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Die Stimme · 1934-06-22 · Heft 363 (22.6.1934) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 363 (22.6.1934)
Date
1934-06-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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JOB 1HV EODOR ICHH# «sw«. fycdctoUeu oh seinem 30. 7edestaty —1 % | DER DIENER AM VOLK VON DR. OSKAR GRÜNBAUM Präsident des zionistischen Lendeskommitees für Österreich Billiger Witz ist der beste Beweis für das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit und der Unsicherheit gegenüber dem Stärkeren. So ist es auch zu verstehen, warum die Assimilanten gar so viele Witze über Herzl und den Zionismus machten. „Ich gehe nicht nach Palästina, ich bleibe als jüdischer Botschafter in Wie n“, oder „Palästina als Monarchie mit einem Groß-Herzl an der S p i t z e“ waren unter vielen anderen beliebte Witze. So glaubten die Assimilanten um die Wende des vorigen Jahrhunderts die Unlustgefühle abreagieren zu können, die Herzls „Judenstaat“ und der Beginn des politischen Zionismus bei ihnen auslösten. Wie eine Bombe waren Herzls Ideen in die verlogene Fassade der Assimilation geplatzt und hatten ihr politisches Kartenhaus zum Wanken gebracht. Und als die Witzeleien versagten, da kamen die von den Kahalgewaltigen kommandierten „P r o t e s t r a bb i n e r“, und da zischelten verleumderische Zungen: Herzl ist ein Geschäftemacher, er hat in der Kolonialbanksache unreine Hände. Und als Herzl starb, da jubelten sie innerlich und glaubten nun, „die zionistische Gefahr“ sei mit Herzl begraben. Wie anders .aber wirkte Herzl auf jenes Judentum, das ratlos nach Befreiung Ausschau hielt und durch Herzl erweckt wurde. Die junge Generation von heute kann nicht ermessen, wie Herzls meteorhaftes Auftreten die jüdischen Massen im Osten und die Jugend im Westen revolutionierte, wie Herzl mit einem Schlage zum Abgott des aufrechten Judentums der ganzen Welt wurde. Die Legende wob mn Herzl ihre Ranken vom ersten Tage seiner zionistischen Wirksamkeit. Die Wirklichkeit war, daß sich niemand dem Zauber seiner Persönlichkeit entziehen konnte. Seine männliche Schönheit, die gewaltige rednerische Begabung, die Tiefe und Klarheit seiner erlösenden Gedanken erklären aber allein nicht die schwärmerische Verehrung, die ihm gezollt wurde. Die fand ihre Wurzeln in der Erkenntnis, daß hier ein opferwilliger und selbstloser Mensch einem geduckten, feigen 'Judentum seine Anklagen ins Gesicht schleuderte, ein Mensch, der nichts für sich und alles für sein Volk verlangte und den Mut hatte, den Reichen und Mächtigen den Fehdehandschuh hinzuschleudern. Herzls Auftreten imponierte aber auch in nichtjüdischen Kreisen. Der Sultan sagte über Herzl: „So, denke ic h, muß der hebräische Prophet aus Galiläa ausgesehen haben“ und der Papst sagte zu Herzl: „Meine Sympathien sind für sie.“ Ein Christ und großer Antisemit, der allgewaltige russische Minister Plehwe sagte über Herzl: „Bevor Br. Herzl zu mir kam, imßte ich nicht, daß es Juden gibt, die nicht kriechen. Bisher habe ich bloß zweierlei Juden gekannt: Solche, die zu mir kamen und baten, daß gegen ihre Gemeinde nichts unternommen werde, und solche, die für sich selbst baten. Bei Br. Herzl gab es keine Bitte und keine Gnade.“ Herzl war es also, der Nichtjuden, wie Plehwe, Achtung abrang, weil er stolz und aufrecht war, weil er nicht kriecherisch bat und bettelte, sondern forderte. Nie hat er für sicji etwas gefordert. Z a n g w i 11 wollte, daß Herzl seinen Posten bei der „Neuen Freien Presse“ aufgeben solle, um sich ganz der zionistischen Arbeit zu widmen, und Herzl schrieb ihm: „Sie haben vollständig recht. Ich müßte den Journalismus aufgeben. Ich sollte durch den Zionismus bezahlt werden. Aber dieses Opfer meiner Unabhängigkeit ist das einzige Opfer, das ich unserer Sache nicht bringen kann.“ Als ich vor zwei Jahren wiederum in Palästina war, habe ich gesehen, daß die jüdische Arbeit im Lande auch die Geographie zu ändern imstande war. Das Tote Meer kann nicht mehr seine alte Bezeichnung behalten. Durch unsere Arbeit haben wir es zum wirtschaftlichen Leben erweckt. Dies Wunder, das altneue Land zum Aufblühen zu bringen, vermochte nur unsere Arbeit und Ausdauer. Unsere Erfolge werden größer sein und wir werden allen Gefahren trotzen können, wenn wir in unserer Treue für Palästina jeden Parteihader vermeiden werden. — Bleiben. wir stets tapfer in der Arbeit und vorsichtig in unseren Worten. Unpersönlich müssen wir der Sache dienen und dürfen unsere Kräfte nicht zersplittern. Dies ist der Sinn und die Lehre des Lebens nud