Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 363 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE STIMM« Nr. 363. ~ 2? TnoT 1984. und diplomatische Geheimtuerei, die der erwartungsvoll aufhorchenden Menge baldige Erfüllung vortiiuschen. Was ist aus seinem Königstraum geworden? Wo er hinbliekt. gähnt ein Abgrund von Haß, Vorurteilen und Rachsucht; eine schwarze, starre, undurchdringliche Wand, an der er allmählich verblutet... Noch nie hatte er sich so müde gefühlt wie jetzt, wo ihn die Hoffnungslosigkeit seiner Sendung mit Todesahnen erfüllt. Die brennenden Augen fallen ihm zu. Ach! Wenn man nur so hinüberschhimmern könnte nach all dem unendlichen Jammer diesem Erdenwallens — für immer! Bevor noch das betörte Gottesvolk die Trugschlösser seines Messias durchblickt. Er kann nicht einschlummern und fährt von Zeit zu Zeit wie in einem schweren Traumzustand erschreckt auf. Er fühlt, wie sich tausende Hände zu ihm hilferingend recken — er sieht schreckensstarre Gesichter und er vermeint im Knattern des sausenden Zuges ein Weinen zu hören und ein erschütterndes Rufen von Millionen; Rette uns, Führer, rette! Auf der nächsten Station bleibt der Zug stehen. Eine polternde, lärmende Gesellschaft steigt in den Schnellzug ein. Er drückt sich noch enger in seine Ecke beim Coupefenster, als ob er sicto verkriechen wollte vor Menschen, die ihn jetzt förmlich anekeln. Dieser Menschen, deren Lehre von Nächstenliebe nichts ist als Hohn und Lüge, insolange seine Brüder in Knechtschaft und Barbarei verschmachten. Unwillkürlich erinnert er sich an sein Gespräch mit dem Staatenlenker am Newaplatz, bei dem er wegen Erleichterungen für die russischen Juden und Unterstützung seiner Palästinaidee vorsprach. — „Unterstützung?“ — entgegnete der zaristische Wüterich und blitzte mit verschmitzten Augen seinen Gast an. — ,,Wir ermuntern ja die Juden zur Auswanderung, zum Beispiel durch F u ßtritte!...‘; Noch sieht sein aufgewühlter Geist die hohnlächelnde Fratze vor sich. — Auch diesen werden wir überwinden — -wie so viele — denkt er. Und mit diesem Gedanken der Vergänglichkeit allen Leids weicht allmählich von ihm die Spannung. Durch all die krausen Erinnerungen, Wachträume und Bilder reckt sich immer klarer der Wille des geborenen Tatrnenschen, der sprungbereit stets nach neuer Gestaltung drängt. Jetzt dämmert ihm plötzlich die Tragweite des Uganda-Vorschlages auf, der ihm durch seinen Londoner Unterhändler Greenberg in aller Form vom englischen Außenamt gemacht, wurde. Als ihm das Memorandum, gezeichnet von Sir Clement; Hill, samt, den Bericht Greenbergs im Wilnaer Absteigquartier unvermutet übermittelt wurde, da beachtet er es kaum. Er dachte nur an eine Fortsetzung der Verhandlungen über El Aristo. Im Hotelzimmer stauten sich ununterbrochen Delegationen und Gäste, die ihm den Atem benahmen — und vor dem Hotel promenierten tagsüber jubelnd und lärmend die Juden Wilnaes, um einen Wink des Führers zu erhaschen. Mit dem geschärften Sinn, der durch die Bilder des Grauens aufgewühlt wurde, erkennt er jetzt hellsichtig die geschichtlichen Zusammenhänge seiner russischen Reise und des Uganda-Projektes. Plötzlich wird vor ihm eine Lösung der brennendsten Judennot in greifbare Nähe gerückt. Uganda! Auf dem Wege endlosen Harrens, Illusionen und offenkundiger Unzufriedenheit in weiten Kreisen seiner Getreuen — ein Ruhepunkt und vielleicht Zufluchtsstätte für Millionen, deren Leid er soeben Aug1 in Aug1 erschaut. Nun ist es