Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 365 (29.6.1934)
- Date
- 1934-06-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 365 — 29. .Tun! 1034 DIE STIMME Seite 8 MIAMI* DER. UNVERGESSLICHE ■PÄVID60LDER- IN DEM GROSSEN RI.AA-MEISTERWERX IIU ALICE F1ELD DIE SCHÖNSTE UND SCHARMANTESTE FR AU VON PARI8 R E ö IE; AN ATOL LITVAK "eu,e',m'a,e“6ARTENBAIH'KÄRNTNER-i. BUSCH-KINO«• HAYDN-* KOLOSSEUM « VOTIVPARK-KINO* ATtANTlSFIlM’WIEN Kunst und Literatur Margarete Bach auf dem Herzl-Gedenkabend Der breit.c Raum, den unser Bericht, über den offiziellen Teil des Merzl-Oedenkabends in der letzten Nummer unseres Blattes einnalim, ließ es nicht zu, ausführlich über den künstlerischen Teil zu berichten, wie es dieser, insbesondere durch die Mitwirkung der prächtigen Vortragskünstlerin Margarete B a. c h, verdient hätte. Den Höhepunkt der künstlerischen Darbietungen des Gedenkabends bildete zweifellos die hohe Vortragskunst Fräulein Bachs, die es glänzend und meisterhaft versteht, der sprachlichen Schönheit der Propheten, nicht, zuletzt durch den ganz großartigen Wohlklang ihrer Stimme, immer neue Saiten abzugewinnen. Fräulein Bach brachte außer den bereits erwähnten Gedichten „In memoriam Herzl“ von Hugo Zuckermann das vor einigen Wochen auch in der „Stimme“ veröffentlichte Jugendgedicht Herzls „Märchen an die J u g e n d“ und Kapitel aus Ezechiel und Jesaias, die das Publikum zu stürmischem Beifall hinrissen. Konzert des B. J. F. und des Jüd, Ges,*Vereines Ein erlesenes, stilvolles Programm und eine auf hohem Niveau stehende Leistung kennzeichneten den Abend, an dem sich zwei künstlerische jüdische Vereinigungen zu einer gemeinsamen Veranstaltung assoziiert hatten. Der Bund jüdischer Frontsoldaten hat ein Orchester gebildet, das schon jetzt auf einer beträchtlichen Höhe steht. Als ideelle Nachfolgerin des ehemaligen Hakoah-Orchesters hat sich auch diese Körperschaft als Ziel gesetzt, in erster Linie Werke jüdischen Tondichter und lm weiterer Folge Werke jüdischer Musik zu Gehör zu bringen. Mendelssohns Schottische Symphonie wurde von ihrem neuen Dirigenten Dr. Kurt P a h 1 o n mit Umsicht und Verve yorgetragen; der junge, zweifellos sehr musikalische Musiker hat präzise, elegante Bewegungen und weiß, was er will. Eine zukunftsreiche Begabung. Der jüdische Gesangverein, der von Jahr zu Wahr unter der Führung seines hochtalentierten Israel Brandmann gewaltige Fortschritte macht, kam diesmal gleich mit zwei bedeutenden Werken der Chorliteratur, Mendelssohns Psalm 114 und die Frühlingshymne von Goldmark, zu Worte. Zusammen mit dem trefflichen Orchester fügten sich die frischen, klangvollen Stimmen dem feurigen Stabe ihres die Materie souverän beherrschenden Dirigen- In den Nachmittagsstunden des 26. Juni ist der weltberühmte Schauspieler Max P a 11 e n b e r g, der sich auf einer Flugzeugreise aus Lugano, Schweiz, über Prag nach Karlsbad befand, beim Absturz des Flugzeuges unmittelbar vor der Landung in Karlsbad ums Leben gekommen. Im gestürzten Flugzeug befand sich als zweiter Fahrgast der 55jährige finnländische Fabrikant Moses S k u r n i k, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Helsingfors und Organisator der fmnländischen Palästina-Ausstellung, der ebenfalls beim Absturz den Tod fand. Max P a 11 e n b e r g, der so tragisch ums Leben gekommene Künstler, war einer der größten jüdischen Schauspieler deutscher Zunge, ja einer der größten Komiker des deutschen Theaters überhaupt. Das tragische Ableben des großen Künstlers