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Die Stimme · 1934-06-22 · Heft 363 (22.6.1934) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 363 (22.6.1934)
Date
1934-06-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 868. — 22. Juni 1034. DIE STIMME BelWi antwortete mir: „... daß man hier ein sehr untergeordnetes Interesse für den bevorstehenden Zionistenkongreß bekunde... Es liegt deshalb keine Veranlassung vor, Sie in dieser Sache zu bemühen.“ Die anderen Agenturen reagierten überhaupt nicht. Zu uns war noch als Dritter Bertold Feiwel, der derzeitige Direktor der Jüdischen Kolonialbank in London, gestoßen. In wenigen Wochen hatten wir die technischen und administrativen Vorbereitungen vollendet. Die Kongreßkartc war von Okin, einem russischen Juden, der an der Wiener Kunstakademie studierte und zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, entworfen worden. Okin ging 1900 nach Rußland zurück. Seit der Revolution im Jahre 1905 ist er verschollen. Der Kongreß fand am 29., 30. und 31. August 1897 statt. Damit war die zionistische Bewegung in ihre historische Phase ge-' treten. Wir hatten uns im Kongreß eine Tribüne erobert, von der wir zur ganzem Welt sprachen. Wir hatten uns im Kongreß ein Instrument geschaffen, die zionistische Organisation, Heute wissen wir, der erste Zionistenkongreß in Bas'el bedeutet mehr: er hat den Grundstein gelegt fü* den dritten Judenstaat. Theodor Herzl und seine Vorgänger LITERARISCHE BETRACHTUNGEN Von Dr. M. T. Schnirer, Wien täten, so müßte die Staatsgewalt uns dazu zicingen. Man messe uns mit welchem Maßstab man will. man wird nicht finden, daß wir schlechtere Söhne des Vaterlandes sind als alle anderen Volksmitglieder. Dafür fordern ivir dieselbe Behandlung wie diese. Verweigert man sie uns, drückt man uns im Vaterland, das wir treu lieben und dem wir ehrlich dienen, zu Bürgern zweiten Grades, oder mehr zu rechtlosen Heloten hinab, so wird man uns nicht billig vaterlandsloser Gesinnung zeihen dürfen, wenn wir ein Land suchen, wo wir Liebe um Liebe, Treue um Treue finden. Wir brauchen keine besseren Patrioten zu sein als die anderen. Unser Herzensverhältnis zum Vaterland ist 8o echt, daß seine Lösung der bitter schmerzlichste, tödlich schwierigste Teil der Arbeit zur Verwirklichung des zionistischen Gedanhältnis zum Vaterland ist so echt, daß Liebe zur Heimat tief und stark ist, so bleibt sie doch die Liebe von Männern, die das Gefühl ihrer Würde haben und sich schämen würden, den Ritter Toggenburg zum Vorbild zu nehmend („Welt“, 11. Juni 1897. Auch der Kultusvoretand von München hatte eine scharfe Erklärung gegen den Kongreß veröffentlicht. München als Kongreßort kam nicht mehr in Frage, auch keine andere deutsche Stadt. Denn aus allen deutschen Städten hagelte es nur so von Protesten und Resolutionen gegen den Zionismus. Welch tragische Verblendung! 1897 warfen die deutschen Juden den Zionismus aus Deutschland, 1933 warf Deutschland die Juden aus dem Lande. Die Angriffe gegen den Zionismus hatten die entgegengesetzte Wirkung. Herzls Tatkraft wuchs von Tag zu Tag. Was wir mit all unserer Liebe und Treue nicht so recht erreichen konnten, unsere Gegner brachten es zustande. Herzl griff mit eiserner Faust zu. Es gab jetzt nur eines, den Kongreß. Er mußte ßtattfinden. Herzl bestimmte Basel als Kongreßort. Die Agitation für den Kongreß wurde mit verdoppelter Kraft auf genommen. Mein Freund Donreich ging als erster nach Basel, um