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Die Stimme · 1934-06-15 · Heft 361 (15.6.1934) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 361 (15.6.1934)
Date
1934-06-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Blätter der jüdisch en Frau F R A U E N B £ I L A G E D Oberrabbiner Dr. Feuchtwang i Frauennotdienst Wir bringen im folgenden einen Auszug aus der Rede, die der Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang in der Festversammlung gehalten hat, welche aus Anlaß der Verteilung der Ehrenzeichen an die verdienstvollen Damen des Frauennotdienetes durch die Frau Bundesprüsidentin Leopoldine M i k l a s in der Hofburg stattgefunden hat. Freude und Ehre ist es mir, in dieser hochansehnlichen Versammlung ein Wort an die geehrten Damen vom Frauennotdienst richten zu dürfen. Nach den schönen, warmen Ansprachen des Herrn Bürgermeisters, Sr. Eminenz des Herrn Kardinals und des Präsidenten des evangelischen Oberkirchenrates hätte ich wohl nichts Wesentliches zu sagen. Doch ich folge dem Spruch aus dem Buche des Predigers: „Der mehrfach gewundene Faden wird nicht leicht zerrissen.“ In harmonischer Eintracht haben hilfsbereite Frauen verschiedener Bekenntnisse sich in den Dienst der hervorragend edeln Sache gestellt, zu dem sie unsere allverehrte Bundespräsidentin aufgerufen hat. Stärker als Glück und Wohlergehen pflegen Not und Armut das Band der Eintracht und Liebe zu schmieden. Das Werk wahrer Menschenliebe findet seinen Lohn in sieb. Folgen wir doch alle dem unsterblichen, unübertroffenen, fast unerfüllbaren, uralten Bibelwort aus dem 19. Kapitel des dritten Buches Moses: „Liebe Deinen Mitmenschen wie Dich selbst“, das Abgründe überbrücken könnte und sollte, daß wir aber alle nie in seiner ganzen Tiefe erfassen. Der lebhafte Zuruf des Wortes genügt nicht. Es muß dem Worte das Werk folgen. Wie viele erhabene Worte bleiben unerhört, unbefolgt. Die Lehre meint nie sich selbst, sie meint und verlangt die Tat. Sie, meine geehrten Damen, haben alle persönlich das Wort in Werk gewandelt. Und das verdient Anerkennung und Auszeichnung, auf daß viele in der Welt Ihrem Beispiele folgen, so wie Sie dem Vorbilde der Frau Bundespräsidentin freudig und willig gefolgt sind. Hier in unserem herrlichen Wien, wo so viel Schönheit, Wärme, Würde und Güte und ach, auch so viel Not und Elend sich finden, haben sie das wundervolle Wort des Spruchdichters Salomo bewahrheitet: „Die Weisheit der Frauen hat ihr Haus gebaut.“ Dem Rufe der ersten Dame unseres geliebten Vaterlandes sind Sie gefolgt und haben den Bau begonnen. Ich kann nicht wünschen, er möge von ewiger Dauer sein, denn ich müßte dann auch wünschen, daß die Not ewig sei. Es gibt jedoch einen Satz der Heiligen Schrift: „Nicht aufhören wird der Dürftige im Lande.“ Doch wir haben dafür einen Trost: „Nie versagen wird das gute Herz unserer lieben Wiener Frauc n“. Möge der von Ihnen, sehr geschätzte Damen begonnene Bau, solange er vonnöten ist, Hilfe und Segen bringen, Linderung der Not, Mil derung der Schmerzen. Dazu erflehe ich den Beistand des allgütigen Vaters im Himmel. f Mondnacht in Jerusalem f Von Martha Hofmann | Wir bringen im folgenden aus dem t soeben im Saturn-Verlag e^f^'-menen f Gedichtband „D a s blaue Z e 11“ von f der auch unseren Lesern bestens bekannf ten Dichterin Martha Hofmann. Wir jp kommea auf das schöne Büchlein noch? ausfiil./' ’ zurück. Redaktion. f Goldgelbe, reife Frucht im Überquellen — f hoch über Migdal David hing der Mond. f Erschauernd floß sein Licht in breiten f Wellen f über Moscheen, Kuppeln und Kapellen f und was der Stätten heiligste bewohnt, f Jerusalem. — In Salomonis Quellen f und seinen Teichen, alten Diensts ent- I wohnt, I war Strom und Leuchten, wie von jenem b hellen, 1 kristallnen Fels, wo Jahwe einst gethront. f Wir schritten durch der Straßen schmale [ Schluchten, f Steil über unserm Scheitel stand