Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 363 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. .m — 22. 'Juni 1 m, Aus meinen Erinnerungen VON MEDIZIN ALRAT DR. SCHAUT Vor dem ersten Kongreß Da« Jahr 1897 hatte unter freundlichen Auspizien begonnen. Wir waren vom Cafe ..Louvre" in der Wipplingerstraße iu die Rembrandstraße übersiedelt. Allwöchentlich waren wir in einem kleinen fensterlosen Raum zusammengekommen. Nun hatten wir unsere eigene Wohnung, zwei Zimmer und einen Vorraum und ditnkten uns sehr groß. Wir waren auch Herzig sicher. Es war nur knapp ein Jahr, daß ich das Glück hatte. Herzl zur Kadimak und damit zum Verbände Zion, der damaligen zionistischen Organisation, gebracht zu haben. Die zionistischen Akademiker waren die ersten Mitarbeiter Herzls. Sie dienten ihm in Leidenschaft und Begeisterung. Er hatte ihnen ja den ..Judenstaat“ gegeben. Und in dieses eine Wort gossen sie ihre Sehnsucht, ihr Hoffen und Träumen, aber auch ihren ganzen jugendlichen Mut. Und es war gut so. Denn HeTzl war anfangs manchmal verzagt. Er hatte Ablehnung erfahren, zuerst, als er sich an die Großen in Israel gewandt hatte und dann von seinen Freunden und Verwandten. Sie lachten ihn aus. Herzl war tief verletzt. Wir fürchteten anfangs, ihn wieder zu verlieren. Nun hatte er seine Depression überwunden. Aus einer behaglichen, sorglosen und wohl geordneten Umgebung war er zu uns gekommen, zu jungen Menschen, die in ihrer Lebensführung so ganz abseits standen von allen jenen, die im bisher nahe waren. Aber vielleicht war gerade das das Entscheidende für seinen kommenden Lebensweg: unsere Jugend und unser Mut. Herzl fühlte sich mit uns und durch uns jung und stark. In einem Briefe aus jenen Tagen schreibt er: „Mit meinen 35 Jahren ist man in Frankreich Minister und Napoleon war Kaiser.“ Wir waren also in der Rembrandstraße gelandet und luden zu Besprechungen daselbst ein. Es kamen auch neue Menschen und traten zu uns. Die Wohnung wurde uns zu klein. Wir wurden kühner und hielten Versammlungen in einem kleinen jüdischen Wirtshaus, ebenfalls in der Rembrandstraße, ab. Es kamen Freunde und auch Feinde, und es gab manch’ köstliche Debatte. So als einmal Dr. Bloch aus Bibel und Talmud Zitate gegen den Zionismus vorbrachte. Da sprang der hebräische Schriftsteller Braudes, ein hochgeistiger, von Witz und Humor sprühender Mann, auf und ließ ebenfalls aus Bibel und Talmud eine Flut von Zitaten los. Dr. Bloch bekannte sich geschlagen. Braudes lachte ihm aber ins Gesicht und sagte: „Meine Zitate sind nicht richtig, abeT Ihre sind auch f a 1 s ch.“ Dieser Scherz in einer Wirtsstube erinnert mich auch an ein anderes Scherzwort, das von einer Gaststube in den Kongreßsaal drang und in einer gewitterschwülen Atmosphäre Heiterkeit und damit Beruhigung schuf. Es war in Karlsbad. Oberrabbiner Dr. C h a i e s war zum Mittag in ein koscheres Restaurant gegangen. Er traf dort Berl Locker, einen radikalen Führer der radikalen Linken. „Was, Berl Locker, Sie in einem koscheren Restaurant?“ „Entschuldigen Sie, Herr Oberrabbiner, ich esse nur Eier.