Wirkens unseres großen Führers Theodor Herzl. Kleine und große Pläne Herzls sind teilweise schon in Erfüllung gegangen. So plante et, zusammen mit mir und noch einigen Freunden, das Tote Meer zu einem Wirtschaftswunder zu machen. Den Emek, auf den wir jetzt mit Recht stolz sind, wollte noch Herzt selbst kau. fen. In seinem Aufträge führte ich bereits für den Keren Kajemeth Verhandlungen zum Ankäufe des Emek von seinem Besitzer, einem reichen in Paris lebenden Türken. Zangwill aber ließ nicht locker. Er entwarf mit einigen Freunden einen Plan, wie man ihm aus privaten, nichtzionistischen Mitteln für seinen Verzicht auf seinen Posten einen Ersatz verschaffen könnte, wovon niemand etwas wissen würde. Da antwortete Herzl: „Es wird immer eine Person geben, die es wissen wird — und zwar ich selbs t.“ Das war Herzl, und als er starb, da war er blutarm. Im Dienste der zionistischen Arbeit war er verarmt. Pinskers „Autoemanzipation“ blieb ohne Nachwirkung. Wer weiß, ob mit Herzls Tod nicht die zionistische Bewegung zu Grabe getragen worden wäre, hätten Herzls Jünger nicht die sittliche Pflicht in sich gefühlt, den Weg des Führers zu gehen, ihm in Selbstlosigkeit nachzueifern und seinen Königstraum, die Er- Doch muß noch das Vermächtnis Herzls in Erfüllung gehen. Und das ist die Wahrung des einheitlichen Willens des jüdischen Volkes im politischen Sinnet Das müssen wir am 30. Todestage des im Dienste der Einheit unseres Volkes an gebrochenem Heizen jung verstorbenen großen Führers besonders beherzigen. lösung des jüdischen Volkes durch Palästina, in die Tat umzusetzen. Das Charisma des Führers wirkte fort und der Zionismus erwachte nach Herzls Tod zu neuem Leben. Wer waren die Träger seiner IdeeV Hauptsächlich waren es Jugendliche und Studenten, die von Wien aus in jenem Sturm und Drang, dessen nur die Jugend fähig ist, Herzls Lehre verbreiteten. Der Jugend gehörte auch Herzls Liebe. Er prägte das Wort von den Judenjungen, die er zu stolzen jungen Juden machen wolle, und er erkannte richtig, daß die Jugend das Schicksal der zionistischen Bewegung entscheiden werde. So schrieb er einmal einem Waisenknaben, dessen Vater beim Kischinewer Pogrom den Märtyrertod erlitten hatte, ins 'Stammbuch: „Wann erscheint mir als gelunden Mein Bemüh!n auf dieser Erden? Wenn aus armen Judenjungen Stolze junge Juden werden.“ Herzl verlangte von der jüdischen Jugend unendlich viel. Abkehr von der Assimilation, Bekennermut und soziale Umschichtung, und das alles zur Zeit der Blüte des Liberalismus. Nach dem ersten Kongreß sagte Herzl: „An dem Tage, wo der Pflug wieder in der erstarkten Hand des jüdischen Bauers liegt, ist die Judenfrage gewesen.“ Wer derartig heroische Forderungen, unfaßbar in der Blütezeit der Assimilation, aufstellte, mußte selbst der aktivste Vorkämpfer seiner Ideen sein. Herzl war es; er brachte sei-ner Idee dasgrößte Opfer: Sich selbst. Liest man heute Herzls Tagebücher, dann staunt man über Herzls diplomatisches Geschick, über seine wohldurchdachte Pionierarbeit. Man denkt aber nicht daran, daß nebenher zermürbende Kleinarbeit ging, daß berufliche und persönl iche Mißhelligkeiten an Herzls Nerven zerrten, daß. er sein krankes Herz überanstrengte! Zangwill erzählte bei der Londoner Trauerfeier am 7. Juli 1904: „ — — — Und so fuhr er fort und verbrannte seine Flamme an beiden Enden. Die gesamte österreichische Presse hat seinen Tod beweint, weil er ein eleganter Essayist war, sein Zionismus war für sie eitel nichts, aber er schrieb Essays, die seit Heine unübertroffen dastehen. Sie wußten nicht, unter welchen Bedingungen er einige dieser eleganten Essays geschrieben habe, sie ' wußten nicht, daß just vor seiner letzten Krankheit, während der friedenstiftenden Konferenz in Wien, er um Mitternacht eingeschlafen gefunden wurde, hohlwangig, von Sorgen verhetzt, über einer halbgeschriebenen dramatischen Kritik, in deren Mitte sich, ganz unzusammenhängend, in dem Knoten des Schauspiels, die zionistische Resolution, die den Tag über diskutiert worden war, eingeschaltet fand.“ Herzl ist für uns, für das jüdische Volk den Weg unerbittlicher Pflichterfüllung gegangen. Sein Herz brach bei dieser unermeßlichen Arbeit. . Herzl legte in knappen sieben Jahren den Grundstein für alles, buchstäblich für alles, was seither im Zionismus erreicht wurde. Daran sollen wir denken, da wir in Wehmut und Dankbarkeit zum dreißigsten Male zum Grabe Herzls pilgern, dessen wunderbarste Eigenschaft es war: Diener zu sein am jüdischen Volk. Erfüllet Herzls Vermächtnis! VON JOHANN KREMENETZKY ili ÜÜÜI

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