Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 357 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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' Seite 6 DIE STIMME Nr. 357 — 1. Juni 1934 Aus dem Dritten Reich cholie, ein so tiefes inneres Leiden, daß ich, bestürzt, zuerst kein Wort der Anknüpfung fand. Erst als der Hausherr meine zufällige 'Anwesenheit erklärte, bot sieh der junge Herr sofort in der liebenswürdigsten Weise an, mich mit seinem Wagen in die Umgebung von Tunis zu führen. „Leider kann ich Sie nicht mehr in mein Haus bitten“, sagte er mit schmerzlich abwesendem Ausdruck, „da ich Witwer bin. Ich verlor meine junge Frau vor drei Jahren, Seither ist überhaupt alles zu Ende. Ich bin nur für s i e dagewesen, habe nur für sie gearbeitet und Pliine gemacht- Seither ... nun ja, ich lebe. Ich lebe eben. Aber mir ist alles gleichgültig. Ich reise... im Lande, drüben in Europa... überall. In Paris bin ich von einem Hotel ins andere geflohen. Nirgends finde ich mehr Ruhe. Ich sehe nur sie.“ Er riß eine kleine Photographie aus der Brusttasche und reichte sie mir abgewandt hin. Ein süßes Gesichtchen mit großen orientalischen Augen sah mich an. Erst dann stellte ich fest: eine vollendete Dame bester europäischer Gesellschaft in großer Abendtoilette. Eine moderne tunesische Jüdin, der ' Mit besonderer Genugtuung kann man es begrüßen, daß der Wiener Fiba-Verlag sich seit einem Jahre als Ziel seiner weitaus größten Verlagsarbeit die Herausgabe einer Reihe zionistischer und Palästina-Literatur gesteckt hat und in konsequenter Weise zur besonderen Zufriedenheit der immer zahlreicher werdenden Gemeinde der Palästina- Anhänger durchführt. Der Verlag hat dabei das Glück, in fast allen seinen Palästina- Büchern gediegene und ausgezeichnete Kenner des Landes und der Bewegung zu Worte kommen zu lassen. Darüber hinaus zeichnen sich die Fiba-Bücher durch eine schöne und überaus gefällige Ausstattung aus, da sie durchwegs auf vorzüglichem Dünndruckpapier mit ausgezeichnetem Druck hergestellt werden. ' Der jüdische „Baedecker“ für Palästina Nach dem im Vorjahre erschienenen und die zweite Auflage bereits erreichten „Palästina, wie es wirklich is t“, von Hugo H e r r m a n n, ist in den letzten Tagen in demselben Verlag unmittelbar nach dem Erscheinen einer Geographie, des ersten Teiles einer „Palästinakunde“ von Herrmann, die in knapper und klarer Übersicht Wissenswertes über Topographie, Klima und Naturgeschichte des Landes bietet, unter Mitwirkung dieses ausgezeichneten Palästina- Kenners ein „Neues P a 1 ä s t i n a-H andb u c h“ von Jesaias Press erschienen, das, 552 Seiten stark, durch seine geradezu mustergültige Übersichtlichkeit als der seit langem schon vermißte Baedecker für P a 1 ä s t i n a bezeichnet werden kann. Trotz der wissenschaftlichen Behandlung und Bearbeitung des Materials, wie es sich aus der historischen, kulturellen und politischen Entwicklung des Landes und seiner Organisationen ergibt, ist dieses auch im Äußeren schön ausgestattete und, wie es dem Zwecke dieser Bücher entspricht, überaus handliche Büchlein für jeden, der Palästina, Land und Leute, auch von der Ferne her kennenlernen will, ein willkommener Behelf. Das Handbuch, dem insgesamt 39 Planbeilagen und Karten angefügt sind, gliedert Bich in zwei Teile: in einen deskriptiven und einen historischen. In der Einleitung schon gibt der Reiseführer praktische Winke den ins Land kommenden Einwanderern und Touristen in knappster und dabei aufschlußreichster Weise. Wir finden hier Reisepläne für Aufenthalte im Lande, ferner Informationen über die verschiedenen Schiffahrtslinien und Fahrpreise, über Einwanderungsbestimmungen, über Maße und Gewichte, man es ansah, daß sie las, dachte, viel gelernt hatte und die Musik liebte... Während meines ganzen späteren tunesischen Aufenthaltes stand mir das Bild dieses feinen unglücklichen Menschen vor Augen, der aus Gram über den Verlust seiner geliebten Frau dahinsiechte. Immer dann sah ich sein leidvolles weißes Gesicht, weun sich alles in mir gegen die herzzerreißende Barbarei des Arabers gegen seine als gepeinigte und rechtlose Sklavinnen gehaltenen Frauen empörte, die er nach Belieben aus dem Haus jagen, ausnutzen