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Die Stimme · 1934-06-22 · Heft 363 (22.6.1934) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 363 (22.6.1934)
Date
1934-06-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 3 DIE STIMME Nr. 363. — 22. Juni 1934. TUtO NUSSENBLATT: den Zionismus propagierte, Zionsvereine- und .Verbände ins Leben gerufen, Versammlungen über Versammlungen abgehalten wurden, eine umfangreiche Literatur über den Gedanken entstand, der „in ihm arbeitete“, hat ein so hochstehender, mitten im publizistischen Treiben lebender, ja selbst publizistisch schaffender Mann und Dichter wie Herzl keine Veranlassung gefunden, sich mit der neuen Bewegung und ihrer Literatur bekanntzumaohen! Wie seltsam! Wie merkwürdig! Und doch ist ein solches Vorkommnis in der Kultairgeschichte, ja, selbst auf dem Gebiete der positiven Wissenschaften kein allzu seltenes. So hatte — um nur e i n Beispiel anzuführen — Darwin den Gedanken seiner -weltbewegenden Deszendenzlehre nicht aus der Fachliteratur, in der er schon geraume Zeit vor ihm herumgespuckt hatte, sondern aus der Beobachtung der Natur geschöpft. Ja, Lamarck und Lyell, um nur die größten der Gegner Cuviers zu nennen, kennt Darwin kaum vom Hörensagen. Die Nichtbeachtung der vorhandenen zionistischen Literatur durch Herzl läßt sich vielleicht durch die Entstehuugsweise seiner Schrift erklären. Hätte Herzl sein Buch nach allen geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der literarischen Produktion verfaßt, so wäre daraus höchstwahrscheinlich eine sehr gründliche, mit zahlreichen Literaturzitaten und noch zahlreicheren Fußnoten versehene Studie geworden. Er ging aber anders zu Werke. Der ihm aus der Umwelt zugeflogene Zionsgedanke wirkte auf ihn, wie die Inspiration der Muse, er wurde in seiner Dichterphantasie zunächst zum Ausgangspunkt einer Romanidee. „Wie ich von der Romanidee zu den praktischen kam“, schreibt er gleich zu Beginn seiner Tagebücher, um Pfingsten 1895, „ist mir jetzt schon ein Rätsel, obwohl das in den letzten Wochen liegt. Das spielt im Unbewußten. Vielleicht sind es übrigens gar keine praktischen Ideen und ich mache mich zum Gespött der Leute mit ähnlichem Gerede imd ich wandle nur im Roman.“ Immer mehr verdichtete sich, unter dem Einflüsse antisemitischer Vorkommnisse, der ursprünglich rein dichterische Gedanke zu realer Wirklichkeit. In fieberhafter Hast — wie von einem Dämon getrieben — baut er in Gedanken den Judenstaat in allen Einzelheiten und selbst Äußerlichkeiten aus. Unablässig verfolgen ihn seine Pläne auf Schritt In Edlach, im Semmeringgebiet, wo er schon oft von seinen Sorgen ausnihte, verbrachte Herzl die letzten Tage. Er sehnte sich nach dem Meere, nach Sonne und Wasser. „Das Meer — weißt du denn, wie ich es liebe! Im heißen Sand liegen und stumm hinausschauen. Und gesund werden, gesund!