Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 360 (12.6.1934)
- Date
- 1934-06-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 860 — 12. Juni 1934 DIE STIMME Reiseberichte der „Stimme" TUNESISCHE JUDEN 2. Das große Fest des Wunderrabbi Saidna Yossef Maarabi Zaddik von EI Hamma der Oase Gabes Unser kleines Hotel, in dem relativ noch scharf gezeichnet auf, von irgendwoher knirscht der Sand unter schweren Geführten, wie dem unseren. Da sind die dunklen Berge. Und eine Fülle lichtgrüner Palmen. Und Quellbäche, deren Wasser sieden, kommen uns entgegen. Und ein weiter, in der Mitte von Tamarisken bestandener Platz, auf dem eine verwirrend bunte und betäubend duroheinanderschrciendo Volksmenge sich drängt, auf Dromedaren und Eseln mit Frauen und Kindern einzieht, Zelte aufschlägt und in Gruppen im Sande hockt. Haufen von Gold- und Sübermünzen waren bereits gesammelt. Von einem über dem Grab errichteten hellblau gestrichenen Eisemgestell hingen an vier Ketten bauchige Glasgefäße mit gestanzten Siliberbändem herab, in denen Wasser mit einer Ölschicht darüber schaukelte und die zur Aufnahme von Kupfermünzen dienten. Erst jetzt wurde mir bewußt, daß wir irrtümlich auf der Männerseite standen; auf der anderen Seite des Grabes gewahrten wir lauter Frauengesichter. Aber ob es drüben die Frauen, ob e6 die Männer um uns sind — MM- ' ■mimsm . .M: ... ..u..... «.»»*««. “ «.*< m . 'S1 bi&'tyäB' $£'* mmm 1 Uh Der Judenfriedhof von Fez kleineren französischen Teil der Oase, erinnerte an ein Farmerhaus irgendwo in den Tropen. Nur einstöckig, schneeweiß, mit umlaufender Galerie und einem viereckigen Garten inmitten. Im Dezember blühten dort um die drei großen Palmen, an deren rotgelben feinen Stengeln fein säuberlich und vollzählig die fleischigen Datteln glänzten, Mimosen, Geranien, Kaiserkronen, Bambus und korallenrote Granaten. Eine kleine zahme Gazelle durchzuckte manchmal schreckhaft dies stille, glühend durchsonnte Idyll und verbarg sich hinter den hohen Papyrusstauden der Mauer. Alltäglich, nach Tisch, erschien ein sonderbares Ehepaar, das weder im Hotel wohnte noch an den Mahlzeiten teilnahm. Es war ein auffallend salopp gekleideter und nur alle Woche einmal rasierter älterer Mann mit einem gutmütig pfiffigen Bauerngesieht und seine sehr pompöse Ehehälfte. Eines Tages vermittelte die Gazelle, die 'den Gartentisch mit dem täglich von den eigentümlichen Gästen dort bestellten Bier nmwarf, unsere Bekanntschaft. Monsieur Gai... war ein seit dreißig Jahren in Gabes ansässiger ehemaliger Gendarm, der trotz der mohammedanischen Abstinenz hier einen glänzend florierenden Wehihandel unternommen hatte. Diese halbe Stunde beim Bier in unserem kleinen Garten war die einzige Erholung der beiden an ihre Kontorschemel geschmiedeten alten Eheleute, die schon beim ersten Gespräch mich einluden, sie zu einer ganz außergewöhnlichen afrikanischen Sehenswürdigkeit zu begleiten. Am 21. Dezember fand in der 30 Kilometer von Gajbös entfernten Oase EI Hamma ein jüdisches Fest statt, zu dessen 'Besuch man nicht nur seit Monaten in Tunesien, sondern in Algier, Marokko, Tripolis und selbs in Palästina rüstete. Der Todestag eines armen, frommen, aus Marokko gebürtigen Juden, des Rebbi Saidna Yossef Maarabi, der Wunder getan haben soll und in El Hamma gestorben und beigesetzt ist, traf gerade mit dem letzten Tag des Chanucka-Festes zusammen und sollte daher auf Veranlassung des Großrabbiners von Tunis besonders festlich begangen werden. Der Tag strahlte in Blau und Gold. Gleich nach dem Frühstück wartete das Lastauto vor der Wein handlang und der heute frischrasierte und gutgekleidete Monsieur Gai..., seine heftig von ihm geliebte riesige Frau, sein jüdischer Buchhalter mit etlichem Anhang und ich selbst zwängten uns nebeneinander auf die über Fässer in dem Auto gelagerten rohen Holzbohlen. Wie schon auf dem Dampfer bei der Ankunft im Hafen von Tunis die Verlassenheit der afrikanischen Landschaft sich wie ein müder Schleier über alle Munterkeit der Unterhaltungen legto, eo setzte mit einmal Schweigen ein, als wir die letzten Quellen und Palmengärten der Oase hinter uns ließen. Die Wüste macht stumm. Endlos, nach allen Himmelsrichtungen, wie oin sanftgelbes, welliges Meer, breitet sie