Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-06-12 · Heft 360 (12.6.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 360 (12.6.1934)
Date
1934-06-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3054070-3054114--4278-3059886
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 360 — 12. Juni 1034 DIE STIMME Seite 8 Die Abstimmung im Saarland Irn Saarland wird am 13. Jänner des nächsten Jahres nbgestiiiiint werden. Die öffentliche Diskussion über diese Angelegenheit ist durch die deutsche Presse völlig irregeführt worden. Man hat geglaubt, daß einfach mit ja oder nein abgestimnit wird, ob das Gebiet an Deutschland fallen soll. Das ist unrichtig. Auf fr rund des F r i cd e n s v e r t r a g e s können die Stimmberechtigten sich auch für die Bildung eines autonomen Staatswesens entscheiden. Die letzte Entscheidung steht dem Völkerbund 7u, der auch nach Maßgabe der in den acht Bezirken gezählten Stimmen je nach ihrer Mehrheit Bezirke an Frankreich oder Deutschland zuteilen kann. Zudem spricht der Eriedensvertrag aus, daß das Abstimmungsergebnis nur als Informationsmaterial für den Völkerbund dient, an sieh also keine rechtlich bindende Kraft besitzt. Der Völkerbund wird gemäß den in Genf getroffenen Vereinbarungen Gerichte aufzustellen, die darüber wachen, daß die Abstimmung unabhängig und frei vor sich geht und daß politische Repressalien unterbleiben. Diese Gerichte werden noch ein Jahr nach der Übergabe der Macht in Funktion bleiben. Aber auch noch nachher steht den Einwohnern ein zeitlich nicht beschränktes Beschwerderecht an den Völkerbund zu. Die Vereinbarungen beruhen auf Verpflichtungen, die Frankreich und Deutschland eingegangen sind. Es gibt wohl niemanden, der an Frankreichs Wort zweifeln würde. In bezug auf Deutschland liegt die Sache anders, ßarthou hat gesagt, daß ihm feierliche Versprechungen des Dritten Reiches nicht genügen. Das nationalsozialistische Deutschland, dessen System auf Vertrags- und Eidbruch gestellt ist wird sich inu die unterschriebenen Ver Verpflichtungen nur so lange kümmern, als dahinter die Bajonette Frankreichs glänzen Von Frankreich hängt es ab, ob die Saarbevölkerung von den Segnungen des deutschen Ilocliverratsgesetzes verschont bleiben wird. Welche Stimmungen im Saargebiet herrschen, darüber belehrt eia Aufsatz der katholischen „Neuen Saarpost“. Dort heißt es in einem am 4. d. erschienenen Artikel: Vor Goebbels Besuch in Polen Warschau, 8. Juni. Das vereinigte jüdische Anti-Hitler- K o in i t c o, dom führende politische, soziale und wirtschaftliche Verbände angeßchloßßon sind, erließ im Zusammenhang mit dem für den 13. Juni wngekündiigten Besuch Doktor Goebbels’ in Polen einen Protestaufruf. Die Plakate und Flugblätter mit dem Aufruf wurden von der Polizei, bevor eie noch die Druckerei verlassen hatten, b eschlagnahmt, ebenso eine große Reihe jüdischer Zeitungen, die den Aufruf veröffentlicht hatten. Daß Anti-Hitler-Komitee kündigte für den Tag der Ankunft Goebbels’ in Warschau die Abhaltung von Protest- und Trauermanifestatdon e n w e g e n der Judencntrochtungen und -v e r f o 1 g u n g e n in Deutschland an. In jüdißc.hen Kreißen rung darüber, diaß die sammenhang mit dem Goebbels-Besuch als Vorsichtsmaßnahmen auch Revisionen und Verhaftungen in Lokalen jüdischer Organisationen vornehmen. Solche Revisionen kamen unter anderem bei den Revisionisten herrscht E m p ö- Behördetn im Zuurwl bei der jüdischen sozialistischen Partei „Bund“ vor. Von den verhafteten sechs Revisionisten wurden fünf bereite frcigolasscn. Inzwischen gehen die antijüdischen Exzesse der Radikal- Nationalen weiter. Die jüdischen Zeitungen veröffentlichen weitere Listen von bei Überfällen in den verschiedenen Gegenden