“ Aber auch das Gasthaus in der Rcmhrandstraße wurde uns zu klein und wir versuchten einige größere Versammlungen in anderen Bezirken. Dieser Versuch gelang. Die Versammlungen waren überfüllt, die Debatten sehr lebhaft, da vornehmlich jüdische Sozialdemokraten uns heftigste Opposition machten. Diese Erfolge ermutigten uns und Herzl erkannte nun erst mit voller Klarheit den Weg, den er zu gehen hatte. Die Judenfrage wird nicht durch die reichen Juden gelöst werden. Er war einem Phantom nachgelaufen. Philantropen sind keine Mcssiasse. Das Volk wird erlöst werden, wenn es sich selbst erlöst. Durch eigene Kraft, durch eigene Arbeit, durch Enthusiasmus und Opferboreitschaft. Wird das jüdische Volk bereit sein? Es muß geweckt werden und es muß organisiert werden. Diese Arbeit muß im vollen Lichte der Öffentlichkeit geschehen. Herzl beschloß, einen Kongreß einzuberufen und eine zionistische Zeitung herauszugeben. Die Arbeiten für den Kongreß wurden sofort aufgenommon. Wir verständigten alle unsere Freunde, daß iin August ein Zionistenkongreß in München abgehalten werde und forderten sie auf, sofort in die Agitation einzutreten. Diese Vorarbeiten leisteten die zionistischen Verbindungen. Die Schaffung des neuen Zentralorganes übernahm Herzl selbst. Er stellte das notwendige Geld bei und bestimmte seine Mitarbeiter. Ich hatte das Glück von Herzl erwählt zu werden. Am 4. Juni 1897 erschien „Die Welt“. Sie wurde in der Druckerei der „Wiener Mode“ gedruckt. Als die Maschine das erste Blatt auswarf, umarmten und küßten wir uns. „Unsere Wochenschrift ist ein Judenblatt. Wir nehmen dieses Wort, das ein Schimpf sein soll und wollen daraus ein Wort der Ehre machenMeine Tätigkeit in der „Welt“ wurde plötzlich unterbrochen. Im Frühling 1897 hatten die Kreternser ihre Selbständigkeit proklamiert und Griechenland erklärte der Türkei den Krieg. Herzl bildete aus diesem Anlaß ein Hilfskomitee uiiid rief zu einer Geldsammlung für die türkischen Verwundeten auf. Die Sammlung ergab aber ein klägliches Resultat. Ich schlug deshalb Herzl vor, oine Ärzteexpedition in das türkische Hauptquartier zu entsenden. Herzl nahm meinen Vorschlag an und machte mich mit Mahmud Nedlm Bey, dem türkischen Botschafter in Wien, bekannt, dem ich meine und meiner Freunde Dienste anbot. Nach wenigen Tagen erhielt ich die Antwort des türkischen Kriegsministers, der mich bat, sofort nach Elassona abzugehen. Rasch mußte das Expeditionskorps zusammengestellt werden. Der berühmte Wiener Chirurg Prof. Albert half mir bei der Auswahl der Ärzte. Da zeigte sich, daß die vorhandenen Mittel nicht ausreichten, um die Ärzte zu bezahlen. Aber in 24 Stunden hatte ich aus Mitgliedern der Kadimah und Unitas ein anderes Korps ohne jegliches Entgelt beisammen. Doktor Philipp Schwarz, Dr. Gottlieb Stern, Doktor Hermann Metal und Albert Donreich waren die Argonauten, die mit mir auszogen, um eine zionistische Tat zu setzen. Die Kampagne war kurz. Wir kehrten gesund nach Haus zurück. Wir hatten unsere Mission erfüllt und dem Zionismus Freunde gewonnen. Das Regierungsblatt „Ikdam“ in Konetan- Oberrabbiner Dr. Feuchtwang; HERZLS KRAFT „Dein Volk, Theodor Herzl, kann niemals vergessen, daß du es gewesen bist, der in Tausenden von müden und verdorrten Herzen die Gewißheit des endlichen Triumphes gepflanzt hat. Dein Volk kann niemals vergessen, daß du es gewesen bist, Theodor Herzl, der Tausende und Millionen von uns den neuen Hymnus unserer höchsten Hoffnung gelehrt hast, daß sie von dir gelernt haben, innig zu fühlen und laut vor den Ohren der ganzen Welt zu verkünden: „Noch ist unsere Hoffnung nicht erloschen — die tausendjährige Hoffnung ist noch nicht tot.