kein Märchen mehr, das bloß vom Willen abhängig ist. Das stolze Albion bietet sein machtvolles Hilfswerk dem Judenvolke an. Als Volk zu Volk. Als Erfüllung und gewichtigen Meilenstein auf dem Wege nach Zion. Draußen dämmert’s bereits. Übernächtige Gestalten beginnen sich im Eisenbahnwagen zu räuspern und reiben sich gelangweilt den Schlaf von den Augen. Träge und gßlangweilt huschen sie an dem seltsam dreinbückenden Passagier vorbei. Wie beneidenswert erscheinen ihm jetzt diese Menschen. Aus dem Zwielicht dieses Morgens fahren sie in den Tag ihrer üblichen Sorgen und Freuden, während er im Schnellzugstempo das Schicksal eines ganzen Volkes ins Ungewisse führt. Vom benachbarten Coup6 ertönt plötzlich ein verhaltenes Murmeln. Es sind russische Juden, die sich im Eisenbahnzug zum Morgengebet zusammenfanden. Wie ein letzter Gruß aus den Ansiedlungsrayons klingt ihm dieser traurige Singsang im Morgengrauen. Gespannt lauscht er auf. Wie Hilferufe dröhnen ihm einzelne Laute, des Gebetee entgegen, die, ruckweise hervorgostoßen, vom sausenden Schnellzug verschlungen werden. Rette, Führer, rette —■ knattern die Räder. Rette. Führer, rette. Ein inneres Schluchzen schüttelt ihn. Die unheimliche Dynamik des russischen Judentums brandet, in ihm wie eine dunkle Flut. Aufgestaute Energien brechen jäh auf. Wie ein Sendbote dieser betenden Juden kommt er sich vor, der mit ihnen im Schnellzug der Erfüllung entgegenreist. An der Grenzstation Eydtkuhnen erwartet ihn eine Deputation von deutschen Zionisten. Er muß sich zusammenreißen, um Frohsinn und Gleichmut vorzutäuschen. Deswegen ist er der Führer, daß die anderen an ihn glauben, auch wenn sein Kopf nach durchwachter Nacht zermardeutsohen Wohlstandes. Er erinnert sich an die düsteren uml schmutzstarrenden Elendsquartiere, die er in Wilna und Warschau gesehen hat, und krampfhaft beginnt er sich an dieses weltenferne, unbekannte Ugandaland zu klammern. Seine Phantasie spielt bereits und drängt nach Visionen der Zukunft.. Ein Land! Ein Land! War es nicht der Ruf; „Ein Land“, der auf dem Schiffe Kolumbus' blitzartig den Aufruhr der unzufriedenen Seefahrer erstickte? Das Zauberwort „Ein Land“ wird wohl auch die beginnende Rebellion in unseren Reihen bannen. Habe ich, der Führer, das Recht, den Rettungsanker, den England bietet, abzulehnen, weil es nicht. Zion ist? — Zu wiederholten Malen durchfliegt er das englische Memorandum. Land in Sicht! Land in Sicht! — dröhnt in ihm der Ruf, den er nach unendlicher Irrfahrt Millionen zuwerfen wird. Unwillkührlich formt er bereits die Rede, die er am bevorstehenden Kongreß halten wird: ÜIMI «Mfc THEODOR HERZL VON ISRAEL ZANGWILL Fahr wohl, mein Fürst, fahr wohl, du Held So sehen wir dich, Feldherr, vor uns stehn: der Qual! Du träumtest einen Traum und zahltest den Tribut. Ein Volk erlöst allein der Führer Blut: So Gunst wie Haß schleppt sie zum Marterpfahl. Dein Leib nur war 's, der zog ins dunkle Tal. Der hehrste Geist in Juda wurde Glut, Die brennt in uns, entflammt zum heil’gen Mut, Der uns verjüngt und uns erlöst einmal. Ein stolzer Sieger noch im Untergehn, Die Fahne hoch, das Kampfhorn rufbereit: Dich krönt der Tod mit ew'gem Diadem. Wir aber schrei’n inbrünstig auf im Leid: Im nächsten Jahre in J e r usale ml (Ins Deutsche übertragen von Berthold Feiwel.) MlP VtVtP" 4 tert ist und tausend Pläne, Zweifel und die unendliche Pein seiner Sendung ihn zu Tode quälen. Zum erstenmal erwähnt er hier den Vorschlag einer auswärtigen Macht