“ So sprach er zu seiner Pflegerin, die er in Anlehnung an ein Gedicht von Heine „Glück und Sorge“ nannte. Herzl wollte gesund werden, um seine Lebensarbeit zu Ende zu führen, tun Mutter, Frau und Kinder nicht einsam zu lassen. Er wußte aber, daß seine Tage gezählt sind, und traurige Gedanken zogen durch seine Seele, was denn aus diesen allen in den letzten Wochen eingeleiteten wichtigen politischen Aktionen werden sollte? Seinem intimen Freunde, Direktor M. Reichenfeld, machte der schon vom Tode gekennzeichnete Herzl Andeutungen über wichtige Vorgänge in der politischen Welt in bezug auf die Judenfrage. Herzl las dabei ein eben eingelangtes Telegramm. Worum mag es sich gehandelt haben...? Und Herzl konnte sich keine Ruhe gönnen. Bis zum letzten Atemzuge mußte er arbeiten, um Gegensätze in der Bewegung zu glätten, geheime Memoranden abzufassen, der Kolonialbank Dispositionen zu geben, und auch um seinen Beruf nicht zu vernachlässigen. Er schrieb ein Märchen, das schon nach seinem Tode in der „Neuen Freien Presse“ erscheinen sollte. Posthumes Märchen. Die unmittelbare Ursache am Tode Herzls war eine Lungenentzündung, die sich Herzl bei einem Spaziergänge im Garten zuzog. Die aus Wien herbeigeholten Ärzte, der Hausarzt Dr. Karl Bondy und Professor (damals Dozent) Dr. Gustav Singer sahen bald, daß das geschwächte Herz der neuen Erkrankung keinen Wider- *) In diesem Beitrage ist authentisches Quellenmaterial über die letzten Tage aus dem Leben Herzls verwertet. Insbesondere persönliche Mitteilungen von Direktor M. Reichenfeld, Professor Leo Kellner, A. H. Reich und die in der „Welt“, anderen Zeitschriften und in einigen Publikationen festgelegten Berichte. stand zu leisten fähig sei. Die Nacht von Samstag, den 2. Juli 1904, wurde besonders schlecht. Herzl konnte nur noch mühsam atmen. .Die Augen oft halbgesohlossen, die Stirne von kaltem Schweiß bedeckt, so lag er mit fahlgelbem Gesichte in Tücher gewickelt im Bette. Heftige Hustenstöße brachten blutiges Sputum: „Mein Blut“, sagte er, „ich habe nicht gedacht, es so hingeben zu müssen.“ Den ihn besuchenden anglikanischen Reverend William Hechler sagte er zum Abschied: „Wenn Sie in Palästina sind, sagen Sie meinen Brüdern, ich habe mein Herzblut für sie gegeben.“ Von Zeit zu Zeit verfiel Herzl in einen Schlummer, aus dem er jäh emporgerissen wurde und verschiedene Worte sprach. „Ad loca, ad loca!“ Und seine rechte Hand führte Bewegungen aus, als ob sie den Hammer schwänge. Ein anderes Mal fuhren seine Finger auf der Decke wie auf einer Landkarte und er bezeichnete dabei einige Stellen: „Diese Grundstücke müssen gekauft werden“, sagte er zu seinem Sekretär A. H. Reich, der zusammen mit Dr. Werner die letzten Stunden um Herzl verbrachte. Der Zustand Herzls verschlimmerte sich zusehends. Da verlangte er zum letzten Male nach seiner Familie und seinen Freunden. Es war Sonntag, den 3. Juli 1904 — 20. Thamus 5664. Noch lim Uhr nachmittags waren um sein Bett die Mutter, die Ärzte, Alexander Marmorek, Kremenezky, Reichenfeld, A. H. Reich, nachdem kurz vorher Frau Julie Herzl, die die ganze Zeit um ihren Gatten bemüht war, nach zärtlichem Abschied wieder zu den Kindern gegangen war, versammelt. Eine halbe Stunde später hatte das jüdische Volk seinen großen Staatsmann, den Schöpfer der Einheit des jüdischen Volkes, verloren. Das jüdische Volk ward verwaist und wußte es noch nicht. Am Totenbette Herzls standen die vier Mitglieder des Aktionskomitees neben der verzweifelten Familie. Dr. Werner drückte die müden Augen des Führers zu, die eine Welt in Begeisterung zu versetzen