“ Worte, die Chajes s. A. zur zehnten Wiederkehr de« Todestages Herzls gesprochen hat. Ich wiederhole sie mit der gleichen Ergriffenheit und Dankbarkeit; es hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Gesteigert und verstärkt sind unsere Gefühle in diesen Zeiten schwerster Judennot. — Wo ist ein Herzl, der vielleicht die Riesenkraft besessen hätte, den inneren Frieden der Judenheit herzustellen, alle Energien zu sammeln; den Mut, vor die Fürsten und Staatsmänner der Welt zu treten, um mit Weisheit und Ungestüm Recht und Gerechtigkeit zu fordern für dein Volk, das beinahe in der ganzen Welt von Gefahren umgeben ist. Er hatte fliesen Mut, diese Kraft; hatte auch die imponierende, hinreißende Persönlichkeit. Ohne diese hätte er nicht vollbringen können, was er vollbracht hat. Wenn heute Palästina mitten im politischen, moralischen, ökonomischen Trümmer felde der Welt, trotz innerer Unruhen und Zwiespältigkeiten, eine glückliche Rettungsinsel für uns Juden ist, dann ist das sein bewundernswertes Werk. — Wenn Millionen Juden, die innerlich entfremdet und abgefallen waren, heimgekehrt sind zu Volk und Heimat, dann hat er es bewirkt,. — Aus Gheto und Judengasse hat er Hunde r Hausende in die Freiheit des Selbstbewußtseins und des starken Bekennertums; aus unwürdiger Selbstverkleinerung zu Würde und Stolz geführt. Nicht allein das heutige jüdische Palästina in seiner politischen Bedeutung Ist ßeine Schöpfung, sondern auch der gewaltige geistige, kulturelle und, ob gewollt oder ungewollt, auch religiöse Auftrieb, den wir in den Schrecknissen unserer Tage, umgeben von Not und Tod, dennoch erleben, sind Funken seines Feuers, Ausflüsse seines Wesens. Schwerlich hätten die Entrechteten, geknechteten unserer Zeit, ihr Schicksal mit solchem Mut und solcher Hoheit getragen, ohne ihm. Ja, die Tiefreligiösen, ganz und gar Gottergebenen bedürfen zum Aufreohtbleiben auch in den furchtbarsten Nöten keiner anderen Stütze als der ihres Glaubens; doch gebeugt und geknickt trugen sie die Schicfesalslaet als Züchtigung und Heimsuchung der Vorsehung. „Aufrecht führe uns in unser Land“, ist das Gebot des gegen wertigen Judengeschlechts, wie auch des vergangenen; doch wir straffen unseren Leibund stählen unsere Seele, spannen die Muskeln unserer Arme, um Zi j on zu bauen mit Spaten und Pflug. Alles des Wieder-Erweckens Herzls Wirkung. Und dreißig Jahre nach seinem Tode muß sein Geist lebondiger in uns sein als je zuvor. Sähe er das heutige Palästina, er wäre glücklich über die Erfolge ungeheurer Leistung; unglücklich über die Drosselung dieser nicht nur für uns Juden, sondern auch für Mandatsmacht und Araber, für Orient und Okzident gleich bedeutsamen Aufbauarbeit; unglücklich insbesondere über den inneren Zwist und über das Schicksal der Juden in der ganzen Welt. Aber er wäre nicht mutlos; er schwiego nicht, ruhto nicht, opferte Leib und Seele für unser Volk, unser Land, unser Recht, unseren Geist. tinopel begrüßte uns in einem Artikel und würdigte unsere Verdienste. Der Kriegsministcr Riza Pascha empfing uns in einer bcsondc?ren Audienz, um uns zu danken. Er bemerkte, daß die Juden zu den bravsten und ruhigsten Untertanen im türkischen Reiche gehören, die gerade im griechischen Krieg viele Proben ihres Opfermutes und ihres Patriotismus gegeben haben. Er erzählte, daß ein Jude bei Larissa Grumbkow Pascha und seinen ganzen Stab vor dem sicheren Tode gerettet habe und deswegen von den Griechen ermordet wurde. Die Witwe beziehe nun eine Staatspension. Als wir wieder nach Wien kamen, dachten wir, wir hätten abgerüstet. Weit