und deutet die Möglichkeit einer geschichtlichen Wendung an. Die genaue Botschaft werde man bald von der Tribüne des VI. Kongresses in Basel vernehmen... Hoffnungsvoll leuchten die Gesichter auf und erfüllen den Führer mit einem machtvoll anschwellenden Lebenswillen. Als er den Zug zur Weiterreise bestieg, da straffte sich bereite sein Tatendrang, der sich am Uganda-Projekt entzündete. Ein heller Augusttag strahlte durchs Fenster. Die Öde der russischen Ebene weicht wohlbestallten Siedlungen der Deutschen, deren Wohnstätten zwischen Thorn und Posen in Reih und Glied wie preußische Regimenter vorbeiflitzen. Das Grün der Felder un.d Gärten wirkt belebend durch den Zauber ewig junger Natur. Herzls Blick hängt mit Sehnsucht an den Zeichen deutscher Zucht und „Ich bringe euch ein Land. Zion ist es freilich nicht und kann es nie werden. Palästina ist wohl das einzige Land, wo unser Volk zur Ruhe kommen kann, und diejenigen, die sich einem schönen Traum hingeben. werde ich mit meinen Wünschen begleiten. Aber sofortige Hilfe tut Huntertausenden, die ich soeben sah, not.“ Ruhe und Zuversicht strömen nach dem düsteren Erlebnis der russischen Reise auf ihn ein. Wie ein Spuk zerstoben allmählich die Bilder des Grauens gleich den Rauchschwaden des Schnellzuges. Die auf schäumende Welle jüdischen Lebens, die ihn in Rußland eben überflutet hatte, erfüllt ihn jetzt mit Glücksgefühl geschichtlicher Sendung. Rasch entwarf er noch in Gedanken einige Orders für das. Aktionskomitee in Wien und den Kongreß. Von der nächsten Station aus avisierte er telegraphisch seine Ankunft in Basel, wo er mit Uganda die letzte Illusion seines Lehens zu Grabe tragen sollte... großen Erfolg. Und ein Erfolg war diese VI. Levante-Messe in Tel-Aviv. In sechs Monaten hatte eine unermüdliche, geniale Leitung aus dem Nichts eine ganze Messestadt geschaffen, die in ihrem Äußern vollkommene Ebenbürtigkeit, zu irgend einer europäischen Veranstaltung hot, die aber auch, was wichtiger ist, in ihrem inneren Wert, was die Seriosität, und die Quantität der allweltliehen Beteiligung betrifft,, einen wahren Rekord dargestellt, hat,. Es haben in dieser Messe nicht, weniger als 2200 Firmen ausgstellt, von denen zirka 1750 ausländische waren. 9 Großstaaten Europas hatten eigene „nationale Pavillons aufgestellt, während weitere 4 Staaten in den „Internationalen Pavillons“ Kollektivausstellungen veranstalteten. Dazu gab es Sonderpa. villons, wie „Haus der Frau“, Maschinenhalle, Autosalon und eine Anzahl von Ausstellungshallen. Die Messe wurde von zirka 600.000 Personen besucht. Österreich hatte, wie bekannt, keinen eigenen Pavillon, obgleich sich nicht weniger als 65 österreichische Firmen an dieser Messe beteiligten, die einen Ausstellungsraum von zirka 400 Quadratmetern belegten. Wäre unter staatlicher Leitung eine Konzentration dieser Aussteller möglich gewesen, so hätte Österreich zweifellos einen sehr ansehnlichen eigenen Pavillon aufstellen können und es wäre auch möglich gewesen, für den Fremdenverkehr zu werben. Die österreichischen Aussteller haben auf eigenes Risiko diese Expedition unternommen, und es ist erfreulich, melden zu können, daß das Geschäft bei fast allen Firmen ein zufriedenstellendes war. Sicherlich sind durch diese Beteiligung neue, sehr wichtige Beziehungen angeknüpft worden und die Kaufmannschaft hat sich ein Bild über das Land und seine Bedürfnisse, wie auch über seine Aufnahmsfähigkeit gemacht. Österreichs Export nach Palästina hat, das