Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 366 (3.7.1934)
- Date
- 1934-07-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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30« Todeslage Theodor Herzls Kaf Th amus 5664-5694 ] NACH 30 JAHEEN 3. Juli 1904-1934 1 flaute vor dreißig Jahren hat Theodor Herzl die Augen geschlossen. Die gigantische Größe meiner kaum achtjährigen zio nistischen Tätigkeit wird heute jedermann klar sein. Aber auch heute noch gibt es Nörgler, die da meinen, Palästina könne die dudenl'rage nicht lösen. Das Land sei zu klein, die Araber seien uns feindlich gesinnt und England sabotiere die Errichtung der nationalen Heimstätte. Und seit dem Unglück, das Uber die deutschen Juden hereingebrochen ist, tauchen wieder die Projektemacher, die vielleicht manchmal auch Geschäftemacher sind, auf und schlagen neue Länder vor, die angeblich bereit wären, große Massen von Juden aufzunehmen. Bald wird A r g e n t i n i e n genannt, dann die Türkei und schließlich auch Angola. Alle diese Nachrichten erwiesen sich aber a.ls falsch, kaum daß sie von einer sensationslüsternen Presse imfgebalischt worden waren. Man muß es heute als feststehende Tatsache betrachten, daß es nur ein Land gibt, das jüdische Massen aufnehmen kann, und das ißt Palästina. Es steht weiter fest, daß nur in Palästina die Umschichtung jticlißcher Massen von den intellektuellen Bern fen zum Handwerk und zur Landwirtschaft erfolgen kann. Die von Baron Hirse h in der Vorkriegszeit in Argentinien verpul verteil Millionen sind hiefiir der beste Be weiß. Es gibt eben kein zweites Land, das seelisch so auf den Juden wirkt wie unser eigenes Land, das seit fast zwei Jahrtausenden die Sehnsucht ungezählter jüdischer Generationen bildet. Diesen Gedanken brachte auch Herzl zum Ausdrucke, als er vor der Londoner F r e m d e n k o mis sion erklärte: „Die Wohltäter in diesem Lande sollten sich vereinigen und einen Platz ausfindig machen, wo sie die Heimatlosen ansiedeln mul aus ihnen Arbeiter statt Bettler machen könnten. Ähnliche Ansiedlungen sind gescheitert, weil für Bewegungen großer Volksmassen Geld allein nickt genügt. Sie müssen ein Ideal haben, sie müssen an ihre Zukunft glauben können und dann ist man imstande, bei ihnen die Hingebung für die denkbar schwerste Arbeit zu finden. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Argentinien hat einen sehr guten Boden und die Bedingungen für die Landwirtschaft sind dort bedeutend bessere als in Palästina. Aber in Palästina arbeiten die Juden mit Enthusiasmus und haben Erfolg; freilich nicht die künstlich gemachten Kolonien. sondern die auf der Basis der großen, nationalen Idee nach dem System der Selbsthilfe gegründeten.“ Heute ist dio Lage ärger als zu Herzls Zeit. Kein Land will jüdische Massen aufnehmen. Es gibt also kein Nachtasyl und wir wollen auch kein Nachtasyl- Wir wollen nur Palästina. Als die rinsßischen Juden, derjenige Teil des Judentums also, der durch Pogrome und Ausnalimsgesetzo gemartert wurdo, das Ugandaprojekt, auch als Zwischenlösung ablelinlen, als Herzl seine Hand zum Schwur erhob: „Vergesse ich je dein Je r u s a 1 e m, s o v e r (1 o r r 0 meine Recht e“, da schrieb die „T i m o s“ einen Artikel, der den russischen Zionisten wegen ihres Mutes Achtung zollte. Wir müssen es heute halten wie die „Neinsager“ am Ugamdakongreß und diejenigen, die das nicht "wahr haben wollen, niUßßcn erkennen, daß Erez Israel, das so herrlich blüht, ihre einzige Wahl ist. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß mir Erez Israel die Judenfrage lösen kann, dann ist es das Scheitern des A n g o 1 u - P r o j e k t e s, das nach Herzls Tod von Za n g will und seiner Gruppe (Ito, Jewisli, Tcrritorial-Orgauisation) nach dem Austritte aus der Zionistischen Organisation für eine jüdische Massensiedlung ausersehen war. Die Londoner uud Pariser Rothßchilds, sowie andere jüdische Millionäre in England und Amerika und die Baron Hirsch-Stiftung förderten damals Zangwill und Chamberlain versprach ihm jede Unterstützung. Im Jahre 1907 erschien eine deutsche Übersetzung von Z a n g w i 11 s „Träumer des Ghetto“ und der Übersetzer war derselbe Hanns Heinz Ewers, der jetzt in Nationalismus macht lind unter anderem den Roman „Horßt Wessel“ und das Drehbuch zum II o r s t. - W e e s e 1 - F i 1 m geschrieben hat. Dieser Hanns Heinz Ewers, der sich heute sicher nicht rühmen würde, daß er die deutsche Ausgabe von Zangwilis „Träumer des Ghetto“ im Jahre 1907 „unter Mitwirkung des Verfassers“ heraußgegeben hat, schrieb im Vorwort: „Zangwilis neue jüdische Gesellschaft steht also in schroffem Gegensatz zum Zionismus: hier die armen, aber begeisterten Massen, dort wenige, aber außerordentlich reiche und einflußreiche Männer. Auch die Verwaltung der Baron Hirsch-Stiftung hat sich mm Zangwilis neuen Ideen wieder genähert, die ja im Grunde auf das charitative Moment wieder zurückkommen, ohne auf das politische zu verzichten. Es bleibt abzuwarten, welche der beiden nationaljüdischen Richtungen den Sieg davontragen. wird.“ Die hier gestellte Frage ist heute gelöst, Die Ito existiert nicht mehr, das Angola- Projekt ist endgültig erledigt und „die armen, aber begeisterten Masß e n“ und nicht „wenige, aber außerordent lieh reiche und einflußreiche Männer“ gaben zugunsten der zionistischen Bewegung den Ausschlag und brachten es dazu, daß das jüdische Volk heute wieder Subjekt seiner Politik und Erez Israel beglückende Wirklichkeit wird. Wenn es auch richtig ist, daß die zionistische Bewegung heute mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, so bietet sie doch die einzig mögliche Lösung der Judenfrage. Darin besteht eben Herzls Genie, daß er uns den Weg nach Zion gewiesen hat, einen Weg, der zu seiner Zeit ungangbar schien, der auch heute noch steinig und dornig ist, aber aus der Finsternis zum Licht, aus der Knechtschaft zur Freiheit führt. Darum wollen wir heute, da wir des toten Führers in Trauer gedenken, neue Kraft und neuen Mut schöpfen. Herzl lebt. „Die Ju den, die wollen, werden ihren Staat habe n.“ An uns wird es liegen, diesen Königßtraum Herzig, die Emanation höchster staatsmännisoher Weisheit, noch in unseren Tagen zur Tat zu machen. Und es wird dann sein, wie es Theodor Herzl im Schlußwort seines „Jude n s t a a t e s“ geschrieben hat: „Die Welt wird durch unsere Freiheit befrei^, durch unseren Reichtum bereichert und vergrößert durch unsere Größe. Und was wir dort nur für unser eigenes Gedeihen versuchen, wirkt machtvoll und beglückend hinaus zum Wohle der Menschheit,“ Dr. Oskar Grünbaum. Das MUcUea Von David Frischmann Wie ein Märchen erscheint uns das Leben dieses Mannes. Und in der Däm> merstnnde erzählt, wird diese wunderbare Geschichte von Geschlecht m Geschleckt überliefert werden. So plötzlich sein Kommen war, sö. plötzlich war auch sein Gehen. Fürwahr, ist das nicht schon die Weise eines Märchens? Über seiner Wiege stand ein guter Stern, und alle Gaben des Körpers und Geistes — die sich vereint nur selten finden — waren ihm verliehen: der Zauber der Augen, die Schönheit der Gestalt, die Gewandtheit der Zunge, die Kraft des Verstandes, das Herz eines Kindes, die Gradheit des Denkens, die Stärke des. Riesen, die träumerische Phantasie und das mächtige Verlangen, Großes zu leisten, was kein anderer zu leisten vermag; er war begnadet mit dem Lächeln und der Phantasie, mit der Fähigkeit, zu herrschen und zu entscheiden. Ein starker Wille ward ihm zuteil und Wohlgefallen in den Augen Gottes und der Menschen% alle Gaben des Körpers und des Geistes. Aber auch der Tod kam Uber ihn, plötzlich, der nun den Zauber des Märchens über ihn ausgießt, damit er Symbol des vollkommenen Helden sei. Denn was er im Leben zu leisten verhindert war, sein Geist wird es nach seinem Tode erfüllen. HERZL, DER SEHER Einigt Zitate aus seinen Werken Vorbemerkung der Redaktion: Dev Verlag „Hozaah Ivrith“ (Jüdischer Verlag), Tel- Aviv, gibt jetzt in deutscher Sprache eine Gesamtausgabe der zionistischen Werke Theodor Herzls in fünf Bänden heraus. Der erste Band, „Zionistische Schriften“, liegt bereits vor; er umfaßt 