihnen höre, immer werther und lieber geworden. Das klingt so dumm sentimental, aber Sie Werdens nickt mißverstehen. Ich möchte nur, daß Sie wissen: hier ist Jemand, dem Sie viel sind. — Und nun bemühen Sie sich nicht, mir zu schreiben, sondern wenn Ihnen wieder gut sein wird, lassen Sie michs wissen und ich komme einmal zu Ihnen. Empfehlen Sie mich bitte der gnädigen Frau und seien Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem alten Hermann Bahr Eine neue Herzl-Biographie Anläßlich des 30. Todestages Herzls erscheint in Jerusalem, vorläufig in hebräischer Sprache, eine von Dr. Alex Bein, dem ehemaligen preußischen Staats- Archivar in Berlin, verfaßte neue Biographie Herzls. Ich kenne heute nur einen Teil davon, aber was ich bisher gelesen habe, verspricht ein besonders gediegenes Werk. Eine derartige erschöpfende Biographie hat bisher gefehlt. Dr. Bein kam 1930 nach Wien und wir, die Testamentsvollstrecker Herzls, Kremenetzky und ich, haben Dr. Bein schätzen gelernt, ihm die volle Einsicht in das Archiv gestattet und mit der Abfassung der Biographie betraut. Dieses Werk wird manches neue bringen. Dr. Bein hat Jahre hindurch mit Sorgfalt, Ausdauer und last, but not least mit viel Liebe daran gearbeitet. Die deutsche und englische Ausgabe wird bald nachfolgen. Schon heute sei die Aufmerksamkeit der ganzen Judenheit und Allgemeinheit auf dieses Standard- Werk gelenkt. M. R e i c h e n f e 1 d. Erich Gottgetreu: Ussischkin läßt die Taube frei Spieles ihre Gabe dar, Blumen, Früchte, Hühner oder Schafe, und zwischen den Ku lissen aus Pappe und Holz wuchs ein kleines Paradies. Aber an diesem goldenen Morgen feierten nur die Kinder. Während sie das Lied von Saat und Ernte sangen, schlugen auf den Hausneubauten rechts und links des Theaterschiffes die Arbeiter die Hämmer im Takt. Die Betonmaschinen rasselten. Mittags endeten die Haifaner alle alltägliche Arbeit. Der Tag des Landsegens fand in einer feierlichen Fruchtprozession seinen Höhepunkt. Der ganze Emek und der halbe Scharon fuhr festlich auf. Jede Kolonie zeigt, was auf ihrem Boden gedoiht. Langsam gleitet die grüne Welt zwischen den Zuschauermassen, die sie jubelnd begrüßt, hindurch; große hebräische Namensschilder verkünden jeweils die Herkunft des Segens. Kinereth, Haschomer Hazair, Bethania: Kartoffeln, Kohl, Tomaten, Gurken. Mischmah- Haemek, Tel-Josef: Mais, Chazilim, Kischuim. Dazwischen, zum Teil meisterhaft auf Pferden reitend, Kinder: das Schönste, was das Land hervor bringt. Nahalal hat ein Kornfeld aufgebaut. Chedera, Kfar Baruch einen Wald. Auf Ramath-David thront im Käfig ein Kälbchen. Kfar Josehuah, Jagur: Orangen, Grapefrüchte. Givad Chaim — jeder in der Menge kennt die Fortsetzung des Namens: Givad Chaim Arlosoroff. Das Bild des ermordeten, unvergessenen, unersetzten Führers, wird dem Wagen der Kolonie vorangotragen. Auf dem Auto: ein weißes Wassertürmchen, ein kleiner Pardeß, das Modell eines Arbeitersiedlungshauses und, mit dem Gewehr im Arm, patronentaschenumgürtet ein Wächter... Alle klatschen, wie sie den Wächter sehen. Die politische Spannung dieser Tage ist sehr scharf, jede Geste des festen Willens löst rasenden Beifall aus. Noch mehr Kolonien soll der Frühlingsfestzug kommender Jahre umfassenl Noch mehr kann er umfassen! Genug Land liegt brach, und Hunderttausende von Juden in aller Welt fiebern danach, es zu bebauen. Seht doch die Sehnsucht — öffnet das Tor! Am Ende der Herzl-Straße ist eine Tribüne errichtet. Auf ihr steht Ussischkin, Präsident des Keren-Kajemeth. Abgesandte der Kolonien bringen dem verehrten Bodeuvater des Landes die Frucht der Arbeit clar, wie vor Jahrtausenden ihre Ahnen den Zehnten dem Priester... Jetzt singen sie die Hatikwah. Und die nächsto Minute webt einen Schleier der Stille über die lärmende Straße: Ussischkin spricht. Eine Taube hält er in der Hand: .. In vielen Farben schimmert das jüdische Volk wie diese Taube... Frei, ganz frei zu soin, sehnt sich das jüdische Volk wie diese Taube... Es wird frei sein wie diese friedliche Taube!“ ... Und da fliegt der Vogel hoch — über die jubelnde Menge — die Blicke folgen ihm aber jetzt sehen wir nur noch den Himmel.