Warschaus mehr oder weniger schwer verletzten Juden. Auch in Wilna kamen neue Exzesse vor. Die Frau dee Wilnaer Rabbiners Ga uel es wurde von einer großen Gruppe Radikal- Nationaler überfallen und so mörderisch geschlagen, daß sie in ihrem Blute liegen blieb. Da« Warschauer Regierungskommissariat veröffentlicht eine Mitteilung, wonach die Behörden mit der systematischen und radikalen Liquidierung der antijüdischen Unruhen begonnen haben und in allen Zentren der antisemitischen Organisationen H a u ssuch ungen durchführen. Die Behörden sind sicher, daß es ihnen gelingen wird, die Unruheherde einfür allemal auszuräuchern Die jüdische Bevölkerung wartet erst die Resultate der neuen Aktion ab. und Mittelmeergesellschaftsreisen mit Riesenschiffen 15. Juli „Roma" (34.000 T) 28. August „Vulcania“ (24.000 T) Zu äußerst günstigen Bedingungen. Einzelrelsen allwöchentlich zu Originalpreisen NORDISCHE) REISEBUREAU Palästina-Reissleitung N. M. Racker, Wien, I,, 8eilergasse 3. Tel. R24-2-31. Kardinal über Provokationen44 „Wir kämpfen für die Erhaltung des volkstümlichen christlichen und deutschen Gedankens in diesem letzten Stück freier deutscher Erde im Westen, wir kämpfen gegen eine» undeutschen Terror, wir kämpfen gegen die Versklavung des schaffenden deutschen Volkes; wir wollen in der gegenwärtigen Reichsregierung weder das Vaterland noch im Nationalsozialismus das deutsche Volk sehen. Aus diesen Gründen verwahren wir uns gegen die Rückgliederung des Saargebietes an das nationalsozialistische Dritte Reich. Für ein christliches Deutschtum — gegen das „braune Heidentum!“ Die Abstimmungsparole der Katholiken lautet für einen autonomen Staat. Die Kommunisten haben die Weisung ausgegeben, für die Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes, das ist für dio Völkerbundregierung, zu stimmen. Am Sonntag, den 3. d., waren Stuttgarter Studenten in Saarlonis. Sie zogen besoffen durch die Straßen, verprügelten Juden und sangen: „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen!“ Das Dritte Reich erobert Seelen... Die deutsche Mark Warschau, 7. Juni. national-demokratischen Kroisen verdaß die Radikal-Nationalen regelgroße Summen au« Deutschland er- In lautet, mäßig halten, mit denen sic die Kosten der Arrangement« von antisemitischen Exzessen bestreiten. Das P o g' r o m - B 1 a 11 „S z t af e t a“ wird mit deutschem Geld© h o r a u e g e g e b e n. Auch die Miete von Lokalen, die Anschaffung von Waffen usw. wird mit deutschem Geldo bewerkstelligt. Die alten national - demokratischen Führer erklären, sie mißbilligen es entschieden, daß iSich die Radika,'-Nationalen in eine solche Abhängigkeit von den deutschen Nationalsozialisten begeben und in Polen Hitler und Seine Leute als Helden glorifizieren. kaut Beschluß des Zentralausschu&ßes des polnischen Rabblnerverbandes begab sich am Donnerstag, den 7. Juni, eine Abordnung des polnischen Rabbiner verbände«, bestehend aus dem Warschauer Rabbiner Kan a 1, dem Lodzer Rabbiner Feiner und dem Rabbiner von Wysokie Mazowiek, Perl m a n n, zu Kardinal K akowski, dem Oberhaupt des polnischen Episkopats und Leiter der Warschauer Diözese, und übergab ihm ein Memorandum in der Angelegenheit der seit mehreren Wochen in Warschau und in anderen Städten Polens ununterbrochen vor sich gehenden a n t i j ii d i s c h e n Exzesse. Nach den bisher vorliegenden Meldungen war dieser Besuch eine Enttäuschung für die Führer der jüdischen Orthodoxie. Bisher liegt nur ein von polnischer Seite verbreiteter Bericht vor, der lautet: Kardinal Kakowski erklärte gegenüber der Rabbiner-Delegation, daß er sich r ü c ksichteloß gegen jeden Gewaltakt und gegen jeden Exzeß, ohne Rücksicht darauf, ob er von katholischer oder jüdischer