und züchtigen kann — die er oft mit zehn Jahren kauft und die unter seinem brutalen Egoismus wie hilflose, gemarterte, kleine Tiere noch vor der Reife eingehen. Wie ein tiefer Trost, so wie der einsichtige Mann auf dem Dampfer es mir vorausgesagt, wie eine weiße Insel von innerer Lauterkeit, von Idealismus, Gerechtigkeit und Menschengüte erschien und erscheint mir noch heute innerhalb der arabischen seelischen Verwahrlosung das Ghetto. Das äußerlich so schmutzige Ghetto, Denn in allen Häusern und ihren Menschen brennen unsichtbare Kerzen. Lotte Jonas. Geld, Wohnung und Verkehrsmittel u. a. m. Einen ausgezeichneten Abriß der Landes¬ und Volkskunde, der Verwaltung Palästinas, der Organisation der jüdischen Gemeinschaft bildet den ersten Teil des Buches. Der spezielle Teil vermittelt in sieben Kapiteln, von Haifa angefangen über die Shaaronebene, Tel-Aviv, Jaffa, die Ebene Scheffela, Jerusalem und Südpalästina über Mittel- und Nordpalästina bis Transjordan und Südsyrien, die Kenntnis alles Sehenswerten. Das jüdische Aufbauwerk wird in einem eigenen Anhang behandelt, in welchem insbesondere die Liste der jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen mit Angaben über Siedlungsform, Gründungsjahr und Entwicklung der Seelenzahr von 1914 bis 1932, Bodenfläche und Finanzierungen, wertvolle Informationen gewährt. Aber auch das arabische und christliche Palästina — ein christlicher Mitarbeiter, Pater Sonnen, ist mit einem Beitrag über die Geschichte der christlichen Gemeinschaft Palästinas vertreten — finden eine bemerkenswert eingehende Behandlung. Alles in allem, ein Buch, das jedem, der zu Palästina eine Beziehung hat oder anstrebt, als richtiger Leitfaden dienen kann, der den Neuling in anschaulicher und instruktiver Weise mit dem gesamten Palästinakomplex vertraut macht und dem der Palästinabewegung Nahestehenden ebenfalls Neues und Wissenwertes zu bieten imstande ist. Das neue Palästinabuch, von Jesairas Preß ist wohl ein ausgezeichneter Baedeker für Palästina, aber er ist auch bedeutend mehr als ein bloßer Reiseführer. J. R. SfUclcuUt voii gewaltd! VERWENDET EURE TREFFER ANLEIHE FOR EINE PHÖNIX LEBENSVERSICHERUNG StreIcher kündigt totale Säw berung Deutschlands von Juden an Prag, 29. Mai. Julius Streicher, Gauleiter von Franken, und als solcher Mitglied der bayrischen Regierung, veröffentlicht in der in Nürnberg erscheinenden „Fränkischen Tageszeitung“ einen „Der historische Augenblick“ überschriebenen Artikel, der in die Prophezeiung ausklingt: Bald wird der Tag kommen, .vo kein Jude mehr in ganz Franken, ja, in ganz Deutschland weilen wird. Heute schon ist der Distrikt Hersbruck in Franken j u d e n r e i n, nachdem der letzte Jude von dort fortgezogen ist. Hersbruck hat diesen Sieg durch Hissen einer Hakenkreuzfahne auf dem Hause dieses letzten Juden gefeiert. London, 29. Mai. Unter der Überschrift „Diesen Tag kann sich Streicher im Kalender rot anstreichen“ berichten „Times“, daß 36 Dörfer in Franken von ihren j üdischen Bewohnern geräumt worden sind. * Ritualmordlegende in Regensburg Prag, 29. Mai. Die Berliner Zeitung „Der Deutsch e“, offizielles Organ der Deutschen Arbeitsfront, berichtet aus Regensburg, daß der Sohn eines Straßenwärters in Kuenzig bei Vilshofen in einem Kleeacker sterbend aufgefunden wurde. Zu dem herbeigeholten Vater habe das neunjährige Kind noch lallend die Worte „ein fremder Mann...“ gesprochen und dabei auf seine Kehle gedeutet, dann verschied cs. Die Polizei habe bisher noch keine Spur von dem Verbrecher gefunden. Diese Nachricht wird von dem Blatt mit der Überschrift „R i t u a 1 ra o r d?