54 Aufätze, Reden, Botschaften usw. Herzls, darunter in der jetzt erscheinenden dritten Auflage 15 bisher nicht bekannte oder noch nicht aufgenommene, Mit Genehmigung des Verlages geben wir nachstehend eine Anzahl von Z.itaten wieder. Wie erstaunlich zeitgemäß und aktuell diese Sätze Theodor Herzls sind, die vor 80 bis 40 Jahren geschrieben worden sind, und die wie Prophezeiungen wirken, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. DIE JUDENFRAGE Die Judenfrage besteht. Es wäre töricht sie zu leugnen. Sie ist ein verschlepptes Stück Mittelalter, mit dem die Kulturvölker auch heute beim besten Willen noch nicht fertig werden konnten. Den großmütigen Willen zeigten sie ja, als sie uns emanzipierten, Die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. TP/r ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung. DER ANTISEMITISMUS Ich glaube, den Antisemitismus, der eine vielfach komplizierte Bewegung ist, zu verstehen. Ich betrachte diese Bewegung als Jude, aber ohne Haß und Furcht. Ich glaube zu erkennen, was im Antisemitismus roher Scherz, gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurteil, religiöse Unduldsamkeit — aber auch, was darin vermeintliche Notwehr ist. Ich hatte die Judenfrage weder für eine soziale noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird. WACHSEN DES JUDENHASSES Nach einer kurzen Pause des Aufatmens ist für uns moderne „emanzipierte“ Juden wieder eine böse Zeit gekommen. Unter einem neuen Schlagwort ist der alte Haß abermals auf getaucht, nicht nur in den barbarischen Ländern Asiens und Halbasiens, sondern auch in solchen, die man zivilisierte nennt. Ein Traum, eine Täuschung war es, daß wir glaubten, der Antisemitismus würde schwinden. Er ist gewachsen, er wächst. Ge biete erobert er sich, die ihm für immer verloren schienen, so Frankreich, das Dreyfus- Frankreich. EINE WAHNUNG VOR ACHTUND- DREISZIG JAHREN Ich halte die Judenfrage für äußerst ernst. IPer da glaubt, daß die Judenhetze eine vorübergehende Mode sei, irrt schwer. Es muß aus tiefen Gründen immer ärger werden, bis zur unvermeidlichen Revolution. — Manche Juden glauben freilich, daß die Gefahr nicht mehr da ist, wenn sie die Augen zudrücken. DER GESCHICHTLICHE SINN DER EMANZIPATION Es konnte nicht dev geschichtliche Sinn der Emanzipation sein, daß wir auf hören sollten, Juden zu sein, denn wir wurden zuriiokgestoßen, als wir uns mit den anderen vermischen wollten. Der geschichtliche Sinn der Emanzipation mußte vielmehr sein, daß wir unserem befreiten Volkstum eine Heimstätte bereiten sollen. Das hätten wir früher nicht vermocht; wir können es jetzt, wenn wir es mit aller Kraft wollen, DER LEBENSWILLE DES JÜDISCHEN VOLKES Ich weiß nicht, wieviel mir das Schicksal von der Verwirklichung unserer Idee zu sei hen noch gestatten wird, ob ich dabei sein werde, wenn das jüdische Volk anfangen wird, das Land unserer Väter urbar und gesund zu machen. Straßen, Häfen, Bahnen, Kanäle, Wasserleitungen, Häuser, schöne Städte und den Tempel zu bauen. Aber das weiß ich, daß ich an jenem Augustsonntag 1897 in Basel etwas sehr Großes erlebt habe, vielleicht das Größte, was es in der ganzen Bewegung geben kann. Das jüdische Volk fand sich an dem Tage wieder. Zweihundert Vertreter von Vereinen aus der ganzen Welt versammelten sich in Basel, und sie erklärten schluchzend und. jauchzend, daß es noch immer ein jüdisches Volk geben, daß dieses Volk nicht unter gegangen ist und nicht untergehen will. DIE STAATSIDEE Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee, Die Staatsidee hat wohl eine solche Gewalt. FORTBESTAND DER DIASPORA Ick glaube nicht an die Ausführung des Gedankens, wie ich ihn in meiner Schrift „Der Judenstaat“ entworfen. Aber ich glaube, daß der Judenstaat entstehen wird, unter teilweisem Fortbestand der Diaspora, weil in solcher Diaspora jetzt alle Völker leben. VORAHNUNG DES PALÄSTINA¬ MANDATS Ich werde wohl auch den Charter einmal in einem ganz unvorhergesehenen Augenblick bekommen — wenn überhaupt. Wenn wir ihn nämlich nicht erst nach der Teilung der