das Kongreßsekretariat ednzurichten. Ich folgte nach einigen Tagen. Ich hatte die Aufgabe, das Preßbüro zu schaffen. Ich lud zunächst die großen Depeschenagenturen ein. Eine einzige, Reuter, Rien n'appartient k rien, tout appartient k tous. II faut ßtre ignorant comme un maitre d’öcole, Pour se flatter de dire une seule parole, Que personne ici-bas n’ait pu dire avant vous. C'est imiter quelqr un que de planter des choux Am 14. Februar 1896 ist Theodor Herzl in die Geschichte des jüdischen Volkes eingetreten. Obgleich er schon seit zirka acht Monaten einzelne prominente jüdische Persönlichkeiten schriftlich und mündlich von seinem Vorhaben in Kenntnis setzte um Helfer hieflir zu finden, kann man doch erst das Erscheinen des „Judenstaates“ als das erste Auftreten Herzls auf der weltgeschichtlichen Bühne bezeichnen. Das Buch erregte großes Aufsehen, vielleicht weniger wegen des behandelten Gegenstandes, als vielmehr wegen der Person seines Autors, dessen bisherige Tätigkeit in ihm alles andere, denn einen jüdischen Propheten vermuten ließ. In zionistischen Kreisen hat man Herzl vielfach den Vorwurf gemacht, seine literarischen Vorgänger auf dem in dem Buche behandelten Gebiete völlig ignoriert zu haben. In der Tat findet sich in der Schrift auch nicht ein einziger Name eines Autors, der direkt oder indirekt die gleiche Idee zum Gegenstände publizistischer, beziehungsweise literarischer Darstellung gemacht hat. Vergeblich wird man im „Judenstaat“ auch nur die Erwähnung des Namens von Ernest Laharanne, Mary-Ann Evans, Benj. Disraeli, Moses Heß, Hirsch Kalischer, Rtilf, Pinsker, Lilienblum, Nathan Birnbaum usw. suchen. Tatsächlich kannte Herzl diese Literatur, wie es sich später herausstellte, nicht. So finden wir in den Tagebüchern unter dem 7. Juni 1895 (Bd. 1, Pag. 42) den Vermerk: „Daniel Deronda lesen. Ich kenn’s noch nicht.“ Und erst am 10. Februar 1896, also! zur Zeit als der „Judenstaat“ schon ge-! druckt war, trägt Herzl ins Tagebuch ein | (Bd. 1, Pag. 344): „Heute die Broschüre ,Autoemanzipation* gelesen. Verblüffende Übereinstimmung im kritischen, große Ähnlichkeit im konstruktiven Teil. Schade, daß ich die Schrift nicht vor dom Imprimatur der meimgen .gelesen habe. Und doch wieder gut, daß ich sie nicht kannte. Ich hätte mein Werk vielleicht unterlassen.“ Erst im Mai 1901 schreibt er in sein Tagebuch (Rd. II, Pag. 599), daß er auf der Fahrt nach Aussee das Buch „Rom und Jerusalem“ von Moses Heß gelesen hat und fügt hinzu: „Welch ein hoher, edler Geist! Alles, was wir versuchten, steht schon bei ihm.“ Wenn er aber auch die zionistische Literatur nicht kannte, so wußte Herzl dennoch schon vor der Inangriffnahme seines Werkes von dem Bestände einer zionistischen Kolonisationsbewegung. Denn wir finden schon im 1. Band der Tagebücher, gleich am Beginn, auf Pag. 13 unter dem Datum „Paris um Pfingsten 1895“ — also fast ■ ein Jahr vor Erscheinen des „Judenstaates“ — den Vermerk: „Ich wallte die Orte aufs/ucheai, wohin der Weltzufall die Juden in Gruppen verstreut hat, namentlich Rußland, Galizien, Ungarn, Böhmen, später den Orient, die neuen Zionskolonie nl“ Ja, noch mehr! In dem zweiten Brief an den Oberrabbiner Dr. Güdmann vom 16. Juni 1895 schreibt Herzl wörtlich (Tagebücher, Bd. i, Pag. 123): „Auf 13 Jahre schätze ich die Zeit, in der dieser Gedanke sich in mir durcharbeitete.