Max Pallenberg hat überall in der Welt, wo Kunst, insbesondere die darstellende Kunst, geehrt wird, Trauer hervorgerufen. In den Nachrufen der In- und Auslandspresse, mit Ausnahme der in Hitler-Deutschland, wird Pallenberg der größte Charakterkomiker, von manchen sogar der größte Schauspieler Deutschlands genannt. Er wird in der Reihe jener großen Komiker genannt, in denen der große Tragöde steckt. Pallenberg Zavadil in „Familie Schimek“ sind ganze ten und brachten die beiden Tondichtungen aus. Das Publikum jubelte ihnen und ihrem Führer mit besonderer Wärme zu. Der neuen Körperschaft ist die Erfüllung ihres Zieles vom Herzen zu wünschen. Besonders wäre noch die klangvolle Stimme der Frau Ilse Sachs zu erwähnen. Jul. W o 1 f s o h n. Studien gewidmet worden. Es existiert bereits eine ganze Pallenberg-Literatur, die des großen Schauspielers Wesen charakterisiert. Pallenberg war auch im Leben ein außerordentlich vitaler und geistsprühender Mensch; die „Pallenbergiana“ sind in der ganzen Welt berühmt geworden. * Max Pallenberg wurde am 18. Dezember 1877 in Wien als Kind einer aus Rußland eingewanderten jüdischen Familie geboren. Er wandte sich früh dem Theater zu und wurde noch in jungen Jahren ein über Österreich hinaus bekannter Darsteller komischer und tragikomischer Typen. 1914 verpflichtete ihn Max Reinhardt für das Deutsche Theater in Berlin. Nach dem Hitler-Umsturz aber durfte er, der seit fast 40 Jahren die deutsche Bühne um den Lebenden unvergeßliche Gestalten bereicherte, nicht mehr in Deutschland wirken. Seit 1917 war er mit der berühmten Berliner Darstellerin und Sängerin Fritzi Massary verheiratet, die jetzt ebenfalls nicht in Deutschland auftreten darf. Pallenberg und die Massary, deren Zugehörigkeit zum Judentum in früheren Jahren ein Geheimnis war, haben sich, seitdem die Diffamierung und Verfolgung der Juden im Deutschland der Nachkriegszeit begann, offen zum Judentum bekannt und unterstützten jüdische Institutionen. Arnold Zweigs Max Pallenberg Wir bringen im folgenden aus dem int Jahre 1928 erschienenen Buch „Juden auf der deutschen B ii h n e“ von Arnold Zweig einen dem Künstler Pallen-« borg gewidmeten Abschnitt, wobei wir hin-« zufügen müssen, daß die großartigen Rol« len. insbesondere die des „Soldaten Schwejk“. in der Pa.llenber.gs Gestaltung««! kunst Gipfelhöhe eigenartigster Schau« spielkunst erreichte, und die Pallenbergs Ruhm begründete, nicht in den Kreis den Betrachtungen Zweigs einbezogen sind* (Die Red.) Dem Künstler Pallenberg haben alle, dlö berufsmäßig oder aus gelegentlicher Lieb« haberei über das Theater schrieben, Lobhymnen gewidmet, bald schärfer kritisch’ durchsetzt, wie Kerr, bald schrankenlos begeistert, wie der leicht entflammte Jacobsohn, oft mit passionierter Bitterkeit gewürzt, wie Karl Kraus oder so zärtlich nachfühlend, nachgestaltend, wie Alfred Polgar« Pallenberg ist ein bestätigter Name, seine! Komik hat, von der nur mit schallendem Gelächter zu belohnenden des bösartigen Vormundes in der „Familie Schimek“ bis zu der sublimen, unmerklichen Belustigung* mit der er den Theaterdirektor in „Sechs Personen“ verkörpert, alle Register menschlicher Lachlust entfesselt und den Ruhm dafür geerntet, den die Menschen für ihrö Lehrer in der Form der Heiterkeit nur zu verteilen haben. Denn in der Komik Pallenbergs ist ein erzieherisches Element; er ist kein Spaßmacher und Clown, der selbstzufrieden und voll Behagen in dem Gelächter, das ihm entgegenschallt, seine Leistung um des Beifalles willen