sieh aus, in das man scheinbar ziellos, irgendwohin in eine unendliche Ferne, vorstößt. Bald Sand, bald Steppo. Ab und zu die bloichenden Knochen eines verendeten Dromedars. Wir fahren schnell. Am Horizont, taucht plötzlich eine Kette geköpfter, dunkelvioletter Felskegel auf — das typische WUfitenbild: Tafelberge. Dort hinten sind wir am Ziel. Jetzt beginnt bald eine nur in der Atmosphäre spürbare Unruhe. Es ist, als sei die Luft von Botschaften hinüber und herüber gespannt; Karawanen tauchen fern und Im Augenblick ist unser Auto von Kindern, jungen Burschen, Bettlern, Süßigkeitenverkäufern, Blinden und Almosensammlern für Wohltätigkeit umlagert. Aber wir fahren weiter bis zum Festplatz. Riesenhaft ist er, von antiken Dimensionen. Vier niedrige Mauern umschließen ihn, von denen die eine durch das große von drei Säulen gestützte Bogenportal durchbrochen ist. Das Erste, was in dem ungeheuren Getümmel und trotz der alle Aufmerksamkeit einspannenden Farbenpracht der Kostüme aiiffällt, ist rechts am Eingänge eine immer wieder von Flammen durchzuckte haushohe weiße Rauchsäule. Sie quillt aus einer Art Zisterne und ist ein Opferfeuer, das nur au6 Bündeln gespendeter Wachskerzen, zu Hunderten und Abcrhunderten hineingeworfen, gespeist wird. Ich fragte die junge Frau des jüdischen Buchhalters, die aus Sfax stammte und über alles Bescheid wußte, ob dies bereits der Ort der höchsten Verehrung sei. Aber sie zog mich mit sich fort in die Mitte des Festplatzes, wo eine Menschenmenge wiidphaatastischer Trachten undurchdringlich gestaut stand. „Hier ist das Grab des Maarabi. Und wenn wir etwas warten, können auch wir bestimmt herantreten. Es besteht nur aus rohen willkürlich aufgeschütteten Steinen, um die später eine Schwelle gezogen ist. Ursprünglich wollte man dem heiligen Mann (sie sagte ,Saint1) ein kostbares Grab mit Marmor und Teppichen errichten, er ist aber erschienen und hat um ein ganz armes Steingrab geboten.“ Während wir warteten, drängten sich Händler mit kleinen Silberberlocks, die in winziger Schrift die zehn Gebote enthielten, durch die Menge. Auch Araber kauften diese „Talismane“ oder „Amulette“, die sie ihnen bedeuteten, da ihnen doch vielleicht irgendwie eine geheimnisvolle Kraft innewohnen mochte. Endlich war es uns möglich, zwischen den Schultern unserer Vordermänner bindurchzublicken. Auf dem etwa ein Meter hohen Steingrab standen auf goldgestickten Decken zwei flache Holztische, ebenfalls von solchen Deeken belegt und zur Aufnahmo der Almosen für Arme bestimmt. Zwei große eine Ergriffenheit sondergleichen liegt auf allen Zügen. Unaufhörlich klappern die Almosen auf die Geldhaufen und ins Wasser, Gebete werden laut hergesagt, Männer und Frauen werfen sich mit verzücktem Ausdruck auf das Grab und küssen die Steine; ein junger Vater hebt sein Kind, wie um den Segen des heiligen Mannes flehend, mit zum Himmel gerichtetem Blick, in die Höhe. Eine wochenlange Wüstenreiso voller Entbehrungen und Überanstrengung liegt hinter den meisten, die mit ihren Karawanen durch die blaßgelbe Ewigkeit gekommen sind. Ehrfürchtig weicht alles der wunderbar hoheitsvollen Erscheinung des blinden Greises aus, der, wie . ein Prophet mit seinem langen weißen Bart anzuschauen, auf seinen Begleiter gestützt, die endlose Wanderung von Jerusalem bis El Hamma auf sich genommen hat. Am müdesten sind die Frauen und die zu Tod erschöpften, draußen vor ihren Dattelsäcken lagernden Dromedare. Auf dem Festplatze hocken die Frauen in großen Gruppen mit abgespannten Gesichtern beisammen im Sand und löffeln ihren feucht angerührten Grieß; als Delikatessen bieten sie sich gegenseitig harte Saubohnen, Erdnüsse, Mandeln und Walnüsse an. Schöne Geschöpfe sind es, braunhäutig, mit sanften, sehr großen, dunklen und hellen Augen, sehr kleinen, beinahe spitzen Nasen, schlank und hochbeinig wie Gazellen. Alle Kostüme in ihrer köstlichen Zigeunerbuntheit sind vertreten. Da ist die Jüdin von Gabes und El Hamma selbst, die ich schon, ein herrliches Farbenwunder, als Wäscherin an der Oasenquelle keime, und die kein Europäer von der Berberin unterscheidet bis auf die mangelnde Tätowierung. Meist trägt sie ein rot und gelb gestreiftes Seidentuch, darunter ein veilchenfarbenes und weißes Extrakopftuch, ein