*' Und in all diesen Jahren, in welchen gleichsam um 'ihn herum an der Wiener Universität eine jüdisch-nationale Bewegung entstand, in welcher die akademische Jugend Dr. JAKOB ROSENTHAL: £ii* dUUte& edeU Uevzl Z. F. Finkeisteins Bildnisse um Theodor Herzl* Die dichterische Legende um Theodor Herzl ist schon zu seinen Lebzeiten gewoben worden. Das heroisch-tragische Leben dieses Königs im Exil bot dazu edelste Nahrung. In Herzls Leben, Wirken und Taten bildet das Visionäre eines der triebstärksten Elemente. Und wie die geradezu grenzenlose suggestive Wirkung dieseB in Zeiten arger jüdischer Bedrängnis und Geducktseins erstandenen jüdischen Führers auf die schwer bedrückten und geduckten jüdischen Massen eine ungeheure war, die dem einfachen Mann aus dem Volke selbstverständlich war, so konnte und kann ein umfassendes Verstehen der phantastisch schönen und grandiosen Persönlichkeiten Herzls, seines schöngeistigen Strebens und nüchtern politischen Handelns, des Dichters und Volksführers, des Dramatikers und Politikers, des dämonisch-heroischen Sturms, der in der Tiefe seiner Seele tobte und des praktischen realen Alltagtuns nur von einem Dichter, nur von einem Menschen erfaßt werden, der die Fähigkeit besitzt, durch scharfo psychologische Analyse in die tiefsten Tiefen der reichen und großen Herrischen Seele mit einem von Liebe durchfluteten Licht hineinzuleuchten, von einem, der in sich die Kraft der Vision genug fühlt, das Visionäre in Herzls Heldenleben in lebenswarmer Plastik zu gestalten. In der IIorzl-Literatur gibt es nur wenige, die dies vermochten. Es kamen Forscher, deren wesentlichstes Element ihrer For- *) „Schicksalsstunden eines Führers. Sieben Bildnisse um Theodor Ilorzl.“ Von Z. F. F i nk eist ein, Sawitra-Verlag, .Wien-Amsterdam. scliung zugegebenermaßen die große Liebe zu Herzl und zu seiner Persönlichkeit bildete. Sie haben uns, die wir Herzl nur in der Legende kennen, uns Jüngeren, die nicht das Glück hatten, Herzls Lebensodem unmittelbar zu fühlen, viel Wissenswertes und Schönes durch ihre Forschungen vermittelt. Sie haben uns von Herzls Wollen erzählt und von seinen einzig dastehenden Kämpfen um Zion berichtet. In ihrer Trockenheit sind uns alle Forschungen um Theodor Herzl durch die Lebensglut, die dieses Leben erfüllt hat, lieb und teuer. Die Urelemente im Leben und Wirken Herzls jedoch, in wenigen entscheidenden Momenten, in kurzlebigen Etappen seines Erdenwallens erfaßt und dichterisch fixiert zu haben, gelang in geradezu meisterhafter Weise Z. F. Fink eist ein. Vor ihm hat nur einer, Albert L o n d r e s, der unvergeßliche nichtjüdische Dichterreporter, Theodor Ilerzl ein unsterbliches dichterisches Denkmal gesetzt. Finkeisteins tiefschürfende seelische Zergliederung des Erlebens des Helden, das Siehvertiefen in den kleinsten Schacht seelischer Regungen, in die entlegensten seelischen Verästelungen, seine bildhaft schöne Plastik stellen ihn in die Reihe der ersten Essayisten. Nur noch bei Stephan Zweig, diesem Meister der Seelenmalerei, begegnen wir einer ähnlichen, fesselnden, leuchtenden Gestaltungskraft. Es sind unvergeßlich schöne Miniaturen von schillernder Farbenpracht und Plastik. Jede dieser Miniaturen ist ein kleines Porträt für sich. Und aus diesen entsteht das große Heldenepos: Herzl. Es sind Bildnisse um Herzl, die Schicksalsstunden des Führers durch intuitives Schauen eingefangen und in den Mittelpunkt unseres Erlebens rücken. Bildnisse, die in schlaflosen Nächten und seelischem Aufgewühltsein geschaut und gestaltet wurden. Von den Akten der