steigert und iosläßt. Er ist ein bitterer Narr, der das Böse des Menschen, unheimlich durchsichtig und überwindbar aufzeigt. Das Bedingte der menschlichen Existenz, das sonderbar Gefährliche' der menschlichen Sprache, die Leichtigkeit, mit Worten den Menschen außer Fassung zu bringen, das Wort, welches Sinn tragen soll, in ein Geschnatter zu verwandeln und damit menschliches Sprechen überhaupt in seiner Fragwürdigkeit zu entblößen, alles das sind Kennzeichen einer sehr geschärften, erfahrungsvollen Einsicht aus Intuition, einer heftigen Kritik am Menschen und seinen Einrichtungen, die ein Spaßmacher sonst nicht aufbringt. Pallenberg rächt sich, sagt man, an den albernen Rollen, die ihm zu spielen gegeben werden, indem er sie ver- Zu Max Pallenbergs tragischem Tode flucht aus Galizien_ Von H. W. Katz Über die glühenden Geleise des kleinen Bahnhofes Strody rollten drei Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Militärlastzüge nach dem Osten. In ehemaligen Viehwagen standen singende Soldaten mit Blumen in der Hand, an den Mützen, auf den Flintenläufen. Batterien, Kanonen, Haubitzen, mit großen Zeltbahnen verhüllt, wuchteten auf offenen Güterwagen, die noch kürzlich Holz, Metalle, Steine, Maschinen transportiert hatten. Pferde wieherten aus den mit Stroh belegten Wagen. Gestern waren es noch simple Friedenspferdo gewesen, jetzt fuhren sie als Kriegspferde an die Ostfront. Nachts humpelten Wagenzüge durch die Gassen Strodys. Soldatentransporte, Munitionskolonnen, Mobilisierungsmaterial, graue Zeltwagen mit Rotem Kreuz... Auf einmal, das Städtchen glich schon seit etlichen Tagen einem Heereslager, auf einmal vernahm man mitten am hellichten Tage, mitten im Sommer, fernes Gewittergrollen ... „Brornrn — Bromm -— Bromm,.,“ „Die Russen...“ Es war alles, alles so schnell gekommen, daß keiner darauf vorbereitet war. Schon fuhren Lazarettwagen zurück, beladen mit Verwundeten. Schon glich der Osten Galiziens einem von schworen Erdbeben heimgesuchten Lande. Rauchwolken stiegen gen Himmel, und Soldaten mit verbundenem Kopf, Arm in Binden, hinkend, überschwemmten das ganze Gebiet mit ätzondem, giftigen Karbolgoruch. Die Truppen begannen ihren Rückzug. Mit zogen sie die [verängstigte Zivilbevölkerung. Immer näher kam das ferne Gewitter auf Strody am Flusse Stryj zu. Man riet den Leuten, ihr Städtchen zu räumen. Züge für die Zivilisten gab es nicht mehr. Der alte Leib versuchte, einen Wagen zu verschaffen, nach vielen Mühen gelang ihm dies. Schnell warfen sie ein paar Kisten auf das Leitergefährt, dann warfen sie alles wieder ab, sonst hätten die Fischmanns keinen Platz gehabt. Aschfal im Gesicht sagte Leib: „Alles da lassen! Nur die Menschen! In ein paar Tagen sind wir wieder zurück...“ „Wir müssen wenigstens das Wichtigste verstecken...“ riet die alte Mutter Malke. „Vor den Kosaken...“ Jakob und Hersch, die beiden Kinder, standen vor dem Wagen und bestaunten die vielen bunten Männer. Lea dachte, bleich wie ein Bettuch, an Amerika. „Bringt mir alles in den Keller!