grün und weißes Schultertuch, aus, dem die orangenen, silbergestickten Oberärmel des Jäckchens hervorkommen, das hefremdlicherweise über erdbeerrote enganschließende Wollärmel gezogen ist. Silber- und Goldspangen halten über den Schultern den losen, mantelähnlichen Rock, der vorn mit einer Silberfibel noch einmal kurz Uber dt i Leib gerafft ist. Die Hauptsache aber, der Schmuck, der echtö Gold- und Silberschmuck für Haar, Ohr und Wangen muß bei solcher Schwere an einer Kopfspange wie ein Geschirr über dem Scheitel befestigt werden, da jedes Ohrläppchen bei solcher Last ausreißon würde. Das Frauenkostüm aus Djerba zeigt bei sehr reichen Familien eine enganschließende Kappe aus schweren, echten, beschriebenen Goldmünzen, zwischen denen an Kettchen das jüdische Glückssymbol, kleine Fischchen, herabhängen. Manche Frauen können ihren Schmuck kaum tragen und, wie bei den Arabern, ist oft der ganze Besitz des Mannes darin angelegt. „Sie muß Ihnen alles zeigen 1“ rief die kleine europäisch gekleidete Buchhalters!'ra-u und wandte sich auf hebräisch an eine in scharlachrote Seide gehüllte wunderschöne Frau. Aber diese wurde sichtlich rot und zog verneinend ihr Kopftuch zu. „Sie schämt sich. Sie will nicht. Sie schämt sich ihres Reichtums vor uns.“ Trotzdem gelang es, mit Hilfe ihres Mannes, dem man den Stolz auf seine schöne Frau anmerkte, sie zu bewegen, un6 ihre zwölf handflächengroßen Ringe über den Ohren sehen zu lassen. Auch Silber wird getragen, besonders schwer und häufig an den bloßen Fußknöcheln. Aber die verwendeten Steine sind durchwegs minderer Qualität. Da — ein Triller! Ein ganz seltsamer, vogelartiger, heller Laut, der durch Vibration der Zunge erzeugt wird — und alle anderen Frauen fallen ein. Es ist ein Freudenruf und zugleich eine Bitte an Gott um die Erfüllung geheimer Wünsche. Dieser gelle Vogeljubel ließ mich in dem Moment zusammenfahren, als ich gerade im Begriff war, mich über eine andere Feststellung viel mehr zu erschrecken: ich bemerkte nämlich plötzlich, daß die Handflächen meiner schönen scharlachroten Jüdin mit Hennah total schwarz und die Finger außen liellrotbraun mit einem Bandmuster über der Hand gefärbt waren. Auch die Fußsohlen und Zehen werden gleicher Art, und zwar allmonatlich, neu geschwärzt, was einen Schutz gegen das Fieber und andere Krankheiten bedeuten soll. Ganz spanisch wirkte eine Tracht ans Tripolis. Das junge Mädchen trug ein mit dicken Silberborten benähtes hellgrünes Samt-Bolerojäckchen, an dem, wie bei den Stierkämpfern, kleine silberne Pompons wie Glöckchen am Rande hingen. Erdbeer-, Scharlach-, granatrot..zwischendurch ein giftgrün und weißgestreifter Rock, auf dessen Grün abwechselnd silberne Fische und Hände gestickt sind — blaurosa Samt, Azurblau mit Orange und Zitronengelb, Violett und. Schwarzweiß und Lila-unvorstellbar ist die Farbenskala und die Pracht der schillernden Stoffe. Die Männer tragen viel das überall wiederkehrende Hellblau oder Weiß als Mantel aus kostbarem Tuch, bauschige Hosen, die unter dem Knie fest schließen, lange arabische Pantoffeln, Fez oder umwickeltes Fez als Turban. Auch gestreiften Mänteln begegnet man häufig. Von Gruppe zu Gruppe wandert man. Hier sitzt ein Halbkreis von sechs singenden Blinden an der Erde, dort bittet ein Sänger Gott um Schutz für die heimfahrenden — Autobesitzer. An der Mauer, vor einem riesigen roten Samtvorhang mit dem Davidstern steht ein Vorbeter mit einer kleinen Gemeinde. Bette,lnuisikanten, Wasserverkäufer und Händler mit Süßigkeiten aller Art, hauptsächlich kandierten Nüssen, Orangenscheiben, Mandeln und farcierten Datteln, drängen sich durch. Noch wirbelt die weiße Rauchsäule. Aber eie wird in dem Grad an Stärke abnehmen, wie sich allmählich das Licht aus der Bläue über uns, dem goldenen Sand und den Farben der bunten Menschen verlieren wird. Wenn ein erster kühler grauer Hauch über die Mauern dringt, wird sie noch einmal aufzucken und mit Sonnenuntergang verlöschen. Aber ich möchte es nicht erleben. Nicht im Aufbruch, nicht in der Auflösung darf ich diese Einheit, Freude und Fülle mit heininehmen. Noch einmal umwänderc ich den ganzen strahlenden und mit Bewegung und Gesängen erfüllten Festplatz, verharre bei jeder Gruppe und trete dann noch einmal an