Tagsatzungen, die den Tag im Leben des Anwalts Dr. Finkeistein füllen, flüchtet der Dichter Finkeistein in die Welt des Buches. Hier ist er in seinem Element. Alle Register seines großen Könnens kann er hier aufziehen. Das weite Land der Herzischen Seele ist sein Lieblingsthema. Immer eine andere Saite schlägt er an, wenn es gilt, das vielfältige und so kurze schicksalsschwere Leben Theodor Herzls nachzuzeichnen. Sieben Bildnisse hat Finkeistein in einem kleinen, schmucken Büchlein zusammengefaßt. Schicksalsstunden eines Führers. Der zeitliche Rahmen sind die letzten acht Jahre, dieser heroisch-tragische Abschnitt-in Herzls kurzem Leben. Von den Fieberträumen des Korrespondenten der „Neuen Freien Presse“ in Paris bis zu den letzten Stunden und Zuckungen der zu fürstlich-erhabener Größe emporgewachsenen Führergestalt, bis zu seinem Tode in Edlach. Dazwischen ersteht vor uns das Seelengemälde Herzls. Das Kapitel „Die Wandlung in Paris“ bringt den königlichen Traum, den Herzl in Paris zu träumen beginnt lind der ihn der Arena der Weltgeschichte einverleiben lind unsterblich machen sollte. Im nächsten Kapitel „Gespenster der Nacht“ begegnenwir Herzl als den gütigen, von rührender Liebe und Sorge zur Familie, insbesondere zu seinem Sohne Hans, erfüllten Vater. „In der Tretmühle des Alltags“ ersteht vor uns Herzl in seinem gigantischen Wollen und in der aufreibenden Arbeit der von ihm geschaffenen Organisation. „Der Weg nach Uganda“ schildert den tragisch-heroischen Kampf Herzls mit der Gegenwartsnot der russischen Juden, die ihm alles Greifbare als Rettungsanker erscheinen läßt. Das Kapitel „Die Mutter und der Tod“ zeichnet das rührende Verhältnis und die große Liebe zwischen Herzl und seiner Mutter, die mit einer über alles starken mütterlichen Liebe und Treue in den Stunden seines Lebens und Todes zum großen Sohne steht. Von dynamischer Wucht und dramatischer Ballung sind die zwei Essays „Herzls letzter Frühling“ und „Das Erbe im Blut“ (Hanns Herzls letzte Nacht), die zu den stärksten und packendsten des Buches gehören. Wir sehen die schöne Gestalt noch in stolzer Haltung den Kiesweg auf der Franzensbader, Allee daherschreiten und fühlen und hören aber auch schon das schwere Pochen des schon kranken Herzens. Finkelstein versteht es, die ganze Atmosphäre, die äußere Landschaft und das innere Erleben in eins zu verweben und sie dem Leser transparent zu machen. „Hans Herzls letzte Nacht“ zeigt den Autor des „Stürmer des Ghettos“ als Dramatiker von Wucht und Kraft. Nicht wenige seiner Herzl-Porträts sind i n den Spalten der „Stimme“ erschienen, deren Schicksal Finkelstein durch jahrelange, hingebungsvolle Arbeit mitbestimmte. Darunter auch „Hans Herzls letzte Nacht“. In der Redaktion war kaum das Telegramm von dem Freitod des Sohnes Herzls eingelangt, als Finkelstein sich in die Stube seiner Kanzlei einsehloß und eines seiner phantastischesten Schattenbilder um Herzl zu zeichnen anfing. Nur aus dem tiefen eigenen Erleben heraus schöpft er seine schöne zeichnerische Gabe und aus dem Reichtum seines seelischen Miterlebens vermittelt, er schöpferisch neues Erleben. Man fühlt sich nach der Lektüre seines Buches, das mit bisher unbekanntem Bildermaterial illustriert und gleichzeitig in acht Sprachen erscheint, bereichert. Und um dieses Gefühls willen ist diesem neuen Uerri- Buch die größtmöglichste Verbreitung aus vollstem Herzen zu wünschen.

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