imstande gewesen waren. Die sterblichen Überreste Herzls wurden nach Wien in sein Arbeitszimmer in der Hainzingerstraße gebracht. Dort hat der, Hausherr später ohne viel Aufsehen im Eingang eine Erinnerungstafel an Herzl angebracht. Von hier aus wurden die Gebeine Herzls auf den Döblinger Friedhof getragen* Unübersehbare Menschenscharen folgten diesem Trauerzuge, und beim Anblick dieser konnte man eine Ahnung haben, wie groß die Trauer des jüdischen Volkes in aller Welt war. Das ganze jüdische Volk war auf einmal einig — in der Trauer um Herzl. So einig wollte cs sich um den lebenden und handelnden Herzl nicht scharen, wie es auch heute sich um sein Werk noch nicht einig zusammengefunden hat. Der Sarg, mit der umflorten Zionsfahne bedeckt, sank in das Grab. Hier und in aller Welt, wo Juden wohnten, kam aus bebenden Lippen das Kaddisch-Gebet. * Im verwaisten Heime öffnete der Freund Herzls, M. Reichenfeld, den Herzl zusammen mit David Wolfsohn und Johann Kremenezky, — in der angeführten Reihenfolge — zu Vormündern der Kinder und Testamentsvollstreckern bestimmt hatte, den Schreibtisch Herzls. Über die Schriftstücke, die noch teilweise unerledigt geblieben waren, lag ein Bogen gebreitet, auf dem die Worte standen: In mid of live come the death. Mitten im Leben kommt der Tod. * Das Kinderzimmer, das sonst von lustigem Geschrei erfüllt war, wurde zu einem improvisierten Bethaus für die Tage der Schiwa umgestaltet. An die Wand gelehnt, stand ein Tischchen mit einem Thoraschrank. Die Inschrift am Schrein lautete in hebräischer Sprache: Dem großen Führer Theodor Herzl, von den Juden Wilnas gewidmet. Ein Jahr früher, als Herzl nach Petersburg fuhr, um das Los der Juden im Zarenreiche zu erleichtern, hatten ihm die Juden von Wilna dieses Geschenk, mit folgenden Worten übergeben: „Die Juden von Wilna, des litauischen Jerusalems, übergeben Ihnen, dem großen Führer, das Heiligste, was sie haben, die Thora.“ Und schon nach einem Jahre umringten viele, manche vielleicht zum erstenmal, diesen heiligen Schrein und beteten und Tritt. Geradezu atembeklemmend wirken die diesbezüglichen Stellen im Tagebuche. Man sieht förmlich, wie das Schaffensfieber den Dichter schüttelt und in ihm arbeitet, wie er sich in den Krämpfen der geistigen Geburtswehen windet. So sehr füllt ihn dies aus, daß er alles, was er sieht und um ihn vorgeht, auf die Sache bezieht, wie ein Liebender auf die Person seiner Liebe. Sein Gehirn vermag kaum mehr einen andern Gedanken zu fassen und in solcher Hast stürmt dies alles auf ihn ein, daß er am 16. Juni 1895 (Tagebücher, Bd. 1, Pag. 115) klagt: „Ich habe in diesen Tagen öfters gefürchtet, irrsinnig zu werden, so jagten die Gedankengänge erschütternd durch meine Seele.“ Dazu die ständige Bindung seiner Phantasiegebilde an seine eigene Person. „Abends in der Oper bei Tannhäuser. Wir werden auch so lierrliche Zuschauerräume haben... Ich werde auch erhabene Einzugsmärsche für große Feste pflegen“, schreibt er am 5. Juni 1895 in Paris ine Tagebuch (Bd. 1, Pag. 38). Dann: „überhaupt haben die Ressortsohefs Auftrag, alles wichtige, was der Weltgelst in ihren Fächern an Fortschritt ßchafft, mir zu signalisieren.“ Ähnlich hat es Wilhelm II. geübt.