schon im Zusammenhang mit der Beschickung der Messe, in den ersten vier Monaten dieses Jahres eine enorme Steigerung erfahren. Während im Jahre 1933 in diesem Zeitraum Waren für Der Erfolg der Levante-Messe IIIIIIIIM Von Bruno Rabinowitsch Herr Bruno Rabinowitz, der ehrenamtliche Vertreter der Tel-Aviver Levante-.Messe in Wien, ist vor einigen Tagen nach Wien zurückgekehrt und hat im Rahmen von Vorträgen über die Bedeutung der Levante-Messe berichtet. Im folgenden stellt uns der Autor einen resümierenden Bericht über diese größte moderne Messescbau des Vorderen Orients zur Verfügung. Das rege Interesse, das ganz Europa und die Nachbarländer Palästinas an der nunmehr beendeten VI. Levante-Messe in Tel- Aviv genommen haben, war sicherlich in den nackten Tatsachen des „guten Geschäfts, das man seit langer Zeit mit Palästina macht, und des mangelnden Geschäfts, das alle Industrien auf dem Kontinent zu verzeichnen haben, begründet. Mit doppelter Energie hatten sich begreiflicherweise alle lebens- und konkurrenzfähigen Kaufleute auf diese „Insel der Konjunktur“ geworfen. Im Verlaufe der letzten zwei Jahre ist es nämlich klar geworden, daß Palästinas Aufschwung nicht eiDe Laune oder ein Zufall ist, sondern die notwendige Konsequenz der dauernden Zufuhr von Arbeitskräften und Kapital, der unermüdlichen Arbeit und zähen Ausdauer der dorthin ausgewanderten Juden. Diesen Eindruck gewinnt selbst der strengste Kritiker und der nüchternste Kaufmann, wenn er im Lande war. Es wird in Palästina tatsächlicher Bedarf gedeckt und nicht spekulativ Waren aufgestapelt. Daß für das kleine Palästina eine solche Veranstaltung, wie die Levante-Messe, in jeder Beziehung ein Ereignis war, ist mehr als zu verstehen. Es wäre ein Wunder, wenn diese junge Arbeitsgenerution mit einer gleichartigen Nonchalance, wie bei der Wiener oder Leipziger Messe, an solcher Veranstaltung vorübergehen würde. Und gerade dieses, vielleicht als Sensationsinteresse zu bezeichnende Teilnehmen der Bevölkerung war mit ein Beitrag zum Der österreichisch« Pavillon S 965.000 ausgeführt wurden, waren es in diesem Jahr nicht weniger als S 2,934.000, also ein Plus von 205 Prozent!! Den Hauptanteil an diesem Export haben die Eisen- und Metallwaren, Papier, Maschinen, Textilwaren, Lederwaren, Kautschukwaren und Elektromaterial. Noch während der Messe gründete sich auf Initiative der österreichischen Messe-Vertretung eine Austro-Palästinensischo Handelskammer in T e 1 - A v i v, die sicherlich dazu beitragen wird, daß die österreichischpalästinensischen Handelsbeziehungen vertieft werden, die aber auch alle Maßnahmen treffep soll, daß auch der Export P a- 1 ä s t i n a s nach Österreich bedeutend zunimmt. Die österreichische Regierung wird zweifellos angesichts dieses großen Exportüberschusses gegenüber der Einfuhr (S 2,934.000 Ausfuhr und S 124.000 Einfuhr) einen Weg finden, um den Produkten Palästinas, vor allem den Orangen, Grapefruits, Wein und Seife, einen größeren Platz bei der Einfuhr zu ermöglichen. Alles in allem bedeutet die VI. Levante- Messe einen großen m o r a 1 i s c h e n und materiellen E r f o 1 g. Palästinas jüdische Wirtschaft, jüdische Energie lind Arbeit haben bewiesen, daß sie in der Weltwirtschaft einen angesehenen Platz einnehmnn können. Der größte Pavillon, der „Tozereth Haarelz“-Pavillon, der die produktive Schaffenskraft des kleinen und jungen Ercz Israel darstellte, war für alle Interessenten ein Beweis für ernste aufbauende Arbeit.