“ schrie Leib. Mit einer Petroleumlampe suchten sie sich eine dunkle Ecke. Dann warfen sie Kartoffeln, Kohlen, Stroh und Fässer über alles. Vor die Tür des Kellerraumes, in dem sich dieses Versteck befand, stellten sie Möbel-, Kisten, Säcke mit Getreide. Dann stiegen sie wieder hinauf ins Haus, zogen hinter sich die Kellertreppe, die aus Holz bestand, in den Hof, zerschlugen sie mit Äxten und zerstreuten die Holzteile in alle Winde. Dann setzten sie sich, leblos fast, in den Wagen. Lea hielt einen Sack auf den Knien, darinnen lagen ihre beiden silbernen Hochzeitsleuchter. Die Kinder saßen auf zwei zusammengebundenen Kissen* Esbrannte unbarmherzig die Sonne. Die Hemden klebten naß auf den Flüchtlingen. Staub wirbelte auf den Straßen. Die Pferde schüttelten sich und wieherten klagend über die schwere Last. Soldaten marschierten in unendlichen Zügen. Truppen marschierten geschlossen und hart zur Front, nach dem Osten. Truppen marschierten in losen Kolonnen zurück, aus dem Osten. Immer näher krochen auf den Rücken der davoneilenden Fischmanns dumpfe heulende Kanonenschläge. Immer stickiger stank es nach Karbol... Der Wagen humpelte aus Strody heraus. Da keiner daran zu denken wagte, daß der Krieg lange dauern könnte, wagte keiner nachzudenken, ob es etwa ein Abschied für immer sei. Grauen, Lähmung flog von einem erschrockenen Gesicht zum anderen. „Kommt bald Amerika?“ fragte Jakob. „Sei still“, preßte Lea hervor. Dann begann sie zu weinen. Bis jetzt hatte sie still gehalten. Marschierende Soldaten sangen das passende Lied: „Muß i denn, muß i denn, zum Städtle hinaus, Städtle hinaus, und du mein Schatz bleibst hier...“ In Strody blieb niemand zurück, denn dieses Städtle befand sich, müßt ihr verstehen, auf der anderen Seite des Krieges. Jakob, der seit Wochen auf die Amerikareise vorbereitet war, glaubte wirklich, sie seien auf dem Wege nach Amerika. „Wann kommt Amerika, Mamma?“ „Still!!!“ schrie der alte Leib, gellend, bellend. Zum erstenmal wurden die Kinder von ihm angefaliren. Die Erwachsenen merkten es nicht einmal. Nur die Kinder begannen zu weinen. Die breiten Straßen, die aus militärstrategischen Gründen vor langen, langen Jahren in weiser Voraussicht hier errichtet worden waren, erwiesen sich als zu eng. Jeden Augenblick mußten «die Flüchtlingswagen halten. Die Straße war verstopft. Unabsehbar zog sich die Kolonne der Leiterwagen mit der fliehenden Bevölkerung in die Länge. In geheimnisvoller Hast, über die Hälfte der Straße einnehmend, marschierten die Soldatenschlangen. Fliehende Mückenschwärme bestätigten die Schwüle des langsam abbröckelnden Sommertages. Schnell brach die Nacht herein. Sternenlos war sie, stockdusteT. Nichts sah man mehr von den Soldaten, nur ihre Marschtritte waren im Ohr zu vernehmen. Die Fischmanns hörten in ihrem sich schüttelnden Gefährt die forschen, knalligen Befehle der Offiziere und der Korporale. Entsetzlich fern erschien ihnen in dieser ersten Flüchtlingsnacht der Himmel. Weder vor noch hinter sich konnten sie die anderen Wagen der Fliehenden erblicken. Sie hörten nur ab und zu ganz nahe ein Pferd schnauben, wiehern. Unzählige Wagenräder drehten sich krächzend in der drückenden Finsternis. Es stöhnte der Boden unter der ungewohnten Belastung, ln den Bäumen, die nicht weit von der Straße stehen mußten, flüsterte ein Wind. Nur langsam kamen die Flüchtlinge vorwärts. Der Morgen dämmerte bereits und noch immer waren sie nicht an einem Ziele angelangt. Noch immer rückten sie nur sehr langsam vor auf der schnurgeraden Landstraße. Hier und da bemerkten die Übernächtigten rechts und links von der Straße Soldaten auf Patronenkisten sitzen. Neben dem müden Soldaten standen die Gewehre in Pyramidenform. Höher stieg die Sonne. Viele waren zu Fuß, denn nur wenige hatten einen Wagen finden können. Sie flüchteten gleich querfeldein. Sie liefen, rannten, keuchten weg vom Osten, der in Flammen stand. Hilflos schlenkerten sie mit Armen und Beinen. Heiß und trocken wär die Luft in ihren fehlen...