die I Nacht. Wir glitten durch die heiligen und verruchten Winkel, wo einst Propheten Gott versuchten, Kohlgassen, bogenförmig überdacht, drin Händler hastig letzte Losung buchen, rasch ins Gewölbe raffend seidne Pracht — Wir aber gingen das Geheimnis suchen, da*, unnennbar, in solchen Nächten wacht. Nacht in Jerusalem, o Nacht der Nächte! Hoch stiegen wir auf deiner Mauern Kranz in dieses magischen Gestirns Geflechte. — Aus Winkelwirrnis urzeitschwarzer Schächte aufwuchs die Zionsburg. — ln bleichem Glanz lag Kuppel dicht an Kuppel, so, als brächte nur Nähe Halt in dieser Rhythmen Tanz. Wir aber standen bebend —.* wie Bezechte, festklammernd uns am Stein des Mauerrands. FLORA SASSOON Eine jüdische Aristokratin und Talmudgelehrte Ein Gefühl dankbaren Stolzes überkam mich immer auf meinen Reisen im fernen Osten, wenn ich die Denkmäler David Sass o o n s in Bombay und Kalkutta sah, Straßenbenennungen wie Ezra-Street oder Sassoon-Square in Rangoon, Penang oder Singapore las und von London bis Schanghai bei Juden oder Nichtjuden, das Ansehen, die Größe und Beliebtheit dieser alten, aus Bagdad stammenden Familie rühmen hörte. Als Jude war ich stolz auf solche Glaubensgenossen, dankbar den Regierungen, die sie voll anerkannten und ihnen das ungeschmälerte Maß von Ehre zuteil werden ließen, das sie verdienten. Tiefen Eindruck machte es auf midi, daß dort, wo immer ein Ezra oder ein Sassoon jemals gewohnt hatte — und das war au vielen Orten im Osten — eine Synagoge von ihnen errichtet worden war und für die betreffenden Gemeinden in großzügiger Weise gesorgt wurde. Trotzdem die Sassoons sdion vor hundert Jahren durch den englischen Hof ausgezeichnet waren und sich Sir Albert Sassoon der besonderen Freundschaft Eduards VII. erfreuen durfte, andere Familienmitglieder, wie Sir Philipp! und Sir Victor, angesehene Parlamentarier* waren und hohe Ämter inne hatten, blieben sie doch dem alten Glauben — und zwar meist strengster Observanz — treu. Auch Sir Albert, der langjährige Freund Eduards VII., wählte für seine Tochter einen Gatten, der Strenggläubigkeit mit jüdischem Adel verbinden sollte, nämlich den Gelehrten Ezechiel Gubbay, den Sproß einer der ältesten und angesehendsten Familien Bagdads. Dieser Ehre entsproß im Jahre 1860 Flora Sassoon, die Gattin Salomon David Sassoons. Das Ansehen, das diese jüdische Aristokratin genießt, kann man sich schwer vorstellen. Vom Inneren Rußlands bis in die Juden viertel des Fernen Ostens wirkt ihr Name wie der einer gütigen Märchenfee. Es muß auch wie ein Wunder auf die unzähligen Briefschreiber wirken, die ebenso unzählige Anliegen an sie haben, wenn jeder Brief sofort nach Empfang beantwortet wird, selbst wenn man nicht weiß, daß die Korrespondenz dieser Frau geradezu ungeheuerlich ist. Dabei bleibt ihr noch Zeit, eines der gastfreiesten Häuser Londons zu führen. In ihren Salons in Mayfair verkehren neben Maharadschas aus Indien englische Minister, und die englische Hocharistokratie trifft nicht selten mit einem Rabbi aus Polen in Origmaltraoht zusammen. Daß nach dem erlesenen „Dinner“ richtig gebenscht wird, versteht sich von selbst, und dies wird von den nichtjüdischen Gästen als besonders „nice“ empfunden. Auch sie bekommen kleine Seidenmützen und werden — nach orientalischer Sitte — von dem indischen Personal mit silbernem Waschgeschirr bei Tisch bedient, bevor der Segensspruch über das Brot gesprochen wird. Da die Gastgeberin in Indien geboren ist und längere Zeit dort lebte, hält sie auch heute noch an den ehrwürdigen Gebräuchen fest, die ihre Familie in Bombay seit Generationen pflegte. Trotzdem ist ihr Salon einer der beliebtesten Treffpunkte der besten geistigen und weltlichen Gesellschaft des heutigen Londons. Unwillkürlich wird man an die berühmten Berliner Salons des vorigen Jahrhunderte erinnert, wo ebenfalls geistig hochstehende Jüdinnen die großen Geister ihrer Zeit