“ Weiter: „Für meine persönliche Sicherheit wird eine gut geleitete Geheimpolizei zu sorgen haben (9. Jnni 1895, Bd. 1, Pag. 54) und dergleichen mehr. Ist es unter diesen Umständen verwunderlich, wenn Herzl, unbekümmert um literarische Usancen, den Judenstaatsgedanken, wie er ihn sich in seiner Phantasie aufgebaut, als sein ureigenes geistiges Kind betrachtet und von keinem seiner Vorgänger Notiz nimmt? Daraus erklärt sich auch sein ganzes weiteres Verhalten. Denn nur für sein eigenes Kind vermag der Mensch bis zur Selbstverleugnung zu arbeiten, Gut und Blut zu opfern. Und das hat er — weiß Gott im buchstäblichen Sinne des Wortes Unbekannte Briefe Theodor Herzls Eingeleitet und zum ersten Male veröffentlicht von Dr. David Rothblum Der hier erstmalig der Öffentlichkeit übergebene Brief Theodor Herzls ist einer in meinem Besitze befindlichen Korrespondenz entnommen, die der Begründer des politischen Zionismus an seinen Vetter Leopold Paul Löbl gerichtet hat. Der eigenhändig, auf dem Geschäftspapier der „Neuen Freien Presse“ geschriebene Brief ist vom 14. März 1901 datiert und trägt die Anschrift: „Lieber Poldi“, womit Löbl gemeint ist. Dieses Dokument ist wohl eines der interessantesten, die wir von Herzl besitzen. Es gibt vor allem authentischen Aufschluß über Herzls Weg im Journalismus, worüber sich allerdings auch eine Bemerkung in seiner Autobiographie befindet. Des Führers Stellung fn der Redaktion der „Neuen Freien Presse“, der Wiener Weltzeitung, von der einmal ein Minister öffentlich sagte, daß man ohne sie in Österreich nicht regieren könne, war bekanntlich für die von Herzl betretenen Wege, die in Königsschlösser und Fürstenpaläste führten, von besonderer Bedeutung. Anderseits aber erwarteten seine Anhänger gerade von dieser Stellung des Führers eine besondere propagandistische Tätigkeit der österreichischen Tagespresse, insbesondere der „Neuen Freien Presse“, an deren Ruhm Herzls Feder in so hervorragendem Maße beteiligt war. Was Wunder, wenn Legenden über seinen Eintritt in die Redaktion Pnts M’djr, ' aU* fif K4OI , «wo. «U*. —— «4«-» r„ .. i'-J. ota-*«. . ’VUhU-ÄU. J>; .. /-'■r' ■*-** Vn r ***--’— .tv-i. «!U. -OU* VO-«—• ( •*> .. -*Ci, •Uum. __ ,J . . ’**ii— ■ r i 11 des genannten Blattes entstanden sind? Die eine hat er gründlich zerstört. Der in Herzls Brief erwähnte Schwager Löbls war Moriz Le in kauf, der in der „Neuen Freien Presse“ als wirtschaftlicher Schriftsteller tätig war. Also auch er war es nicht, der Herzl in die Journalistik einführte. Nicht ohne Befriedigung stellt der Meister fest, daß er aus eigener Kraft seinen Weg ging und sein journalistisches Ziel erreicht hat. Diese Feststellung war ihm offenbar ein Herzensbedürfnis. Er wollte sie nicht für den nächsten Tag hiuausschieben, wie er es mit der angekündigten zionistischen Auseinandersetzung tat. Sofort wollte er die „Erfindung“ festnageln. Die Anerkennung, die der Sohn der Herzensgüte seines Vaters in diesem Briefe widmet, ist rührend, der Gleichmut, mit dem er die Undankbarkeit der Mitmenschen trägt, für sein abgeklärtes Wesen bezeichnend. , O«. •*-* <ho. ... £4-*. CUjf^AXj , aJL* 1*0 y«. JitO» . JC Om 1 *■ ’ <ft. * <3Um*Uwmc. U.-J W/*-

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