“ versehen. Eine Stutze, wie eine feste Hand sind alle unsere Mode- und Maßschuhe, denn sie sind alle' nadi orthopädischen Grundsätzen gebaut LEOPOLD JELLINEK nur VII., Burggasse 5 Klagges will die Juden nicht ganz ausrotten Berlin, 28. Mai. In einer Massenkundgebung in II a rburg-Wilhelms'burg erklärte der braunschweigische Ministerpräsident K 1 a gges einem Bericht des Deutschen Nachrichtenbüros zufolge, von den 150prozentigen Nationalsozialisten sei unter anderem behauptet worden, in der Judenfrago hatte die Regierung versagt. Es müsse doch zugegeben werden, daß die Juden aus allen öffentlichen Ämtern entfernt worden spien und daß sie nirgends mehr einen Einfluß hätten. Man könne natürlich da* jüdische Volk nicht ganz ausrotten. Das sei auch gar nicht die Absicht der Nationalsozialisten. ★ Der Olympische Kongreß in Athen Soeben wurde in Athen der diesjährige Olympische Kongreß beendet. Auf Anfragen der amerikanischen und der englischen Delegation antworteten die Vertreter Deutschlands, Dr. L e w a 1 d und Ritter von Halt, daß jüdische Sportler bei den Berliner Spielen ebenso gern gesehene Gäste sein werden wie alle anderen. Sie erklärten sogar, daß jüdische Athleten ins deutsche olympische Team eingereiht werden, falls sie die nötigen Limite erreichen werden. Der Ehrenpräsident des American Jewish Oongress, Dr. Stephen S. W i s e, und der Präsident des Oongress, Dr. Bernard Deutsch, richteten an die amerikanischen Mitglieder des Olympischen Komitees telegraphisch die Anfrage, wie sich die Erklärung der deutschen Vertreter im Olympischen Komitee, Staatssekretär Dr. Lewald und Ritter von Halt, betreffend die Gleichberechtigung der jüdischen Sportler m i t der letzten Sportpalastrede des Reich sministere Dr. Goebbels, wonach Juden nicht den Anspruch erheben dürfen, als gleichberechtigt und gleichwertig behandelt zu werden, vereinbaren lasse. Wise und Deutsch fordern die Durchführung einer unparteiischen Untersuchung über die faktische Lage in Deutschland, bevor sich die amerikanischen Sportler entschließen, an der Berliner Olympiade teilzunehmen. Aus verschiedenen Ländern eintreffende Nachrichten besagen, daß man in maßgebenden Sportkreieen den Versicherungen von deutscher Seite betreffend die Gleichberechtigung der jüdischen Sportler sehr skeptisch gegenübersteht. Es sind Bestrebungen im Gange, die Olympiade 1936 in Barcelona stattfinden zu lassen, da kein Land, das auf seine Würde hält, es verantworten kann, daß seine Sportler aus rassischen Gründen in Berlin Unannehmlichkeiten ausgesetzt werden. Man hält keineswegs den sportlichen Grundsatz des fair play in Berlin für gewährleistet. Man fragt sich, was das Schicksal eines ausländischen jüdischen Sportlers, der eventuell einen Deutschen besiegt, sein wird, wenn zum Beispiel der F i 1 m Max B a e r s in Deutschland nicht laufen durfte, weil Baer den Deutschen Schmeling besiegt hatte. Der antisemitische Terror in Polen dauert fort Warschau, 29. Mai. 1 Die jüdischen Zeitungen bringen ununterbrochen Nachrichten über den f o r dauernden Terror der Radikale Nationalen gegen die jüdische Bevölkerung in Warschau und in der Provinz. Der aus Kazmir in War-* schau zum Besuch seiner Kinder einge-' troffene hochbetagte Berl Friedmann wurde im Traugus-Park in Gegenwart seiner Kinder von Radikal-Nationalen überfallen und mit Steinen bearbeitet. Der Greis blutete aus vierzehn Wunden und war längere Zeit bewußtlos. Ein Polizist hielt einen der Täter an, ließ ihn aber bald laufen. In der Nähe des Luna-Parks wurden mehrere Juden von Hulagans, die immer wieder „Schlagt die Juden!“ riefen, schwer mißhandelt. Auch in der Tlomacka-Gasse in der Nähe der Großen Synagoge, wurden jüdische Passanten von II u 1 i g a n s mißhandelt, wobei sich die Polizei nicht einmischte. Die jüdischen Lastträger Jechiel Lauf, Chaim Karen, Simcha Kosicki und Israel Breifman wurden administrativ zu Arreststrafen von 14 bis 30 Tagen verurteilt, weil sie sieh am „Eisernen Tor“ den Huligans, die jüdische Passanten miß-i handelten, entgegenstellten. In Lomazy, Podolien, haben Huligans, die 5m Zusammenhang mit den antijüdischen Ausschreitungen am SehewUos-Fest v e rhaftet, aber bald wieder freigelasscn wurden, neuerdings antijüdische Exzesse veranstaltet. Allabendich' werden in jüdischen Wohnungen Türen und Fenster e i n g e s c h 1 ag o n. Dio Bevölkerung lebt in schwerer Panik. KINOPROGRAMMEDERWOCHE Leocoldsiadter Volkskino Telephon8Rr40-0-aa 7* Vom t. Juni bis 4. Juni MÄRCHEN VON VENEDIG mit Laurl Volpl Wochentags 7,8. 7*8, '/«10 Uhr, Sonn* u. Feiertags 7,4 Uhr Neue Palästina^Xiteratur DER ZIONISMUS UND SEIN WERK informiert ausführlich über Geschichte, Zieh Leistungen und Organisation der zionistischen Bewegung. Preis S —'50, hei Postzusendung S —*70* Zu beziehen vom Zionistischen Landeskomitee, I., Kärntnerstraße 28.