empfingen. Aber wenn wir selbst eines der berühmtesten dieser Salons, etwa desjenigen der Henriette Herz gedenken, die Schleiermacher, Varnhagen van Ense, JÜDISCHE KUNST JuditL Bug Anläßlich des internationalen Tanzkongresses in Wien, weilt hier als Repräsentantin Polens, Fräulein Judith Berg, die wohl als eine der interessantesten Tänzerinnen, die um die Siegespalme auf dem Parkett im edlen Wettstreit hüpfen, bezeichnet werden kann. Judith Berg ist zwar eine der ersten Repräsentantinnen ihres Landes, aber sie vertritt gleichzeitig ein Volk, das als solches bei diesem Tanzwettbewerb nicht vertreten ist: sie bringt jüdische Tanzschöpfungen. Diese in der letzten Zeit etwas stark in Mode gekommenen jüdischen Tänze haben noch immer den Reiz der Exotik in sich. Allein es muß hier gleich festgehalten werden, daß es nicht die Exotik allein ist, die der jüdischen Tanzkunst von heute ihren Platz in der Tanzsymphonie der Völker einräumt. Judith Bergs Tanzkunst interessiert ans mannigfachen Gründen. Trotz des turnerisch und rhythmisch gleich ausgezeichnet durchtrainierten Körpers ist ihre Kunst nicht durch rein tänzerische Qualitäten bedingt: Das Besondere, Individuelle liegt vielmehr im Geistigen. Sio schöpft aus dem tiefen Born der reichon jüdischen Folklore, die * außer dem Volkslied keiner Kunstgattung soviel Quelle bedeutet, wie dem Tanze. Die traurigen und schweren Weisen des ostjüdischen Volksliedes, Motive aus dem Leben des ostjüdischen Menschen von gestern und vorgestern, das Summen der Glieder jungen und das ekstatische Beten der Frommen, Religiöses und Chassidisches, Schwermütiges und Fröhliches aus der Welt der Ostjuden finden ihren künstlerischen Niederschlag in Judith Berg« Tanzschöpfungon. So zeichnen ihre Tänze vom „Jüdischen Musikanten“ und „Menachom Mendel“, dieser köstlichen Schalom Alejchomsehen Gestalt, das Prototyp des Luftmenschen, stilisierend in feinen Linien das Gemüt und Profil einer verklungenen Welt, einer sterbenden Generation der ostjüdfechen Kleinstadt. Judith Berg geht der großen Mode „jüdischer Tänze“ bewußt aus dem Wege. Dies wohl deshalb, weil sie ihre Gestalten auch zu tiefst erlebt. Und dies macht auch den Unterschied aus, zwischen der Tänzerin jüdischer Weisen und den Gestalten der jüdischen Tänzerin. Die jüdische Tanzkunst hat mit ihron Tänzen die Form der modernen Tanzkunst um den tiefen Inhalt jüdischen Wesens, jüdischer Gestillten und Typen ungemein stark bereichert. Die realistische Wiedergabe, begleitet von einem Schuß romantischer Verklärtheit, haben in die moderne Tanzkunst eine neue interessante Note hineingetragen. Es spricht wohl am deutlichsten für das Profilierungsvermögen des tänzerischen Könnens Judith Bergs, daß sie ihre Tanz nummern — freilich vor einem Publikum, dem das Milieu und die seelische Atmosphäre der ostjüdischen Welt vertraut ist — nie anzusagen braucht. Freilich kommt ihr ein starkes Element, das in der jüdischen Tanzkunst eine besondere ‘Rolle spielt, — die jüdische Volksmusik — zugute. In ihrem Begleiter Henoch K o h n, der ebenfalls in Wien weilt, hat Judith Berg einen kongenialen Partner. Henoch Kolm hat sich als jüdischer Opem- und Theaterkomponist durch einige besonders foine Kompositionen bereit« einen klingenden Namen gemacht. Auch Henoch Kohn schöpft aus dom Vollen des jüdischen Volksliedes. Aber auch das, was er paraphrasiert und stilisiert, ist so erdgebunden an die jüdische Seele, ist «o verknüpft mit dem jüdischen Sehnen wie daß Volkslied selbst. Eine sehr schöne Musik hat Henoch Kohn zu zahlreichen auch in Wien von der „Wilnaer Gruppe“ gespielten Stücken geschrieben. So zum Mysteriumspiel „Glaubensmartyrium“ von Schalom Asch, wo er daß Motiv vom historischen Bärentanz künstlerisch festhielt. Auch die Mußik zu dem reizenden „Herschole Oßtropoler“ hat Henoch Kohn beigesteuert. Jakob Rosenthal.

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