gefehlt. Denn auch im zionistischen Hauptquartier herrschte Kriegszustand. Die gesamte jüdische Öffentlichkeit und Preese ohne jeden Parteiunterschied, Liberale, Demokraten, Sozialisten, Orthodoxe, Freisinnige, waren in einer einheitlichen lückenlosen Front dem Zionismus entgegengetreten. Der Oberrabbiner von Wien, Dr. Giidemann, hatte eine Broschüre „Nationaljudentum“ losgelassen. Der Zionismus widerspreche dem Wesen des Judentums. Die Juden sind kein Volk und dürfen kein Volk sein. Der Geist ihres Glaubens, der Gang ihrer Geschichte verbietet ihnen geradezu sich als Volk zu fühlen, sich zu einem Volk zusammenzuschließen. Ihre Mission ißt gerade die Überwindung des nationalen Gedankens, die Hinaufführung der Menschheit aus der Enge des selbstsüchtigen Nationalismus in die Weite und Freiheit des Menschentums. Dr. Nordau sagte in seiner Kritik: „loh habe diese Broschüre mit einer Art Beschämung gelesen.“ Der 6. Sozialdemokratische Parteitag, der im Juni 1897 in Wien stattfand, lehnte die Behandlung der Judenfrage ab, beschloß aber die Schaffung von nationalen Organisationen in Österreich, selbstverständlich mit Ausschluß einer jüdischen. Die „Jüdische Presse“ in Berlin, ein konservatives Organ, das bisher uns wohlwollend gegenüber gestanden war, änderte plötzlich seine Stellung und verurteilte unseren Zionismus. In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ protestierten die Rabbiner Maybaum aus Berlin und Vogelstein aus Stettin gegen den Zionismus. „Wir verwahren uns dagegen, daß die Einberufer, hinter denen keine einzige jüdische Gemeinde steht, im Namen der Judenheit, das Wort führen, und wir sind überzeugt, daß kein Rabbiner oder Vorsteher einer jüdischen Gemeinde auf dem Kongreß erscheinen und daß in solcher Weise vor aller Welt dargetau wird, daß die deutsche Judenheit mit den Tendenzen des Zionismus nichts gemein hat.“ Dieser Erklärung Maybaums schlossen sich die Rabbiner Dr. Horowitz in Frankfurt, Dr. Gutmann in! Breslau, Dr. Auerbach in Halberstadt und Dr. Werner in München an. Dr. Nordau nannte sie Protestrabbiner. Dieser Name blieb ihnen. Die verehrten Herren Protestrabbiner gingen weiter. Sie versuchten zu denunzieren. Denn sie erklärten: „Das Judentum verpflichtet seine Bekenner, dem Vaterlande, dem sie angehören, mit aller Hingebung zu dienen und dessen nationale Interessen mit ganzem Herzen und mit allen Kräften zu fördern.“ Dr. Nordau antwortete ihnen: „Wir Juden sind treue Bürger des Staates, dem wir angehören. Alle Interessen des Vaterlandes sind auch unsere Interessen. Wir haben kein einziges Interesse, das irgendeinem Interesse des Vaterlandes entgegengesetzt ist. Wir sind stark und tief fühlende Menschen und hängen darum mit mehr als durchschnittlicher Liebe an der Stätte, wo unsere Wiege stand und wo die Leichen unserer Vätei' modern. Denn diese Stätte bedeutet auch für uns wie für jeden Menschen die Ernerung an unsere Kinderzeit. Sie ist auch für uns mit den teuersten Emotionen verknüpft und diese Erinnerung ist bei uns lebhafter. Alle Emotionen sind bei uns heftiger als bei Menschen von minder sentimentaler und leidenschaftlicher Gemütsart. So innig schließen wir uns an die Heimat an, daß wir unsere Seele von ihr auch dann nicht lösen können, wenn wir sie ohne unsere Schuld verloren haben... Wir erfüllen alle unsere gesetzlichen Pflichten wie unsere christlichen Mitbürger. Das ist nicht einmal ein besonderes Verdienst, denn wenn wir es nicht