Seite verübt werde, stemme und diese auf das schärfste verurteile. Der Kardinal erklärte gleichzeitig, daß er den Besuch der Rabbiner - Delegation dazu benützen wolle, um sie darauf aufmerksam zu machen, daß ihm Nachrichten und Beschwerden über verschiedene Provokationen und Verletzungen der Gefühle der christlichen Bevölkerung durch jüdische Elemente zukommen. Der Kardinal führte diesbezüglich einige Beispiele an. Unter anderem wies der Kardinal auf mehrere Artikel in jüdischen Wochenblättern hin, durch die die katholische Religion und die Gefühle der christlichen Bevölkerung Polen« beleidigt wurden. Auf diese Darlegungen des Kardinals erklärte ein Mitglied der Rabbiner-Delegation, daß die beanstandeten Artikel von Kommunisten, dio sich ja selbst aus dem Judentum ausgeschlossen haben, henstamraen. Schließlich forderte der Kardinal die Rabbiner-Delegation auf, sic möge auf die Juden in Polen und im Auslande dahin einwirken, daß sich die Juden in Polen und die polnischon Juden im Auslande dem polnischen Staate gegenüber loyal verhalten. ßten eine Revision durchgeführt und sechs Mitglieder dieser Partei verhaftet. Die Polizei erklärt, daß bei den Verhafteten belastendes Material und im Lokal auch Waffen vorgefunden wurden. In der Erklärung wird nicht gesagt, was die Veranlassung zu dieser Haussuchung war und nach welcher Richtung die Untersuchung geführt wird. Es ist bekannt, daß die Zionisten-Revisionisten an dem innerpolitischen Leben in Polen als Partei nicht teilnehmen. Eine Erklärung des Klubs Verhaftungen unter Warschauer Zionisten-Revisionisten Organe der politischen Polizei haben im Warschauer Lokal der Zionisten-Rovjsioni- Der Klub der jüdischen Deputierten hat hier eine Sitzung abgehalten, in welcher die folgende Erklärung beschlossen wurde: Der jüdische Klub stellt vor der Öffentlichkeit feßt, daß dio National-Demokraten die mit allen Mitteln die jetzige Regierung bekämpfen, den Versuch machen, diesen Kampf in erster Reibe auf dem Rücken der jüdischen Bevölkerung auszutragen, da sie glauben, auf diese Weise die Position der Regierung am wirksamsten aufloekern zu können. Der Umstand, daß die Exzesse gegen Juden nicht im Keime erstickt worden sind hat die Exzedenten ermutigt und zu weiteren Angriffen veranlaßt. Der Jüdische Klub hält es fitr seine Pflicht, die maßgebenden Faktoren auf die außerordentlich schwere Lage, in der sich das Judentum, besonders in der Hauptstadt Warschau, befindet, aufmerksam zu machen und an die Regierung zu appellieren, daß sie die friedliche jüdische Bevölkerung gegen die niederträchtigen brutalen Überfälle seitens eines verwilderten antisemitischen Gesindels kraftvoll verteidigt. Der Jüdische Klub gibt' seiner Überzeugung Ausdruck, daß die jüdische Bevölkerung — im vollen Bewußtsein ihres Rechtes, im Gefühl ihrer nationalen Würde, im kollektiven Willen, in vollkommener Ruhe und im geistigen Gleichgewicht — nicht der Verzweiflung verfallen, sondern ungebeugt und mit eiserner Energie um ihre menschlichen, bürgerlichen und nationalen Rechte weiter kämpfen wird. Die Ankündigung eines Besuches und einer Rede des deutschen Reichspropagandaminiaters Goebbels in Polen hat starke Erbitterung unter den Mitgliedern des Jüdischen Klubs hervorgerufen. Der Klub gab seiner Verwunderung und seinem Bedauern Ansdruck, daß dem rücksichtslosesten Propagandisten des Rassismus die Möglichkeit gegeben wird, auch in Polen die Losungen dos Rassenhasses zu verkünden. Sic essen von 30Gnsekn aufwärts vorziiglich im GRABEN-KELLIR Otto Straßer zur Judenfrage Dr, Otto Straße r, der, ebenso wie - sein Bruder Gregor St-raßer, vor Jahren eine Führerrolle in der deutschen Hitler - Bewegung gespielt, sich aber später von Hitler gelöst und die „S chwarzo Fron t“ mit sozialrevolutionärem Programm gebildet hat, gibt seit einiger Zeit in Prag eine Wochenschrift „Die Deutsche Revolution“ heraus, in der er den Nachweis zu führen versucht, daß Adolf Hitlers Bewegung geistig, programmatisch und materiell ausgehöhlt sei und daß die „Schwarze Front“ ale der wahre Ausdruck eines revolutionären Nationalsozialismus die Erbschaft an treten werde. Nr. 5 der „Deutschen Revolution“ ist in der Hauptsache dem jüdischen Problem gewidmet. Im Leitartikel wird der Antisemitismus eines Streicher, auf dessen Niveau die Hitler-Partei herabsank, als eine. „Verfälschung und Schändung der Völkischen Idee“ bezeichnet und erklärt: Der Nationalsozialifiinus hat mit dieser un völkischen, undeutschen, unmenschlichen Lüge dieses antisemitischen Kampfes nichts zu tun. Mit aller Klarheit und rücksichtsloser Konsequenz gilt es vielmehr, zu betonen, daß gerade der völkische Standpunkt die Diffamierung der Juden als „mmderrassig“ aus Überzeugung, Empfindung und Logik gleichermaßen ablehnt. Die feierliche Absage an den Rassenwahn eines vulgären Antisemitismus — heißt es im Artikel weiter — findet ihre positivvölkische Ergänzung in der Anerkennung menschlichen Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit des jüdischen Volkes, dessen Andersartigkeit nicht die Möglichkeit und Notwendigkeit ausschließt, in achtungsvoller Zusammenarbeit gerade durch Erfüllung der Arteigenheit jedes Volkes den Willen der Schöpfung und damit den Sinn des Lebens zu erfüllen. Dies bedingte die grundsätzliche Anerkennung der Juden als einer „nationalen Minderheit“ mit all jenen Rechten und Pflichten, die die Völker der Europäischen Föderation ihren nationalen Minderheiten einräumeai, beziehungsweise auferlegen. Der Artikel schließt: „So wenden wir jungen Deutschen uns an die Jugend des jüdischen Volkes und aller Völker Europas mit dem richtungweisenden Ruf: D e r Antisemitismus ißt tot — es lebe die völkische Idee!“ In einem von Dr. Otto Straßer persönlich gezeichneten, „Die Judenfrage“ überschrieben en Artikel wird nach grundsätzlichen Ausführungen über „Entstehung eines Volkes ans einem Zusammenhang von Rasse (genauer gesagt Rassen!), Landschaft und Geschichte“ erklärt’ „Auf Grund dieser Betrachtung sprechen wir mit Recht von einem jüdischen Volk, nicht von einer jüdischen Rasse!, wie wir von einem deutschen Volk (ebenfalls nicht von einer deutschen Rasse!), von einem französischen, englischen, tschechischen, japanischen usw. Volk sprechen ... Wir völkischen Deutschen lehnen jede Wertung, lehnen die abstoßende, widerliche, dumme und verlogene Minderbewertung des jüdischen Volkes mit Abscheu und Nachdruck ab. Es ist nicht meine Aufgabe, nachzuweisen, daß die gewaltigen Leistungen des Judentums, die zum Beispiel in der Form des Christentums das gesamte Abendland mitgestaltet haben, an sich schon den Versuch der Antisemiten lächerlich erscheinen lassen. Ich begnüge mich zu wiederholen, daß der völkische Gedanke zwangsläufig eine Mißachtung eines anderen Volkes ausschließt.“ Otto Straßer fährt dann fort: Die Bejahung eines jüdischen Volkes schließt die Anerkennung des Strebens der Juden nach einem eigenen Staatswesen in sich. Wir deutschen Revolutionäre begrüßen und fördern daher die Idee des Zionismus, durch deren Verwirklichung fine wesentliche Bereinigung der so schwierigen staatsrechtlichen jüdischen Frage ermöglicht würde. Aber auch bei restloser Erfüllung dor zionistischen Pläne wird der größere Teil des jüdischen Volkes noch immer außerhalb seines Vaterlandes bleiben. Hier nun setzt die allein durchführbare und gerechte Lösung der Judenfrage alß europäische Minderheitenfrage ein.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.